Island Die kleine Großstadt Reykjavík

Reykjavík ist die kleinste Großstadt der Welt. Obwohl sie nur 180.000 Einwohner* zählt, hat man eher das Gefühl, es seien eine Million, denn wie von Parapsychologen und internationalen Medien nachgewiesen, ist die Gegend um Reykjavík einer der weltgrößten Treffpunkte der Unsichtbaren, der Elfen und Trolle. Deshalb hat Island auch zwei Rockszenen.

Übersetzt bedeutet der Name Reykjavík "Rauchige Bucht" und im Einklang damit ist dies eine der letzten Städte in der westlichen Welt, wo das Rauchen in allen Bars und Restaurants noch erlaubt ist**. Sie ist auch eine der gebrauchsfreundlichsten Städte; kosmopolitisch im Geist bewahrt sie doch noch das gute alte Dorfgefühl. Jeder kennt jeden, obwohl niemand "Wie geht's?" sagt (Täte man's, könnte man nicht viel anderes tun). "Das isländische Nicken" ist der subtilste Gruß der zivilisierten Welt.

In dieser reizenden Stadt liegt alles in Laufweite, obwohl die Einheimischen ziemlich schwer aus ihren Autos raus zu kriegen sind: Als eine der reichsten Nationen der Welt*** sind die Isländer auf ihre Autos ebenso stolz wie früher auf ihre Pferde. Der Durchschnittskerl besitzt drei Autos. Eins parkt vor seinem Haus, ein anderes bei der Arbeit und das dritte nimmt er, um zwischen den beiden hin- und herzufahren. Wir geben gern mit unseren Autos an. Niemand benutzt seine Garage (die sowieso alle voll probender Rockbands sind), und die einzigen Leute, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, haben entweder den Führerschein verloren oder eine schlimme Scheidung hinter sich. In Reykjavík gibt es keine Untergrundbahn, sondern nur den einzigen und wahren Untergrund.

Der Spitzname der Isländer für ihr Land lautet "the rock" (der Fels) und entstammt der Idee, dass dieses kahle Land tatsächlich ein großer Fels mitten im Ozean ist; ein mit Felsen bedeckter Fels. Und ab und an fangen "the rocks" zu rollen an. Erdbeben und Eruptionen finden die meisten Zuschauer in Island, der wahren Heimat des "Rock and Roll". In Island wächst nur eine Sorte Baum: die Birke, auf Isländisch björk. "Björk" heißt auch unsere Popikone, sie ist längst über Island hinausgewachsen.

Anmerkungen der Redaktion:
* Einwohnerzahl von Reykjavík (Stand 1. Januar 2009): 119.547

** Seit dem 1. Juni 2007 herrscht auch hier in den Cafés und Restaurants das Rauchverbot.

*** Seit der Wirtschaftskrise in 2007 zählt Island nicht mehr zu den reichsten Nationen der Welt und auch der Fuhrpark der Isländer hat sich erheblich verkleinert.

Zukunftsmusik made in Island

Aber viele andere wurden ebenfalls in Island groß: Sigur Rós, Minus, Múm, Quarashi, Vinyl und Leaves, um nur einige zu nennen. Andere wachsen noch, und wenn sich die Dinge weiter so entwickeln wie in den vergangenen Jahren, dann werden um das Jahr 2030 herum fünf der zehn größten Namen im Musikgeschäft isländisch sein. Die unglaubliche kreative Kraft der Szene in Reykjavík wird von zwei Faktoren gesteuert:

A) Seit das letzte Wikingerschiff zu Brennholz zerhackt wurde und bis wir unser erstes Dampfschiff bekamen, war Island vom Rest der Welt abgeschnitten. Tausend Jahre waren wir von der internationalen Szene völlig weg. Wir blieben stumm. Das ist der Grund, warum wir immer noch die zwischen 1200-1300 geschriebenen Sagen lesen können. Unsere Sprache hat sich seitdem nicht verändert, da wir sie weder oft benutzten (wirklich nichts, was das Reden gelohnt hätte), und sie auch nicht von anderen Sprachen beeinflusst wurde. Tausend Jahre wurde Isländisch im Kühlschrank gelagert. Nach einer solch langen Stille ist man nur allzu froh, wenn man laut heraus schreien kann.

B) Das Land selbst hält uns in Bewegung. Island ist kreativ. Alle zehn Jahre gibt es einen größeren Vulkanausbruch. Alle zehn Jahre haben wir einen neuen Berg oder sogar eine neue Insel und müssen Namen dafür finden. Die Landschaft befindet sich in dauernder Schöpfung. Außerdem ändert sich das Wetter im Minutenrhythmus. Islandwetter ist wie der Dow-Jones-Index: Wenn Sie morgens bei Sonnenschein Aktien kaufen, seien Sie bereit, sie mittags wieder zu verkaufen. In Island kann man sich nie auf irgendetwas verlassen. Es gibt Schnee zur Mittsommernacht und Barcelona-Tage zu Weihnachten. Im Durchschnitt ist Reykjavík allerdings ein wenig frostig. Aber wie niemand sonst zählen wir auf den globalen Treibhauseffekt.

In den vergangenen Jahren kam das Nachtleben Reykjavíks bei den Party-Animals aus aller Welt, die hier das ganze Jahr über für ein wildes Wochenende hereinströmen, zu einiger Bekanntheit. Reykjavík hat eine lange Tradition wilder Wochenenden. Während der "Jahre der Stille" nahmen die Isländer Alkohol, um Dampf abzulassen und zum Reisen. Nach einer Woche schweigend verbrachter Arbeit, in der sie ihre Frustrationen anstauten, begriff man die Samstagnacht als Zeit der Beichte; eine Art Zone "außerhalb der Zeit", wo man alles und jedes zu allen und jedem sagen konnte. Es blieb ohne Folgen: Der Montagmorgen brach an und alles war vergessen. Und zu einer Zeit, als man nur die eigenen beiden Füße als Transportmittel hatte, war Alkohol eine beliebte Fluglinie.

Wilde Wochenenden waren auch ein notwendiges Mittel der Fortpflanzung: Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts wurde mehr als die Hälfte der isländischen Bevölkerung am Sonntagmorgen zwischen drei und sechs Uhr gezeugt. Das war, als alle Bars in Reykjavík um drei Uhr nachts schließen mussten. 1999 änderten sich die Gesetze: Heute bleiben die Bars bis zum Morgengrauen geöffnet; eine Situation, die viele Einheimische beunruhigt, da die Leute meist zu müde sind, um Sex zu haben, wenn sie morgens um sieben nach Hause kriechen: Seit 1999 ist die Geburtenrate angeblich gesunken. Die Kraft des Nachtlebens in Reykjavík verdankt sich jedoch dem Umstand, dass die Nächte in Island länger dauern als irgendwo anders. Eine dauert von November bis März. Die andere von Mai bis August. Die erste ist dunkel, die zweite hell.

Wenn New York die Stadt ist, die nie schläft, dann ist Reykjavík die Stadt, die gerade aufgewacht ist. Nur 200 Jahre alt, ist sie in den vergangenen zehn Jahren endlich zum Leben erwacht und hat den kosmopolitischen Status errungen, den sie jetzt genießt. Genau so groß wie das alte Athen und wie Florenz zur Zeit der Renaissance, wird sie oft mit diesen beiden Städten zu ihren Blütezeiten verglichen: Berstend voll künstlerischer Energie und Besuchern aus aller Welt, wird sie immer noch erbaut, während wir uns unterhalten. Anders als die großen und schweren Dinosaurier-Metropolen New York, Paris, Tokio und London ist Reykjavík jung und energiegeladen. Von kleiner Statur, aber mit großem Herzen: Leicht zugänglich wie ein Dorf bringt sie großes Denken hervor und öffnet sich internationalen Trends, wenn sie sie nicht selbst erschafft. In einer computerisierten Welt, in der "klein" besser ist, bildet Reykjavík die neue Art Weltzentrum: schmal und elegant. Schnell und leicht. Unter den Städten der Welt ist Reykjavík der Palm Pilot.

Reykjavík ist eine Stadt, die im Moment geschieht, weil hier bislang nicht viel geschah. Sie lebt jetzt zuerst ihren historischen Moment, da sie anders als andere Städte fast überhaupt gar keine Geschichte hat. Wir bauten diese Stadt nicht auf Rock 'n' Roll, aber sie baute sich eine lebendige Rockszene auf. Reykjavík rockt.

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Autor:
Hallgrímur Helgason