Kreta "Kreta ist für mich Musik"

Mikis Theodorakis und ich treffen uns in seinem Haus in Athen. Es steht auf dem Philopappus-Hügel, nur die steil aufragenden Wände der gegenüberliegenden Akropolis mit ihren Tempelbauten aus Marmor sind dem Himmel noch ein wenig näher. Mikis Theodorakis spricht über die Insel seiner Väter und über die Musik. Über die Lieder aus den Weißen Bergen, die sein Werk geprägt haben.

"Das Glück der Heimkehr"

Kreta, die mythische Insel, die mein Vater Georgios als junger Mann verlassen hatte, um draußen in der Welt seinen Weg zu finden, habe ich selbst erst spät richtig kennengelernt. Ich wurde ja auf Chíos geboren. Es war 1949, als ich, von der wüsten, baumlosen Gefängnisinsel Makrónissos kommend, voller Sehnsucht und Freude das grüne Land meiner Vorfahren betrat. Mein Vater und die Familie waren Jahre zuvor, also während des Bürgerkrieges, nach Kreta zurückgekehrt. Ich wollte sie wiedersehen, nach so vielen furchtbaren Monaten, die ich im Lager überstanden hatte. Nie habe ich vergessen, dass ich Kreta riechen konnte - noch bevor ich seine Küste vom Schiff aus sah. Es duftete nach Zitronen und Orangen. Nebel lagen über dem Wasser und dann, endlich, tauchten aus dem warmen Dunst des Oktobers die hellen Gipfel der Lefká Óri, der Weißen Berge, auf. Es war einer der wunderbarsten Momente meines Lebens. Ich bin auch heute, mit meinen 85 Jahren, zuallererst ein Kreter - danach erst Grieche und Europäer.

Überall wo Mikis auftaucht, geht ein Raunen durch die Menge. Etwas Seltsames breitet sich aus, wenn der riesige, fast zwei Meter große Mann durch die Tür tritt. Es ist der Mann der Berge in ihm, den die Menschen spüren. Mikis erzählt von der harten, väterlichen Heimat. Und auch von der Heimat seiner Mutter, die den weichen Kern in sein kretisches Herz pflanzte.

"Immer Kreter, niemals Grieche"

Das Heimatdorf meines Vaters ist Galatás, ein paar Kilometer westlich von Chaniá. Dort wohnte die Familie in einem großen, zwei Stockwerke hohen Gebäude, es war ein prächtiges, steinernes Bauwerk mit schweren Balken und einem soliden Dachstuhl. Dann flogen die deutschen Flieger Angriffe auf den Hafen von Chaniá. Eine Bombe fiel zu früh und traf unser Haus. Wir hatten nicht das Geld, es wieder so aufzubauen wie vorher. Selbst als es einigermaßen repariert war, hatte es danach nur noch ein Stockwerk und drei Zimmer.

Mein Vater hatte ein großes Herz. Als er aus Athen nach Hause kam, zurück ins Dorf, half er den Leuten so gut er konnte. Obwohl man ihn während seiner Abwesenheit bestohlen hatte. Ich erinnere mich an Olivenbäume, an Bienenstöcke, Weinreben … Ich selbst konnte es den Leuten nicht so leicht verzeihen wie mein guter Vater und meine sanfte Mutter Aspasia. Ich habe bis heute eine gewisse Distanz zum Dorf. Das Haus, in dem schließlich mein Bruder Ioannis bis zu seinem Tod lebte, ist heute ein Museum - ein Theodorakis-Museum. Meine Mutter kam aus Kleinasien, aus dem Dorf Cesme in der Nähe von Izmir, griechisch Smirni. Bis zu ihrer Vertreibung lebten dort Menschen, die nicht so hart waren wie die Kreter. Sie waren freundliche, liebevolle Nachbarn. Mir blieb es später vorbehalten, den Kontakt in die Türkei wieder herzustellen, jene zu versöhnen, die von der Politik zu Feinden gemacht worden waren. Meine Mutter sagte nie: Ich bin Griechin. Sie sagte zu mir: Unsere Heimat ist Asien. Mein Großvater Michalis erwiderte dann: Ich bin Kreter. Auch er hätte sich nie als Grieche ausgegeben.

"Unsere Frauen sind stark"

Es ist klar - sobald der kretische Mann das Haus verlässt, ist er ein "freier", ein unabhängiger Mann. Sein Gang, seine aufrechte Haltung, seine schlichte, dunkle Kleidung und sein Blick - alles ist Ausdruck dieser Freiheit. Im Haus dagegen herrscht die Frau. Ich ging eines Tages unvermutet und unerwartet zu meinem Onkel Petros. In der Küche bot sich mir folgendes Bild: Seine Frau, meine Tante Marika, saß auf der Tischkante und qualmte eine Zigarette. Der riesengroße, stolze Petros hatte sich eine Schürze umgebunden und spülte das Geschirr. Beide erstarrten vor Schreck - niemand hatte den Onkel jemals so gesehen! Was ich damit sagen will: Unsere kretischen Frauen sind starke Persönlichkeiten. Sie überlassen dem Mann gerne das Feld, im wahrsten Sinne des Wortes: das Feld, den Acker, die Berge. Wenn er nach Hause kommt, setzt er sich in seine Ecke, auf seinen Stuhl - und freut sich, wenn seine kyria, die Herrin, gute Laune hat. Diese Frauen wissen es zu schätzen, dass "Mann" ihre Kraft, ihre Energie und ihre mentale Stärke bewundert. Es ist keine Erniedrigung für sie, einer Tischgesellschaft, die nur aus Männern besteht, aufzutragen und einzuschenken. Die Frauen sind ohnehin lieber unter sich, wenn die Männer prahlend ihre Becher leeren.

"Tabak gegen Feigen aus Kreta"

In Athen gab es nichts zu essen, als die Deutschen die Stadt besetzt hatten. Alles ging an die Soldaten, für die Griechen blieb nichts übrig. Im Hungerwinter 1941/42 starben 300.000 Menschen in Griechenland. Ich selbst hatte Glück. Ich hatte Arbeit in den großen Zigarettenkontoren gefunden - bei "Karelia" und "Papastratos". Bezahlt wurde ich mit - jawohl, mit Zigaretten. Das Geld war keinen Pfifferling wert, es verlor schneller seine Kaufkraft, als man es ausgeben konnte. Die Zigaretten gingen entweder zum Tabak-Schwarzmarkt, den die Kriegsbeschädigten beherrschten, und wurde gegen Konserven getauscht, geklaut aus deutschen Beständen. Oder sie gingen nach Kreta. Als Tauschware gab es Säcke voller Rosinen, Feigen und Nüsse. Während wir die Nüsse verschlangen, saß meine Tante am Klavier und spielte Schubert - sie hatte "Deutsch" studiert und liebte die klassische Musik, genauso wie ich.

Mikis in seinem Arbeitszimmer: Ausgestreckt in seinem schwarzen Ledersessel, erklärt er die kretischen Familienbande. Seine Frau Mirto liebe Paris, sagt er. In Paris haben sie beide in den fünfziger Jahren studiert. Er kaut auf einer riesigen Zigarre: Sie ist aus Kuba. Früher hat ihm Fidel Castro bisweilen ein Paket voller dunkler Havannas schicken lassen.

"Schnaps aus Weingläsern"

Auf den Inseln, auf dem Festland, auf dem Peloponnes wird genauso gerne gegessen und getrunken wie auf Kreta, natürlich. Die parea - die Gesellschaft aus Freunden und Bekannten, aus Familienmitgliedern oder auch aus ein paar Fremden, die vorbeikommen und spontan eingeladen werden - sie ist das schönste im Leben. Es gibt Schnapsgläser für den tsipouro, oder tsikoudia, wie wir Kreter sagen. Es gibt kleine Weingläser für den roten oder weißen krassi, den Landwein aus dem Fass. Und es gibt die großen Wassergläser. Nun, das gilt für ganz Griechenland - bis auf Kreta. Dort trinken die Männer den Schnaps aus Weingläsern und den Wein aus Wassergläsern. Koupa heißt so ein großes Glas Wein. Wenn alle am Tisch sitzen, beginnt der kapetanios, der Älteste der Familie, der Patriarch, zu singen. Die mantinades, Stegreif-Lieder. Sie handeln von der Liebe, vor allem von der Liebe. Aber auch von der Natur - den Bergen, dem Wasser, dem Schnee. Der Patriarch trägt seinen Vers vor, und kaum hat er ihn zu Ende gesungen, wiederholen ihn die anderen, Wort für Wort. Dazwischen gibt es die koupa, den tsikoudia, mezes, kleine Leckerbissen. Man muss essen, wenn man trinken will.

"Rhythmen wie Rock'n'Roll"

2007 hat ein Athener Musikverlag alle Symphonien des Meisters in einer einzigen Edition herausgebracht: den "Griechischen Karneval", den "Oedipos Tyrannos" und auch das "Fest von Assi Gonia", seine Hymne an die kretischen Hirten. Die kretischen Feste, die Gelage - sie sind heute Legende.

"Rhythmen wie Rock'n'Roll"

Kreta ist Musik für mich - die eine Hälfte der Musik, mit der ich aufgewachsen bin. Die andere Hälfte stammt von meiner Mutter, sie kommt aus Kleinasien, aus Byzanz. Kretische Musik ist Rock'n'Roll. Wer die Rhythmen der Rizitika (übersetzt: Vorland oder die "Wurzeln" der Weißen Berge) einmal gehört hat, weiß, was ich meine. Wenn der Lyra-Spieler seinen Bogen auf das Instrument setzt, wenn er anhebt, zu spielen, dann bewegen sich die Füße wie von selbst, es folgen die Beine, dann der ganze Körper. Die Männer springen auf, sie müssen tanzen, sie müssen springen, sich "erleichtern" - wie Kretas großer Schriftsteller Nikos Kazantzakis es einmal ausdrückte. In der Heimat meines Vaters am Rande der Stadt Chaniá wird der "Chaniotikos" zu diesem Rhythmus getanzt. Ein unglaublicher, ein einzigartiger zwölfteiliger Tanzschritt - der schönste von allen.

Die besten Musiker Kretas zitieren in ihren Gesängen immer wieder den "Erotokritos", unsere kretische Ballade. Es ist die Geschichte des kretischen Jünglings Erotokritos am Hof des Athener Königs Herakles, und seiner Liebe zu Aretousa, der Prinzessin. Mein Großvater Michalis konnte sie auswendig, fast zehntausend Verse konnte er aufsagen. Mein symphonisches Werk, meine Ballettstücke, meine Lieder - sie alle sind voller kretischer Rhythmen, in den Melodien der Rizitika wurden sie geboren. Meine geistige Heimat ist Kreta - auch außerhalb der Musik.

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Mit MERIAN sprach mit dem 84-Jährigne Komponist, Schriftsteller und Politiker Mikis Theodorakis über Musik und die Insel Kreta.

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Autor:
Hansgeorg Hermann