Florenz Trödeln aus Leidenschaft

Am Türmchen über dem deutschen Künstlerhaus Villa Romana gibt es eine Uhr. Sie steht. "Wenn man sie aufzieht, läuft sie rückwärts", sagt schmunzelnd der scheidende Hausherr Joachim Burmeister. Der Job dieses Mannes war es, für junge Künstler da zu sein. Er machte ihn mehr als drei Jahrzehnte mit Leidenschaft. Und er ist - auch das mit großer Passion - im Nebenberuf der gute Mensch des Gerümpels, der Schutzpatron aller Kuriosa und ein Schatzmeister der Erinnerungen.

Wann immer er Zeit hat, streift der kleine Mann mit dem weißen Zopf durch die Stadt. Die Trödler kennen ihn, nennen ihn Professore. Sie lieben ihn und fürchten ihn, weil er auf Teufel komm raus feilschen kann. Er sucht immer - und er findet oft. Zum Beispiel im Viertel um die Piazza de' Ciompi. Der Platz hat seinen Namen von den Wollkämmern, den Ciompi. Die Arbeiter hatten keine Bürgerrechte, aber sie kämpften dafür. Die Rechtlosen wagten 1378 den Aufstand, hatten schnellen Erfolg und langfristig das Nachsehen. Auf dem Platz der Revoluzzer des Mittelalters steht heute eine Loggia. Giorgio Vasari hat sie im 16. Jahrhundert für die Fischhändler an einem anderen Ort gebaut. Sie musste der Piazza Repubblica weichen, kam - warum wegwerfen? - hierher. Das mag Joachim Burmeister. Und er mag es, bei den Plünnenhändlern die Zeit zu vertrödeln. Hier und im Oltrarno, im Viertel um Santo Spirito.

"Was macht denn mein alter Freund, der Übeltäter", sagt Guido Mennitti herzlich. "Restauro Mobili d'Arte" heißt der Laden des Kunsttischlers am Borgo Stella bei der Piazza del Carmine. Mit Tausenden Tischen und Stuhlbeinen, Lehnen, Furnieren und Rahmen ist der Weg durch die Werkstatt verstellt. Bei jedem Stolpern und Anecken wird klar: Hier ist einer mit seinem Handwerk verheiratet und sonst mit niemandem. "Goldene Hochzeit in meinem Beruf habe ich hinter mir", sagt der 62-Jährige, der mit zehn eine Lehre anfing. "Ich war zu frech, die Mama hielt es mit mir zu Hause unter neun Geschwistern nicht mehr aus." Hymnisch beschreibt er "Schönheit, Farbe, Maserung, Lebendigkeit eines Stückes Holz". Dazu passt nicht der Gedanke, sich allmählich aufs Land zurückziehen zu wollen. "Was machen denn dann meine Kunden wie der Professore ohne mich?" Ohne ein verstaubtes Schnäppchen von Maestro Mennitti.

Es gibt Gott sei Dank noch andere Händler, Handwerker, Profis des Außergewöhnlichen. Zum Beispiel Gianni Ganassi von der "Bottega artigiani di forme per cappelli di legno" an der Piazza Santo Spirito. Beim Besuch hat der 38-jährige Kunstschnitzer gerade Arme am Wickel. Ziseliert, mal links, mal rechts, männliche Schultern, poliert Bizeps, sägt Ellenbogen aus und modelliert Hände wie von Dürer. Jetzt lehnen die Gliedmaßen an der Wand und warten auf die noch fehlenden Körperteile, die dann zu einem ganzen Mann zusammengeleimt werden. Am liebsten hantiert der junge Modellmacher jedoch mit Holzköpfen, genauer: mit Hutmodellen. "Unser Großvater hat die Tischlerei 1897 hier gegründet", sagt Giannis Chef Luciano Bini und watet durch die Sägespäne zu den Holzformen, auf denen Modemacher in London, Tokio oder Berlin demnächst ihre Wagenränder, Borsalini oder Filzkäppchen zaubern. "Vor allem die Japaner sind verrückt nach unserem alten Handwerk", sagt Luciano.

Die Zeit ist gekommen für eine gemütliche Nudel bei Sabatino an der Porta San Frediano. Der Professore schwärmt über der Gabel von dem, was in der Stadt alles versteckt ist. Zum Beispiel das Studio bibliografico in einem Keller an der Nobelmeile Via de' Tornabuoni. Nach dem Kaffee nichts wie hin in die Schatzkammer für Bibliophile. Drucke, Stahlstiche, Karikaturen, Bibeln und jedwede andere Schwarte von anno dazumal reihen und stapeln sich. "Diese Bibel von 1611", sagt Franco Cioncolini und präsentiert einen kräftigen Schinken mit lädiertem Einband, "das ist doch Ihr Liebling, Professore." Die Rarität hatte auch schon eine andere Verehrerin: Der Buchhändler zeigt, an welcher Stelle sich eine Maus bedient hat, um ihr Nest antiquarisch zu polstern.

Für Anhänger der Anatomie empfiehlt Franco Cioncolini das gruselige Werk "L'Amputazione degli articoli" von 1793, in dem die Medici das Abhacken kranker Arme und Beine lernen konnten. Da wären römische Komödien von Terenz in einer Ausgabe von 1538. Und wer es mit der Religion ernst nimmt, für den gäbe es - sündhaft teuer - das "Libro d'oro" von 1460 im Angebot, ein Stundenbuch mit Gebetsanleitung im 60-Minuten-Takt. Burmeister verkneift sich heute einen Kauf. Doch seine Wiederkehr ist gewiss wie das Amen in der Kirche.

"Kennen Sie Ludmilla Assing?", fragt er, wieder im Tageslicht. Auf dem Friedhof "Agli Allori", auf dem "die Anderen", die Menschen nichtkatholischen Glaubens bestattet sind, steht ihr Grabmal, "ein paar Hausnummern weiter von der Villa Romana", sagt der Geschichtensammler. Ludmilla Assing war, 1821 geboren, die Nichte Karl August Varnhagens. Sie wurde steckbrieflich gesucht, weil sie Schriften ihres Onkels herausgegeben hatte, die der preußischen Obrigkeit missfielen. Florenz wurde ihre zweite Heimat. Zu ihren Freunden zählten Ferdinand Lasalle, Gottfried Keller, Fürst Pückler sowie viele Demokraten der italienischen Einheitsbewegung. Als sie 1880 starb, vermachte sie ihr Vermögen einer Schule, in der Kinder "secondo i principii della vera democrazia" unterrichtet werden sollten.

"Noch ein Testament?", fragt der Professore. Er meint Anna Maria Luisa, die letzte Medici. Fünf Männern des europäischen Adels war sie als Gemahlin angedient worden, der syphilitische Kurfürst Jan Wellem hat sie im Jahr 1691 zur Frau genommen. Sie zog zu ihm nach Düsseldorf und als Witwe wieder nach Florenz. Anna Maria Luisa verfügte, dass der gesamte mediceische Kunstbesitz in der Stadt zu bleiben hatte. Es geschah. Als sie im Februar 1743 starb, wurde der Karneval unterbrochen. In einem Fackelzug trugen die Florentiner den Leichnam zur Kirche San Lorenzo.

Die Kunst war für die Stadt gerettet. Ganz nach Joachim Burmeisters Gusto.

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