Estland Zu Fuß durch Tallinn

Die Elchsuppe dampft in einem schmiedeeisernen Kessel des "Tristan ja Isolde", eines Lokals in der Altstadt von Tallinn. Absolut nichts erinnert hier ans 21. Jahrhundert. Schummriges Kerzenlicht erhellt den Raum, Flötenklänge dringen aus gut versteckten Lautsprechern, und die Kellnerin trägt ein historisches Gewand. Sind wir im Mittelalter? Ein wenig. Draußen auf dem Rathausmarkt blendet das helle nordische Tageslicht. Es ist Herbst und bereits so kalt, dass sich beim Atmen kleine Wölkchen bilden. Unser Stadtführer Uve ist gebürtiger Este. Er findet, es sei "schönstes Sweatshirt-Wetter", als wir bei sechs Grad und blauem Himmel durch die schmalen Gassen des alten Zentrums laufen.

Wir steigen auf die Stadtmauer, die das alte Tallinn seit dem Mittelalter fest umschließt. Durch die Schießscharten in den meterdicken Mauerwänden blicken wir auf der einen Seite auf das Mittelalter, auf der anderen Seite auf das Mini-Manhattan des sich ständig verändernden Tallinn. In der Ferne glitzern die Glasfassaden der Bürotürme in der Sonne und illustrieren den rasanten Wandel, den die Stadt seit dem Ende der Sowjetunion erlebt hat: Heute gibt sich Estland moderner als manch anderes europäisches Land. Hier wurde Skype erfunden, selbst mitten im Wald gibt es WLAN, und die Stadtbewohner zahlen ihre Parkgebühren ganz selbstverständlich per SMS.

Doch nicht nur technisch, auch kulturell hat sich seit 1991 viel getan. "Obwohl Tallinn eine kleine Stadt ist, gibt es hier sehr viele Galerien, Design-shops und Museen", erzählt Uve auf dem Weg zum nationalen Kunstmuseum "Kumu", einem futuristischen Glasbau in Form eines Schiffs. "Nach dem Ende des Kommunismus gab es einen großen Nachholbedarf, was Kunst angeht, denn während der Sowjetzeit wurde die künstlerische Freiheit rigoros unterdrückt, viele Intellektuelle und Kulturschaffende verbannte das Regime nach Sibirien."

Wie kreativ die Ostseestadt heute ist, zeigt sich auch im neuen Designviertel Rotermann: ein altes Industriegebiet, in dessen Fabrikgebäuden sich seit 2003 Galerien und Geschäfte wie das Loovala befinden, das jungen Künstlern gleichzeitig als Atelier und Verkaufsraum dient.

Im Sommer hört die Stadt kaum auf zu feiern

Tallinn hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Ein altes Heizkraftwerk am Meer wurde in ein Konzerthaus verwandelt inklusive Aussichtsplattform auf dem alten Schornstein. Ganz in der Nähe entstand in einem ehemaligen Wasserflugzeug-Hangar ein Meeresmuseum und 2011 hat die Stadt auch endlich eine Uferpromenade erhalten. Weil der Küstenstreifen während der Sowjetzeit Sperrzone war, hat Tallinn bis heute nur eingeschränkten Zugang zum Meer. Trotzdem haben sich die Stadtbewohner das bislang ungenutzte Gebiet längst zu eigen gemacht. "In diesem Sommer fanden die besten Partys vor dem ehemaligen sowjetischen Gefängnis am Meer statt", sagt Uve. "Ich habe dort von drei bis neun Uhr morgens zu Electro getanzt."

Im Sommer hört die Stadt kaum auf zu feiern. Bier und Wodka sind so billig, dass ganze Fährschiffe voller partywütiger Finnen aus dem nur zwei Stunden entfernten Helsinki im Hafen einlaufen und Engländer mit Reiseveranstaltern wie "Tallinn Pissup" zum Junggesellenabschied einfliegen. Einige Bars haben deshalb Schilder mit der Aufschrift "No Stagnights, please" in ihren Fenstern aufgehängt. Glücklicherweise beschränkt sich der Sauftourismus nur auf bestimmte Kneipen und Stripclubs, die man leicht meiden kann. Uve geht am liebsten in die "Valli Bar", eine denkmalgeschützte Sowjetbar in der Altstadt. Tritt man dort durch die Tür, sieht man einen dicken Wirt mit Golduhr hinter einem mächtigen Tresen Wodkagläser abtrocknen. "Egal ob Prostituierte, Taxifahrer, Politiker oder junge Nachtschwärmer: Hier trifft man die unterschiedlichsten Leute und hört die verrücktesten Lebensgeschichten."

Tallinns Jugend geht längst spielerisch mit der Sowjetvergangenheit Estlands um. Im Restaurant "Kompott" dienen alte Weckgläser mit eingelegten Gurken, Fernseher aus den 60er-Jahren und hölzerne Schrankradios als Dekoration. Auf der Schiefertafel hinter dem Tresen werden das russische Nationalgericht Borschtsch, Hering und Pilzgerichte angeboten. Doch bei russisch-skandinavischer Hausmannskost hört das gastronomische Repertoire Tallinns längst nicht auf. Vom mittelalterlichen Festessen inklusive Säbelduell im "Peppersack" bis hin zu thailändischen Köstlichkeiten in Zen-Atmosphäre im "Chedi" bietet die Stadt die unterschiedlichsten kulinarischen Erlebnisse. Im eleganten "Gloria" fühlt man sich in die 30er-Jahre zurückversetzt, und im "Von Krahl" wird Hering auf Rote-Bete-Sorbet serviert, während Alternative Rock aus dem gleichnamigen Club nebenan herüberschallt.

Still ist es in Tallinn vor allem im Winter

Es ist der Treffpunkt von Jungs und Mädchen in engen Jeans und spitzen Schuhen, die sich hier zu Konzerten und Lesungen einfinden. Die 19-jährige Sängerin Iiris tritt oft im "Von Krahl" auf. "Baby-Björk" nennen sie ihre Landsleute, weil ihre Stimme ähnlich hoch wie die der isländischen Musikerin klingt. In ihrem Lieblingscafé "Reval" versinkt Iiris' zarte Gestalt fast in dem breiten Samtsofa. Ihre Karriere führte sie in diesem Jahr von der Tallinn Music Week nach Berlin zur Popkomm, wo ihre Musik Begeisterung auslöste. Trotzdem würde sie der Karriere wegen ihre Heimat nie verlassen. "Ich würde die Stille vermissen, die man hier an so vielen Orten empfindet."

Tallin im Winter
Official tourism marketing images
Die St. Catherine's Passage im Winter.
Still ist es in Tallinn vor allem im Winter, wenn der Schnee in den Gassen der Altstadt alle Geräusche verschluckt. Postkarten zeigen den Weihnachtsmarkt, der so unwirklich schön aussieht, als sei er eigens für einen Disney-Weihnachtsfilm errichtet worden. Die britische "The Times" wählte den Markt 2009 in die Top Ten der schönsten Weihnachtsmärkte Europas, und der Legende nach stand hier im 15. Jahrhundert der erste Weihnachtsbaum der Welt.

Doch zurück ins Heute: Wer genau hinschaut, entdeckt auch in Tallinns Altstadt viele Anzeichen der Neuzeit, denn hier breitet sich die junge Szene der Stadt aus. In einer Gasse namens "Sauna" befindet sich der Gay Club Angel und nur wenige Schritte weiter der Secondhand-Shop Mors, der ausgesuchte Vintage-Stücke zu günstigen Preisen verkauft. Die Verkäuferin dort sitzt hinter einem Laptop, auf dem ein Anarchiezeichen prangt. Tallinn sei voller Innovation, schwärmt sie. "Pass mal auf. Wenn du in fünf Jahren wiederkommst, wirst du die Stadt kaum wiedererkennen."

Autor

Aileen Tiedemann