Paris Le Louvre

Wie hell es hier ist. Morgenlicht flutet durch die Glaspyramide in die Eingangshalle. In wenigen Minuten wird der Louvre seine Tore öffnen, einige hundert Menschen aus aller Welt warten schon im Untergeschoss vor dem haushohen Stahlgitter, das pünktlich um neun Uhr zur Seite fährt. Am Einlass wird der Zustrom kanalisiert, fährt leichtes Gepäck durch den Security-Check wie am Flughafen, jeder Rucksack, jede Handtasche wird geröntgt, mein Notizbuch auch.

Ist das ein Museum? Eher ein großformatiger Terminal der schönen Künste. Eine Wendeltreppe strebt spielerisch ans Licht, Rolltreppen, Ticketautomaten, Kassen und die Infoinsel in der Mitte, der Auftritt dieser Abflughalle aus poliertem Burgunder Sandstein wirkt mondän, gibt immerhin sieben Millionen Menschen Raum, die hier im Lauf des Jahres einchecken, zum Wandertag im größten Museum der Welt. Knapp zwei Drittel kommen aus dem Ausland, die meisten in Turnschuhen, für viele Kilometer Langstrecke gerüstet.

Das Rennen beginnt, der Volkslauf zur Mona Lisa, in Schnäppchenjägergeschwindigkeit, als hätte ein Kaufhaus zum Sommerschlussverkauf die Tore geöffnet. Geradeaus führt der Weg ins tiefe Mittelalter, in die Geschichte des Louvre. Wuchtige Quader bilden das Fundament der alten Trutzburg mit Zugbrücke und Wassergraben, die Reste des Donjons, des mächtigen runden Wohnturms in der Mitte. Die Lichtregie taucht das Mauerwerk in kryptisches Dunkel, ich bin ohne Aufsicht, allein mit dem vergoldeten Paradehelm Karls VI., diebstahlsicher unter Glas. Die Vitrine hat den Louvre erobert, vandalensichere Doppelverglasung, der Museumsbesuch als Schaufensterbummel liegt im Trend. Hier kommt so schnell nichts weg, aber von Burg und Turm blieben nur die Fundamente, als Franz I. beschloss, an ihrer Stelle ein Renaissance-Schloss zu bauen. Katharina von Medici, seine Schwiegertochter, fügte im Westen, wo einst Ziegeleien (tuileries) standen, ein langgestrecktes Schloss hinzu, Heinrich IV. verband mit der 450 Meter langen "Grande Galerie" den Louvre mit den Tuilerien. Sein "grand dessein" sollte die Anlagen zu einem riesigen Geviert zusammenschließen, eine königliche Vision, die erst Napoleon III. Realität werden ließ.

Ein Palast der langen Wege. Ich wende mich den Etruskern zu, durchschreite das alte Rom und finde mich im Skulpturenpark der griechischen Sammlung. Die Venus von Milo ragt aus der Brandung ihrer Bewunderer, bauchfrei, aber nicht als Einzige im Saal. Nur wenige Flure weiter schlendert die Welt des 21. Jahrhunderts durch das alte Ägypten.

Am Ende lächelt ein ptolemäischer König mit abstehenden Ohren. Neben ihm steht eine Göttin oder Königin; niemand behauptet, dass es Kleopatra sei, aber die Ähnlichkeit mit Liz Taylor ist verblüffend.

Eine breite Showtreppe führt zur Nike von Samothrake, der kopflosen Göttin des Sieges; beflügelt steht sie am Bug eines Schiffes wie Kate Winslet an Bord der "Titanic", filmreif, alles knipst. In der Apollo-Galerie ist damit Schluss, angesichts der Kronjuwelen gilt striktes Fotografierverbot auch für Handys.

Napoleon war ein Kunsträuber

Frankreichs Könige waren Kunstsammler mit sicherem Gespür für Qualität. Ludwig XIV. vergrößerte die Kollektion von wenigen hundert auf 2300 Bilder. 1793 wurde Ludwig XVI. enthauptet, im selben Jahr eröffnete der Nationalkonvent den Louvre als Haus der Künste. Das Volk durfte hinein, und im Erdgeschoss der Grande Galerie hatten Künstler ihre Ateliers.

Heute sind es nur wenige Auserwählte, die hier vor ihren Staffeleien stehen. Still arbeiten die Kopisten in den Sälen der italienischen, französischen und spanischen Meister. Weniger als 200 Lizenzen werden pro Jahr erteilt, sie werden für drei Monate jeweils für ein Gemälde vergeben; gemalt werden darf nur am Vormittag, und um eventuellen Austauschversuchen vorzubeugen, muss die Kopie mindestens 20 Prozent größer oder kleiner angelegt werden als das Original und darf nicht mehr als 40 mal 50 Zentimeter groß sein. Dafür wird die Rückwand des Bildes mit dem begehrten Stempel der Museumsleitung geadelt. Alles unter Kontrolle. Eher bleiben Säle und ganze Abteilungen geschlossen als ohne Aufsicht. Dabei hängt in vielen Sälen heiße Ware.

Der effektivste Kunsträuber des Abendlandes war Napoleon Bonaparte, der Pate des Louvre. Seine Kunstsachverständigen folgten seinen Armeen, räumten in den eroberten Ländern ab, was sich an Schätzen mitnehmen ließ, und brachten es nach Paris. Besonders reich war die Beute in Italien und in Ägypten, wo Vivant Denon, unter Napoleon Direktor des Louvre, mit sicherem Blick kassierte, was dem Ruhme Frankreichs dienen konnte. Die ägyptische Sammlung gilt mit 50.000 Exponaten, von denen nur 5000 in 30 Sälen gezeigt werden, als die bedeutendste der Welt - außerhalb Kairos.

Im Kielwasser hereinströmender Beutekunst wurde der Louvre auf kaiserlichen Befehl zum Musée Napoléon. Auch wenn der Name bald wieder verpönt war und ein großer Teil der eroberten Bilder zurückgegeben werden musste: ein Nationalmuseum ist es geblieben, eine vielfältige und anschauliche Chronik der Geschichte Frankreichs, von Peter Paul Rubens' Glorifizierung des Königshauses in 24 großformatigen Auftragsarbeiten über Hyazinthe Rigauds überaus majestätischen Sonnenkönig bis zu Delacroix' Fahnen schwingender Freiheit im Volksaufstand vom 28. Juli 1830, in dessen Verlauf auch der Louvre gestürmt wurde. Aber die Sammlung blieb unversehrt. Auch als die Kommunarden 1871 die Tuilerien niederbrannten, kamen die Gemälde in der benachbarten Grande Galerie nicht zu Schaden.

Naturgemäß verlangt und verdient kein Herrscher so viel Aufmerksamkeit wie Napoleon Bonaparte, von der ersten Skizze Jacques-Louis Davids bis zum Kolossalgemälde der Krönung Josephines. Im Pesthaus zu Jaffa wächst der kleine Feldherr mithilfe der Malerei zur Größe de Gaulles, sichtlich verfroren überquert er auf einem Gemälde die Alpen, sein armer Gaul, ein Brauner,wirkt total erschöpft, ich bin es, nach vorerst 157 Sälen Wanderung, auch.

Mystik, Musen, Liebe und Tod

Das Café auf der Dachterrasse lädt zur Pause und zum Blick auf die Glaspyramide des Leoh Ming Pei. Frankreichs Präsident (und letzter "Pharao") François Mitterrand hatte den sino-amerikanischen Architekten persönlich ausgewählt, um sein Projekt "Le Grand Louvre" zu vollenden, mit der genialen Idee, das verschachtelte und verstiegene Bauwerk nach unten zu erweitern und mit Licht und Grandeur zu füllen. Das Areal, 16 Hektar groß, bietet nun eine Schaufläche von 60.000 Quadratmetern.

80 Prozent der Objekte wurden bewegt, neu gehängt, in besserem Licht präsentiert. Die größte Schwierigkeit war es, Édouard Balladur und sein Finanzministerium umzusiedeln, der jahrelang hartnäckig mit seinen Beamten den Nordflügel besetzt hielt, obwohl längst ein schönes neues Amtsgebäude bereitstand. Schließlich gelang auch dies, und weil der Präsident ein Gespür für die Kraft der Symbole hatte, wurde "Le Grand Louvre" am 18. November 1993, zum 200. Jahrestag der Freigabe für das Volk, eröffnet.

Paris ist die Mitte der Welt, aus französischer Sicht gehört die Kunst des Nordens eher zu den Randthemen, sie hängt nicht an den Prachtstraßen des Louvre, sondern zumeist in beschaulichen Kabinetten, was die Konzentration auf die Kostbarkeiten von Rembrandt und Vermeer, Dürer und Holbein eher fördert. Eine Schulklasse sitzt auf dem Boden vor dem Selbstbildnis des jungen Dürer, im stillen Dialog mit dem langhaarigen Typen aus Nürnberg, der hier gut in Turnschuhen durch die Gänge schlendern könnte.

Wer durch die Flure und Säle wandert, staunt über die Vielfalt der Variationen zum Thema Tod. Der Louvre ist das größte Leichenschauhaus der Welt. Nirgendwo hängen, liegen oder schwimmen so viele Tote, gekreuzigt, gemartert und gemordet, dahingerafft im Schlachtengetümmel der, wie Paul Delaroches 1855 gemalte junge Märtyrerin, in geradezu verklärtem Liebreiz, mit gefesselten Händen im Wasser treibend, leblos, ein Spiel der Wellen, wie die armen Kerle auf Théodore Géricaults Kolossalgemälde "Das Floß der Medusa."

Kein Wunder, dass es so realistisch wirkt, der Meister hat monatelang Naturstudien an Lebenden und Toten betrieben, ehe er ans Werk ging. Wer die Freuden des Lebens sucht, findet das Liebesspiel zwischen Nymphe und Satyr, Diana im Bad oder den Engel der Verkündigung auf goldenem Skateboard, und wer einfach nur schöne Frauen liebt, kommt an der schwarzen Schönen von Marie-Guillemine Benoist nicht vorbei, ein Hingucker im Salon von 1800, ein revolutionäres Bild in Zeiten des Umbruchs.

Bodyguards für die Mona Lisa

Wenig später, 1804, kam das berühmteste aller Bilder in den Louvre: Die Mona Lisa lächelte schon länger in den königlichen Residenzen von Fontainebleau und Versailles. Das Bild wechselte im Louvre noch mehrfach den Platz. 1911 raubte es ein italienischer Anarchist und verschleppte Mona Lisa nach Florenz. Erst nach zwei Jahren tauchte die schöne Unbekannte wieder auf Nun hat sie eine Wand ganz für sich allein, in der neu gestalteten Salle des États. Jeden Tag streben im Schnitt mehr als 20.000 Besucher in diesen Raum. Bodyguards im feinen Zwirn halten sie mit grimmigen Blicken in Schach und wachen, dass niemand fotografiert. Mona Lisa blickt wie immer leicht amüsiert, ihre Hände ruhen lässig auf den Häuptern ihrer Bewunderer, die sich im Panzerglas spiegeln.

Die wahre Identität der Dame ist bis heute nicht endgültig geklärt, es gibt nur Vermutungen. Einer zufolge wäre sie die Ehefrau des einflussreichen Florentiners Francesco del Giocondo - daher der französische Name "La Joconde" für das Bild. Eine andere besagt, dass es sich um ein androgynes Selbstportrait ihres Schöpfers Leonardo da Vinci handeln könnte. Wer der Joconde den Rücken zudreht, sieht sich PaoloVeroneses "Hochzeit zu Kana" (1562/63) gegenüber, mit einer Fläche von knapp 70 Quadratmetern größtes Bild des Museums. Napoleon hat es in Venedig erobert. Dort hing es im Speisesaal eines Benediktinerklosters.

Ein prächtiger Saal. Die Schatzkammer der Weltkunst wurde für fünf Millionen Euro mit den Geldern eines japanischen Fernsehsenders vollkommen neu gestaltet. Mäzene tragen das Museum auf Händen, sammeln in guten Jahren annähernd hundert Millionen Euro, zwei Drittel des Etats. Eine Ölfirma sponserte die Restaurierung der Galerie d'Apollon, ein saudischer Prinz stiftete 20 Millionen Dollar für einen Flügel mit islamischer Kunst und die Gesellschaft der Museumsfreunde des Louvre, ein Verein mit fast 75.000 Mitgliedern, hat in mehr als hundert Jahren über 700 Kunstwerke erworben. Alles im Louvre geschieht in großem Rahmen. Zwei Metrostationen tragen seinen Namen. Der Grand Louvre, ein staatlicher und ein stattlicher Konzern mit 2000 Angestellten, zählt zu den modernsten Museen weltweit.

Das Tagesgeschäft zwanzigtausendfacher Besucherlenkung ist nur der sichtbare Teil der vielfältigen Aufgaben des Museums. Der Louvre zählt zu den Pionieren des Internets: Seit 1995 hat die Internet-Seite www.louvre.fr mehr als 35.000 Werke aller Sparten und 130.000 Zeichnungen der Grafischen Sammlung ins Netz gestellt. Hinzu kommen Forschung und Lehre. Im Louvre haben rund 1800 Studenten und einige tausend Gasthörer einen Studienplatz erobert, die École du Louvre verfügt über 40 Lehrstühle. Im Forschungszentrum des Louvre arbeiten Wissenschaftler und Restauratoren mit Röntgengeräten, Rasterelektronenmikroskopen und Teilchenbeschleunigern, und zerstören durch den Neutronenbeschuss von Kunstwerken manche Legende über deren Herkunft. Auf diese Weise kam zur Betrübnis der Berliner auch heraus, dass ihr Mann mit dem berühmten Goldhelm in der Gemäldegalerie kein echter Rembrandt ist. Allein das Metropolitan Museum in New York verlor durch die Untersuchungen der Pariser Wissenschaftler 20 seiner 40 Rembrandts.

Auch der Louvre verliert an Substanz, planmäßig. Eine Dependance soll geschaffen werden, im kulturellen Niemandsland, auf einem ehemaligen Zechengelände im Industrierevier der nordfranzösischen Stadt Lens. Ein 117-Millionen-Euro-Projekt. Im Jahr 2009 sollen im "Louvre Lens" Kunstwerke aus den Schatzkammern vom Seineufer gezeigt werden.

Sollte im Louvre schon jetzt das eine oder andere wichtige Werk nicht zu finden sein, lohnt vielleicht eine Reise in die USA, nach Atlanta, der Hauptstadt von Coca-Cola. Dort werden im High Museum, in einem eigens vom Genueser Architekten Renzo Piano geschaffenen Anbau, rund 200 Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Antiken sowie Mobiliar und Kunsthandwerk aus dem Louvre zu sehen sein. Die Amerikaner haben einige Millionen Euro dafür gezahlt, Geld, das der Louvre für dringende Renovierungen braucht. So viel ist sicher: Werke aus der Sammlung Ludwig IV. werden nach Übersee reisen. Aber Mona Lisa bleibt in Paris.

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Autor:
Emanuel Eckardt