Krabbenfischen in Kirkenes Rundreise durch Lappland

Manche mögen's kalt! Das trifft auf viele nette Menschen zu, aber auch auf Riesenkrabben und die legendären Polarlichter. Autor Jan Jepsen reiste nach Lappland, mitten in der „blauen Zeit“.

Rentier in Lapplands Schneelandschaft

Der Flieger hat ein vereistes Triebwerk und drei Stunden Verspätung. Zwei Stunden zu viel, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen. Aus Langeweile schlendere ich am Flughafen die Last-Minute-Schalter ab. Vielleicht sollte ich doch lieber in die andere Richtung fliegen? Kurs Süd und Sonne – statt ausgerechnet nach Kirkenes. Wohin?

Unterwegs im Norden Lapplands

Kirkenes ist ein kleiner Ort ganz oben in Lappland, Nordnorwegen. Gleich neben Russland an der Barentssee. Endstation Europa. Im Winter wird’s dort ziemlich kalt und dunkel. Sagen wir ruhig: extrem. Um hinzukommen, muss man dreimal den Flieger wechseln, und jedes Mal schrumpft das Flugzeug. Sicheres Indiz dafür, dass man einen Außenposten der Zivilisation besucht. Die Landebahn in Kirkenes könnte genauso gut ein zugeschneiter Fußballplatz sein. Vor dem Terminal, nicht größer als eine Kita, warten genau drei Taxen. Wenig später sitze ich im Hotel und bestelle Rentierfilet in Steinpilzsauce. Hat mir der Chef de Cuisine empfohlen. Eigentlich wollte ich nur was Kleines, aber der Koch sagte, ich würde es nicht bereuen. Und er hat recht. Zart ist kein Ausdruck!

Am nächsten Morgen um 8.30 Uhr lerne ich meine kleine Reisetruppe kennen. Fast alle sind überrascht, als es gegen 9 Uhr anfängt zu dämmern. Das mit der totalen Dunkelheit ist ein Mythos, erklärt Reiseleiterin Hilke. Denken alle, stimmt aber nicht. Die Sonne würde zwar im November bis Ende Januar ganz verschwinden, aber dann herrscht die „blaue Zeit“. Die hat, entgegen meiner ersten Vermutung, nichts mit Alkohol zu tun. Gemeint ist die Jahreszeit des magischen Mischlichts, eine Art Dauer-Dämmerung, die sich über ein paar Stunden am Tag hinzieht. Nachts kommen dann die Polarlichter raus – wenn wir Glück haben. Sie mögen es gern kalt.

Erster Programmpunkt: „King Crab Safari“

Unser erster Programmpunkt nennt sich „King Crab Safari“. Ich habe schon viele Safaris gemacht. Aber nicht in Sachen Riesenkrabben. Das Thermometer zeigt minus 12 Grad. Ein milder Tag, sagt Hilke, ideal für eine Safari. Vorgestern waren es noch minus 35 Grad. Vorsichtshalber bekommen wir einen Überlebens-Strampelanzug gereicht (hält warm, schwimmt oben) und für die Füße die norwegische Wiedergeburt von Moonboots (zeitlos chic).

Kurz darauf sitzen wir in einem Schlauchboot. Der Geschwindigkeit nach zu urteilen könnte es auch ein Torpedo oder Wasserflugzeug sein. Der Bug scheint jeden Moment abzuheben. Hinter uns eine weiße Brautschleppe im Wasser. Der Fahrtwind eisgekühlt. Links und rechts fliegen die zugepuderten Ufer des Isfjordes vorbei, bis wir unter einer Vogelklippe haltmachen. Im Sommer brüten hier Tausende von Trottellummen. Die Königskrabben wissen das und treffen sich jetzt schon voller Vorfreude. Ihr Motto: Alles Gute kommt von oben. Was genau, will ich nicht wissen. Heute allerdings kommt ein Taucher von oben. Niemand beneidet ihn, als er ins dunkle Wasser steigt – wir haben soeben erfahren, dass die Krebse bis zu zwei Meter Spannbreite erreichen. Und sie haben eine kräftige Schere, die dem Luftschlauch der Sauerstoffflasche gefährlich werden kann. Anders gesagt: Wenn es hier gleich wie im Whirlpool blubbert, haben wir ein Problem.

Nach gut zehn Minuten durchbricht ein Kopf die Wasseroberfläche. Applaus, der Mann lebt noch! Doch wer hat wen gefangen? Der Taucher drei Riesenkrabben oder drei Riesenkrabben einen Taucher? Man muss mindestens zweimal hingucken. Erst später, in der „Safarilodge“, klärt sich die Frage eindeutig: Die Tiere, die angeblich viel besser schmecken, als sie aussehen, liegen fangfrisch vor uns.

Seite 1 : Rundreise durch Lappland

Autor

Vital