Frankreich Marseille ist Kulturhauptstadt 2013

Die königlichen Festungen vor Marseille waren einst mit zwei Reihen Kanonen bestückt. Eine Reihe zielte aufs Meer, die andere in die Stadt, denn die Herrschenden in Paris misstrauten dem aufmüpfigen Süden schon immer. Nach der Revolution verlor Marseille zur Strafe für die Unbotmäßigkeit sogar seinen Namen. Jetzt wird "la ville rebelle", die aufsässige Stadt, hübsch und sauber gemacht, denn Marseille ist 2013 Europäische Kulturhauptstadt.

Frankreichs ältester Stadtteil, der Panier über dem Alten Hafen, ist schon aufgeräumt: Feuchte, billige Altstadtquartiere, Spelunken und kleine Krämerläden haben sich in teure Eigentumswohnungen, Boutiquen und Designerläden verwandelt. Dahinter beginnt das ganz neue Marseille. Mehrere Milliarden Euro kostet das neue Geschäftsviertel Euromediterranée zwischen dem ehemaligen Industriehafen und dem einst verrufenen Bahnhofsbereich. Wer nicht mithalten kann, muss wegziehen. Die Armut sammelt sich in den Betonsilos am Stadtrand.

Das einst größte Getreidesilo Frankreichs ist nun Kulturzentrum

Euroméditerranée-Sprecher Anthony Abihssira steht vor dem Modell des größten Stadtentwicklungsprojekts Westeuropas: Eine futuristische Stadtlandschaft, aus der Wolkenkratzer ragen. Dazwischen funkeln auf weiten, glatt gepflasterten Flächen gläserne Würfel wie das neue Museum der Mittelmeerzivilisationen MUCEM. Die Anlage direkt am Meer soll ein Kulturzentrum mit Konzertsaal, Café und Konferenzräumen werden: nackte Betonwände, moderne minimalistische Einrichtung. 

Über dem Alten Hafen hat die Stadt das ehemalige Armen- und Krankenhaus Vieille Charité aus dem 17. Jahrhundert ebenfalls zu einem Kultur- und Veranstaltungszentrum mit Café, Bibliothek, Kino, Museen, Lesungen, Konzerten, Ausstellungen, dem internationalen Zentrum für Poesie cipM, einer Hochschule für Sozialwissenschaften und vielen anderen Kulturangeboten umgebaut.

Zum Kulturhauptstadtjahr 2013 lässt es Marseille zusammen mit rund 80 weiteren Städten und Dörfern der Provence richtig krachen: 60 Kultureinrichtungen ließen Stadt, Staat und Region für insgesamt 660 Millionen Euro um- oder neu bauen. An den Projekte arbeiteten unter anderem bekannte Architekten wie Rudy Ricotti, Kengo Kuma, Stefano Boeri, Jean Nouvel und Frank Gehry. Für das Programm haben die Veranstalter mit rund 98 Millionen ganz groß eingekauft. Es wird vier Kapitel geben - eines für jede Jahreszeit. "Marseille empfängt die Welt", "die strahlende Stadt", "die Kunst kommt an die Luft" und "Enthüllungen" sollen Besucher mit mehr als 400 Veranstaltungen locken: Musik-, Literatur und Lyrikfestivals, Straßen- und Open-Air-Events, Malerei-, Fotografie und viele weitere Ausstellungen.

Auch hinter dem Bahnhof Saint Charles ist Kunst zu sehen. Junge Leute haben einst die leer stehende Zigarettenfabrik besetzt. Inzwischen haben sie Mietverträge. Die Stadt gestaltete das 120.000 Quadratmeter große Gelände im Stadtteil Belle de Mai zu einem Medien-, Kultur- und Kreativzentrum um. Zahlreiche Konzerte, Ausstellungen und andere Events finden hier während der Zeit als Europäische Kulturhauptstadt statt.

Den Schriftsteller Albert Camus würdigen die Macher zu seinem 100. Geburtstag mit einer eigenen Ausstellung, ebenso berühmte Maler wie Vincent van Gogh. Roter Faden aller Programmpunkte sind Kunst, Kultur und Leben rund um das Mittelmeer. Stellvertretender Programmleiter ist Ulrich Fuchs, der schon Bremens Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2010 begleitet und in Linz die Europäische Kulturhauptstadt 2009 mit geleitet hat. Er will 2013 auch Künstler und Blogger des "arabischen Frühlings" nach Marseille holen.

Immer tiefer frisst sich das 21. Jahrhundert in die älteste Stadt Westeuropas

Die Anfänge Marseilles gehen weit zurück: Phönizier gründeten vor rund 2600 Jahren in der Nähe einer Süßwasserquelle an der geschützten Bucht eine Siedlung. Der Alte Hafen, in dem heute vor allem Yachten liegen, wurde die Keimzelle Marseilles, die Stadt dann zu Europas Tor zum Süden - und Afrikas Tor nach Europa. Noch gilt die nördliche Innenstadt als größte arabisch-afrikanische Siedlung des Alten Kontinents: Handyläden und Imbissbuden sind in die Erdgeschosse der von Ruß und Abgasen angegrauten einstigen Bürgerhäuser gezogen, dazwischen Schmuck- und islamisch-korrekte Bekleidungsgeschäfte, in deren Schaufenster Frauenköpfe aus Plastik die gerade angesagte Kopftuchmode zeigen. Andere präsentieren blütenweiße Brautkleider oder glitzernden Goldschmuck. Draußen eilen bärtige Männer vorbei, manche in orientalische Kaftane gekleidet, verschleierte Frauen mit Kinderwagen und coole Jungs in Kapuzenpullis. Wie Raumschiffe durchziehen die gläsernen, nagelneuen Straßenbahnen diese untergehende Welt des Wildwuchses.

"Der Umbau im Zuge der Ernennung zur Kulturhauptstadt betrifft uns nicht", meint derweil Pierre Carava, der Sprecher der Kaufleute rund um den Cours Julien, einer der schönsten Plätze im alten Marseille. Quartier des Créateurs, Viertel der Kreativen, nennt sich sein Kiez, dessen schmale Gassen mit Graffiti besprühte Stadthäuser aus dem 18. Jahrhundert säumen. Fast jeden Tag eröffnen hier neue Cafés, ein kleines Restaurant, ein Designerladen, eine Boutique oder eine Galerie wie das Grand Terrain. Leiterin Mireille Bagby versteht ihre Ausstellungsräume mit Bar und gemütlichen Sitzgelegenheiten als "Labor, das Künstler begleitet und vernetzt".

Während die junge Frau Anfang 30 ihr Konzept erklärt, fallen immer wieder knochenförmige Plastikstückchen raschelnd zu Boden: Ein Kunstwerk, das sich laufend selbst verändert. Aus zwei Kilometern Klebeband hat Laurent Leboris Hunderte Klumpen geformt und zu einem amorphen, von der Decke hängenden Ungetüm zusammen geklebt. In fünf Tagen wird das Werk Stück am Boden liegen. Manche Besucher machen einen großen, respektvollen Bogen um die heruntergefallenen Klebebandklumpen. Andere laufen mitten hindurch und freuen sich über das laute Rascheln, das sie dabei auslösen. "Es ist ein Organismus, der sich ständig wandelt - wie das Leben".

Sie planen eine Reise nach Marseille? Lesen Sie hier unseren Reisebericht über die Kulturhauptstadt 2013.

INFO

Europäische Kulturhauptstadt Marseille-Provence: www.marseille-provence2013.fr. Als Ergänzung und kritischer Begleiter der Europäischen Kulturhauptstadt versteht sich der Verein "Marseille 2013 off" mit eigenen Programm: www.marseille2013.com. Tourist-Info: Office de Tourisme, www.marseille-tourisme.com

Veranstaltungen in der Kulturhauptstadt Marseille 2013:

Februar: Zirkusfestival
April: This is (not) Musik, Kunst- und Musikfestival
April bis Juni: große Rodin-Ausstellung
Mai/Juni: Die erstaunliche Geschichte der Straßenkunst Transhumance (der historische Zug der Wanderschäfer in die Alpen)
Juni/Juli: Festival der lyrischen Kunst in Aix en Provence
Juni bis September: Ausstellung Maler der Mittelmeerregion
Juli bis September: Open Air Konzerte, Klaviermusikfestival,  Fotografiefestival Rencontres de la Photographie in Arles
September: Metamorphosen
Oktober: la Fiesta des Suds
Oktober bis Dezember: Albert Camus Ausstellung "Der Fremde, der einer von uns ist"
November: Jugendkulturfestival Révélations

Hotels in Marseille:

Zentral, freundlich, einfach, nicht unbedingt leise aber perfekt direkt am Alten Hafen liegt das 2-Sterne-Hotel Hermès, www.hotelmarseille.com. Im bislang touristenfreien und doch mit seiner Natur und seinen Gegensätzen immer wieder überraschenden Marseiller Norden haben sich Einwohner zur Kooperative "Hôtel du Nord" zusammengeschlossen. Unter einem gemeinsamen Label vermieten sie in ihren Wohnungen und Häusern Gästezimmer. Im angesagten Altstadtviertel Panier liegt das kleine, von Künstlern gestaltete Gästehaus Au Vieux Panier, www.auvieuxpanier.com

Marseille Sehenswürdigkeiten:

Der "Rote Faden der Geschichte" (fil rouge de l’histoire) verbindet als rote Markierung im Straßenpflaster die Sehenswürdigkeiten der Altstadt. Einen Führer dazu gibt es im Office de Tourisme, wo der Rundgang startet und endet.
Künstler haben sich zum Beispiel den ländlichen, naturbelassenen Seiten der Großstadt in einem eigenen Projekt - dem Wildmarseille - gewidmet. Sie wollen die Trennung zwischen Mensch und Natur überwinden.
Als Stadt in der Stadt baute Le Corbusier in den 50er Jahren die Cité Radieuse, ein gigantischer Betonblock mit allen Versorgungseinrichtungen unter einem Dach, inklusive eigenem Hotel.

Shopping in Marseille:

Schmeckt Schokolade mit Lavendel, Zwiebeln, Basilikum oder Olivenöl und dafür ohne Butter? La Chocolatière du Panier bietet nach den vom Urgroßvater überlieferten Rezepten 138 verschiedene, selbstgemachte Schokoladensorten. Mitten zwischen modernen Designerläden Galerien und (alternativen) Kneipen hat am Cours Julien eine der letzten traditionellen Seifensiedereien überlebt. Der stolze Eigentümer Serge Bruno, selbstverständlich "Maître Savonnier" zeigt gerne, wie die traditionelle Seife hergestellt wird.

Feiern in Marseille:

Ein kleiner Kulturverein betreibt mit ehrenamtlichen das kleine gemütliche Café Tabou/Cournat d’Air (Do.-So., oft Livekonzerte und Lesungen), 45, rue de la Coutellerie (auf der Nordwestseite des Alten Hafens). Aktuell kreatives In-Viertel ist der Cours Julien. Dort sitzen auch die WAAWis, www.waaw.fr. Leckeres aus fairem Handel, Konzerte, Lesungen und Diskussionen im Equitable Café, www.equitablecafe.org

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Autor:
Robert B. Fishman