Island Teures Leben in Reykjavik

"600 Kronen? Für ein Bier? Das sind ja mehr als sieben Euro!" - Solche entsetzten Ausrufe bekommen Barkeeper in Reykjavík häufig von deutschen Touristen zu hören, wenn sie ihnen das erste Bier gezapft haben. Die nordische Lava erweist sich vielen ausländischen Gästen spätestens am Tresen als nahezu unbezahlbar teures Pflaster. Doch irgendwie können es sich die Isländer leisten, auf Island zu leben - sogar ziemlich gut. Unter den 30 reichen Industrienationen, die der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) angehören, belegt Island im kaufkraftbereinigten Vergleich des Bruttosozialprodukts den fünften bis sechsten Platz (Stand 2004). Deutschland taucht erst an 17. Stelle auf.

Einen Top-Lebensstandard auf einer dünn besiedelten, rauen Vulkaninsel, rund tausend Kilometer vom europäischen Festland entfernt, zu erarbeiten und zu halten - wie machen die Isländer das bloß? Ist es wirklich wahr, dass sie ihren Luxusgeländewagen fahrenden Wohlstand dem Fischfang zu verdanken haben? Tatsächlich war die Fischindustrie sehr erfolgreich und auch die Nutzung der natürlichen Energiequellen hat nach dem Zweiten Weltkrieg zu wachsendem Wohlstand geführt. Im Übrigen aber hat Island eine ähnliche Entwicklung zur modernen Dienstleistungsgesellschaft durchlaufen wie andere westeuropäische Länder - zeitlich leicht verzögert, da die Industrialisierung auf der Insel relativ spät einsetzte.

Seit den achtziger Jahren ist es gelungen, das volkswirtschaftliche Gewicht der Fischerei ständig zu reduzieren. Heute macht die Fischindustrie nur noch knapp zehn Prozent des Bruttosozialprodukts aus, Tendenz weiter sinkend. Und nur noch jeder 20. Erwerbstätige arbeitet in der Fischerei-Branche, darunter Gastarbeiter aus aller Herren Länder. Dagegen sind andere Exportzweige erstarkt, wie die Metallindustrie und der Dienstleistungssektor mit dem Tourismus. Þorvaldur Gylfason, Professor für Volkswirtschaft an der Universität in Reykjavík, bringt das wirtschaftliche Potential seines Landes auf den Punkt: "Unsere größte Ressource sind nicht tote Fische, sondern gebildete Menschen." Trotzdem genießen die Interessen der Fischwirtschaft weiterhin Priorität bei den Politikern - noch können die Isländer es sich nicht leisten, die Fischerei als subventionierte Randindustrie zu betreiben.

Weitreichende Veränderungen für die isländische Wirtschaft brachte 1994 der Beitritt des Landes zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) mit sich. Alle für den Binnenmarkt relevanten EU-Gesetze wie etwa die Wettbewerbsregeln wurden dadurch auch in Island rechtskräftig. Ihre Einführung führte zu einer durchgreifenden Deregulierungswelle: Der Staat zog sich konsequent aus dem Arbeitsleben zurück, alte Wirtschaftsblöcke fielen auseinander und neue entstanden. Ausländisches Kapital floss in jüngster Zeit reichlich nach Island, so für Mammutprojekte wie das größte Wasserkraftwerk der Insel, das in Ost-Island entsteht, es wurden aber auch hohe Zinsen an Geldanleger überwiesen. Beides sind Faktoren für eine hohe Bewertung der isländischen Krone und einhergehend damit für relativ hohe Löhne.

Das isländische Durchschnittsgehalt beträgt 3170 Euro brutto im Monat (das deutsche 2230, beide Zahlen von 2004). Vom Einkommen gehen im Schnitt nur knapp 30 Prozent Abgaben in die Staatskasse, vom Rest müssen 23 Prozent für Wohnung und Energiekosten aufgewendet werden. Der Isländer gibt damit im Vergleich deutlich weniger für Wohnung, Wasser, Strom und Heizung aus - da bleibt einiges übrig, um der Kauflust freien Lauf zu lassen. Dem Konsum ebenso förderlich ist die Möglichkeit, private Schulden von der Steuer abzusetzen. Kein Wunder, dass die Frachtgesellschaften Extraschiffe mieten müssen, um alle begehrten Importgüter - vor allem Autos! - auf die Insel zu bringen.

Aber nicht nur der Binnenmarkt boomt: Isländische Geschäftsleute mischen wie nie zuvor im internationalen Wettbewerb mit. In den Jahren 2003 und 2004 investierten isländische Firmen etwa eine halbe Milliarde Euro im Ausland. "Kleines Land, große Ambitionen", betitelte der britische "Economist" einen Bericht über die isländische Investitionswelle. In der Weltpresse ist sie oft mit einem Wikingerzug verglichen worden - anders als ihre Vorfahren vor tausend Jahren zahlen die modernen Wikinger allerdings für ihre "Eroberungen".

Einer der Kühnsten unter den "Wirtschaftswikingern" ist Björgólfur Thor Björgólfsson (38). Er machte sein erstes erfolgreiches Auslandsgeschäft mit einer Brauerei in Russland. Mittlerweile hat er es als bislang einziger Isländer auf die "Milliardärs-Liste" des Forbes Magazine geschafft. Sein Vermögen wird auf 1,4 Milliarden US-Dollar geschätzt. Zu Björgólfssons Imperium gehören der international agierende Pharmakonzern Actavis mit 500 Millionen Dollar Umsatz und Islands drittgrößte Bank, die Landsbanki. Daneben erwarb der Isländer unter anderem ehemals staatliche Telekommunikationsfirmen in Osteuropa sowie eine Privatbank in Luxemburg. Björgólfsson ist Vertreter einer neuen Generation isländischer Geschäftsleute, die auf der Deregulierungswelle zu Geld und Erfolg geschwommen sind und zum Aufschwung der isländischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren beigetragen haben.

Ein Wirtschaftswachstum von derzeit vier bis sechs Prozent lässt Islands Ökonomen weiterhin zuversichtlich in die Zukunft blicken. Die zahlreichen Auslandsinvestitionen, die vielen Firmengründungen, die guten internationalen Credit Ratings und eine hohe Geburtenrate stimmen optimistisch, auch wenn das Land gleichzeitig mit wachsender Verschuldung und einer negativen Handelsbilanz zu kämpfen hat. Vielleicht sind - neben der Bildung - Optimismus und Selbstvertrauen ohnehin die wertvollsten Ressourcen der Isländer, ohne die die Dynamik der isländischen Wirtschaft wohl kaum zu erklären wäre. Und ohne eine gehörige Portion Optimismus würde der Isländer wohl keine sieben Euro für ein Bier bezahlen, sondern das Geld beiseite legen. Fairerweise muss jedoch erwähnt wer den, dass der Bierpreis nicht ganz repräsentativ für das isländische Preisniveau ist: Der Staat besitzt ein Handelsmonopol auf alkoholhaltige Getränke, die - egal ob Bier, Wein oder Spirituosen - mit hohen Steuern belastet sind. So kommt es, dass der Exportpreis für ein Kilogramm Kabeljaufilet derselbe ist wie der Preis für ein frisch gezapftes Bier in einer trendigen Bar in Reykjavík.

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Autor:
Auðunn Arnórsson