Saint-Tropez Die Stars von der Côte d'Azur

Maler am Hafen von Saint-Tropez.

Auf die Größe kommt es nicht an. Zum Durchqueren des Ortskerns von West nach Ost braucht man schnellen Schrittes fünf Minuten, von Nord nach Süd vier. Saint-Tropez ist nicht Monte Carlo, nicht Nizza und nicht einmal Cannes: 6000 Einwohner bleiben hier in der Nebensaison unter sich. Saint-Tropez ist winzig. Aber kaum ein Ort ist zugleich so klein und so gigantisch.

Es musste kein Gunter Sachs kommen, um das Fischerstädtchen wachzuküssen (wobei Gunter Sachs, um im Bild zu bleiben, Saint-Tropez gewissermaßen entjungfert hat). Der erste Knutschfleck aber kam von den Künstlern. Das Licht, jaaa natürlich, das Licht war es, das sie vor 100 Jahren hierher zog. Vielleicht sind Künstler aber auch nur Menschen wie du und ich, haben Lust auf viel Sonne und billigen Wein und scharfen Absinth und schöne Französinnen. Denn wenn das Licht wirklich so wichtig sein soll, dann wundert es schon, dass beispielsweise die niederländische Malerei trotz Nebel und Nieselregen 200 Jahre lang stilbildend sein konnte.

Kreative und Hochstapler tauchten auf, Tunichtgute und Millionenerben

Also kamen sie hierher, mit ihren Staffeleien und ihren Farben und ihrem Durst. Kurz danach kamen die Schriftsteller mit ihren Schreibmaschinen und ihrem noch größeren Durst. In den fünfziger Jahren kreuzten Kreative und Hochstapler auf, Tunichtgute, Millionenerben, Maßanzug-Kriminelle und schöne Menschen - all jene also, die es stets vermeiden konnten, ihren Wecker wochentäglich auf 6.30 Uhr stellen zu müssen.

Saint-Tropez ist auch uns Normalsterblichen zugänglich, und das macht die Sache sexy. Hier prallt der Jetset auf den Massentourismus; der Lohnarbeiter trifft auf jene Stars, die er aus Bunte und Gala kennt. Was in St. Moritz, auf Mustique und auf Sardinien in Skihütten, 5-Sterne-Hotelbars und abgeschiedenen Buchten vor sich geht (in Sardiniens "Billionaire" muss, wer mitfeiern will, zur Reservierung ein Foto schicken, auf dass der Türsteher am Laptop entscheiden kann, ob die Nase den Stammgästen zuzumuten sei), findet hier im öffentlichen Raum statt. Der Tourist in Shorts und Sneakers schlendert an geheimnisvollen Gestalten vorbei, hinter deren Sonnenbrillen sich die eine oder andere Hollywood-Diva verbergen könnte. Es gibt ja nur dreieinhalb Cafés in Saint-Tropez, und wenn Bruce Willis Lust auf einen Cappuccino hat, dann bleibt ihm kaum eine andere Wahl. Komm, wir gehen Stars gucken! Das geht ganz leicht. Das bessere Leben scheint zum Greifen nah.

Doch den Laden am Laufen halten die Russen. Die Luxushoteliers haben mit den Oberschichtlern Ost ein Problem und doch wieder keins. Zum einen zerlegen die neuen Gäste gern einmal Hotelzimmer, vergraulen mit ihrem Gelärme blaublütige Stammgäste und sorgen für Chaos am Frühstücksbuffet. Sie wissen zum Beispiel nicht, dass man sich an der Lachsplatte mit dem Teller bedienen soll, und nehmen gleich das ganze Silbertablett mit an ihren Tisch. Gern fliegen auch mal nachts Fernseher aus höher gelegenen Stockwerken, einfach so. Zum anderen zahlen die Russen klaglos alles. Und zwar bar. Und geben obendrauf Trinkgeld in Bündeln.

Wer zu den Großen in Saint-Tropez gehören will, braucht Geld

Auch die Edel-Dienstleister hätten es schwer ohne die potenten Gäste aus Osteuropa. Das lässt sich besonders am Nikki Beach beobachten, wo alles so viel Geld kostet, dass man schon sehr reich und sehr unvernünftig sein muss, um sich hier seine Sommerbräune abzuholen. Fangen wir mal harmlos an. Handtuch-Leihgebühr: Zwölf Euro pro Tag. Parkplatz direkt am Strand (Porsche Cayenne neben Bentley Arnage neben Ferrari Modena): 500 Euro pro Tag. Flasche Champagner: 2500 Euro. Anteil der Russen an den Nikki-Beach-Gästen zur Hochsaison (geschätzt): 60 bis 70 Prozent.

Wer zu den Großen in Saint-Tropez gehören will, braucht Geld. Viel Geld. Die kleineren Großen reisen im eigenen Mercedes M-Klasse an und übernachten im Byblos,Zimmerpreis niedrigste Kategorie 500 Euro. Macht für zwei Wochen 7000 Euro nur fürs Dach über dem Kopf. Die mittelgroßen Großen lassen sich per Helikopter einfliegen (die Straße von der Autobahn nach Saint-Tropez zwingt zu furchtbarem Gegurke, vor allem wenn man von daheim das geruhsame Gleiten vom Landsitz zum Golfplatz gewohnt ist). Das macht ab Nizza rund 3000 Euro und noch einmal das Gleiche für einen angemessenen Mietwagen. Zwei Wochen inklusive Hotel bedeuten mindestens 10.000 Euro. Die großen Großen haben ihre eigene Yacht und ankern direkt vor dem Sénéquier, jenem VIP-Showroom, der sich als Café tarnt. Ein vernünftiger Liegeplatz kostet 90.000 Euro. Pro Woche. Aber wer Boote besitzt, wie sie in Saint-Tropez liegen, denkt in anderen Dimensionen. Ein Beispiel: Allein der Anstrich einer 40-Meter-Yacht kostet bis zu fünf Millionen Euro. (Wer jetzt vor Neid platzt, sollte wissen: Eine Yacht ist auch nur ein Wohnmobil. Letztlich ist das Leben an Bord wie Camping. Außer dass man Roederer Cristal trinkt statt Radeberger.)

Côte d'Azur: Sonniger Ort für schattige Leute

Während es im Club 55 noch halbwegs gesittet zugeht, ist das Voile Rouge Symbol des neuen Saint-Tropez: Hier verspritzen die Sonnenkönige in der Hochsaison regelmäßig Champagner. Aus dem Scherz eines betrunkenen Kellners ist ein Ritual geworden, das täglich bis zu viermal wiederholt wird, am helllichten Tag wohlgemerkt. Wer die meisten Bikinimädchen abspritzt, kriegt den Titel "King of Champagne". Auch Olivier Martinez gönnte sich und den Tischnachbarn schon mal eine ausgiebige Dusche, ein Mann, für dessen Familie nicht einmal Kylie Minogue gut genug war. Als er sie seinen Eltern vorstellte, hat der Vater gesagt: "Was ist denn das für ein hässlicher Zwerg?"

Playboys der alten Schule rümpfen bei derlei Exzessen die Nase. Oder rümpften, falls sie noch könnten. Saint-Tropez-Liebhaber Porfirio Rubirosa etwa war schüchtern, hasste Herrenwitze und trank den Champagner lieber, als ihn in Dekolletés verschwinden zu lassen. Nur das Autofahren betrieb er exzessiv, bis ein Baum im Bois de Boulogne zu Paris seinen Ferrari von 200 Stundenkilometern auf 0 abbremste. Rubirosa, Soraya Esfandiari, Alfonso zu Hohenlohe, Gianni Agnelli, Samir Sibaei: tempi passati, längst regiert eine andere Generation Saint-Tropez - eine Generation von Superreichen, deren Angehörige Nachnamen tragen, die viele Konsonanten enthalten. Was waren das noch für Zeiten, als die Liebesgeschichte zwischen Gunter Sachs und Brigitte Bardot gleich zwei Nationen in Atem hielt und auch ein klein wenig zur Aussöhnung der Erbfeinde Frankreich und Deutschland beitrug.

Wer über Brigitte Bardot redet, muss aber vor allem über einen Mann reden: Roger Vadim. Der Regisseur hat Mademoiselle mit dem Film "Und ewig lockt das Weib"(1956) zum Symbol für Saint-Tropez gemacht und Saint-Tropez zum Symbol für Brigitte Bardot. Zudem hat er dem Club 55 in eben jenem Jahr ein fürstliches Upgrading verpasst. Einst war es nämlich ein unscheinbares Imbisslokal, in dem während der Dreharbeiten Madame de Colmont Würstchen grillte. Vadim bestellte zwei Dutzend Portionen für die Crew, und Madame witterte Geld. Noch heute profitiert Sohn Patrice von Mamas Geschäftssinn.

Saint-Tropez war ein Außenposten der sexuellen Revolution

Ach, Brigitte. Beschäftigen wir uns ein bisschen mit ihr, weil man das gar nicht oft genug tun kann. Die gebürtige Pariserin ist nicht wie eine Dea ex Machina über Saint-Tropez gekommen: Ihre Eltern hatten ein schönes Ferienhaus in der Rue de la Miséricorde direkt an der Dorfkirche. "Sie nur anzusehen war ein Liebesfilm", sagt Gunter Sachs, denn sie war keineswegs, wie häufig geschrieben, ein hässliches Entlein, das erst mühsam zum schönen Schwan aufgehübscht werden musste: Nein, sie nahm seit ihrem fünften Lebensjahr Ballettunterricht, erhielt mit 14 ihre ersten Model-Aufträge und tauchte mit 15 auf Magazincovern auf.

Saint-Tropez war ein Außenposten der sexuellen Revolution, denn Brigitte und ihre Freundinnen haben sich in den frühen Sechzigern auch mal oben ohne gesonnt, was von der Schmierlappenpresse zum Skandal hochgehechelt wurde. Aber wenn man die Fotos genau betrachtet, fallen doch die markanten Bikinistreifen auf. Brigitte war ein braves Mädchen. Bis heute ist sie Saint-Tropez treu.

Ein sonniger Ort für schattige Leute sei die Côte d'Azur, hat Somerset Maugham festgestellt, und das, finden die Alteingesessenen, sei nie so wahr gewesen wie heute. Aber wer sich heute über die Russen aufregt, hätte sich früher bestimmt über die Nacktbader geärgert. Auch damals wurde von Verrohung der Sitten gesprochen. Und ganz nebenbei: Viele der damaligen Playboys sind ebenfalls nicht durch ehrliche Arbeit oder zumindest durch ein anständiges Erbe reich geworden. Wer die Russen verachtet, der hat auch kein Recht, die fünfziger Jahre zu verklären. Denn die südamerikanischen Märchenprinzen von damals haben ihr Geld nicht mit handgewebten Ponchos verdient.

Und so romantisch waren die Lebemänner von einst nun auch wieder nicht. "Verlieben", sagte der unvergleichliche Gianni Agnelli einmal, "ist was für Dienstmädchen." Aber Agnelli war immer lieber in Monte Carlo.

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Autor:
Stefan Maiwald