Island Zwischen den Kontinenten

Die Landschaft sieht aus wie gemalt, in der Hauptstadt Reykjavík werden die Minusgrade einfach weggetanzt und mitten im Lavafeld tauchen Abenteurer zwischen Kontinentalplatten ab. Eine Rundreise im Süden Islands.

Nordlichter in Island
Krrrh, krrrh, krrrh, bei jedem Schritt knackt es bedrohlich unter den Füßen. Der Wind bläst eisig, das Thermometer zeigt Minus elf Grad Celsius an. Dick eingepackt, die Mütze tief ins Gesicht gezogen, macht sich die zwölfköpfige Gruppe auf den Weg in die blau-weiße Welt des Sólheimajökull. Am Horizont verfärbt sich der Himmel in ein zartes Lila, unterbrochen von schimmernden Gelb- und Rosatönen. Die Sonne geht gerade unter - dabei ist sie doch vor vier Stunden erst aufgegangen. Viel Zeit bleibt nicht mehr, bald ist es wieder völlig dunkel. Meter um Meter geht es hinein in die gewaltigen Eismassen, hinein in eine fremde, raue Welt aus Brüchen, Rissen und Klüften. "Ihr müsst fest auftreten, damit die Zacken der Steigeisen auf der glatten Oberfläche greifen", sagt Garðar Hrafn Sigurjónsson. "Und bleibt immer dicht hinter mir. Durch den Schneefall der vergangenen Tage sind viele Gletscherspalten nicht sichtbar. Da genügt ein Schritt in die falsche Richtung."

Der Sólheimajökull ist ein Ausläufer des viertgrößten Gletschers Islands, des mächtigen Mýrdalsjökulls im Süden der Insel. Garðar Hrafn Sigurjónsson, kurz "Gaddi" genannt, bleibt stehen und schaut in die Ferne. "Vor zehn Jahren war die Gletscherzunge noch gut einen Kilometer länger. Etwa 100 Meter pro Jahr nimmt der Sólheimajökull mittlerweile ab." In der Vergangenheit gab es immer wieder Perioden, in denen sich die Gletscherzunge zurückzog - sich dann aber auch wieder nach vorne schob. "Das Alarmierende ist die Schnelligkeit, mit der der Sólheimajökull und andere Gletscher auf Island heute schmelzen. Eine deutliche Folge der zunehmenden Erderwärmung", sagt Gaddi. Im Fall des Sólheimajökull besagen Hochrechnungen, dass er in etwa 150 Jahren verschwunden ist.

Dabei ist es die Natur, die Island zu diesem einzigartigen Ort macht. Heiße Flüsse, dampfende Geysire, brodelnde Vulkane und Küsten, die von den Kräften des Ozeans geformt wurden - ein Höhepunkt jagt den nächsten. Gerade einmal 320.000 Menschen leben auf der Insel im Atlantik, etwa die Hälfte davon allein in Reykjavík. Die nördlichste Hauptstadt der Welt ist ein quirliger Ort, an dem Besucher auf eine ausgeprägte Kunst- und Musikszene treffen. Ihre Einwohner zeigen sich modern, modisch und extravagant, die Neues wagen, Bewährtes aber wie einen kleinen Schatz hüten. Dazu gehören Traditionen und Rituale, die einen festen Platz im Leben der Isländer einnehmen - in der Küche, wo es nach Lamm und Fisch riecht, aber auch in Geschichten über Helden, Sagen und Legenden, die an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Und natürlich die Begegnungen mit Trollen, Elfen und anderen Fabelwesen: Sie leben in Höhlen, sitzen auf Steinen, sie sind überall - und wer sie wirklich sehen will, der sieht sie auch.

Im Þingvellir Nationalpark einen Blick in das Innere der Erde werfen

Von Reykjavík aus geht es zu den drei bekanntesten Sehenswürdigkeiten Islands: Auf dem "Golden Circle" vereint sich ein kleines "Best of" aus Natur und Kultur. Die etwa 200 Kilometer lange Rundreise ist an einem Tag zu schaffen, und führt vorbei am Gullfoss, einen imposanten Wasserfall, der sich spektakulär über zwei Kaskaden in eine tiefe Schlucht stürzt, und dem geothermalen Gebiet Haukadalur. Dort lässt schon der Geruch nach Schwefel keinen Zweifel aufkommen, dass in dieser Gegend gewaltige Naturkräfte am Werk sind. Es blubbert und gluckert, sprudelnde Quellen zeugen davon, wie dünn die Erdkruste ist. Hauptattraktion ist der Strokkur: Alle fünf bis zehn Minuten entlädt der Geysir seine Kräfte und schießt als heiße Wasserfontäne 30 Meter in die Höhe. Den krönenden Abschluss des "Golden Circle" bildet der geschichtsträchtige Þingvellir Nationalpark, der seit 2004 zum Unesco-Welterbe zählt und als Symbol der isländischen Unabhängigkeit gilt. Dort trafen sich mehr als 800 Jahre jeden Sommer die Wikinger und hielten ihre Volksversammlungen ab. Aufgrund seiner nationalen Bedeutung wurde an diesem historischen Ort am 17. Juni 1944 auch die Republik Island ausgerufen.

 

Schnorcheln und Tauchen in der Silfra-Spalte.
Arktische Abenteuer
Spektakulär: In der Silfra-Spalte herrschen Sichtweiten von bis zu 100 Metern.

Der Þingvellir Nationalpark - Schauplatz bedeutender Ereignisse und Kulisse für ein nasses Abenteuer: Mitten im Lavafeld wird der Trockentauchanzug mit vereinten Kräften übergestreift, die Flossen angeschnallt, die Maske aufgesetzt. "Gleich werdet ihr zwischen Europa und Nordamerika schnorcheln," sagt Tauchguide Max. "Wir befinden uns hier an der Nahtstelle der beiden Kontinentalplatten, die nach wie vor in Bewegung sind - etwa einen Zentimeter pro Jahr driften sie weiter auseinander. Ihr werft sozusagen einen Blick in das Innere der Erde." Das Wasser ist gerade einmal zwei Grad Celsius warm. Doch die Kälte ist plötzlich vergessen, denn was sich einem in der Silfra-Spalte zeigt, ist klar, sehr klar. Bis zu 100 Meter weit sind die Felsformationen in dem tiefen Blau zu sehen. Riesige Basaltbrocken türmen sich aufeinander, der Blick verliert sich in schwarzen Löchern, die zu einem weitverzweigten Höhlensystem führen. 40 Minuten treibt einen die leichte Strömung schwerelos durch den Grabenbruch, dann heißt es wieder an Land krabbeln.

Auf der Rückfahrt nach Reykjavík ist es im Auto ganz ruhig. Die Konturen der Landschaft sind nur noch schemenhaft in der Dämmerung zu erkennen. Dicht gedrängt stehen ein paar Island-Pferde auf der Weide. Am Himmel beginnen die ersten Sterne zu funkeln, es wird eine klare Nacht werden. Gute Bedingungen, um die berühmten Nordlichter zu sehen, die gerade jetzt im Winterhalbjahr in ihren schönsten Farben zu beobachten sind. Die Heizung im Wagen läuft auf Hochtouren, erschöpft und glücklich von den Ereignissen der vergangenen Stunden werden die Augen immer schwerer. Doch Moment mal. Huschte da nicht gerade ein Troll über die Wiese?

Weitere Informationen

Anreise: Seit 2012 fliegt WOW Air von mehreren deutschen Städten (u.a. Berlin und Düsseldorf) nach Reykjavík. Tickets für Hin- und Rückflug ab 200 Euro.

Veranstalter: Der Outdoor- und Abenteuer-Spezialist "Arktische Abenteuer" bietet unter anderem Gletscher- und Höhlenwanderungen, Schnorchel- und Tauchtrips zwischen tektonischen Platten, Eisklettern, Reitausflüge und Touren mit dem Schneemobil an.

 

Nordlicht über dem Hotel Ranga auf Island.
Arktische Abenteuer
Tür auf und die Nordlichter beobachten: Im Hotel Ranga ist das möglich.

Unterkunft

Nordlichter vor der Haustür: Das Hotel Ranga, bekannt für seine gute Küche, liegt etwa 90 Minuten von Reykjavík entfernt, im südlichen Teil Islands kurz vor dem Ort Hella. Von hier lassen sich wunderbar in den dunklen Wintermonaten die Nordlichter beobachten. Das Hotel hat sogar einen eigenen Weckservice dafür eingerichtet: Wer seine Zimmernummer an der Rezeption angibt, wird beim Auftauchen der Lichter angerufen - egal zu welcher Uhrzeit. Doppelzimmer inklusive Frühstück ab 230 Euro.

Urlaub auf dem Bauernhof: Das Farmhotel "Efstidalur II" liegt entlang des "Golden Circle". Hier teilt sich der Gast seinen Mittagstisch mit Kühen, erlebt aktiv die Arbeit auf einem Bauernhof mit und kann abends unterm Sternenhimmel ein Bad im hot tub nehmen. Doppelzimmer ab 90 Euro.

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Autor

Susanna Bloß