Frankreich Île de Ré

Île de Ré ist ein schmales Eiland im Atlantik. Die französische Insel lockt mit schönen Sandstränden, einem gemütlichen Hafen, romantischen Altstadtgassen und der gewaltigen Festungsanlage in Saint-Martin-de-Ré, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt.
Typisch für Île de Ré sind Stockrosen vor weißen Hauswänden

Den billigsten Esel habe ich mir ausgesucht – wobei ich das erst später erfahre. Die Esel, die hier schläfrig auf einer saftig grünen Weide stehen, sind Wahrzeichen der Insel und gehören einer fast ausgestorbenen Rasse an, die man jetzt wieder züchtet.

Und je mehr Rasta-Zotteln die Tiere haben, desto wertvoller sind sie. Mein Esel hatte eine praktische Kurzhaarfrisur. Stumm und still steht er da und lässt mein Streicheln wie eine pelzige Statue über sich ergehen. Schicksalsergeben, typisch Esel eben. In jedem Fall verraten die Esel viel über den Ort, an dem ich mich befinde. Ich bin auf der Île de Ré, ein Eiland an der Westküste Frankreichs: die "weiße Insel", wie man sie auch nennt, Île de Blanche. Sie war einst berühmt für ihren Salzabbau – und die Esel halfen dabei. Kein schöner Job, den ganzen Tag durch Wasser und ätzendes Salz zu stapfen. Heute tragen die Tiere die Kinder der Touristen auf dem Rücken. Aber was die Esel auch verraten: Auf der Insel passiert nicht viel. Und wenn, dann lässt man es eben mit stoischem Gleichmut über sich ergehen.

17.640 Menschen wohnen hier, das Land ist flach wie ein Crêpe Suzette, an der breitesten Stelle fünf Kilometer breit und insgesamt 30 Kilometer lang. Man baut Wein an, tüncht die verwitterten Hauswände wieder Wellengischtweiß oder trinkt ein Gläschen Pineau, das ist eine Mischung aus Cognac und frischem Traubensaft – und Spezialität der Region. Im Sommer fallen die Touristen dann wie Heuschrecken ein. Die einen sprechen von 200.000, die anderen von einer halben Million, aber Mensch und Esel ertragen es mit Gelassenheit. Vielleicht ist die Insel auch einfach zu schön, um sich über die Massen aufzuregen. An meinem ersten Tag wandere ich am Hafenkai in Saint-Martin-de-Ré entlang, der Hauptstadt der Insel – oder besser: Hauptort.

Yachten und Fischerboote dümpeln im Hafenbecken, die Häuserwände der Kaufmannshäuser schimmern weiß, die Fensterläden in Grün- und Blautönen. Wohin das Auge blickt, es sieht malerisch aus. Hier steht eine Palme herum, dort lockt ein Antiquitäten-Shop mit einer himmelblauen Fassade, dazwischen finden sich kleine Cafés, feine Restaurants und Bistros. Auf der Île de Ré kann man es sich so richtig gut gehen lassen – wenn man denn über das nötige Kleingeld verfügt. Die Insel ist edel, die Preise auch. Kein Wunder, dass sie immer mit Sylt verglichen wird, wegen der schmalen Form, der Austernbänke und des Glamour-Faktors. Und während man auf Sylt heute in der Kälte wohl ein Krabbenbrötchen verputzen würde, schlürft man am Hafen von Saint-Martin-de-Ré Austern zum kühlen Weißwein oder verleibt sich ein Stück Gänseleberpastete ein. Bei zwanzig Grad im Schatten. Wie war das mit Gott in Frankreich? Der kommt garantiert einmal im Jahr hier vorbei, futtert Trüffel und trinkt Bordeaux.

Corbis/Tim Graham
Verbindung zum Festland über die rund drei Kilometer lange Brücke
Ich kehre der maritimen Idylle den Rücken und wandere über das Kopfsteinpflaster durch das historische Viertel bis zur Wehrkirche Saint-Martin. Auf dem Weg kriege ich mich gar nicht mehr ein: Sogar das Unkraut am Straßenrand sieht hier gut aus! Quietsch-orange leuchten die Blüten, rot und gelb. Noch ist es ein bisschen zu früh, aber im Sommer blühen die Stockrosen. Wie auf einem Gemälde zeichnen sich dann die grünen Stauden mit den pinken und roten Blütenkelchen vor den weißen Wänden  ab. Kein Wunder, dass die Briten immer scharf auf diese französische Perle waren und die Franzosen mit aller Kraft versuchten, sie zu behalten – wenn auch nicht wegen der Stockrosen und der 2600 Sonnenstunden im Jahr, sondern eher wegen der strategisch günstigen Lage.

Sandstrand auf Île de Ré
Corbis/Maher Attar
Perfektes Ziel für einen Fahrradausflug: Sandstrand auf Île de Ré
Im frühen 17. Jahrhundert ließ man eine gewaltige Festungsanlage in Saint-Martin-de-Ré bauen, seit 2008 gehört das Bauwerk zum Weltkulturerbe der Unesco und wird gehegt, gepflegt und in Schuss gehalten – wie alles auf der Insel. Wer auf der Île de Ré Urlaub macht, sollte auf jeden Fall eine ausgeprägte Schwäche fürs Radfahren haben. Auch hier zeigt sich die Parallele zu Deutschlands liebster Promi-Insel, wo ja auch gern in die Pedale getreten wird. Auf der Île de Ré ist das Rad nicht nur wegen des flachen Landes so beliebt, sondern auch wegen der fast 100 Kilometer Radwege. Die führen mal direkt am Meer entlang, mal mäandern sie durch die dichten Pinien- und Kiefernwälder.

Ich hätte mich mal lieber für eine Tour durch die windgeschützten Wälder entschieden und nicht für die Strecke durch das Naturschutzgebiet Lilleau des Niges. Denn so schön die sattgrüne Sumpflandschaft auch sein mag – so scharf weht hier die Brise über das flache Land. Über mir kreischen die Möwen und werden von den Böen über den Himmel gefegt, einzelne Bäume krümmen sich im Wind. Allerdings pustet er auch immer wieder den Himmel über der Insel blitzesauber, während über dem Festland dunkle Wolken hängen. Schade nur, dass ich bald Abschied nehmen muss – ich werde mir La Rochelle ansehen, die Stadt, die dort in der Ferne unter den Wolken hängt.

Einen Tag später versöhnt mich La Rochelle, die einstige Hugenotten- und Protestanten-Hochburg, mit strahlendem Sonnenschein und endlosen Flaniermeilen. Wie vielseitig diese Stadt ist! Wer sich für Mittelalter- und Renaissance- Bauten begeistert, wird in La Rochelle sein Nirvana finden, Segler freuen sich über den größten Yachthafen Europas und die wunderbaren Segelreviere. Shopping-Maniacs werden in den Arkaden selig, wo sich kleine Boutiquen und Shops angesiedelt haben. Und wer sich für gar nichts interes siert oder wem wie mir, trotz Turnschuhen, die Füße wehtun, kann sich den ganzen Tag an  eine der zahllosen Kaimauern setzen und ins Hafenbecken glotzen. Was das wohl für große Fische sind, die da unten in dem jadegrünen Wasser schwimmen? Ich habe keinen blassen Schimmer, aber sie sehen sehr zufrieden aus. Könnte an der einen oder anderen Eiswaffel liegen, die gern mal von einem Kind ins Becken geworfen wird, wenn Mutti gerade in die andere Richtung schaut. Denn wenn es hier etwas reichlich gibt, dann sind es eisessende Kinder und Eltern.

La Rochelle steht auf der Liste der meistbesuchten Städte Frankreichs auf Platz drei – kann ich gut verstehen. Am Abend fahre ich mit einem Katamaran auf den Atlantik hinaus. Verliebte Pärchen hängen vorn in den Netzen, die Sonne sinkt langsam zum Horizont herab, die drei Türme am alten Hafen von La Rochelle verschwinden in der Ferne. Später wird an Bord ein Abendessen serviert. Ein Glas Weißwein, Baguette und Mayonnaise, dazu ein Teller mit Austern, Schnecken und anderem Meeresgetier. Ich proste mir zu und dann noch einmal in die Richtung, in der ich die Insel vermute.

Á votre santé, Île de Ré. Man muss schon ein ziemlicher Esel sein, wenn man dich nicht zumindest einmal im Leben besucht.

Infos zur Anreise auf die Île de Ré: 

Anreise: Die Anreise zur Île de Ré ist nicht ganz ohne: Erst fliegt man bis nach Paris, steigt in den TGV bis nach La Rochelle – und dann in einen Mietwagen. Von La Rochelle bis auf die Insel fährt man ca. 20 Minuten. Alternativ steigt man gleich ins Auto und fährt die ganze Strecke.

Unterkunft auf Île de Ré:

Familiär: Das Hotel Le Peu Breton im Süden der Insel wird von Martine und Patrick geführt. Die Preise für ein Doppelzimmer beginnen in der Nebensaison bei 85 € pro Nacht. Die teure Hauptsaison beginnt am 26.4. und endet am 1.9. Rue de la Cailletière 31, Sainte Marie de Ré.
www.hotelpeubreton.com
Herrschaftlich: Der schöne Hotelgarten des Hotels La Baronnie-Domaine du Bien-Être war früher öffentlich und ist nun (leider) nur noch für Gäste zugänglich. Das Gebäude, ein gepflegtes Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert, liegt wie eine Oase mitten im Zentrum des Orts, die Zimmerpreise beginnen bei 140 €. Rue Baron de Chantal 21, Saint-Martin-de-Ré.
www.hotel-labaronnie.com

Restaurants auf Île de Ré:

Brandneu: Das Restaurant La Cabane du Fier in Ars-en-Ré ist frisch eröffnet, die Küche, na klar, fischlastig – und der Blick von der Terrasse unbezahlbar. Le Martray, 17590 Ars-en-Ré.
Fangfrisch: Im Restaurant Le Grenier à Sel sollte man nach dem Fang des Tages fragen – und den mit einem Wein von der Insel verputzen. Rue de la Baie 20, 17590 Ars-en-Ré.
www.grenierasel.fr

Tipps für Île de Ré:

Eisig: Wer die Hafenpromenade in Saint-Martin-de-Ré entlangschlendert, sollte einen Stopp an der Eisdiele La Martinière einlegen: Hier bestellt man entweder den Klassiker Caramel Fleur de Sel oder schlemmt sich durch unzählige andere Sorten. Es gibt sogar ein Schlumpf-Eis. Ja, es ist blau. www.la-martiniere.fr
Malerisch: Auf dem Markt in dem Örtchen La Flotte leuchtet das Obst, die Salami duftet – und eigentlich will man sofort schwer einkaufen und loskochen.
Köstlich: Unbedingt mitnehmen: die Eselsmilchseife. Das Original erkennt man an dem Eselskopf mit Ohren, verkauft wird sie in vielen Läden.
Fruchtig: Wer Marmelade liebt, schlägt im Le Jardin de Lydie zu. Place de L Église 23, Le Bois-Plage-en-Ré. www.lejardindelydie.com

Unterkunft in La Rochelle:

Zentral: Die Zimmer des Un hôtel en ville kosten ab 70 € in der Nebensaison, sie sind winzig, aber das Haus liegt zentral – und die kleine Dachterrasse sorgt für stille Momente in der trubeligen Stadt. Vermeiden sollte man die Zimmer im Erdgeschoss. Place du Maréchal Foch 20, La Rochelle.
www.unhotelenville.fr
Altmodisch: Wer es historisch liebt, ist im Hotel Champlain gut aufgehoben. Die Doppelzimmer kosten ab 79 €. Rue Rambaud 20, La Rochelle. www.hotelchamplain.com

Restaurants in La Rochelle:

Hochpreisig: Es soll richtig krachen? Dann ab ins Les 4 Sergents. Das Essen beeindruckt sowieso, die Location auch: Man speist unter Bäumen, die bis unter das Glasdach wachsen. Rue Saint Jean du Pérot 49, La Rochelle. www.les4sergents.com
Geschichtsträchtig: Die Touristen hängen am Hafen ab, Einheimische versammeln sich lieber rund um die Markthalle oder besuchen das Café de la Paix, Jugendstil-Traum und Lieblingsort des Schriftstellers Georges Simenon. Rue Chaudrier 54, La Rochelle.
Kaufsüchtig: Unter den Arkaden in La Rochelle finden sich bekannte Ketten und lokale Kleinode. Abseits der Trampelpfade: die Rue Saint Nicolas mit kleinen Boutiquen und Cafés.

Katamaranfahrt:
Windig: Abendliche Touren von Kapalouest mit Diner an Bord, ab 51 €. www.kapalouest.com

Schlagworte:
Autor:
Wiebke Brauer