Mailand Cimitero Monumentale - Gräber mit Grandezza

Schön haben sie es Alessandro Manzoni gemacht. Der Schöpfer der "Verlobten", der Goethe Italiens, liegt in einem Marmorsarkophag unter der mächtigen Kuppel. Draußen auf der Via Luigi Nono hupen die Lebenden in ihren Autos. Aber in der Marmorhalle mit den steilen Wänden, die jedes Wort und jeden Schritt verschlucken, ist es still. Es ist, als gäbe es keine Welt dort draußen.

Wie eine Festung erhebt sich der Ruhmestempel nördlich des Zentrums. Er ist das Herz des Cimitero Monumentale. Elegante Galerien flankieren den Bau, von ihren Arkaden schauen die Büsten der Berühmten und Mächtigen mit stolzen Marmoraugen auf die Stadt. Mag sein, dass im Moment des Todes alle gleich sind, aber nicht alle kommen danach an den gleichen Ort.

Es muss etwas Besonderes sein, dachten sich Mitte des 19. Jahrhunderts die neuen Reichen Mailands, als sie begannen, einen Friedhof zu bauen. Die Österreicher waren aus der Stadt gejagt worden, Italien hatte sich geeint und in Mailand eine neue Schicht an Bedeutung gewonnen: die borghesia, das Großbürgertum. Im Leben hatten sie ihren Platz gefunden. Prachtvolle Palazzi wurden nicht mehr nur von Adligen gebaut. Aber danach? Im Tod? Sollten sie sich die alten Friedhöfe mit Marktvolk und Prostituierten teilen? Nein, die borghesia wollte Besseres. 

Der Cimitero Monumentale ist kein Friedhof, eher eine Kunstausstellung

"Man brauchte ein Prestigeobjekt", sagt Carla de Bernardi. Sie ist nicht nur die Präsidentin der "Freunde des Monumentale", sondern auch Co-Autorin des einzigen Führers, der Besucher über den Friedhof leitet. Zwei Jahre durchforstete sie wie eine Detektivin diesen Ort und die Archive. Wer mit ihr auf dem Friedhof unterwegs ist, versteht, was eine Lebende zwei Jahre lang zu all den Toten zieht. "Er ist eine Kunstausstellung! Ein Museum!"

1866 wurde der Monumentale eröffnet und fortan galt: Wer etwas auf sich hält, besetzt einen Logenplatz in der Scala, eine Sitzbank im Dom – und ein Familiengrab auf dem Monumentale. Im Famedio und dem Gewölbe darunter darf nur ruhen, wer sich um die Stadt besonders verdient gemacht hat. Nur drei Menschen sind in der Halle bestattet: der Dichter Manzoni, der Architekt Luca Beltrami und der Volksheld Carlo Cattaneo. Alle anderen ruhen rundherum auf 260 000 Quadratmetern. Der Dirigent Arturo Toscanini, der Pianist Vladimir Horowitz, die Fußballlegende Giuseppe Meazza sind hier bestattet – Toscanini und Horowitz übrigens in ein und demselben Grab.

Bis heute ist es ehrenhaft und teuer, einen Platz auf dem Monumentale zu bekommen. Es heißt, manche Grabstätte koste mehr als eine Eigentumswohnung. Wer sich das leistet, spart nicht an der Gestaltung. Und so ist der Spaziergang über den Cimitero eine Reise durch die Kunst. Die besten Bildhauer und Architekten haben hier ihrer Idee vom Tod ein Gesicht gegeben: Ernesto Bazzaro,  Michele Vedani oder Beltrami. Ihre Werke erzählen Geschichten vom Leben und vom Sterben, pathetische, würdevolle, kitschige, verrückte, fröhliche, tragische.

Im Eingangsbereich sitzen sich zwei junge Brüder aus Bronze gegenüber, jeder in sich zusammengesunken. Sie starben gemeinsam bei einem Autounfall. Hundert Meter weiter hat die Skulptur eines kantigen Offiziers des Ersten Weltkriegs auf dem Leib ein mächtiges Schwert liegen – wie ein in Marmor geschlagener Ritter. Und weiter nordöstlich schuf der Bildhauer Arnaldo Pomodoro 1969 eine Weltkugel aus Bronze, aus der wie gebrochene Zähne die defekten Maschinenräder des technologisierten Seins blitzen.

Opulent: die Gräber vom Campari-Gründer und der Verlegerfamilie Feltrinelli

Cimitero Monumentale in Mailand
Christina Körte
Auf dem Cimitero Monumentale in Mailand ist ein Grabmal prächtiger als das andere
Ein Obelisk ragt über die anderen stattlichen Mausoleen hinaus wie ein Eisberg aus Granit. 19 Meter hoch, ein Symbol von Macht und Größe und doch auch von Hilflosigkeit. Der Stahlmagnat Giorgio Enrico Falck ließ ihn aufwendig verzieren – aus ohnmächtiger Verzweiflung über den Tod seiner achtjährigen Tochter Luisa. Davide Campari, der Mann, der den bitteren Likör seiner Familie als Aperitif berühmt machte, ließ sich das "Abendmahl" samt Heiland und Jüngern aus Bronze gießen. Die Gruft der Verlegerfamilie Feltrinelli und das Mausoleum der Pirellis strotzen in trauter Nachbarschaft um die Wette.

Nicht alle Toten sind berühmt, aber ihre in Stein gemeißelten Schicksale bewegen dennoch. Da trauert ein Marmorkind auf dem Grab seiner Mutter, ein anderes führt fröhlich seinen Hund aus. Eine Familie hat sich eine Pyramide mit Sphinx davor geschaffen.

"Auch einen Skandal gab es hier", raunt Präsidentin de Bernardi und führt zur ersten Reihe der Monumente. Da ist er, der scandalo. Das heißt: Er war hier. Heute steht auf dem Grabmal der Familie Branca, der Erfinder des "Fernet", ein riesiges Kreuz, an dem halbnackte Engel vom Himmel herabsteigen. Ein Meisterwerk von Vedani. Früher allerdings erhob sich hier eine andere Skulptur. Der Bildhauer Ernesto Bazzaro hatte sie geschaffen. Er ließ ganz Nackte übereinander nach oben klettern, und an der Spitze, ja, da reckte sich eine Dame mit besonders verzücktem Ausdruck.

Die Mailänder zerrissen sich damals die Mäuler: Gleicht das Gesicht dieser Frau nicht jenem der jungen Branca-Witwe? Wirkt es nicht regelrecht ekstatisch? Ja, orgastisch? Und heißt es nicht, dass die Witwe eine Affäre mit dem Künstler habe? Hat er etwa seine Geliebte hier auf dem Grab ihres verstorbenen Gatten verewigt? Mit einem Gesichtsausdruck, den er nur allzu gut aus nächster Nähe kennt? Jedenfalls war das Werk sehr nackt und sehr lebendig. Jedenfalls ließ es die Witwe 1908 wieder einstampfen. Seither erzählt Vedanis Skulptur eine etwas züchtigere Geschichte. Aber die Mailänder fragten sich damals auch, ob der Umbau vielleicht damit zusammenhing, dass sich Bazzaro zum Ärger der Witwe eine neue Partnerin genommen hatte. Noch eine Geschichte auf diesem Friedhof, eine, die das Leben schrieb.

Cimitero Monumentale in Malland
Christina Körte
Offiziell ist der Friedhof ein Museum, wird aber auch noch für Bestattungen genutzt
Infos zum Cimitero Monumentale in Mailand:

Der Cimitero Monumentale gilt wegen seiner künstlerisch wertvollen Grabmäler und Mausoleen offiziell als Museum, wird aber auch noch für Bestattungen genutzt. Besucher bekommen am Eingang einen Plan, der zu den spektakulärsten Gräbern führt. Dazu gehören die Ruhestätten der Familien Campari, Bocconi und Branca - und die Ruhmeshalle Famedio.
Piazzale Cimitero Monumentale, Di-So von 8 bis 18 Uhr geöffnet.  

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Autor:
Bernd Volland