Athen Die Viertel der jungen Szene

Es ist Sonntagmorgen, und die Stadt ist still. Verdächtig still. Wahrscheinlich hat sie gestern zu viel gefeiert und jetzt einen kleinen Kater. Kein Hupen, keine knatternden Mofas, alles scheint noch zu schlafen. Die Akropolis, die sich im Morgenlicht über den Dächern der Altstadt sonnt. Die Häuser, die mit ihren pastellfarbenen Fassaden und den halb heruntergelassenen Rollläden an die Gesichter alternder Filmdiven erinnern. Nicht einmal der Punk mit dem pinkfarbenen Irokesenkamm ist da, der sonst auf der Straße steht und italienische Schlager singt. Wach sind zu dieser Stunde nur ein paar Großmütter, die adrette Enkel zur Kirche schleppen, und ein paar Touristen mit Sonnenhüten, die sich gegenseitig vor Souvenirshops fotografieren.

Und eine kleine schwarzhaarige Frau in Cape und Schnürstiefeln, die auf einem Balkon der Pension "Acropolis House" vor ihrem Laptop sitzt. Eine Sonnenbrille verdeckt ihre neugierigen braunen Augen, sie raucht mindestens die siebte Zigarette des Tages und lässt dazu ihre Finger über die Tasten gleiten. "Zu Hause kann ich einfach nicht arbeiten", sagt Ersi Sotiropoulos. Und so hat die 51-jährige Schriftstellerin einmal wieder ihre verwinkelte Dachwohnung im Altstadtviertel Pláka, die sie mit Mann, Hund und Katze teilt, gegen ein spartanisches Zimmer drei Straßen weiter eingetauscht.

Ersi Sotiropoulos schreibt Kurzgeschichten und Romane. Für einen davon, auf Deutsch 2001 unter dem Titel "Bittere Orangen" erschienen, gewann sie den Griechischen Staatspreis für Literatur. In ihren Texten geht es um Leben und Tod, Glück und Abgründe und oft ist eine der Hauptpersonen kein Mensch, sondern eine Stadt. "Er liebte Athen", heißt es in ihrem neuesten Buch "Die Bestie zähmen", und zwei Zeilen weiter: "Eine hässliche Stadt. Eine schweinische Stadt. Eine Chamäleon-Stadt."

Die Schriftstellerin aus Patras ist der unberechenbaren Metropole in inniger Hassliebe verbunden. "Ein bisschen Europa, ein bisschen Mittelmeer, ein bisschen Balkan", sagt sie mit nikotingegerbter Stimme, "das ergibt viel Energie." Und Stoff für Geschichten, die hier auf der Straße liegen. Wenn auch nicht unbedingt auf dem Touristen-Trampelpfad. Der führt von der Akropolis durch die Adrianou- in die Kidathinéon-Straße. Ein Kitsch-Basar, auf dem Barbies im Athene-Outfit, Perikles-Plastikbüsten und Badelaken mit Madonna-Konterfei verramscht werden. Nicht die Heilige, sondern die Pop-Ikone.

Ersi Sotiropoulos findet ihre Ideen eher abseits. Mal in schmutzigen Winkeln, mal in idyllischen. Zum Beispiel in Straßen wie Trípodon und Erotokrítou, die aussehen, als hätten sie das vorige Jahrhundert im Dornröschenschlaf verbracht. Die Holztische der Taverne "Psarás" mit ihren buntkarierten Decken könnten beinahe noch aus dem Eröffnungsjahr 1898 stammen. Es riecht nach Gebratenem, Katzen wetzen ihre Krallen am Geflecht der Stühle, nebenan kauft ein Pope Ikonen im Devotionalienhandel und von irgendwo klingt das Klappern der Würfel auf einem Backgammonbrett.

Manche dieser Ecken hat sie bereits literarisch verewigt. Zum Beispiel das versteckte Lokal "O Plátanos", in dem die beiden Gegenspieler Sid und Sotiris in "Bittere Orangen" unter Platanen speisen. Die Karte ("Bauernsalat und Kichererbsencreme, Sardellen und frittierter Tintenfisch") ist authentisch, nur der direkte Blick auf die Akropolis ist erfunden. Und wenn in einer Sotiropoulos-Erzählung eine Kirche vorkommt, dann sieht sie bestimmt aus wie die Kleine Mitropolis aus dem 12. Jahrhundert. Das rötlich-goldene Licht im Inneren erinnert an die Heiligenscheine auf orthodoxen Ikonen, unter der niedrigen Decke fühlt man sich geborgen wie in einer Felsenhöhle. Beim Athener Erdbeben von 1999 flüchtete die Schriftstellerin mit ihrer Teenager-Tochter hierhin, allerdings eher aus pragmatischen als aus religiösen Gründen, schließlich wohnt sie gleich um die Ecke. "Ich fühle mich mehr zum Buddhismus hingezogen als zum Christentum", sagt sie, "aber ich mag das orthodoxe Ritual - Weihrauch macht mich high."

Ein Spaziergang mit Ersi Sotiropoulos kann dauern, denn alle zehn Minuten trifft sie Bekannte.Griechische Intellektuelle sind leicht zu erkennen: schwarz gekleidete Sonnenbrillenträger, die aussehen, als würden sie gleich mit Jean-Paul Sartre einen trinken gehen. Geballt zu finden auf dem Sonntagsflohmarkt am Avissinías-Platz. Dichter und Denker bummeln zwischen ausrangierten Chorgestühlen und rostigen Zwanziger-Jahre-Bügeleisen oder kehren auf einen Drink ins "Café Avissinía" ein, das mit seinem leicht heruntergekommenen Jugendstil-Dekor selbst wirkt wie ein Flohmarktstück. Dort könnte man wunderbar den Mittag verbummeln und "Frappé" trinken, aufgeschäumten Nescafé auf Eis.

Aber Ersi Sotiropoulos will keine Pause machen, denn gleich hinter dem Flohmarkt beginnt ihr Lieblingsviertel: Psirrí. Aus dem früheren Rotlicht- und Kleingewerbeviertel ist eine Gegend im Umbruch geworden. In Kellerwerkstätten lärmen Schweißbrenner, hinter unverputzten Fassaden mit bengalischen Schriftzeichen stapeln Männer Reissäcke, in der Marktstraße

Evripídou hängen büschelweise Kräuter über Ladeneingängen. Aber auf einmal steht man vor Cafés im hippen Design der achtziger Jahre, die aussehen, als seien sie aus Berlin-Mitte herübergebeamt worden. Szenopolis trifft auf Einwanderer aus Indien,Albanien und China - so etwas lieben Künstler und andere Kreative.

Szeneviertel mit dem Charme des Unfertigen

Zum Beispiel Christoforos Kotentos, der in einer Fabriketage im dritten Stock eines unscheinbaren Betonbaus Paillettenfummel im "Sex-and-the-City"-Stil kreiert. Der blondierte Hüfthosenträger wirkt ein bisschen wie ein Kind, das in einem Abbruchhaus spielt, aber aus dem Spiel wird allmählich Ernst: Erst neulich hat die Hollywood-Schauspielerin Cameron Diaz eine seiner Kreationen in Monte Carlo gekauft. "Psirrí ist toll", sagt er, "wie Les Halles in Paris oder SoHo in Manhattan" - nur dass das Viertel noch den Charme des Unfertigen hat, den seine gestylten Vorbilder längst verloren haben.

Wie etwa in der Agíon Anargyron: "Stigma Art Gallery, 3rd Floor" steht direkt unter dem Firmenschild einer Unterwäsche-Näherei. Wer sich dem altersschwachen Lift anvertraut, landet in einem Raum mit Waschbetonboden und einer Leinwand, auf der ein Kunstvideo läuft. Ein Frauenmund sagt abwechselnd "I hate you - I adore you" und schüttet löffelweise Zucker in sich hinein, der Künstler Filippos Tsitsopoulos - lange Haare, Nickelbrille - steht daneben und erzählt etwas über die übersüßte moderne Gesellschaft. Dazu kommt von irgendwo eine Schnulze aus dem Radio. Ein Sänger stimmt einen orientalischen Klagegesang auf sein kaltes Bett und die ferne Geliebte an. Kein Wunder, dass Schriftsteller in dieser Stadt auf skurrile Gedanken kommen.

Psirrí und das angrenzende Viertel Gázi (benannt nach den ehemaligen Gaswerken, die heute ein Kulturzentrum beherbergen) sind auch abends die lebendigsten Ecken Athens. "Wenn es dunkel wird in dieser Stadt", sagt Ersi Sotiropoulos, "dann verwandle ich mich. Dann werde ich erst richtig lebendig." Manchmal startet sie die Nacht in Gázis In-Restaurant "Mamácas", das mit seinen weiß gekalkten Wänden und Windlichtern aussieht wie die Indoor-Ausgabe einer Kykladen-Insel. Manchmal zieht es sie ins "Kouzina Cine Psirrí", ein Lokal mit Freilichtkino. Unter Glühbirnengirlanden, zwischen denen Segelschiffe aus Segeltuch schwimmen, speist man Pasta mit Kirschtomaten und trinkt "Amethystos"-Weißwein. Dabei fällt der Schriftstellerin noch ein Pluspunkt für Athen ein: "Im Ausland sehe ich häufig Paare, die sich beim Essen stundenlang anschweigen. Das würde hier niemals passieren - wenn zwei sich nicht mehr lieben, schreien sie sich wenigstens noch an!" Aber ob Liebe oder nicht, schreien muss hier eigentlich jeder - die Musik wird gern bis zur Schmerzgrenze aufgedreht.

Nachts um 3 Uhr hat sich Psirrí in eine Straßenparty verwandelt. Autos schieben sich so langsam durch die Straßen, dass die Cliquen, die hier von Club zu Club flanieren, ihre Gläser auf den Wagendächern abstellen könnten. Ersi Sotiropoulos ist um diese Zeit längst irgendwo in den Untiefen der Stadt abgetaucht, immer auf der Suche nach neuen Geschichten. Vielleicht in einer der Bars in der Lembéssi-Straße, wo auffallend schöne Frauen mit auffallend tiefen Stimmen demonstrieren, dass es die Griechen waren, die die Liebe unter Männern salonfähig machten.

Der Party-Marathon von Psirrí endet oft erst im Morgengrauen mit einer Tasse Suppe im zentralen Fleischmarkt in der Athinás-Straße. Drinnen schleppen Schlachter Schweinehälften durch die Gänge, draußen thront die beleuchtete Akropolis wie ein gigantisches Ufo über den Dächern. Und auf der Straße singt der Punk mit pinkfarbenem Irokesenschnitt so hingebungsvoll "Ti amo", als hätte es Punkrock nie gegeben. Eine Liebeserklärung. Und wahrscheinlich meint er keine Frau damit, sondern eine ganze Stadt.

Die Pláka hat Konkurrenz bekommen: In den Vierteln Psirrí und Gázi etabliert sich Athens junge Szene. Ersi Sotiropoulos führt uns zu den schönsten Ecken.

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Autor:
Verena Carl