Italien Kunst in Rom

"Was mich an Rom fasziniert? Die Härte, das Chaos, die Hässlichkeit." Nicola Pecoraro steht am Fenster seiner Wohnung und blickt auf das Gasometer, das hinter den Satellitenschüsseln der Neubaudächer emporragt. Hässlichkeit in Rom? Hier, keine zehn Busminuten vom Kollosseum entfernt, hat man sie direkt vor der Nase. "Ich mag die Industrieruinen, gehe oft dort spazieren. Das ist fast wie Meditation."

Nicola Pecoraro ist Künstler. Nach zehn Jahren in London, wo er am Goldsmiths College studiert hat, ist er in seine Heimat zurückgekehrt. Das ist erstaunlich, denn die meisten seiner Kollegen zieht es fort von Orten, an denen Schönheit und Geschichte so übermächtig sind wie in Rom. London, New York, Berlin, Mexiko City - Knotenpunkte der Gegenwartskunst, an denen man gegen alles Mögliche ankämpfen muss, nur nicht gegen eine Altstadt. Und genau die interessiert Nicola Pecoraro nicht. "Die Viertel um das historische Zentrum herum inspirieren mich. Sie sind neu und schon jetzt völlig verfallen. In meiner Arbeit geht es um die Idee der Unordnung. Und die finde ich in Rom."

Im Nebenzimmer, seinem Atelier, hat Nicola unförmig geknetete Wachsskulpturen, Fotos von Erdformationen, abstrakte Aquarelle und zersplitterte Außenspiegel ausgebreitet. Die habe er an einer Straße nahe dem Gasometer gefunden, erzählt er, wahrscheinlich passieren dort viele Unfälle. Ob sich seine Arbeit verändert habe, seit er aus London zurück ist? "Allerdings. In London geht alles um die Oberfläche. Es ist eine Stadt des Geldes und des Marketings. Das schlägt sich in der Kunst nieder." Stimmt, wenn man allein an das britische Werbe-Kunst-Wunder Damien Hirst denkt. Nicola Pecoraros Arbeiten sind dagegen dunkel, sinnlich, romantisch geworden. Keine Spur von Ironie, für die die Absolventen des Goldsmiths College so berühmt sind. Ein Hauch von Caspar David Friedrich - und Lichtjahre entfernt von Caravaggio und Michelangelo. Als Künstler in Rom muss man jenseits der eigenen Tradition arbeiten, sonst erstickt man unter den Schichten des Altertums.

Und das gilt nicht nur für Künstler: Nicola Pecoraros Galerie S.A.L.E.S., nur einen Steinwurf vom Kollosseum entfernt, arbeitet seit 1994 mit einem internationalen, jungen Künstlerprogramm, das sich sehen lassen kann: Wolfgang Tillmans, Grazia Toderi, Michel François, Marcel van Eeden - sie alle kommen gern nach Rom, denn im Gegensatz zu Italiens Kunstmarktmetropole Mailand sei die Stadt nicht so glatt und global aufgestellt, meint der Galerist Norberto Ruggeri und hockt sich auf die Stufen vor seinem kleinen Ausstellungsraum. "Roms Szene ist eher ein Geheimtipp." Aber kann man hier auch junge Kunst verkaufen? "Natürlich! In Rom existiert eine alte Sammeltradition, die sich längst auch im zeitgenössischen Bereich bewegt - nur bleiben die Käufer gern im Hintergrund und machen kein großes Aufheben um ihr Tun."

So besitzt etwa Roms größter Sammler Annibale Berlingieri exzellente Werke von den 60er Jahren bis heute. Die kleineren Arbeiten hat er in seiner Wohnung, die großen Installationen in seinem Schloss außerhalb der Stadtmauern untergebracht. Für Freunde und Interessierte öffnet er gern die Tore, nur auf sein Bild in der Zeitung legt er - im Gegensatz zu PR-affinen Großsammlern wie Charles Saatchi oder Roman Abramovic - keinen Wert. Andere römische Förderer haben in den letzten Jahren einfach eine Stiftung gegründet, darunter die Fondazione Volume, Normas und Guiliani. Wer dahinter steckt? Anwälte und Ärzte - wer genau, ist nicht so wichtig. Bescheidenheit ist offenbar eine der größten Tugenden der neuen römischen Mäzene. Kein Wunder, dass sich nach S.A.L.E.S. auch andere junge Galerien in der Stadt angesiedelt haben, wie etwa Lorcan O'Neill, Monitor und Extra Spazio. Zwischendurch hatte sogar der hippe New Yorker Galerist Gavin Brown eine Dependance eröffnet - die er aber, da er die Kontakte ins römische Netzwerk unterschätzt hatte - bald wieder schloss.

Dass der Blick der Kunstwelt in letzter Zeit immer häufiger auf Rom fällt, ist aber vor allem einer neuen Adresse zu verdanken: dem MAXXI. Nach zehn Jahren Anlaufschwierigkeiten eröffnete im Mai 2010 Italiens erstes staatliches Museum für Kunst und Architektur des 21. Jahrhunderts. Und präsentiert nun eine Sammlung, in der die bekanntesten Namen der Gegenwartskunst auftauchen: Bill Viola, Tony Oursler, Maurizio Cattelan, Vanessa Beecroft, Rosemarie Trockel - das Nachholbedürfnis Italiens in Sachen aktueller Kunst äußert sich in einer kunterbunten Mischung aus globalen Top-Namen, wenn auch mit meist eher sekundären Werken.

Eine Wiederentdeckung im Kabuff

Die sind nun in dem zickzackförmigen Neubau der Londoner Architektin Zaha Hadid im Norden der Stadt untergebracht, unweit der Piazza del Popolo. Hadids Gebäude wirkt wie eine eisgekühlte Mischung aus Flughafen und Mondstation, in der man an schrägen Wänden entlang und über viele Rampen läuft. Ausstellungsräume gibt es wenige, und wenn, dann liegen sie meist frei zwischen Brüstungen und Gitterstahltreppen. Nur einige Bereiche erlauben der Kunst, frei zu atmen, statt etwas angestrengt den von Hadid eingeforderten Dialog mit der Architektur zu suchen.

Dazu zählt die großzügige Präsentation der Arte Povera oder besser: archaisch-elementarer Kunst, zu der neben Pionieren aus Italien wie Giuseppe Penone und Pino Pascali auch Werke von Anselm Kiefer und Joseph Beuys zählen. Auch die Sonderausstellung im Erdgeschoss über den Architekten Luigi Moretti wirkt angenehm übersichtlich. Und hätte man die Wiederentdeckung Gino de Dominicis nicht ins niedrige Dachgeschoss verbannt und sein Frühwerk nicht in ein Kabuff hinter der Kasse gequetscht: Die Ausstellung wäre ein Highlight geworden.

Immerhin: Auf der schattigen Piazza vor dem Eingang tummeln sich Besucher aller Generationen, die sich ohne die Aufmerksamkeit, die Hadids Spektakelbau schon vor der Eröffnung geweckt hat, wohl nicht unbedingt ein Museum für zeitgenössische Kunst anschauen würden. Und bisher sieht man auch noch nicht, dass das MAXXI erhebliche finanzielle und politische Probleme bewältigen muss: So wird etwa die Sammlungspräsentation noch bis Januar bestehen bleiben, statt das Publikum mehrmals anzulocken - was aber vielleicht mit der Sonderschau von Michelangelo Pistoletto ab dem 28. Oktober ausgeglichen werden kann. Doch dass Berlusconis früherer Kulturstaatssekretär Vittorio Sgarbi - ein Reaktionär mit wenig Verständnis für neue künstlerische Entwicklungen - über die Sammlungsankäufe wacht, dürfte die beiden Direktorinnen Anna Mattirolo und Margherita Guccione am wenigsten begeistern.

Trotzdem: "Zur Vernissage des MAXXI war Rom eine völlig andere Stadt - das ganze globale Kunstpublikum war eingeflogen!" schwärmt Norberto Ruggeri und erklärt, dass die Eröffnung des neuen Flügels vom Macro - dem weitaus bescheideneren, kommunalen Museum für Gegenwartskunst, das sich jedoch mit Ausstellungen junger Künstler wie Luca Trevisiani und Aaron Young sowie mit ausgefallenen Sammlungstücken aus den 70er Jahren durchaus sehen lassen kann - die Kunsteuphorie der Stadt noch einmal in Schwingung versetzen wird.

"Larry Gagosian hat das schon 2005 erkannt." behauptet die kühlblonde Römerin Pepi Marchetti Franchi, die die 2007 eröffnete Filiale des New Yorker Giga-Galeristen in Rom leitet. "Keiner unserer Künstler kann der Versuchung widerstehen, inmitten all dieser Schönheit und Historie auszustellen." Damit meint sie etablierte Marktgrößen wie Damien Hirst, Richard Prince, Cindy Sherman und Georg Baselitz, die die Galerie neben anderen Superstars vertritt. Cy Twombly, der ebenfalls dazu zählt, lebt ohnehin schon lange in der Stadt - neben den zwei anderen internationalen Altmeistern Janis Kounellis und Joseph Kosuth der einzige, der es problemlos in der Altstadt aushält.

Die Kunstszene wickelte Hollywood um den Finger

Und warum wollte Gagosian ausgerechnet nach Rom? Schließlich kann er überall und nirgends sitzen, die milliardenschwere Klientel der Galerie ist einige hundertmal größer als der Tross schöner Frauen, den der frühere Rahmenhändler stets hinter sich herzieht. "Wir wollten nach Italien, aber nicht in die etablierte Industrie- und Businesseleganz von Mailand einziehen. Hier in Rom können wir helfen, ein fruchtbares Klima aufzubauen." Und so wurde bei der Eröffnung in einem alten, prachtvollen Bankgebäude nahe der Spanischen Treppe erst einmal alles ringsum für den VIP-Aufmarsch der Eröffnungsgäste abgesperrt.

Luca Lo Pinto runzelt die Stirn. "Gagosian sitzt hier eher wie in einem Schmuckkästchen, ohne am Geschehen der Stadt teilzuhaben." sagt der junge Kurator und Redakteur der Kunstzeitschrift "Nero". "Klar, wir sehen uns die Ausstellungen dort an. Aber Gagosian funktioniert nach dem Armani-Prinzip: Es ist egal, in welcher Metropole eine Filiale ihre Top-Seller anbietet, das globale Netzwerk ist sowieso aktiv." Die Redaktion von "Nero" liegt in einem Parterrebüro in einer der kaputten Gegenden, die Nicola Pecoraro als "hart und hässlich" bezeichnen würde.

Was vor ein paar Jahren von den damaligen Studenten Luca Lo Pinto und Valerio Manucci als kleines Fanzine hochgezogen wurde, ist inzwischen ein auf Hochglanz poliertes, vierteljährlich erscheinendes Kunstmagazin und weltweit anerkannt. Auch in Rom selbst hat das Heft viel bewirkt und Ausstellungen, Musikfestivals und Performances organisiert. Trotz seiner Underground-Affinität erklärt Luca Lo Pinto, dass populäre Einrichtungen - egal ob szenefern wie Gagosian oder politikgesteuert wie das MAXXI - extrem wichtig seien: "Das Gemeinschaftsgefühl der römischen Kunstszene ist dadurch in letzter Zeit stark angewachsen." Da nickt Nicola Pecoraro, der außer in seinem Atelier bei Nero als Art Director arbeitet. "Dieses Gefühl kann eines Tages vielleicht wieder eine Energie hervorrufen, wie sie in den 60er und 70er Jahren um Pasolini, de Sica, Fellini und Visconti hier vibrierte." meint er.

Die feierten damals mit Stars wie Helmut Berger, Marcello Mastroianni und Sophia Loren den morbiden Mythos von Rom als Stadt der Künste und wickelten nebenbei ganz Hollywood um den Finger. Zur selben Zeit stellte Jannis Kounellis mit seiner legendären Aktion zwölf Pferde in der Galleria l'Attico aus, deren Galerist Fabio Sargentini auch Joseph Beuys, Sol Lewitt und Nam June Paik zeigte und sogar schon Katharina Sieverding und Gilbert & George nach Rom einlud. Damals eroberte gerade die Arte Povera mithilfe des legendären römischen Kritikers Achille Bonito Oliva die Kunstwelt bis nach New York, während Gino de Dominicis als Konzeptkunstpionier auftrat.

Doch all das ist lange vorbei. Kounellis, Sargentini und Oliva leben vom Glanz früherer Tage. De Dominicis ist tot, ebenso wie Pasolini, Fellini, de Sica, Visconti und Mastroianni. Sophia Loren befeuert die Polit- und Schauspielkarriere ihrer Nichte Alessandra Mussolini, und Helmut Berger döst wie eine Ruine im Schatten seiner selbst vor sich hin. Also "Mamma Roma" in Schutt und Asche, und keiner da, um das Feuer weiterzutragen? Von wegen. Ein Sonnenstrahl fällt durch den Bauzaun vor dem Fenster auf den Redaktionstisch, wo sich Bücher, Textentwürfe und Einladungskarten stapeln. Wenn man sie sich so anschaut, die Jungs von "Nero", drängt sich mehr als nur ein Verdacht auf: Die Ablöse hat bereits begonnen.

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Autor:
Gesine Borcherdt