Toskana Der letzte Medici von Florenz

Don Lorenzo, mit welchem Gefühl gehen Sie durch Florenz?
LORENZO DE' MEDICI:
"Frustration. Florenz wäre nichts ohne die Medici - eine beliebige Provinzstadt. Seit 500 Jahren lebt man dort vom Erbe der Medici, aber unsere Familie erfährt keine Anerkennung. Eine kurze Medici-Passage, eine Via Lorenzo il Magnifico, was ist das schon? All die bedeutenden Mitglieder der Familie - der Stadtplan müsste voll sein mit ihren Namen."

Lorenzo de' Medici sitzt in Jeans, Hemd und Turnschuhen auf dem Sofa seiner Wohnung in Barcelona, im Eingang hängt ein lebensgroßes Porträt von Isabella de' Medici, einer entfernten Tante, gemalt im 17. Jahrhundert. "Hier in meiner Zweitwohnung in der Stadt habe ich noch ein paar Erbstücke, aber in meinem Haus in Sitges (ein Küstenort südwestlich von Barcelona, Anm. d. Red.) ist alles ultramodern. Ich könnte nicht zwischen Antiquitäten leben."

Nicht nur Undankbarkeit wirft Lorenzo de' Medici Florenz vor: "In den Broschüren und Katalogen, die dort verkauft werden, steht überall: Die Medici sind ausgestorben. Treffen mich dann Leute, fragen sie sich: Woher taucht der denn auf?" Er macht eine wegwerfende Handbewegung. "Ich bin daran gewöhnt, schließlich bin ich 58. Aber man sollte die Dinge doch richtig darstellen."

Richtig ist, dass 1737 der letzte männliche Medici-Großfürst starb (worauf die Habsburger die Toskana übernahmen). Andere Familienzweige aber existierten weiter, etwa jener der Prinzen von Ottaviano, dem dieser Lorenzo entstammt: ein unpompöser, entgegenkommender Mann, geboren in Mailand, aufgewachsen in der Schweiz, seit 15 Jahren in Spanien ansässig. Er hat Wirtschaft und Kunstgeschichte studiert, doch das Geld, das er nicht braucht - noch immer kann ein Medici komfortabel vom Familienvermögen leben - verdient er mit dem Schreiben historischer Romane. Er hat noch einen älteren Bruder, der genau wie er geschieden ist, keiner hat Kinder.

Die letzten Medici: Mit ihnen wird die Familiengeschichte enden. Ihren Anfang nahm sie im Tal des Mugello, nördlich von Florenz. Gründer der Dynastie war wahrscheinlich ein gewisser Giambuono, geboren wohl 1150. Sein Sohn Chiarissimo sitzt schon als Ratsherr im Stadtrat von Florenz. Ursprünglich treiben die Medici einfachen Handel, vor allem mit Wolle. Doch bald werden sie zu mächtigen Bankiers, erfolgreich besonders im Geschäft mit der Kirche. Als 1429 Cosimo (später "der Alte" genannt) an die Familienspitze tritt, hat sein Vater Giovanni ihm, in eigenen Worten, "unermesslichen Reichtum" hinterlassen.

Cosimo ist klug und vorsichtig genug, sein Machtstreben nie zu zeigen. Und außer diesem Haufen Geld hat er auch eine glückliche Hand. Mit ihm beginnt die große Zeit der Familie: 300 Jahre lang werden die Medici sich, mit kurzen Unterbrechungen, an der Macht halten, drei Päpste stellen (ein vierter gibt sich aus Prestigegründen als Medici aus) und zwei Königinnen Frankreichs. Mit Cosimo beginnt auch, was Lorenzo de' Medici einen "kolossalen Akt des Mäzenatentums " nennt.

Kunstsinnig, offen für Neues und grenzenlos reich, versorgt die Familie zahlreiche Künstler mit Aufträgen, die heute zu den bedeutendsten der Kunstgeschichte gehören: Botticelli, Brunelleschi, Fra Angelico, Donatello, Michelangelo - die Liste ist noch viel länger. Unter den Medici wird Florenz zur Metropole der Renaissance. Anfang des 18. Jahrhunderts vermacht Anna Maria Luisa, die Letzte aus dem Zweig der Großherzöge, diese Kunstwerke dem toskanischen Staat. Die Schätze der Familie sind heute die Schätze der Museen von Florenz.

Woher kommt die Undankbarkeit der Florentiner?
LORENZO DE' MEDICI:
Schon der britische Historiker George Frederick Young, der 1909 ein wichtiges Buch über unsere Familie veröffentlichte, bemerkte in der Toskana eine starke Antipathie gegen die Medici. Seine Erklärung war, dass die aristokratischen Familien, die die Medici über die Jahrhunderte von der Macht verdrängt hatten, eine schwarze Legende nährten - dass wir Mörder seien, Giftmischer. Dieser Hass hat sich mit der Zeit aufs Volk übertragen. Ich will nicht behaupten, dass wir Heilige waren: Den einen oder anderen haben wir sicher vergiftet. Aber was ist ein Toter verglichen mit all dem, was die Familie über Generationen für die Toskana getan hat?

Sind Sie stolz darauf, ein Medici zu sein?
LORENZO DE' MEDICI:
Stolz macht mich, dass diese Familie offenbar eine andere Art zu denken hatte, eine andere Vision. Reich waren viele Familien, aber während jene ihr Geld in Festungen und Schlösser steckten, bauten die Medici Renaissancevillen und umgaben sich mit Schönheit. Der Dienst an der Kunst gehörte zur Familienphilosophie. Anna Maria Luisas Idee, alle Kunstwerke dem Staat zu hinterlassen und ein Museum zu schaffen, war im 18. Jahrhundert revolutionär. Diese gewisse Volksnähe war für die Medici charakteristisch, und ich glaube, sie war eines der Geheimnisse ihrer langen Herrschaft.

Gibt es noch andere?
LORENZO DE' MEDICI:
Dass sie ihre Macht diskret ausübten, hinter den Kulissen die Fäden zogen. Und sie haben darauf geachtet, keinen Neid zu erregen. Das Volk sollte sie als ihresgleichen ansehen. Diese Zurückhaltung wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Auch uns erzog man dazu, keine Protzerei zu betreiben. Ich selbst lebe einfach und betrachte mich als völligen Anti-Snob.

Durch geschickte Heiratspolitik den Einfluss vergrößern

Cosimo der Alte beauftragt 1444 den Architekten Michelozzo, in der Via Larga einen neuen Familienpalast zu errichten: Das ursprüngliche Projekt von Brunelleschi verwarf er als "zu prachtvoll". Neid ist eine Pflanze, die nicht begossen werden sollte, lautet einer seiner Merksätze. Er hält sich zurück, überlässt meist anderen die Ämter und hat doch das Sagen: In einer stillen Revolution ist die Republik zur Formsache geworden. Sein Enkel Lorenzo führt Cosimos Lebenswerk weiter, "Il Magnifico", der Prächtige, wird er genannt - ein Literat und Kunstkenner, feinsinnig und gebildet, der Inbegriff des Renaissancemenschen.

Ihr berühmter Namensvetter Lorenzo: Ist er Ihr liebster Ahne?
LORENZO DE' MEDICI:
Nein, in meinen Augen wird Lorenzo überbewertet. Ihm wurde ja alles in die Wiege gelegt: Cosimo war der, der den Anstoß gab, der erste Förderer der Kunst, darin liegt meiner Meinung nach mehr Verdienst. Und gegen seine Gegner ist Lorenzo mit harter Hand vorgegangen. Darüber haben die Schmeichler an seinem Hof, die ihn einen Politiker voller Finesse nannten, kein Wort verloren. Er war zweifellos gut darin, sein Image zu pflegen.

Für wen empfinden Sie besondere Sympathie?
LORENZO DE' MEDICI:
Ich bewundere Caterina, die Königin Frankreichs. Sie war eine Frau mit wirklicher Courage. Sie hatte ein schreckliches Leben, von Kindheit an benutzt als Pfand der Macht. Ihr Mann, Heinrich II., hat sie gehasst, die Franzosen haben sie verachtet - aber sie bot allen die Stirn, setzte sich langsam durch und nahm die Zügel der Macht in die Hand. Sie vereinigte das Land, schuf das heutige Frankreich. Und sie, die zwei Päpste in ihrer Verwandtschaft hatte, tolerierte die Protestanten. Intelligent, neugierig, an allem interessiert - eine echte Medici. Dagegen war Maria, die zweite Medici auf Frankreichs Thron, eine Idiotin. Kurzsichtig und dumm, ließ sie sich von Richelieu für seine eigenen Interessen benutzen. Nun ja, es können nicht alle gut geraten.

Maria kommt sehr vermögend nach Frankreich, ihre Mitgift soll die höchste gewesen sein, die eine Prinzessin je in eine Ehe einbrachte - das hochverschuldete Land macht mit der Hochzeit 1600 ein gutes Geschäft. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten sitzen auch in Spanien, England und Österreich Medici-Frauen auf dem Thron. Die Dynastie versteht sich seit jeher darauf, durch geschickte Heiratspolitik ihren Einfluss auszuweiten. Ein anderes Standbein sind Karrieren in der Kurie. Schon Dreizehnjährige werden zu Kardinälen gemacht (wenn es der Familie an Nachfolgern mangelt, muss ein Kardinal aber auch den Purpurmantel ablegen und eine Braut nehmen).

In Florenz regieren die Medici seit 1531 als Herzöge, 1569 werden sie vom Papst zu Großherzögen der ganzen Toskana ernannt. Doch im nächsten Jahrhundert beginnt der Abstieg. Der letzte Großherzog, Gian Gastone, stirbt 1737, geistig verwirrt und physisch am Ende. Exzessives Essen und Trinken hat seinen Körper zerstört. In den 13 Jahren davor soll er das Bett praktisch nicht mehr verlassen haben.

Eine traurige Gestalt ...
LORENZO DE' MEDICI:
Mit Sicherheit die traurigste der Familie. Aber ich mag ihn, in all seiner Dekadenz und Tristesse. Er war ein armer Teufel. Er musste die Prinzessin von Sachsen-Lauenburg heiraten, diesen schrecklichen deutschen General. Und nach dem Tod seines älteren Bruders, des Thronfolgers, haben sie ihn gezwungen, Großherzog zu werden … Das alles wollte er nicht, er war ein Träumer und hasste das Palastleben. Die Leute glauben, es ist schön, ein Prinz zu sein, aber nein: Am Ende bist du nur eine Marionette in der Hand der Politik.

Haben Sie je unter Ihrer Abstammung gelitten?
LORENZO DE' MEDICI:
Es war sehr schwierig, diesen Namen zu haben. Als ich jung war, habe ich eine Zeit lang sogar den Nachnamen meiner Mutter verwendet, so satt hatte ich die Aufmerksamkeit, dieses "Ah, wie Lorenzo der Prächtige". Die Leute zeigen auf dich, reden, man steht mit diesem Namen unter ständiger Beobachtung. Vor allem als Kind war es peinlich, ein Medici zu sein, wir wurden in der Schule anders behandelt. Ich musste immer viel lernen, denn ich wusste, der Lehrer würde mich aufrufen. "Was kann uns Herr de' Medici dazu sagen?" Solche Sachen. Das bringt dich den anderen gegenüber in eine delikate Situation.

Die Familie lebt damals in einer Villa in der Nähe von Lausanne, in der Josephine Baker und der letzte italienische König verkehren. Lorenzo und sein Bruder besuchen kirchliche Internate - obwohl der Vater nicht gläubig ist. "Wahrscheinlich war er der Ansicht, bei einer so eng mit dem Papsttum verbundenen Familie sei eine religiöse Erziehung unabdingbar ", vermutet Lorenzo de' Medici. Für den Vater gehört zur vollständigen Bildung auch, dass seine Söhne Machiavellis "Der Fürst" auswendig kennen - ein Regierungsprogramm für Renaissanceherrscher, geschrieben 1513 und einem der Medici gewidmet.

Die Vergangenheit hatte in Ihrer Erziehung ein großes Gewicht?
LORENZO DE' MEDICI:
Uns wurde von klein auf vermittelt: Du bist nicht wichtig, wichtig ist die Familie. Mein Vater sagte immer: Auch wenn die Leute vergessen können, wer du bist, du selbst darfst es nie vergessen. Denk immer daran, dass du mit deinem Handeln die Familie kompromittieren könntest. Wenn man so etwas als Kind gesagt bekommt, ist das ziemlich heftig, eine Last.

Ihr Vater starb, als Sie jung waren. Wie hätte er es aufgenommen, dass Sie keine Nachkommen haben?
LORENZO DE' MEDICI:
Für ihn wäre das völlig unannehmbar gewesen.

Verspüren Sie selber Melancholie bei dem Gedanken: Nach mir kommt keiner mehr?
LORENZO DE' MEDICI:
Nein. Wir sind die letzten Überlebenden - als bedeutende Familie haben wir ja schon lange aufgehört, zu existieren. Ob wir Erben haben oder nicht, das hat keinerlei Bedeutung.

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Barbara Baumgartner