Kreta Das Kloster Toploú

Auf dem Hügel erhebt sich die Zukunft. Oben im Wind stehen die Windräder, eine Reihe weißer Masten, an denen sich die Rotoren drehen und so Strom erzeugen. Umweltfreundlich. Auf Kreta bedeutet das eine Menge, denn Wind und Sonne haben sie hier genug, und die so genannte Grüne Technologie ist eine der Möglichkeiten, Investoren anzulocken. Damit die neue Zeit endlich kommt, gerade jetzt, wo die alte Zeit eine schlechte Nachricht nach der anderen produziert.

Viele Straßen sind alt, manche noch ungeteert, hier am Ende der Welt, wo nur eine Vergangenheit ist und vielleicht eine Zukunft, aber heute eben: nichts. Geducktes Gestrüpp auf den Hügeln, blanke Felsen und hin und wieder eine Ziege, die glauben muss, dass sie bis zum Horizont herrscht, denn es ist niemand da, der es ihr streitig machen könnte. Und dann der Turm. Die Mauern. Die Festung. Toploú.

Aus dem Stein der Gegend gebaut, fügt es sich ein in die Sandfarben der Umgebung: ein Kloster, sichtbar steinalt, ein wehrhafter Block, und nur der Turm, der in die Höhe ragt, zeigt weithin sichtbar die Verbindung zum Himmel. Und dann sieht man die Bäume - hinter den Mauern, und im Klostergarten, und hinter dem Gebäude, wo die Haine beginnen, die Weinberge. Mitten im Nichts.

Mit seinen Palmen wirkt der rechteckige Bau aus der Ferne wie eine Oase, ein Zwischenstopp für die Karawanen. Nur dass hier normalerweise kein Weg vorbeiführt. Wer hierher kommt, der will hier bleiben. Jetzt im Sommer brennt die Sonne so unerbittlich, dass der frische Asphalt auf dem Platz vor der Klostereinfahrt weich wird. Ein riesiger Platz, auf dem die Kunstinteressierten ihre Autos parken, um sich die Ikonen anzusehen, die alte Kirche und, überhaupt, dieses Kloster, das so viel älter ist als alles andere. Aber das ist nur der eine Teil der Geschichte.

Denn auf dem großen Platz parken auch die Lastwagen, die hier Öl, Wein und Schnaps aufladen. Toploú ist nicht nur eines der eindrucksvollsten Klöster ganz Griechenlands, es ist auch die Keimzelle einer modernen wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte. Von hier aus gehen Waren in die ganze Welt.

Das hölzerne Eingangstor ist so gewaltig, dass es noch immer mit Hilfe eines Rades geöffnet werden muss. Seit ewigen Zeiten musste man sich hier immer wieder verteidigen: Gegen die Türken, gegen Malteserritter, in den Weltkriegen. Nicht immer ist es gut ausgegangen. Nicht immer war der kleine Innenhof der beschauliche Ort, der er heute ist: ein Apfelsinenbäumchen, Töpfe mit Kräutern, darüber die langen Schatten uralter Mauern.

"Wenn Sie etwas nur fürs Geld tun - das geht nicht gut"

Der Abt steht am Fenster und hält zwei Gläser gegen das Licht. Klare Flüssigkeit und keine Schwebstoffe. Er probiert, ein, zwei Schlückchen von jedem. "Der ist gut", sagt er, und hebt die Hand mit dem einen Glas, "aber der", er hebt die andere, "der schmeckt mir besser." Der junge Önologe neben ihm grinst. Offensichtlich ist er einverstanden.

Der Alte hat ihn nicht enttäuscht. Vater Filotheos versteht etwas vom Tsikoudia, dem Tresterbrand, den sie in vielen Teilen Kretas auch Raki nennen, mit der Betonung auf der letzten Silbe. Es ist der kretische Grappa, nur, wenn man einen Kreter fragt, viel besser. "Wir machen alles, was wir machen, so gut wie es geht", sagt Filotheos, "mit ganzem Herzen. Wenn Sie etwas nur fürs Geld tun, nur für die Euros - das geht nicht gut."

Über den Asphaltplatz geht es vorbei am Kräutergarten, in dem Kamillepflanzen wachsen für den Tee, aber auch Artischocken. Dahinter ist das große Geheimnis versteckt, das keines ist: fünf Neubauten, modern, aber im Stil der Gegend, verkleidet mit Steinen, die aussehen, als könnte aus ihnen auch das Kloster gebaut sein. In den großen Stahltanks gärt die Maische für den Wein, nebenan werden Oliven gepresst. Ein Haus weiter brennen die Mönche aus dem Trester den Raki. Vor den Hallen stapelt ein Gabelstapler die Paletten mit den Flaschen haushoch. Den roten Dessertwein, den Weißwein, wieder Roten, eine Cuvée aus Merlot und Shiraz. Den Schnaps. Und das Öl, tausende Flaschen Öl für die ganze Welt.

Das Öl von Toploú ist berühmt: Ausgezeichnet mit Medaillen und einer Reihe jener Preise, die diese Branche hergibt. Natürlich "kalt gepresst". "Wir haben immer schon Öl gemacht und Wein", sagt Filotheos, "aber nur für uns." Er kann "immer" sagen, denn er hat sein ganzes Leben im Kloster verbracht. Heute ist er 69 Jahre alt, als er hier ankam, war er gerade 19.

Im Museum und in der Kirche hängen die Ikonen. In der Mitte der Kirche das "Groß bist Du, Herr, und Deine Werke wunderbar …", ein Mammutwerk, 61 Szenen folgen dem Gebet der "Großen Weihe". Ioannis Kornaros hat es im Jahr 1770 gemalt, einer der großen kretischen Ikonenmaler.

Zwei der Bilder von Ioannis Kornaros sind bis heute hier ausgestellt - ein winziger Teil der jahrhundertealten Sammlung. 16. Jahrhundert, 17. Jahrhundert, in der Kühle der Gewölbe zeugen Stiche, Ikonen und Gemälde von der Geschichte. Manche mit dem typischen Zeichen der Türkenherrschaft, den mit Dolchen ausgekratzten Augen. Gemeinsam mit den Waffen, den Meßgewändern, den Lithografien, senden sie vor allem eine Botschaft: Das Kloster hat überlebt. Und oben im ersten Stock hat Vater Filotheos eine Menge Ideen, wie es noch eine Weile weitergehen kann.

Golf-Resort auf klostereigenem Land

"Wir sind die Kirche", sagt er, "wir können das, was wir tun, nicht nur für uns machen. Wir müssen einen Weg zeigen." Er vergibt Sommerjobs an Jugendliche, damit sie lernen, was harte Arbeit ist. "Sie müssen doch sehen, dass Geld verdienen mit Schweiß zu tun hat. Das Leben ist nicht leicht. Und wenn sie dann im September wieder zur Schule gehen, haben sie ihr eigenes Geld in der Tasche." Der Mönch klopft auf sein Bein, da, wo unter dem schwarzen Kittel die Hosentasche ist. Er lacht. Aber das tut er sowieso gern.

Er ist umstritten, der Abt Filotheos. In dieser Gegend, in der nächsten Kleinstadt Sitía dreißig Minuten die schlechte Straße entlang, vor allem aber unter den Touristen, die sich verliebt haben in diese karge Gegend mit dem unendlichen Blick über das Meer. In Internetforen wird über das neueste Projekt gestritten, an dem Filotheos sich beteiligt: ein Golf-Resort auf klostereigenem Land.

Golf auf Kreta ist keine nahe liegende Idee, denn gerade hier im Nordosten der Insel ist das Wasser knapp, das die Greens und Fairways im Übermaß brauchen. Tatsächlich sind die Bauarbeiten im Moment wegen der ungeklärten Umweltauflagen gestoppt.

Filotheos ficht das nicht an. "Es ist sehr schön. Es wird wie ein Dorf im alten Baustil der Gegend, nur dass die Häuser weiter auseinanderliegen. Die Menschen können Sport machen, Wassertherapie, Gymnastik" - es ist die Umschreibung eines 69-jährigen kretischen Mönches für das, was wir heute "Spa" nennen. "Und es gibt einen Golfplatz." Und das Wasser? "Wir werden eine Meerwasserentsalzungsanlage bauen."

So ist er. Auf neue Herausforderungen findet er neue Antworten. "Wir müssen doch etwas tun, damit die jungen Leute in der Gegend bleiben! So, wie es heute ist, gehen alle in die Stadt, wenn sie die Schule verlassen. Ziehen nach Athen. Oder ins Ausland."

Es ist ein schmaler Grat, auf dem er sich bewegt, zwischen Geschichte und Vision, Gestern und Morgen. Alte Architektur und neue Technik, der uralte Glauben und die neuen Ideen. "Als wir Mitte der neunziger Jahre begannen, Öl zum Verkauf zu produzieren, wurde das Öl vielerorts mit immer mehr Chemikalien verpanscht. Es wurde immer schlechter. Damals habe ich gesagt: Wir machen wieder Öl wie früher. Wie mein Vater und mein Großvater. Wir mussten es erst wieder lernen." Heute fährt er jedes Jahr zur Messe "Biofach" nach Nürnberg, um sein Öl zu vermarkten. Das ganz Alte ist wieder ganz neu.

Er kann lange darüber reden, warum er den Säuregehalt des Öls nicht ausweist und welche Auflagen dieses oder jenes Biosiegels zu kompliziert sind. Wie Großhändler versucht haben, das Öl zu strecken. Am Ende läuft es immer auf Menschen hinaus. "Wir testen das", sagt er. "Wenn wir einen neuen Geschäftspartner haben, dann kaufen wir heimlich sein Öl. Und wenn etwas nicht in Ordnung ist …" Er reibt seine Hände, als würde er sich nach dem Essen die Krümel abschütteln und macht die internationale Geste für Etwas-hinter-sich-werfen. Aus. Vorbei. "Wenn Sie in Deutschland Öl von uns kaufen, und etwas stimmt nicht, dann rufen Sie mich an, und sagen Sie: Das ist nicht in Ordnung!" Die Welt ist manchmal ganz einfach. Wenn etwas gut ist, ist es gut. Und wenn etwas nicht gut ist, muss man es ändern.

Hinter dem Kloster erstreckt sich viel Land, und das mindestens schon seit 1796 - seit dem Tod von Johannes Kornaros, dem berühmte Maler, der dem Kloster 200 Dukaten vermachte, auf dass man damit Land kaufe. Das Kloster ist mehrfach zerstört, aber immer wieder aufgebaut worden, mit noch dickeren Mauern und noch besserer Statik. Immer größer wurde es, immer schöner, immer mehr Menschen lebten hier. Abt Filotheos sagt, das Kloster stehe hier seit dem Jahr 1300, erwähnt wird es erstmals als Einsiedelei zweier Mönche im Tagebuch eines Reisenden von 1415. Heute hat die Kooperative der Erzeuger in der Gegend eine zweisprachige Website.

Vierzig bis fünfzig Menschen arbeiten ständig im Kloster. Zu Erntezeiten sind bis zu 200 auf den Feldern, in den Gärten, der Ölmühle und im Weinkeller beschäftigt. "Wir sind eine ganze Mannschaft", sagt Filotheos, der Mönch und Manager, und ist stolz darauf. "Ich mache das gerne. Aber ich mag alles gerne. Das Leben. Ich habe noch Appetit."

Das ist sein Lieblingswort: Orexi. Appetit. Lust. Und wahrscheinlich ist es das Geheimnis, warum ein kleines Kloster in einer verlassenen Gegend Kretas es geschafft hat, dass dieser Flecken keine gottverlassene Gegend ist. Orexi. Appetit. Lust. Auf das, was der Abt Filotheos sowieso tun muss. Und auf das, was er kann.

Es wird langsam Abend in Toploú. Gleich wird Filotheos wieder in der Kirche den Gottesdienst zelebrieren. Jeden Morgen und jeden Abend mindestens eine Stunde, meist eher anderthalb. Zwischendurch keltert er Wein, liest, isst. Zwei Mahlzeiten sind es am Tag, einmal vormittags, einmal nachmittags, abends vielleicht noch einen Apfel, eine Apfelsine. Alles aus den Gärten des Klosters. Sie machen Käse hier, backen Brot. "Wir haben auch Fleisch!", sagt er fröhlich, "sehr gutes.Vor allem Ziegen." Ist er glücklich? "Ich bin sehr zufrieden. Ich schlafe gut. Das Leben ist gut - wenn Gott es will, natürlich. Mit Seiner Hilfe."

Über der großen, schweren Tür, die konstruiert wurde, um Feinde abzuwehren, gibt es ein so genanntes "Mörderloch". Eine Öffnung, durch die man siedendes Öl auf Eindringlinge gießen konnte. Einigen ist es dennoch gelungen, ins Innere zu gelangen, 1821 etwa brachten türkische Angreifer 14 Mönche und Arbeiter um. Das Kloster Toploú war immer auch Festung - jede kretische und griechische Befreiungsbewegung fand hier Unterstützung. So wie heute der jüngste griechische Kampf, der ökonomische, gegen die Krise, die Landflucht, die Armut. Der Turm von Toploú reckt sich in den Himmel, aber die Mauern stehen fest auf dem Boden dieser Welt.

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Autor:
Michalis Pantelouris