Mailand Die Geschichte des Campari

Der Abend beginnt mit einem Aperitif. Nicht umsonst gilt Mailand als Welthauptstadt des flüssigen Appetitanregers. Man nimmt einen Drink, knabbert dazu Nüsse oder Oliven, plaudert entspannt mit Freunden, lässt den Tag ausklingen und stimmt sich auf das Abendessen ein. Ab 18 Uhr sind die gefragten Bars voller Gedränge und Stimmengewirr. Das gehört einfach dazu und ist ein Teil des Rituals. Der einsame Trinker an der Theke kann ganz einfach kein Mailänder sein...
Die Campariflasche hat der Barista ständig griffbereit, unvorstellbar die urbane Aperitif-Kultur ohne den blutroten Bitter. Verlängert mit Soda oder Orangensaft, in der simplen Variante. Raffinierter, aber ohne viel Tamtam – dafür haben die auf Effizienz gepolten Mailänder nämlich keinen Sinn – präsentieren sich die klassischen Campari-Cocktails, der "Negroni" zuallererst: mit Gin und Vermouth rosso zu gleichen Teilen – gerührt, nicht geschüttelt! – und mit einer Orangenscheibe auf Eiswürfeln serviert. Mit Soda statt Gin wandelt er sich zum "Americano",mit Prosecco statt Gin zum "Negroni sbagliato", dem falschen Negroni, der sich mittlerweile größter Beliebtheit erfreut.

So wie der "Negroni" in Florenz erfunden wurde, aber in Mailand die große Karriere machte, so war auch der Campari ursprünglich keine Mailänder Schöpfung. Seine Geschichte begann vor gut 150 Jahren in Novara. Dahin hatte es Gaspare Campari  (1828–1882) verschlagen, einen Bauernsohn, der als 14-Jährigersein lombardisches Heimatdorf verlassen hatte. Auf der Suche nach Arbeit war er zunächst in Turin gelandet, wo er in einer bekannten Spirituosenhandlung mit Bar den Umgang mit geistigen Getränken von der Pike auf lernte. 1860 machte er sich in Novara als Likörproduzent und –händler selbstständig. Seine Confetteria soll der Familienlegende zufolge die Geburtsstätte des Campari gewesen sein, der anfangs unter dem Namen "Bitter all’uso d’Olanda" – "Bitter nach holländischer Art" – vertrieben wurde. In endlos vielen Experimenten soll Gaspare die perfekte Rezeptur entwickelt haben, bis heute ist sie streng gehütetes Geheimnis. Alkohol, Zucker und Wasser, das sind die einzigen allgemein bekannten Ingredienzen. Ansonsten darf gerätselt werden, was noch drin ist im Campari an Kräutern und aromatischen Pflanzenstoffen. Bis zu 80 Zutaten will mancher schon entschlüsselt haben, es könnten aber auch "nur" 20sein. Jedenfalls entspricht alles den EU-Richtlinien, auch die mittlerweile synthetische rote Farbe des weltberühmten Bitter. 
1862 verließ Gaspare Campari das Provinzstädtchen Novara. Wer es wirklich zu etwas bringen und unternehmerisch erfolgreich sein wollte, hatte damals gar keine andere Wahl, er musste nach Mailand, zwar nicht die Hauptstadt des jungen Königreichs Italien, aber die kommende Wirtschaftsmetropole. Die goldene Zukunft lag in der Luft, und Gaspare hatte eine gute Nase nicht nur für gehaltvolle Getränke, sondern auch fürs Geschäft.

Der beste Standort der Stadt

Kellner im Camparino alla Galleria
Christina Körte
Geschniegelt: Kellner im Camparino alla Galleria
Für sein erstes Mailänder Caffè Campari wählte er den optimalen Standort, den Coperto dei Figini an der Piazza del Duomo. Dieses alte Stadthaus mit seinen kleinen Geschäften und Lokalen galt als beliebter Treffpunkt, allerdings musste er schon bald weichen, denn das Gebäude wurde abgerissen – für die Galleria Vittorio Emanuele, Mailands grandioses  Wunderwerk aus Glas und Marmor, Stahl und Stuck, das weit über Italien hinaus Aufsehen erregte. Auch ein Reporter der deutschen Zeitschrift "Die Gartenlaube" reiste 1867 in die "für Fremde angenehmste Stadt Oberitaliens", um begeistert zu berichten: "Was die reichste Phantasie, die vollendetste Ausführung und die großartigsten Mittel dazu, im Verein mit allen schönen Künsten der Bau-, Bildhauer- und Malerkunst, der Mechanik und Erzgießerei zu leisten im Stande sind, das bietet sich hier dem staunenden Auge des Bewunderers dar. Es ist daher begreiflich, dass seit der Eröffnung eine unzählige Menge in diesen Prachträumen sich drängt und wogt."

Campari-Gedeck mit kleinen Köstlichkeiten
Christina Körte
Campari-Gedeck mit kleinen Köstlichkeiten
Vittorio Emanuele II, der erste König des neuen Italien, legte 1865 den Grundstein für das gigantische Bauvorhaben, das Mailands historisches Zentrum geradewegs in das neue Zeitalter der Industrialisierung und Urbanisierung katapultierte. Die Stadtväter hatten sich eine repräsentative Passage zwischen Piazza del Duomo und Piazza Scala gewünscht, also zwischen den Tempeln der Religion und der Musik. Was der Ingenieur und Architekt Giuseppe Mengoni (1829–1877) aus dieser Vorgabe machte, war eine Kathedrale des Konsums, die alle Dimensionen sprengte, im Übrigen auch den Etat. Der erste Investor ging pleite, die Stadt musste neue Kreditgeber finden, was zu lästigen Bauverzögerungen führte. Auch der Architekt selbst steckte sein gesamtes Vermögen in sein Lebenswerk, das ihn schließlich sogar das Leben kostete: Kurz vor Fertigstellung des Triumphbogens am Domplatz, dem letzten Bauabschnitt der Galleria, fiel er vom Gerüst und starb. Genau hier, neben dem Eingang zur Galleria, richtete Gaspare Campari sein neues Café ein, das bis heute bestehende Camparino alla Galleria. Persönlichkeiten wie Puccini und Toscanini verkehrten hier, selbst seine Majestät Vittorio Emanuele soll die Atmosphäre überaus geschätzt haben. Holz, Marmor, riesige Spiegel und Wandmosaiken, dazu der Blick auf den Dom.

Gibt es einen stilvolleren Platz, um den Abend mit einem Campari-Aperitif einzuläuten oder den Tag mit einem Cappuccino? Schon am frühen Morgen, kurz nach sieben, beginnt die Kaffeemaschine zu fauchen, dann herrscht den ganzen Tag über Hochbetrieb, erst abends, nach 20 Uhr, wird es allmählich ruhiger. Das Camparino ist eine Mailänder Institution und allein schon durch den weltbekannten Campari-Schriftzug nicht zu übersehen. Verwirrend ist nur, dass es in manchen Reiseführern unter dem Namen der Besitzer aufgeführt wird, gegenwärtig ist es die Familie Miani, die die alte Tradition fortführt.

Christina Körte
Als Gaspare Campari 1867 die Bar eröffnete, bezog er mit seiner Familie die Wohnung darüber. Im selben Jahr kam das vierte der fünf Kinder zur Welt: Davide Campari (1867–1936), der erste Mailänder, der in der Galleria geboren wurde. Früh interessierte sich Davide für das Unternehmen und ging dem Vater zur Hand, bald führte der Junior die Geschäfte, während der Senior mit neuen Rezepturen experimentierte. Doch keiner der Schnäpse und Liköre, die Gaspare in seiner Confetteria noch handwerklich herstellte, erreichte auch nur annähernd die Beliebtheit des roten Bitter. 1882, beim Tod des Vaters, übernahmen Davide und sein jüngerer Bruder die Firma, die mittlerweile in Mailand über zwei Produktionsstätten verfügte und den Campari Bitter – ab 1888 eine geschützte Marke – in ganz Italien vertrieb. Drei Lire kostete der Liter damals.

Davide dachte groß und innovativ, er zählte zu jenen risikobereiten Unternehmertypen, die Mailand an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert prägten und die in Italien relativ spät begonnene Industrialisierung vorantrieben. Als um 1900 in Sesto San Giovanni, einer kleinen Gemeinde im Norden der Stadt, Industrieanlagen entstanden, war Campari selbstredend mit von der Partie. Die Umstellung von der handwerklichen zur industriellen Produktion, der Aufbruch in neue Märkte in Mitteleuropa, Russland, Übersee, nicht zuletzt neue Formen der Vermarktung machten unter Davides Leitung aus dem Mailänder Familienbetrieb ein international aktives Unternehmen. Gerade in der Werbung setzte er ganz neue Maßstäbe. So erschien im Jahr 1900 erstmals der Campari-Kalender mit Bildnissen verführerischer Frauen, eine Art Vorläufer des Pirelli-Kalenders, der auch ein echter Mailänder ist. Designgeschichte schrieben die Werbeplakate: Davide engagierte dafür zunächst Maler und Grafiker, die er aus der Bar kannte.

Man kam ins Gespräch und tauschte schließlich Ideen aus. Einer der ersten namhaften Künstler, die für Campari Werbung machten, war Marcello Dudovich (1878–1962) mit seinem sinnlichen, ganz in Rot gehaltenen Jugendstilplakat "Il bacio" ("Der Kuss"). Die Reihe lässt sich eindrucksvoll fortsetzen mit dem Futuristen Fortunato Depero, dem Pionier der Videokunst Bruno Munari, dem Filmregisseur Federico Fellini, dem Pop-Art-Künstler Ugo Nespolo.

Eindrucksvolles Campari-Grab auf dem Cimitero Monumentale

Die Kunst der Werbung, für die Campari seit über 100 Jahren steht, nimmt im neuen Firmenmuseum Galleria Campari breiten Raum ein. Es ist 2010 in die imposanten historischen Fabrikanlagen in Sesto San Giovanni eingezogen, die der Stararchitekt Mario Botta zum Verwaltungs- und Ausstellungszentrum umbaute. Auf 400 Quadratmetern präsentiert die Firmengalerie Unternehmens- und Designgeschichte anhand von Originalplakaten, Zeitungsannoncen und Werbefilmen. Selbstverständlich fehlt unter den sehenswerten Ausstellungsstücken auch die markante kleine Flasche nicht, in der 1932 Camparisoda auf den Markt kam, das erste fertige Mixgetränk der Welt.

Neben einer Fülle von Original-Exponaten gibt es eine 32 Meter lange Videoinstallation und die Touchscreens, an denen der Besucher durch das umfangreiche Archiv von Campari surfen kann. Das Unternehmen hat immer großen Wert auf zeitgemäßes Marketing gelegt und zahlreiche Trends gesetzt: Wie sich die Zeiten und die Moden änderten und die Werbekampagnen mit ihnen, das lässt sich in der Galleria Campari auf ebenso unterhaltsame wie aufschlussreiche Weise nachvollziehen. Mit der U-Bahn ist man schnell da, der Besuch lohnt sich.

Als Davide im Jahr 1936 starb, war Campari noch nicht der Global Player mit über 40 Marken, die in 190 Ländern vertrieben werden. Aber er hatte unternehmerischen Spürsinn bewiesen, als er bereits 1923 durch die Umwandlung des Familienunternehmens in eine Aktiengesellschaft die richtigen Weichen stellte. Reichtum und Bedeutung der Familie lässt sich nicht zuletzt beim Spaziergang über Mailands historischen Prominentenfriedhof Cimitero Monumentale ermessen. In diesem einzigartigen Skulpturenmuseum unter freiem Himmel, das 1866 eröffnet wurde, zählt die Campari-Grabstätte zu den eindrucksvollsten: Drei Meter hoch und sieben Meter breit ist die bronzene Figurengruppe "Letztes Abendmahl", mit der sich die Familie 1935 selbst ein Denkmal setzte.

Adressen, wo Sie Campari in Mailand am besten genießen können:
Camparino alla Galleria/Caffè Miani: Piazza del Duomo 21, Milano Centro Storico (Metro: Duomo)
www.camparino.it

Galleria Campari: Via Gramsci 161, Sesto San Giovanni (Metro: Sesto Rondò, Fahrzeit ca. 50 Min)
www.campari.com

Das Kapitel stammt aus:
MERIAN porträts "Mailand – Eine Stadt in Biographien"
Autorin: Monika Baumüller
176 Seiten. Format 11,8 x 18,8 cm
Leineneinband, Lesebändchen und Titelprägung
16,99 € (D) / 17,50 € (A) / 29,50 SFr
ISBN 978-3-8342-1731-8

Das literarische Reisebuch MERIAN porträts "Mailand – Eine Stadt in Biographien" stellt die Stadt auf den Spuren ihrer prominenten Bewohner vor. Denn wie jede großartige Metropole wird Mailand nicht nur von Gebäuden und Straßenzügen geprägt, sondern in erster Linie von den Menschen, die hier geboren und gestorben sind oder wichtige Jahre verbracht haben. Die Ausstattung mit dem farbenfrohen Leineneinband, der Titelprägung und dem Lesebändchen ist besonders hochwertig. MERIAN porträts richtet sich an alle, die nicht nur gerne reisen, sondern auch schöne Bücher lieben.

In der Reihe MERIAN porträts:
Amsterdam, Barcelona, Berlin, Dresden, Dublin, Florenz, Hamburg, Köln, Lissabon, London, Madrid, Mailand, München, New York, Paris, Prag, Rio de Janeiro, Rom, San Francisco, St. Petersburg, Stockholm, Venedig, Wien, Zürich.
http://www.merian.de/magazin/merian-live-merian-momente-merianportraets.html

Erhältlich im Buchhandel oder z. B. hier.

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Autor:
Monika Baumüller