Italien Gigolos aus Rom

Vielleicht liegt es ja wirklich nur daran, dass Sommer ist. Rom kocht auf voller Flamme, wie morgens die Gasherde, auf denen die Mammas ihren Söhnen den Kaffee zubereiten. Ein gräulich-orangefarbener Dunst hängt über den Palazzi, an denen schwitzende Touristenströme ihre Outdoor-Kleidung vorbei schieben. Hotspots wie Spanische Treppe, Pantheon, Piazza Navona platzen aus allen Nähten. Gruppenführer parlieren in Headsets, ein Pakistani zerknautscht eine bunte Gummipuppe und mimt ein begeistertes Gesicht, ein anderer hält einer Amerikanerin seinen Rosenstrauß unter die Nase. Soweit ist die Szenerie bekannt. Doch etwas fehlt diesmal in Rom. Etwas, das bisher fundamental zum Leben in der Ewigen Stadt dazugehörte. Das ebenso banal wie lästig war. Aber auch ebenso schön typisch italienisch.

Als ich vor 14 Jahren zum ersten Mal nach Rom kam, Rucksack und Reiseführer aus Angst vor Dieben eng an mich gepresst, machte ich auf den Stufen der Spanischen Treppe Rast. Obwohl es damals noch keine Billig-Airlines gab, war es ziemlich voll - vor allem hatten sich hier Mädchen in meinem Alter wie abgesprochen versammelt. Während das ältere Publikum am Brunnen gluckte oder sich strauchelnd auf den glattgesessenen Marmorstufen ablichten ließ, dauerte es keine zwei Minuten, bis das erste "Ciao" an mein Ohr tönte. Ich fühlte mich nicht unbedingt angesprochen, aber dennoch verunsichert und starrte in meinen Reiseführer. "Ciao, come stai", kam es noch einmal, und ich begriff, dass das ein Übergriff des legendären Latin Lovers war.

Ich blickte auf und in grüne Augen, blickte schnell wieder weg und sah, dass um mich herum überall das gleiche passierte. Manchen Ausländerinnen ging es wie mir, sie wehrten hilflos lächelnd mit wiederholtem Kopfschütteln ab, während sich klassisch schöne Massimos oder schmierig aufgebrezelte Maurizios neben sie drängten. Andere lachten laut und verschwanden mit ihrem Begleiter nach fünf Minuten in Richtung Metropolitana.

Das Spiel hatte viele Züge, aber immer dieselbe Verliererin: Ging sie mit, verliebte sie sich in ein charmantes Phantom, das am nächsten Tag weg war. Bedankte sie sich höflich für ein Kompliment, ließ er nicht locker. Verzog sie angewidert das Gesicht, war das für ihn eine Herausforderung. Ließ sie sich auf ein holpriges Nonsens-Gespräch ein oder wurde unflätig - es reichte nicht, um ihn loszuwerden. Er klebte so lange an ihr, bis er plötzlich - spätestens zum Abendessen - wie ferngesteuert in Richtung Mammas Gasherd verschwand.

Nach zwei Tagen Rom hatte ich verstanden: Die Latin Lover waren nützlich, wenn man sein Italienisch oder Selbstbewusstsein aufbessern wollte. Und sie fielen sie einem unsäglich auf die Nerven, weil sie immer und überall waren. Man fühlte sich regelrecht observiert. Ob am Pizzastand, in einer stillen Gasse oder vor dem Petersdom: Das "ciao bella" war einem sicher. Es passierte, dass eine Schwedin einfach nur wild um sich schlug, um endlich ihre Ruhe zu haben.

Aber heute? Heute sucht man die Latin Lover auf den Plätzen Roms vergeblich. Wo sie früher jede Bank breitbeinig belagerten, pomadig aufgemotzt vorbeistolzierten oder ihre Mofas rhythmisch aufheulen ließen, hasten heute vereinzelt Männer mit kurzärmeligen Hemden und Aktentasche umher, die aus dem Büro über die Piazza Navona zur nächsten Bushaltestelle eilen. Schwule Pärchen schlendern händchenhaltend am Vier-Ströme-Brunnen vorbei, eine Thailänderin sitzt auf dem Metallgeländer davor und kreischt in ihr Handy. Zwei junge Schwedinnen drücken einem blassen, abwesend wirkenden Italiener ihre Kamera in die Hand und posieren vor dem "Nil".

Früher überlegte man sich zweimal, ob der Fotograf, auf dessen "Wärr arr ju fromm?" man sich hinterher wohl oder übel einlassen musste, halbwegs gesprächstauglich oder zumindest gut aussah. Das Risiko kam hinzu, dass er mit der Kamera davonrannte. Oder einem auf dem Foto die Füße abschnitt. Diese Schwedinnen und der Italiener dagegen geben sich mit einem digitalen Klick und kurzer professioneller Bildprüfung zufrieden, danach gehen alle Beteiligten verbindlich nickend auseinander.

Wo sind die Enkel der flirtenden Signore?

Eigentlich ganz angenehm, diese Gleichgültigkeit. Sie erspart einem nervenreibende Auseinandersetzungen: Kein "bellissima", kein durchdringender Blick, kein Zungenschnalzen mehr. Aber seltsam fühlt es sich doch an. Als hätte die Stadt etwas ausgestreut, um eine störende Spezies zu beseitigen. Rom ohne Latin Lover - das ist, als ragte anstelle des Kolosseums plötzlich ein Frank O'Gehry-Museum in die Luft. Immerhin: Ein älterer Herr mit weißem Hemd und Sakko tritt mit einem übertriebenen Kratzfuß beiseite, lächelt und sagt leise "Buongiorno". Ich lächele zurück und überlege, wo sie denn wohl geblieben sind, die Enkel dieses flirtenden Signore?

"Es liegt daran, dass Sommer ist." behauptet mein Freund Damiano, der als Stadtführer arbeitet. "Die Ragazzi sind alle noch am Meer." Dabei ist es bereits Mitte September, genau die gleiche Zeit wie vor 14 Jahren. Vielleicht ist der Grund aber auch, dass alle im Internet sind? Schließlich muss sich heute keiner mehr vor Langeweile draußen herumdrücken. Oder dass ich eben 14 Jahre älter bin? Damiano versichert entsetzt, das sei es auf keinen Fall. "Die Italiener können gar nicht anders, als einer attraktiven Frau hinterher zu schauen. Das liegt uns in den Genen." erklärt er mit schiefem Lächeln. Trotzdem, er sei nie einer von denen auf den "Piazze" gewesen und wisse deshalb auch nicht, was mit ihnen los sei.

"Die Latin Lover sind unsicher geworden." erklärt Damianos Freundin Caterina bestimmt und wirft ihre blonden Haare zurück. "Viele sind einfach verschwunden, andere erwarten, dass nun die Frauen an der Reihe sind, ihnen Avancen zu machen. Früher konnte man keine drei Schritte über die Piazza di Spagna laufen, ohne eine Rose in die Hand gedrückt zu bekommen. Heute passiert das nicht mehr." Caterina ist 26, und selbst für sie ist "früher" die Zeit, bevor die Italiener anfingen, ihren Stil - Kleidung, Kommunikation, Küche, Konsumverhalten - den globalen Trends anzupassen. Und so seien sie eben unsicher geworden mit ihren Traditionen, und damit auch mit sich selbst, mit den Frauen und wer weiß mit was noch allem, die Stimmung sei in den letzten Jahren ohnehin mies gewesen, meint nun auch Damiano. "Die Krise, Berlusconi - sogar der Campo dei Fiori hat sich verändert."

Tatsächlich wirkt der legendäre Platz mit den vielen Bars und Cafés, über den abends der breite römische Dialekt in allen Tonlagen dahin plätschert, irgendwie heruntergekommen. Zwei Bars haben dicht gemacht, neben dem berühmten "Cinema Farnese" türmt sich ein Haufen Gerümpel, die am Esoterikwühltisch eingekleidete Kellnerin der alten "Vineria Reggio" ist überfordert. Und von Latin Lovern keine Spur. Ein weiteres Indiz für die Frustration ist das viele Graffiti auf den antiken Fassaden. Damiano schimpft. "Rom ist dreckiger denn je. Die Leute haben keinen Respekt mehr." Er zuckt mit den Schultern, tun kann man ja sowieso nichts. Irgendetwas scheint nicht mehr zu stimmen mit dem Gefühl der Römer für ihre Stadt, zu der eben auch der Latin Lover gehörte. So lästig er war - jetzt sehnt man ihn sich zurück, und zwar bitte gleich mit parfümiertem Hemd und Sonnenbrille.

Grübelnd lehne ich mich an eine Ampel neben die neuerdings brav wartenden Römer am Corso Vittorio Emanuele, eine dröhnende Traube aus windschnittigen High-Tech-Mofas, zerbeulten Smarts und einem Linienbus rauscht vorbei. Da hupt es grell direkt vor meiner Nase, erschrocken blicke ich auf, mitten in die fröhlichen Augen des Busfahrers. Sein weißes Hemd ist hochgekrempelt, er winkt und ruft mir irgendetwas aus dem Fenster zu. Da ist es wieder, dieses Gefühl: beschämt, genervt - und diesmal auch ein klein wenig erleichtert.

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Gesine Borcherdt