Frankreich In Versailles dem König untreu werden

Das Schloss von Versailles? Keine Frage, muss man gesehen haben. "Aber heute nicht", sagt Simon entschieden. "Die Schlange ist zu lang." Selbst an einem kühlen Tag wie heute stehen sich auf dem Schlossvorplatz beachtlich viele Menschen die Beine in den Bauch. Japaner, Amerikaner und Spanier warten auf Einlass in die Gemächer des Sonnenkönigs. Simon, waschechter Versaillais und Wahlhamburger, hat anderes vor: Er will seinen deutschen Freunden lieber seine Heimatstadt zeigen.

Die knapp 90.000 Einwohner zählende Stadt (keine 30 Minuten mit dem Zug von der Seine-Metropole Paris entfernt) hat durchaus mehr Geschichte und Erlebnis zu bieten als "nur" den imposanten Prunkbau von Ludwig XIV.. "Versailles ist nicht nur Königsstadt", erzählt Simon. "Berühmte Söhne sind auch die Musiker von Air und Phoenix sowie der Regisseur Michel Gondry."

Dass Versailles eine wohlhabende Stadt ist, erkennt der Besucher schnell. Rund um das Barockschloss reihen sich die typischen hellgelben und roséfarbenen Häuser mit hohen Fenstern und anthrazitfarbenen Schindeldächern, die französischen Städten so viel Charme verleihen. Erst 1613 wurde aus einer unbedeutenden Ansammlung von Häusern die Stadt mit Königssitz. Seitdem rangiert Versailles historisch ganz vorne in der europäischen Geschichte.

Der Rundgang führt durch die Altstadt. Die Kathedralen Saint Louis (1743-1764 erbaut) und Notre Dame (1684-1686), um die herum sich die beiden wichtigsten gleichnamigen Viertel der Stadt erstrecken, ragen beeindruckend mächtig aus den schmalen Straßen hervor. Es ist Sonntag. Markttag auf der Place du Marché, einen Steinwurf von Notre Dame entfernt. In den Markthallen sowie auf den Ständen davor finden Genießer alles, was ihre Begeisterung für die französische Lebensart weckt: Austern, Schalentiere, Charcuterie, Pâtés, Käse, Wein, Artischocken und die ersten Erdbeeren der Saison. Rund um den Marktplatz reihen sich Cafés an Bistros und Brasserien, die sich für einen Kaffee zwischendurch oder ein schnelles Steak frites am Mittag eignen. Bei einem Grand crème auf der Terrasse der Crêperie Saint Louis (15 rue Durcis) lässt sich das Treiben auf der Straße wunderbar beobachten.

Versailles' feinste Patisserien

In der Rue de la Paroisse, die vom Marktplatz abzweigt, säumen dagegen große Marken und kleine Boutiquen, Deko- und Schmuckläden sowie Versailles' feinste Patisserien die Bürgersteige. Ein paar Fußminuten weiter schlägt das Sammlerherz höher: Im fast schon dörflich wirkenden Quartier des Antiquaires versammeln sich Antikfreunde, auf der Suche nach besonderen Fundstücken.

Bistro-Café Esprit d'Atelier in Versailles
Mirja Kuckuk
Zeit für ein Mittagessen im Bistro-Café Esprit d'Atelier.
Es ist Zeit für ein leichtes Mittagessen. Simon führt seine Freunde nach Saint Louis, dem Viertel südlich des Schlosses. In dem äußerst charmanten Bistro-Café "Esprit d’Atelier", mit angeschlossenen Kunstwerkstätten, gibt es Foie gras und Entengehacktes ebenso wie vegetarische Lasagne und hausgemachte Tartes.

Gleich in der Nähe liegt ein außergewöhnlicher und geschichtsträchtiger Ort: In der Salle du jeu de paume versammelte sich zu Revolutionstagen der Dritte Stand und leistete den sogenannten "Ballhausschwur". Wenige Wochen später, im August 1789, wurden in der winzigen Rue du Jeu de Paume - zum ersten Mal in der Geschichte überhaupt - Bürger- und Menschenrechte verkündet.

Typisch für das Viertel Saint Louis: Die ehemaligen Gesindehäuser mit den Schindeldächern.
Mirja Kuckuk
Typisch für das Viertel Saint Louis: Die ehemaligen Gesindehäuser mit den Schindeldächern.
Doch zurück in die Gegenwart. Die Frühlingssonne lugt hervor. Simon schlägt ein Picknick am Wasser vor. In der Rue Royale findet man alles, was man dafür braucht: Wein ("Les Caves Royales"), Käse ("Fromagerie Royale") und eines der besten Baguettes der Stadt (Boulangerie Des Beaux Arts, 19 Rue Royale). Durch die pittoreske Passage Saint Louis, vorbei an der mächtigen Kathedrale und dem Potager du Roi, den königlichen Gemüsegärten, geht es schließlich zum Pièce d’Eau des Suisses.

Durch den Schlosspark wandeln

Das Bassin mit seinen grünen Wiesen und alten Alleen ist Teil des Schlossparks - und doch abseits der Massen. Es wurde zwischen 1679 und 1683 von den Schweizer Garden angelegt. Heute drehen Jogger und Spaziergänger ihre Runden um das 682 Meter lange und 334 Meter breite Gewässer - mit herrlichem Blick auf die Südseite und Orangerie des Schlosses (Zugang von der Route de Saint Cyr oder der Rue du Maréchal Joffre über die Allée des Peupliers).

An diesem Tag ist sogar einer der Seiteneingänge des Schlossparks geöffnet - eine Einladung, um durch die gepflegten Grünanlagen zu streifen. Bis es Zeit für den Apéro - die wohl schönste französische Stunde - ist. In der Rue du Satory warten Bars und Cafés auf durstige Stadtbummler. Die laue Frühlingsluft hat sogar die ersten Franzosen im Pub Le Baradoz zu einem kühlen Demi-Citron (Bier mit Zitronensirup) verleitet.

Schließlich endet der kulturell-kulinarische Tag im Trianon Palace. Das imposante Luxushotel der Waldorf-Astoria-Kette liegt am Rande des Schlossparks im Boulevard de la Reine und trägt nicht umsonst den Zusatz "Palast" im Namen. Wenn das Budget für eine Nacht (ab 185 Euro) nicht reicht, lohnt sich auch ein Absacker in der schicken Hotelbar - um sich am Ende eines Streifzugs durch Versailles noch einmal so richtig königlich zu fühlen.

Weitere kulinarische Tipps:

Französisches Frühstück (Espresso und Croissant)

Le Petit Zync, 110 rue de la Paroisse, www.restaurant-versailles-lepetitzinc.com
Monument Café, 1 rue Marechal Joffre, www.monument-cafe.com

Mittagessen und Abendessen

Chez Tiouiche, 4 rue Saint Julien, www.cheztiouiche.com
L'Entrecôte,
18 rue Neuve Notre Dame
Le Saint Julien, 6 rue Saint Julien, www.lesaintjulien.fr
Nuance, 10 Boulevard du Roi, www.restaurant-nuance.com
Le Montbauron, 23 rue Jouvencel
Pub’O'Paris: 15 rue Colbert, Mo-So 16-2 Uhr, www.puboparis.com
Hôtel La Résidence Du Berry, 14 rue d'Anjou, www.hotel-berry.com
Hotel Pullman, 2 Avenue de Paris, www.pullmanhotels.com

Versailles lässt sich wunderbar mit einem Abstecher nach Paris verbinden. In 30 Minuten ist man bei den Sehenswürdigkeiten der Seine-Metropole.

Autor

Mirja Kuckuk