Frankreich Radtour durch die Provence

Zartblau ist der Himmel, die Luft blütenschwer. Hinter uns verschwindet Aix-en-Provence, die Stadt, in der einst die Römer ihre Füße ins Wasser heißer Quellen tauchten und die die meisten Franzosen, laut aktuellen Umfragen, für den idealen Ort zum Leben halten. Und tatsächlich: Meiner Freundin Anja und mir fällt es schwer, uns von den sonnigen Plätzen, Gassen und den Cafés an der Platanenallee Cours Mirabeau loszureißen. Aber wir müssen aufbrechen, denn wir haben einiges vor: Wir werden 250 Kilometer durch eine der schönsten Gegenden Frankreichs radeln, bis nach Avignon, in die Stadt der Päpste.

Wir wollen so viel wie möglich von der Provence erleben: kalten Rosé trinken, köstlichen Käse essen und die warme Sonne spüren. Und sportlich soll die Tour auch werden - moderat allerdings. Nach der ersten Anhöhe des Petit Lubéron geht es erst einmal eine lange Zeit bergab. Über 500 Höhenmeter rollen wir entspannt ins Tal der Durance. Mittelalterliche Dörfer tauchen am Horizont auf, die sich an Anhöhen klammern. Rechts und links von uns liegen bunt gesprenkelte Blumenwiesen und Lavendelfelder.

Als wir am Nachmittag im Ort Fontaine-de-Vaucluse die Beine ausstrecken, ist aller Ballast, den wir im Kopf hatten, abgefallen. Radeln in der Provence bedeutet zwar Training für den Körper, aber auch Wellness für die Seele. Auf den vielen Steigungen ist die Mousse au Chocolat vom Vorabend schnell abgearbeitet. Die Schönheit der Landschaft bei einem Südfrankreich Urlaub lenkt von der Anstrengung ab: Unmöglich, den Blick schweifen zu lassen, ohne entspannt zu lächeln.

In Fontaine-de-Vaucluse ist die Natur wild und ursprünglich. Einen kurzen Spaziergang von unserem Hotel entfernt, bricht der Fluss Sorgue aus einer gewaltigen Karstquelle und stürzt unter Getöse talwärts. "Zwar nicht gerade Niagara, aber beeindruckend", sagt Anja, die die Stars der Wasserfälle vor langer Zeit life erlebt hat.

Das Wasser begleitet uns, als wir am Morgen weiter nach L’Isle-sur-la-Sorgue radeln. Das Städtchen ist von Kanälen durchzogen, ein Mini-Venedig und sehr ruhig. Als wir die Räder über das Kopfsteinpflaster schieben, humpelt Anja leicht: "Muskelkater", sagt sie. Ich verkneife mir ein: "Statt mich auszulachen, hättest du lieber mitmachen sollen bei meinen Aufwärm- und Dehnübungen vor dem Start."

Der Morgen ist sonnig. Wir strampeln den Alpilles, den "kleinen Alpen" entgegen, einer Gebirgskette aus Kalkstein. Ihre zerklüfteten, fast weißen Gebirgsstöcke zeichnen sich gegen den blauen Himmel ab. Olivenhaine ziehen in Zeitlupe an uns vorüber, Blumenwiesen, Lavendelfelder und Dörfer mit Häusern, vor denen Blumenkübel stehen, aus denen es rot, blau, gelb lodert. Wir fahren durch einen Farbenkasten, graue Gedanken werden einfach übermalt: Wir sind in Hochstimmung.

Maussane, die Oliven-Kapitale der Provence

In Maussane, der Oliven-Kapitale der Provence, rasten wir und kaufen je ein Fläschchen fruchtiges Olivenöl. Es soll schließlich eines der besten der Welt sein. Dass auch kleine Alpen die Beine ganz schön strapazieren können, wird uns klar, als wir auf Les Baux zustrampeln, ein in Fels gehauenes Örtchen, über dem eine gewaltige Burgruine aufragt. Mein Herz hämmert, die Waden stechen, und Anja keucht und krümmt sich: "Ist das nicht wundervoll hier?" fragt sie und strahlt.

Wieder ein Anblick, der Mühen fast völlig vergessen lässt, den Rest besorgen der Hotelpool, in dem wir unsere Muskeln von Massagedüsen bearbeiten lassen, und ein herrliches Essen: Ziegenkäse auf grünen Salaten, gegrillte Lammkoteletts mit Kräutern der Provence und sündige Mousse an Lavendeleis.

Der nächste Tag beginnt mit einem weiteren Farbspiel: In der Morgensonne leuchten die Felsmassen von Burg und Stadt pink. Wir fahren auf Arles zu. Schon der römische Kaiser Honorius schwärmte von der Lage der Stadt an der Rhône. Wir sind ganz seiner Meinung, schlendern über Märkte, bewundern das antike Theater und das herrschaftliche Amphitheater, wo im Sommer die unblutigen provenzalischen Stierkämpfe stattfinden.

Arles ist, nach Rom, die Stadt mit den meisten römischen Bauwerken. Beschaulich geht es hier zu, dörflich. Sie scheint mir vertraut: Vor dem Fenster unseres Zimmers liegt die Place du Forum, die fast jeder schon einmal gesehen hat: unter dem funkelnden Sternenhimmel auf Vincent van Goghs Gemälde "Terrasses des Cafés am Abend". Der Maler lebte von 1888 bis 1889 rund 16 Monate lang in Arles: Schauplatz seines persönlichen Unglücks - hier schnitt er sich einen Teil seines Ohrs ab - und auch seiner kreativsten Periode. Allein 187 Ölbilder malte er in der Stadt. Vor seinen Dämonen floh er ins Sanatorium in Saint-Rémy, einem benachbarten Städtchen, wo er weitere Meisterwerke schuf.

Seit jeher lockt die Provence Künstler, die von dem Licht und den Motiven schwärmen. Auch Handwerker lassen sich inspirieren und schaffen filigran und farbenfroh gemusterte provenzalische Stoffe, Kacheln und marmorierte Keramikgeschirre und -gefäße. Die Natur gibt die Farben vor: rot wie die Farbe des Ockers bei Roussillon, gelb wie die Sonnenblumen Avignons, grün wie die Olivenbäume, blau wie der Himmel.

Die Camargue steht zum großen Teil unter Naturschutz

Für uns bedeutet das: ein riesiges Shopping-Vergnügen. An jeder Ecke finden wir Dinge, die wir unbedingt brauchen. Kein Problem, da unser Gepäck uns im Bus folgt. Meine Tischdecke, Sets und eine passende Kochschürze in Gelb und Blau leuchten wie ein Sommertag. Und Anja kauft Öl- und Essigflaschen aus bunter Keramik und behauptet, die seien so zauberhaft, dass sich darin bestimmt Billigprodukte aus dem Supermarkt in Gourmetware verwandeln würden.

Südlich von Arles erstreckt sich die Camargue, die zum großen Teil unter Naturschutz steht. Sie ist Heimat schwarzer Stiere, weißer Pferde und rosafarbener Flamingos. Eine grüne Marschlandschaft, salzige Luft, Deiche und überall Wasser: die beiden Mündungsarme der Rhône.

Unsere Tour endet in Avignon. Drei Tage wollen wir uns hier ausruhen. Wir bestaunen den Papstpalast mit seinen Türmen und Zinnen, die mächtige Stadtmauer, die Kathedrale und die Brücke, von der nur noch eine Ruine in die Rhône ragt. Schließlich landen wir in einem Café am Marktplatz. Bald summen wir "Sur le pont d’Avignon", spucken Kirschkerne in den Rinnstein. Wir kichern wie Teenager, fühlen uns jung und stark und beschließen, am nächsten Tag einen Ausflug in die Berge zu machen, ins Weinparadies.

Châteauneuf-du-Pape - die Päpste machten den Ort zu ihrer Sommerresidenz

"Bonjour Mesdames, bienvenue!", begrüßt uns der Patron in der Probierstube seines Guts in Châteauneuf-du-Pape. Die Päpste machten den Ort zu ihrer Sommerresidenz, als sie sich ab 1309 in Avignon niederließen, Rom mit seinen politischen Wirren war ihnen zu ungemütlich geworden. Beim Verkosten halten wir uns zurück: Auf dem Rückweg erwarten uns beeindruckende Steigungen und Serpentinen.

Der letzte Tag. Mittags noch ein Glas Rosé unter Platanen, dann müssen wir packen. Zwischen Shorts und T-Shirts stopfen wir Gläser mit Honig, eine Flasche Wein, Olivenöl, Tischdecken, Kissenbezüge und Säckchen mit Kräutern und getrockneten Lavendelblüten: ein kleiner Vorrat für Gaumen und Seele, bis wir wiederkommen.

Sie wollen mehr über die Provence lesen Insider und Prominente wie der Schriftsteller Peter Mayle, Insider und Liebhaber wie Ulrich Wickert verraten ihre besten Tipps. Oder haben Sie Appetit bekommen? Rezepte aus der Provence finden Sie hier.

INFO

Anreise: Mit dem Auto zwei Tage einplanen - oder mit dem Flugzeug nach Marseille, z. B. mit Air France, www.airfrance.de

Veranstalter: Rotalis bietet geführte Reisen durch die Provence an, www.rotalis.com. Weinradel hat eine achttägige Radreise mit kulinarischem Schwer punkt im Programm, www.weinradel.de.

Übernachten: Hotel "Cèzanne" in Aix-en-Provence. Stylische Zimmer, urbane Atmosphäre, www.hotelaix.com. "Grand Hôtel Nord Pinus" mitten in Arles. Traditionsreiches Haus, edel und atmosphärisch, www.nord-pinus.com. Hotel "Bristol" in Avignon. Freundliches, innerhalb der Stadtmauern gelegenes Haus mit 67 modern eingerichteten Zimmern, www.bristol-avignon.com

Autor

Stefanie Bisping