Florenz Die aufregendste Stadt Europas

Florenz im Novemberregen. Feines Knistern der Tropfen auf dem Schirm und die Erinnerung an ein Buch zu Hause im Regal, Überbleibsel eines abgebrochenen Philosophiestudiums: "Über die Würde des Menschen " von Giovanni Pico della Mirandola, Humanist im Florenz des Quattrocento. Ein großes Wunder sei der Mensch, schreibt Pico, ein Wesen so frei und voller Möglichkeiten, dass selbst die Engel im Himmel ihn beneiden. "Ich habe Dich in die Mitte der Welt gestellt", so lässt Pico Gott zum Menschen sagen, "damit Du Dich von dort umsehen kannst, was es auf der Welt gibt."

Also auf in die Wunderwelt des Menschen, zur alten Dominikanerkirche Santa Maria Novella direkt am Bahnhof. Vorm Portal, auf der regennassen Piazza, spielt ein alter Geiger stoisch die Kleine Nachtmusik. Drinnen nur wenige Besucher, eine kanadische Reisegruppe steht vor einem Fresko im linken Seitenschiff. Zu sehen ist eine schielende Muttergottes, darüber Christus am Kreuz und Gottvater. Ein unscheinbares Bild und gleichzeitig eines der revolutionärsten Werke der Kunstgeschichte. Denn über den Figuren spannt sich ein täuschend realistisch gemaltes Tonnengewölbe - so als würde sich in der Wand ein neuer, weiter Kirchenraum öffnen.

Es ist das erste Bild in konsequenter Zentralperspektive, gemalt um 1427 von dem jungen Künstler Tommaso di Ser Cassai, genannt Masaccio. Beim Entwurf greift er auf Ideen seines Freundes Filippo Brunelleschi zurück, des Dombaumeisters. Masaccio stirbt nur wenig später, doch sein Werk verändert die Malerei für Jahrhunderte: Überall auf Leinwänden und Kirchenmauern öffnen sich nun virtuelle Räume, die Kunst beginnt, die Wirklichkeit nachzuahmen. Die Madonnen steigen von ihren Thronen, sitzen in Wohnstuben oder haben, wie bei Masaccio, einen Sehfehler; die Heiligen wirken ihre Wunder nicht mehr vor Goldgrund, sondern in Gassen, die so aussehen wie die Gassen im Florenz des 15. Jahrhunderts.

Im Hauptchor der Kirche, wo mittlerweile auch die kanadische Reisegruppe angekommen ist, hat zum Beispiel Domenico Ghirlandaio auf einem Fresko die "Geburt Mariens" in einen Florentiner Renaissancepalast verlegt. Vorn auf dem Bild sieht man eine junge Frau im Brokatkleid, die die Hände in die Ärmel schiebt und ins Leere schaut. Sie sei die Tochter des Auftraggebers gewesen, erzählt die Reiseleiterin, mit 16 im Wochenbett gestorben und angeblich eine der schönsten Frauen von Florenz. "Alles, was von ihrer Schönheit blieb, liegt in diesem Bild", sagt sie. Und auch das gehört - im Sinne Picos - mit zum Großartigen an den Menschen: Sie machen sich Bilder von sich, überleben als Bild und sind mit etwas Glück ein halbes Jahrtausend später Pflichtstopp auf den Stadtrundgängen.

Draußen auf der Piazza hat inzwischen der Regen aufgehört. Nur eine Viertelstunde braucht man von hier bis zum Büro von Professor Wolf, das am Rand des Stadtzentrums im Turmzimmer eines Palazzo untergebracht ist. Gerhard Wolf ist der Direktor des Kunsthistorischen Instituts, gegründet vor mehr als 100 Jahren von deutschen Wissenschaftlern. Jeder in der Stadt, der mit Kunst zu tun hat, kennt ihn - spätestens, wenn man sich mit der Hand auf die Schulter tippt, um die Länge seiner Haare anzudeuten.

Wolf gehört zu denen, die schon nach ein, zwei Minuten alles in den ganz großen Horizont stellen. In seiner Arbeit, erklärt er, gehe es nicht nur um italienische Renaissance, sondern allgemein um "Kunst im Mittelmeerraum". Er erzählt von Florentiner Kaufleuten im Mittelalter, die Handel trieben mit Indien, Fernost und den arabischen Reichen, von den vielen wechselseitigen kulturellen Einflüssen - etwa von Ornamenten an Kirchen hier, die an islamische Vorbilder erinnern. Genauso seien umgekehrt andere Kulturen von Florenz beeinflusst worden, "das ging alles immer back and forth", immer hin und her. Und schon ist man beim Tadsch Mahal, an dem womöglich - die Frage ist noch nicht ganz geklärt - Steinschneider aus Florenz mitgearbeitet haben sollen.

Die Heimat des David

Ohne die Blüte des Handels sei die Blüte der Kunst in dieser Stadt nicht zu verstehen, die im Übrigen ja schon lange vor der Renaissance begonnen habe. "Es kam nicht aus dem Nichts", sagt er, man dürfe etwa das Trecento und Giottos Madonnenbilder nicht vergessen und auch nicht das Baptisterium mit seiner Marmorverkleidung. Er erzählt von einer kunsthistorischen Theorie, wonach sogar die Zentralperspektive mit ihren mathematischen Gesetzen auf die Mentalität der Kaufleute zurückzuführen sei, die das Messen, Wiegen und Zählen gewohnt waren - die Geburt der Renaissance aus dem Geist des Rechenschiebers.

Man würde gerne länger mit ihm reden, doch er hat noch einen Termin. Noch ein kurzer Plausch mit der Sekretärin, die vom bevorstehenden Umzug der Fotosammlung des Instituts mit mehr als einer halben Million Bildern erzählt: "Wir haben ein paar Straßen weiter noch einen anderen Palazzo gemietet" - so macht man das also hier in Florenz. Dann wieder hinunter auf die Straße und weiter durch die erfreulich fußläufige Innenstadt bis zur Galleria dell'Accademia.

Dort ist seit gut 120 Jahren Michelangelos "David" untergebracht - eine der ersten Monumentalskulpturen seit der Antike. Angenehme Leere auch hier, die Wärterinnen stehen im Kreis, eine Kehlkopflose erzählt einen Witz, über den die anderen lachen. Englische Schülerinnen auf Klassenfahrt sitzen mit ihren Skizzenblöcken vor der Statue und zeichnen und radieren in einer Geschwindigkeit, als wären sie auf einer Außenwette bei Thomas Gottschalk.

Ein Stuhl ist noch frei. Es ist eine wunderbare Sache, sich hier hinzusetzen und eine halbe Stunde eine Figur im Original anzuschauen, die in der Wahrnehmung fast völlig hinter ihrer Verwertung als Postkartenmotiv und Gipsabguss verschwunden ist. Lebendig wird dieser mehr als vier Meter hohe "David" dann und ein wenig unheimlich mit seinen riesigen, prankenartigen Händen. Man sieht sein glattes Gesicht und den herabhängenden rechten Arm, dessen Muskeln trotzdem gespannt sind. Eine geschwollene Ader in der Ellenbeuge fällt auf, der heraustretende Adamsapfel und die eingezogenen Bauchmuskeln - eine große Selbstfeier des menschlichen Körpers, voller Schönheit und Detailtreue bis hin zu den, nun ja, meistbetrachteten Hoden des Planeten. Und gleichzeitig eine Selbstfeier der Florentiner: David, der den Riesen Goliath besiegt hat, symbolisiert den Kampf ihrer kleinen Stadt gegen mächtige Gegner wie Mailand und Neapel.

Auch deswegen stand Michelangelos Statue mehr als 300 Jahre vor dem Palazzo Vecchio, dem Sitz der Stadtregierung. Heute ist dort eine Kopie aufgestellt, bis in die Nacht belagert von Touristen, die ihre Digitalkameras hochreißen und an einem Tag mehr Bilder produzieren, als sich ein Renaissancemensch hätte vorstellen können. Ein paar Meter weiter haben arabische Einwanderer den "David" noch einmal als Kunstdruck für zwölf Euro im Angebot, ausgebreitet auf dem Pflaster - zusammen mit Botticel lis "Geburt der Venus" und "La Primavera " (Frühling), deren Originale wiederum ein paar Meter weiter in den Uffizien hängen. Dort drinnen, im zweiten Obergeschoss, sind die Gemälde gerade von zwei Reisegruppen verstellt.

Ein Bild, das Leben verändert

Zeit für einen anderen Botticelli im selben Raum, die "Verkündigung". Um 1489 hat Botticelli dieses Bild gemalt, mehr als 60 Jahre nach Masaccio. Die Zentralperspektive ist nun selbstverständlich, der Raum mit dem nach hinten fluchtenden Fußboden nur noch Bühne für ein kompliziertes Spiel von Nähe und Distanz: Der Engel weicht vor Maria zurück, kniet nieder, scheint aber gleichzeitig bereit, auf sie zuzuspringen. Maria bewegt sich mit einem Hüftschwung von ihm weg, wobei sich ihr Oberkörper zu ihm hinbiegt. Beide machen abwehrende Handbewegungen, was gleichzeitig jedoch so wirkt, als wollten sie nacheinander greifen.

An der gegenüberliegenden Wand ist nun zumindest "La Primavera" frei - ein weiteres Kunstwerk, in dem sich Florenz mit sich selbst beschäftigt. Botticelli malte den Garten der Venus als Symbol für die Blüte der Stadt unter der Herrschaft der Medici, die ihm den Auftrag zu dem Bild gaben. Man sieht Merkur, wie er mit seinem Stab dunkle Wolken zurückhält, die Frühlingsgöttin Flora streut Blumen, drei Frauen in durchsichtigen Gewändern tanzen. Das Bild einer heiteren, unbeschwerten Zeit, ein Traumbild vom Menschen - und eines, das bis heute ein Leben verändern kann.

Zum Beispiel das von Marzia Faietti. Sie sitzt ein paar Straßen weiter an ihrem Küchentisch vor dem Laptop, links ein Trimm-Rad, geradeaus der Blick über rote Ziegeldächer zum Turm der Franziskanerkirche Santa Croce. Signora Faietti ist Direktorin des Kupferstichkabinetts der Uffizien, heute hat sie einen Heimarbeitstag und schreibt einen Vortrag über eine Zeichnung von Andrea Mantegna. Manchmal steht sie auf und klopft gegen die Scheibe, um ein paar Tauben zu verscheuchen.

Ohne "La Primavera" wäre Faietti nie Kunsthistorikerin geworden. Mit 14 sieht sie zum ersten Mal eine Reproduktion - und verliebt sich in das Bild. "Es war diese Idee von Schönheit und Reinheit, die mich angezogen hat. So ähnlich, dachte ich, muss das Leben im Paradies gewesen sein." Ihre Begeisterung geht so weit, dass sie sich beim nächsten Karneval als Göttin Flora kostümiert - mit einem Kleid, das ihre Mutter genau nach dem Vorbild der Botticelli-Figur näht.

Sie legt Wert darauf, dass das alles vorwissenschaftliche Empfindungen einer Jugendlichen waren. Doch noch heute liegt in ihrer Küche eine Kopie der "Primavera" als Tischunterlage, noch immer spürt sie ein Gefühl von Glück, wenn sie an das Bild nur denkt. "Ich lebe in einer Art ununterbrochenen Verbindung mit Botticelli und anderen Künstlern der Renaissance. Für mich sind sie nicht tot, sondern Gegenwart." Unsere Welt verändere sich so schnell, sagt sie dann. Es gebe so viele Möglichkeiten für die Zukunft.

"Wir sind in dieser neuen Zeit hilflos wie Kleinkinder und brauchen Orientierung. Deswegen müssen wir die Erinnerung an die Vergangenheit pflegen." So wie man in der Renaissance die antike Kunst und Literatur wiederentdeckte, so müssten wir uns heute wieder mit den Werken früherer Zeiten beschäftigen. Vielleicht könne dabei das Internet das sein, was für die Renaissancemenschen der Buchdruck war - ein Medium der Erkenntnis. Möglicherweise, sagt sie, leben wir am Beginn einer neuen Renaissance.

Signora Faietti setzt sich wieder an ihren Vortrag. Weiter zur letzten Station, der Kirche San Marco, in der Pico della Mirandola, der so großartig vom Menschen dachte, begraben liegt. Doch das Portal ist geschlossen und eine Stunde später noch immer. Reisebusse fahren vor, stoppen kurz, fahren weiter. Irgendwann öffnet sich nebenan die Tür zum Kloster von San Marco, in dem Savonarola lebte, der Bußprediger, der etwas skeptischer über den Menschen dachte und Kunstwerke ins Feuer werfen ließ. Doch die Kirche bleibt zu, den ganzen Nachmittag lang - die unergründlichen Öffnungszeiten der Italiener.

Es fängt wieder an zu regnen, hinein in ein Café mit großer Fensterfront zur Piazza hin. Links eine japanische Familie, rechts zwei ältere italienische Frauen mit übertrieben blondierten Haaren und zu viel Schmuck. Die Neonröhren an der Decke brennen überhell wie in einer arabischen Teestube - vielleicht ein weiterer orientalischer Einfluss, man müsste Professor Wolf fragen. Draußen wird es dunkel, die Blitzlichter der Carabinieri zucken einmal kurz auf. Dann werden die Scheiben zu Spiegeln, San Marco, Pico, der Platz, die ganze Stadt sind verschwunden.

Während der Renaissance ist Florenz, der Ort, an dem alles geschieht - und das Beste ist: Bis heute lässt sich diese Kulturrevolution vortrefflich nacherleben.

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Autor:
Oliver Fischer