Südtirol Urlaub in Meran

Blick auf Meran

In die "ES gallery" in Meran in Südtirol stolpert man nicht zufällig, sie liegt im zweiten Stock eines wunderschönen  Laubenhauses an der Laubengasse. Das Schild mit ihrem Schriftzug konkurriert mit einer riesigen Speckseite, die im Schaufenster der Metzgerei im Erdgeschoss hängt – 28 Kilo, nur als Ganzes zu erwerben, ein halbes Schwein mit einer Rippenzeichnung wie bei einer prähistorischen Höhlenmalerei. Die Galerie hat drei kleine Räume, eine Etage höher liegt die Wohnung von Galerist Erwin Seppi, sie ist in Beschlag genommen von den Projekten ihres Hausherrn, Seppi hat gerade noch etwa neun Quadratmeter für sich selbst. Aber was für eine Aussicht!

Die Kuppel des Kurhauses auf Augenhöhe, dahinter Berge. Und dreht man sich auf dem Balkon um, ragt da der Turm der Pfarrkirche St.Nikolaus auf. Ein paar barrels stehen herum, Sessel aus  Ölfässern des Meraner Designers Harry Thaler, der jetzt in London lebt. Erwin Seppi war einer seiner ersten Förderer. Es dunkelt schon, die Bergspitze hinter dem Kirchturm ist ein schwarzer Zacken auf nachtblauem Grund.

In Meran hat man alles: Berge mit Schnee und Palmen

"Wir haben hier alles", sagt Seppi, ein Satz, den man oft hört in Meran. "Berge mit Schnee und darunter Palmen, südliche Leichtigkeit und die Bodenständigkeit der Alpen. Das ist eine vielfältige, lebendige Stadt – vor allem gemessen daran, dass sie nur 39 000 Einwohner hat. Ob eine deutsche Stadt dieser Größe so vielfältig ist?" Er lächelt, ein Mann mittleren Alters, der hellwach wirkt und zugleich gemütlich, gelassen. Im Brotberuf ist Seppi Bankbeamter. Daneben sitzt er drei Kulturvereinen vor, darunter dem "Königlichen Hoftheater". 2008 eröffnete er seine Galerie. Mit seiner Leidenschaft für zeitgenössische Kunst trägt er beträchtlich dazu bei, dass Meran kulturell gerade zu neuem Leben erwacht.

Der Texelgruppe in ihrem Rücken verdankt die Stadt ihr mildes Klima. Auf dem berühmten  Tappeinerweg, einer Promenade mit allersanftester Steigung, spaziert man ganz entspannt wie am Mittelmeer zwischen Feigenkakteen und Winterjasmin, Pinien und Oleander. 1855 wurde Meran  offiziell Kurort, den touristischen Durchbruch aber brachte Sisi. Die rastlose Kaiserin, am Wiener Hof in Atemnot, nahm 1870 die schwächliche Konstitution ihrer kleinen Tochter zum Anlass, um in Meran zu überwintern. Sie war nicht großzügig mit gesellschaftlichen Auftritten, doch der pure Umstand, dass sie Meran etablierteren Kurorten vorzog, war beste PR für die Stadt.

Einkaufszone in Meran
Gregor Lengler
Einkaufszone in Meran
Auch die neue Brennerbahn trug bei zu dem Boom, den Meran zwischen 1880 und dem Ersten  Weltkrieg erlebte. In jenen Jahren erhielt die Stadt das Gesicht, das sich in wesentlichen Zügen bis heute kaum verändert hat: Kurhaus und Stadttheater, Villen, Parkanlagen, Promenaden. Dieser Hauch von Grandeur in einer kleinen Stadt, die ganze pastellfarbene, im schrägen Herbstlicht  strahlende Jugendstilpracht.

Passer in Meran: beliebt zum Flanieren

Abends in der Dämmerung spazieren Meraner und Besucher an der Passer entlang, die  Flusspromenade ist Bühne, Wohnzimmer, Spielplatz. Auf den Bänken der holzgetäfelten Wandelhalle, in deren Schutz einst Lungenkranke die Wintersonne genossen, schlecken ermattete Wanderer Eis, mountainbikende Familien rollen vorbei, Kinder spielen hinter Sisis Rücken, die marmorn in einer kleinen Grünanlage auf der anderen Seites des Flusses sitzt. Ein Stück flussabwärts steht ein Kasten aus Glas, riesig und doch irgendwie leicht, als würde er schweben. Südtirols Stararchitekt Matteo Thun war ein maßgeblicher Gestalter der Therme, Merans Erholungstempel. So hat die Stadt ihre Kurtradition mit in die Gegenwart genommen. Seit Kurzem führen vom Platz vor der Therme breite Stufen hinunter zur Passer, jetzt hat Meran auch so etwas wie einen Strand, auf dem man sich direkt am Wasser ausstrecken kann. 

Kurhaus in Meran
Gregor Lengler
Kurhaus in Meran
Es kommt beneidenswert selten vor, aber auf einmal regnet es in Strömen und ohne Unterlass. Vor den Bergen hängen Wolken, Flaneure suchen unter den niedrigen mittelalterlichen Lauben Zuflucht und decken sich mit Schüttelbrot und handgemachter Pasta ein, probieren italienische Schuhe oder Sarntaler Pantoffeln. Auch das meint der vielgesagte Satz "Wir haben hier alles": die Vielfalt der Geschmäcker und Gewohnheiten. Auch wenn Deutsche und Italiener in der Stadt eher nebeneinander herleben – die Lebensweisen bilden doch ein buntes Mosaik. Man kann ein Spiel daraus machen, seine Teile zu sammeln: das Dirndl der Kellnerin und die achtlose Nonchalance, mit der Anzugsträger die Straßen queren; K.-u.-k.-Kulissen, dazu ein Café an jeder Ecke, in dem eine Klangwolke aus verschiedenen Dialektfärbungen und Italienisch hängt. Und immer wieder das, was man isst und trinkt, da kann man ewig sammeln, für einen Ausschnitt reicht das Schaufenster des Feinkostgeschäfts Siebenförcher: Speck und Coppa, Kaminwurzen, Salami, Prosciutto. Vegetariern sei der Strudel im "Café König" ans Herz gelegt.

"Meran ist die einzige Stadt Südtirols, in der das Verhältnis von Deutschen zu Italienern 50 zu 50 ist – das spürt man", sagt der Hotelier Martin Kirchlechner. Er ist jung, 26, und schwärmt davon, dass zur lokalen Kultur "das Traubenfest ebenso gehört wie alles, was vom Süden herauf kam". Seit 2012 führt der studierte Landschaftsarchitekt das "Ottmanngut", das vorher jahrzehntelang eine Pension in den erfahrenen Händen seiner Großmutter war. Dann wurde die Großmutter zu alt, die Pension hatte eine Generalüberholung nötig, und der Enkel übernahm.

Ottmangut ist eines der ältesten Häuser in Meran

Das Haus ist eines der ältesten Merans, schon 1290 wurde es als Bauernhof erwähnt, als  Pensionsbetrieb verbürgt ist es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Um etwa diese Zeit kaufte es Martin Kirchlechners Ur-Ur-Urgroßvater – er hatte ein Geschäft unter den Lauben und verbrachte im "Ottmanngut" die Sommerfrische. Es blieb Pension und Restaurant, und in den zwanziger Jahren fanden dort beliebte Tanzabende statt. Heute ist das behutsam renovierte Haus ein charaktervolles "Suite & Breakfast" mit Orangerie und eigenem Weinberg – ein kleines Landgut, aber längst von der Stadt umschlossen. Als Sisi 1889 noch einmal mit ihrer Tochter nach Meran kam, erkannte sie das Städtchen kaum wieder. Ihr letzter Besuch war 17 Jahre her, seitdem hatte sich die Einwohnerzahl etwa verdoppelt, im Schlepptau nobler Gäste ließen sich Fotografen, Ärzte, Kaufleute nieder. Ein Kosmopolitismus zog ein, von dem heute noch die Synagoge und die russisch-orthodoxe Kirche zeugen.

Park beim Kurhaus
Gregor Lengler
Park beim Kurhaus
Seit Sisis Zeit ist weniger an den Fassaden passiert als dahinter. Das Palais Esplanade, ein hellgelber Prachtkasten am Sandplatz, hieß einst "Hotel Erzherzog Johann" und war das erste große, moderne Haus für Reisende der Oberund Mittelschicht. Im ersten Stock richtet der Modemacher Dimitri gerade seine Verkaufsräume ein. "Der Stuck soll noch aus Sisis Zeiten stammen", sagt er und zeigt  zur Decke. Dimitri, der mit vollem Namen Dimitrios Panagiotopoulos heißt, hat hier bereits sein Atelier, an einer Puppe hängt ein Kleid mit drapiertem Oberteil. Die schmeichelnde Körperbetonung, für die Modejournalisten ihn loben, ist sein Kennzeichen – ein Einfluss Griechenlands, der Heimat seines Vaters. An Südtirol, wo seine Mutter herkommt und wo Dimitri aufwuchs, schätzt er die Qualität des Handwerks. Musterkollektion und Abendkleider produziert er mit drei Mitarbeiterinnen hier in Meran.

Panagiotopoulos ist ein schmaler Mann, sprühend und voller Selbstironie: "Ich glaube, meiner Mutter war es früher peinlich, wenn ich mit der Vogue in der Hand durchs Dorf ging", sagt er. Damals lebte er in Naturns, wo seine Mutter ein Hotel betreibt. Dort konnte er sich nützlich machen, während er nach Orientierung suchte. "Ich habe jede Schule in Meran ausprobiert!" Schließlich ging er auf Modeschulen in München und Paris, arbeitete in London, Mailand, Hamburg. 2007 gründete er sein eigenes Label. Dass er Meran als Sitz wählte, hat mehrere Gründe, ist aber auch ein Indiz dafür, dass er, ein junger, weltoffener Designer, seiner Stadt etwas zutraut. "Den Ausdruck 'Kurstadt Meran' mag ich gar nicht", sagt Dimitri. "Das klingt nach alten Leuten, die oben in Dorf Tirol wohnen. Das ist nicht das Meran von heute. Hier tut sich viel." Selbst in den Gassen von Steinach, die daliegen wie ein schönes, gut gehütetes Geheimnis, sind unter verblassten Ladenaufschriften Webdesigner und Künstler eingezogen. Das Viertel im Rücken der Pfarrkirche ist der älteste Teil der Stadt, errichtet noch vor den Laubengassen. "Das hier war das Zentrum. Durch die Passeirergasse fuhr früher der Bus. Wenn er voll war, saßen die Buben auf dem Dach und mussten beim Passeirertor abspringen", erzählt die Malerin Petra Holzknecht, die farbenfrohe, abstrakte Bilder malt und in eben dieser Gasse ihr Atelier hat. "Von Frühling bis November; danach ist der Raum unbeheizbar", sagt sie. Das

Gewölbe war einst der Pferdestall von Margarete Maultasch, der streitbaren Gräfin von Tirol, die ihren Mann des Landes verwies. Vor dem Eingang plätschert ein Brunnen, Wasserrauschen gehört zu Merans Klangkulisse, so wie das Vogelgezwitscher in den üppigen Baumkronen. Auf der Terrasse des "Rossini" in der Freiheitsstraße spielt Loungemusik. Dimitrios Panagiotopoulos hat die Bar empfohlen, seine Feststellung, die Südtiroler seien "ausgesprochen modebewusst", wird hier gut illustriert. An einem Tisch sitzen fünf junge Frauen, in ihrer Unterhaltung wechselt Deutsch und Italienisch in schnellem Rhythmus, manchmal innerhalb eines Satzes. Und dann ist es sieben Uhr, und durch die Musik tönen die Glocken der nahe gelegenen Pfarrkirche: wieder eine Mischung und wieder eine, die wirkt wie gekonnt komponiert. 

Auf Sisis Spuren durch Meran

"Südbalkon der Monarchie" wurde Meran einst genannt – auch dank Kaiserin Elisabeth von Österreich. Als sie im Herbst 1870 mit ihren beiden Töchtern für sieben Monate nach Meran kam, war die Promenade an der Passer noch ein einfacher Weg. In den Altstadtgassen standen noch Viehtränken, zur Unterhaltung gab es kaum mehr als einen Lesesaal. Trotzdem war Sisi begeistert. Quartier bezog sie in Schloss Trauttmansdorff, mit grandiosem Blick über die Stadt und den Talkessel. Ihre Gemächer kann man besichtigen: sechs überraschend kleine Zimmer, im größten wohnte Kaiser Franz Joseph, wenn er zu Besuch kam. Der 102-köpfige Hofstaat war in umliegenden Anwesen untergebracht. Mieten, laufende Kosten, ein eigenes Hoftelegrafenamt in Trauttmansdorff: Elisabeths erster Winter in Meran kostete fast 330000 Gulden, etwa so viel wie zehn Villen.

Sisi-Denkmal in Meran
Gregor Lengler
Sisi-Denkmal in Meran
Sisis Alltag in Meran bestand aus Spaziergängen und Ausritten. Stundenlang durchstreifte sie den Park von Trauttmansdorff – heute ein wunderschöner botanischer Garten mit Pflanzen aus aller Welt. Ob sie jemals den nach ihr benannten Sisi-Weg vom Schloss in die Stadt ging, ist nicht überliefert. So oder so hat er viel mit ihr zu tun: Er führt durch den Park von Schloss Pienzenau, wo ein Stall für 27 kaiserliche Pferde eingerichtet war, vorbei an Schloss Rubein, in dem ein Teil des Hofstaats unterkam, und an Schloss Rottenstein, dem Haus von Sisis Schwager. Hier wohnte die Kaiserin während ihres zweiten Meranaufenthalts.

Weiter geht es die Kurpromenade hinunter, die bis 1918 nach Sisis älterer Tochter "Gisela-Promenade" hieß. Im Kaiserin-Elisabeth-Park trifft man auf Sisi selbst: Die Statue aus Laaser Marmor entstand 1903 und zeigt sie sitzend mit einem Buch im Schoß. Ihr Kopf ist schon der dritte. Dem ersten wurde 1925 die Nase abgeschlagen, vermutlich von italienischen Nationalisten. Sisi erhielt ein neues Haupt – das ihr zwei Jahre später Unbekannte abtrennten. Noch einmal ersetzte man den Kopf, dann verbannten die faschistischen Behörden die Statue an den Rand des Parks. 1978 kam sie an ihren ursprünglichen Platz zurück. Die beiden alten Köpfe Sisis sind heute in Schloss Trauttmansdorff ausgestellt, ebenso ein Bademantel, eine Reisetruhe und ein Sonnenschirm aus ihrem Besitz. Ein Sisi-Museum ist nicht aus dem Schloss geworden, stattdessen entstand hier das Touriseum, das sich der Geschichte des Tourismus widmet – der ja hier mit Sisi erst richtig begann.

Der Touriseum-Rundgang führt auch durch Sisis Zimmer auf Schloss Trauttmansdorff. Öffnungszeiten und Preise unter www.touriseum.it.

Den Flyer zum Sissi-Weg gibt es in der Kurverwaltung oder zum Herunterladen auf der Website von Schloss Trauttmansdorff: www.trauttmansdorff.it.

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Autor:
Barbara Baumgartner