Kreta (3) Wandern auf der griechischen Insel

Wo die Samariá-Schlucht endet, öffnet sich dem Reisenden am hellen Strand des Libyschen Meeres der Blick fürs Wesentliche. Um 18 Uhr, wenn endlich das letzte Schiff nach Chóra Sfakíon abgelegt hat, die letzten Besucher davon sind, kehrt Ruhe ein in Agía Rouméli. Nur die langen, türkisblauen Wellen, die rhythmisch über den wuchtigen, nach Osten ragenden Beton-Anleger gleiten, übertönen bisweilen das zarte Rauschen der Kiefern.

Das Wesentliche, das ist die einzigartige, nur an dieser autostraßenfreien Küste in der wilden Landschaft der Sfakiá zu erlebende Sinfonie aus Gebirge und unendlicher See. Wer sich jetzt am Ufer mit dem Rücken zum Meer stellt, dem wird es den Atem nehmen. Vor seinen Füßen werden sich die grünen, steilen Südhänge der Lefká Óri auftürmen, gewaltig und majestätisch. Und wer in diesem Moment beschließen sollte, zu Fuß weiterzugehen in Richtung Osten, der wird 24 Stunden später ein ziemlich glücklicher Mensch sein.

Er muss nur jenen einsamen Weg nehmen, den auch Stelios Giorgedakis, der Wirt des kleinen Restaurants "Pachnes" einschlägt, wenn er "eben mal nach Hause geht", hinauf ins Nachbardorf nach Ágios Ioánnis. "Páchnes" heißt auch der höchste Gipfel der Weißen Berge - Der Wirt ist ein guter Führer, ebenso wie sein Bruder Antonis, der im 800 Meter hoch gelegenen Dorf auf jene Wanderer wartet, die den gemächlichen Fußmarsch heim nach Chóra Sfakíon der Fahrt mit dem Schiff vorziehen.

Dort wo der Samariá-Fluss, von der engen Schlucht befreit, sich endlich mit der See vereint, beginnt der Pfad. Er führt zunächst am Meer entlang bis zur Kapelle Ágios Pávlos. In rund eineinhalb Stunden erreichen auch langsame Wanderer diese markante Stelle. Über die aus schwarzgrauem, am Mittag glühend heißen Sand hoch aufgetürmten Dünen führt der Weg weiter in lichten Uferwald. Ein dreistündiger, schweißtreibender Marsch liegt vor dem Wanderer.

Doch während unten am Wasser der Mensch der brennenden Sonne ausgesetzt ist, geht hier oben die Natur links und rechts des alten Saumpfades gnädig mit ihm um: Kiefern und hohe Mastix-Sträucher spenden Schatten. Je weiter sich der Weg dem Fuß der Berge nähert, einer 400 Meter hohen Felswand, desto mehr bewegt man sich in angenehmer Kühle.

Wer morgens früh gestartet ist, kann jetzt gegen zehn Uhr morgens mit etwas Glück die Bartgeier der nahen Kolonie beobachten, die auf der Suche nach einem ersten oder zweiten Frühstück mit ihren mächtigen Schwingen am Himmel kreisen - zwei, drei, bisweilen sieben oder acht dieser Gefiederten lassen sich von den warmen Windströmen der Steilküste in die Höhe tragen. Ihre Beute sind kranke oder verendete Tiere aus den zahlreichen Schaf- und Ziegenherden.

Das Flüstern des Windes, der Flügelschlag bunter Schmetterlinge

Ein Stück weiter teilt sich der Pfad, ein Wegweiser zeigt die Richtung. Zum Dorf Ágios Ioánnis geht es links bergan - ein, zwei Stunden aufwärts bis zum Rand der Klippe. Eine antike Straße ist ganz oben erhalten, gegründet und gepflastert in Zeiten, als Waren noch auf dem Rücken zäher Maultiere zum Markt oder nach Hause gebracht wurden. Der Neigungswinkel dieser in vorchristlicher Zeit konstruierten Trasse ist flach, er entspricht dem, was Menschen mit eigener Kraft und Ausdauer auch über Stunden zu steigen vermögen. Der Marsch ist beschwerlich - aber er ist zu schaffen.

Was dann der Wanderer für Schweiß und Muskelarbeit geschenkt bekommt, ist der unbezahlbare Blick auf das in allen Blautönen schillernde Wasser, auf den schönsten Abschnitt der wilden Südküste. Oben auf der Klippe sitzend wird er begreifen, was das Wort Stille bedeutet: das Flüstern des Windes, der Flügelschlag bunter Schmetterlinge und leuchtender Käfer, das Summen der Bienen und Hummeln. Vor sich die endlose Weite.

Es fällt schwer, aufzustehen und weiterzugehen. Nicht, weil es zurück in die Dörfer mit ihren neuen, in dieser Gegend noch jungen Teerstraßen geht, sondern weil der Mensch ahnt, dass in seinem schnellen Leben soeben ein kostbarer Moment des Innehaltens vergangen ist.

Über ein Plateau hinweg und danach am Rand eines Kiefernwaldes sanft ansteigend, führt der Pfad zu zwei Kirchen, die sich auf weißen Kalkfelsen in die dramatische Landschaft ducken: Die Panagía, die Kirche der Allerheiligsten Gottesmutter, steht links, ihr gegenüber die etwas größere Dorfkirche des heiligen Ioannis, des Evangelisten. Beide sind mit herrlichen Fresken geschmückt und von gewaltigen Olivenbäumen umgeben. Mit ihren haushohen Kronen und den ungeheuren Stämmen aus eisenhartem Holz mögen sie fünfhundert Jahre und noch älter sein.

Endlich taucht das Dorf auf. Wohlig erschöpft trifft der Wanderer auf die aus Chóra Sfakíon und Anópoli heraufkommende Autostraße - sie endet im Ort. Wer Durst hat, sollte zur Dorfschule gehen, davor wächst eine mächtige Zypresse, und in ihrem Schatten steht ein Kühlschrank mit der Anweisung: "Wer trinken möchte - Limonade, Bier, Wasser, Schnaps, der möge sich bedienen". Gezahlt wird in eine Schachtel im Inneren des Kühlschranks, Wechselgeld vorhanden.

Es heißt, der unsichtbare Schulhaus-Wirt verdient besonders gut, seit er den Gästen das Bedienen, Rechnen und Geldwechseln überlassen hat. Mehr als vorher, in jenen Tagen, an denen er selbst dort saß, gelangweilt auf Touristen hoffend oder schlafend auf einer der alten Schulbänke im Haus - kaum ein durstiger Tourist hatte damals den Mut, den bärtigen Riesen zu wecken.

Die Familie der Brüder Stelios und Antonis lebt in Ágios Ioánnis. Die Mutter Evangelina kocht, ihre Schwiegertochter Anna - Antonis' Frau - brät und serviert, Vater Ioannis melkt und schlachtet seine Tiere. Was auf den Tisch kommt, ist vom Feinsten: Milch, Käse, Fleisch - auch der Honig von den Weiden am Fuß des Berges "Zaranokefála".

Antonis hat Unterkünfte aus Feldstein gebaut, er vermietet auch das alte Haus eines entfernten Onkels, 20 Betten für Gruppen in einem gemütlichen Saal unter den dunklen Balken der von feinen Steinbögen getragenen Holzdecke. Einen oder zwei Tage hier zu verbringen, ist ein guter oder vielleicht sogar der beste aller Pläne. Denn es wartet noch der Weg hinauf zum "Zarano", 2100 Meter über dem Strand, er führt über den schönsten und vielleicht ältesten aller noch bestehenden kretischen Hirtenpfade. Die Schäfer benutzen ihn noch heute, jedes Jahr im Mai treiben sie dort ihre Herden auf die saftigen Almen im Herzen der Lefká Óri. Ioannis und seine Söhne fahren Wanderer gerne ein Stück die ungeteerte Piste hoch, bis sie auf mehr als 1000 Metern Höhe endet.

Nach drei Stunden Fußmarsch ist der Blick vom Gipfel einzigartig, denn nur von hier oben sieht der Wanderer die beiden größten Schluchten Kretas aus der Vogelperspektive: die Samariá, die Eligiás und noch dazu ihre zahlreichen kleinen, dunklen Schwestern. Es folgt der Abstieg, es geht talwärts bis zur nächsten Busstation - von hier aus könnte man weiterfahren nach Chóra Sfakíon. Oder aber man trifft sich hier wieder mit Ioannis. Und den, der sich vom Frieden der Lefká Óri noch nicht trennen kann oder will, den nimmt er noch einmal mit nach Ágios Ioánnis, das Dorf am Rande der Weißen Berge.

MERIAN TOUR-INFO

 

Wandern am Rande des gewaltigen Bergmassivs der griechischen Insel Kreta hat seine Tücken. Umso erstrebenswerter das Ziel: endlose Weite und absolute Ruhe.

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Autor:
Hansgeorg Hermann