London Weltreise via U-Bahn

Das Haus spricht in vielen Sprachen. Es flüstert Französisch, Irisch, Polnisch, Jiddisch. Es ist voller Heimatgeschichten, voller Hilferufe, voller Sehnsucht. Voller Notizen, die auf Koffern kleben, die von Kinderhand auf Papierschiffchen geschrieben sind. "Hunger" steht da, oder "Übers Meer in die Sicherheit" oder "Keine Hoffnung".

Ein dreistöckiges rotgeziegeltes Haus in der Princelet Street im Londoner Eastend, der klassischen Immigrantengegend, 1719 erbaut, kurz darauf erworben von der Hugenottenfamilie Ogier, die der französischen Glaubensverfolgung nach London entkommen war. Später hatten Juden im Garten eine Synagoge errichtet. Noch später kamen Moslems aus Somalia, aus Bangladesch. Irgendwann verfiel das Haus und war abbruchreif, bis es jüngst als "Museum des Gewissens" gerettet und hergerichtet wurde. Das erste seiner Art in Europa.

An diesem Tag laufen Teenager aus Pakistan und Indien und Korea über die ausgebleichten Bohlen, beugen sich über Wiegen, Schuhe und Koffer. Auf einem Zettel steht: "Hör auf die Geschichte, um unserer Zukunft willen."

Und auf einem anderen: "Wir sind alle Einwanderer." Wie die Jugendlichen so dastehen, voller Respekt und friedlich vereint, ist es, als sei dieses Museum um sie herum gebaut worden. Als hätte die freundliche Mahnung, die es ausspricht, in ihnen Gestalt gefunden. Als sei es erst durch sie komplett, dieses Museum der Immigration.

Alle diese Kinder sind in London geboren. Sie haben mehrere Heimaten. Sie sind Weltbürger, die sich unter einander in einer Weltsprache unterhalten. Nur rund acht Prozent der englischen Bevölkerung sind nicht weißer Hautfarbe, doch fast die Hälfte von ihnen leben in London, dieser nicht endenden Megalopolis, diesem pompösen Empire-Theater, diesem gleichzeitig verblassten und verblasenen Weltmittelpunkt.

Das Häuschen in der Princelet Street ist ein Andachtstempel der frommen Wünsche und besten Absichten. Erdschwere hat es im Untergeschoss, in der Küche. Sie ist wiederhergestellt, so, wie sie gewesen sein könnte, als Madame Ogier mit ihren Tiegeln über der Feuerstelle hantierte. "Die stärkste Erinnerung an die verlorene Heimat", sagt Sunnyi, der Teenager aus Indien, "sind die Rezepte, die Küchengerüche." So ist die Reise durch die Londoner Kontinente immer auch eine Reise durch die Küchen.

Sunnyi hat das "Sweet & Spicy" empfohlen, das um die Ecke in der Brick Lane liegt. Das heißt: in Bangladesch. Bengali wird überall gesprochen, hier, in den Friseurläden, den Musikshops, den Restaurants mit den scharfen Currys. Im "Sweet & Spicey" sitzt man auf spinnenbeinigen Eisdielen-Stühlen an Resopaltischen und stopft in sich hinein, was man an Lamm und Huhn und Süßigkeiten serviert bekommt. Völlig schuldfrei, denn man sitzt unter einem Plakat der Zigarettenmarke "Embassy", auf dem glutäugige und schnurrbärtige Ringer als Schönheitsideale posieren.

Der Clou des Posters: Alle diese Heldenmänner haben Hängebäuche. So schön kann dick sein! Sie zeigen ihre Bäuche voll Stolz, was wunderbar ist und ein Beleg für die Vorteile einwanderungsfreundlicher Gesellschaften: Es genügen nur ein paar U-Bahn-Minuten, und schon ist man dem westlichen Schönheitswahn und Fitness-Terror entronnen, in dem alle Brad Pitts Waschbrettbauch haben müssen.

Die meisten Anrainer stammen aus der reichen Sylhet-Provinz an der Grenze zu Indien. Im Musikladen von Mister Haque holen sie sich die jüngsten Schlager von Stars wie Andrew Kishore oder Runa Laila, und bei ihm leihen sie sich seit 20 Jahren ihre Videos aus der Heimat aus. Was so läuft? Liebe geht immer, Verbrechen, wenn es lustig ist, und Tugend, na ja, das hat nachgelassen.

"Moner Majhe Tumi" ist ein Blockbuster. Er erzählt die Geschichte des Sohnes eines Tagelöhners, der sich in die Tochter eines reichen Kaufmanns verliebt. Daneben ein weiterer Kinohit: Diesmal ist das Mädchen arm und der Junge aus reichem Haus. In beiden Fällen werden heftig die Augen gerollt, am Schluss wird geheiratet. - "Das ist der einzige Weg", sagt Ahmed, der Anfang 20 ist. "Heirat."

Er seufzt. Er packt den Klienten die Videos ein und rollt ihnen Kokosraspel, Anis, Süßkram in Blätter, auf denen die dann herumbeißen können, wenn das Happyend mal wieder, wie es in diesen Filmen üblich ist, hinausgezögert wird. "Es ist fast unmöglich, hier in der Nachbarschaft ein Mädchen kennen zu lernen", sagt Ahmed. "Die Eltern passen zu sehr auf." Da ist es dann doch wieder gut, dass es außerhalb dieser Welt noch die andere gibt, mit Discos und Popcorn und Filmen, in denen vorehelich geküsst wird. Und die ist nur ein paar Straßen weiter. Gelungene Immigration bietet eben Vorteile für beide Seiten.

In einer Vielvölker-Metropole ist die Integration so wichtig wie die Grenze. Die einzelnen Metropolenstämme bleiben gern unter sich. Sie wollen Heimaterde in der fremden Welt. So gibt es in London nicht nur einen Nationalismus, sondern viele. Anders gesagt: Man hat immer eine Gruppe, auf die man herabschauen kann, besonders beim Fußball, und der ist schließlich das Leben.

Im Café Estrella im Portugiesenviertel von Vauxhall sitzt João über gegrillten Sardinen und erzählt, wie es war, hier vor den Fernsehern in jener Nacht, als er und Hunderte Landsleute mit Luis Figo die Europameisterschaft verloren. Tragisch natürlich, zunächst. Ausgerechnet gegen die Griechen. Dann allerdings fiel jemandem ein, dass die Engländer schon viel früher rausgeflogen waren, und dann wurde es doch noch eine trunkene, eine selige Sause.

Es ist ja nie so, dass Immigrationen spannungsfrei verlaufen, auch die nach London nicht. Die Leute von der Nationalen Front zum Beispiel würden die Insel gern nach wie vor ausschließlich der sommersprossigen, rothaarigen englischen Herrenrasse reservieren. Ihr Banner ist das St. George-Kreuz. Und das hing in den Wochen des Fußballturniers nahezu aus jedem Fenster. "Da war es einfach wunderbar zu erleben, wie es lange vor unserer Fahne eingerollt werden musste."

João selber ist völlig vorurteilsfrei. Er findet, die ganze Welt sollte zusammenrücken. eine Rasse, keine Ethnie sollte sich über die andere erheben. Allerdings, wenn er was nicht mag, dann sind es die Nigerianer und die Jamaikaner, die drei Busstationen weiter unten in Brixton wohnen. Die haben bei einem Freund eingebrochen. Alle? - "Nun ja", sagt João. "Es waren zwei."

In London um den Globus

Tja, dann fährst du also die drei Stationen und du bist in Afrika, auf einem Bazar, vielleicht in Khartum. Mango-Pyramiden auf den Gemüsekarren, fette Schnecken in Kisten, Ochsenfüße, und dazwischen Frauen in farbigen Gewändern, die das Geld unter ihren Turbanen hervorfischen, an den Handgelenken Cartier-Imitationen. Bei Madame Rosalia gibt es all das, was es eigentlich nicht geben darf, weshalb sie immer nervöser wird über die weißen Reporter, die sich unter die Kundschaft ihres Voodoo-Ladens mischen. Da sind die Spaliere von altbekannten Heiligen im Schaufenster. Und dann all das, was auf der dunklen Rückseite der kanonisierten katholischen Lehre stattfindet, und das ist ziemlich beeindruckend.

Die Kundinnen, meist dralle Damen in den besten Jahren, wandern suchend zwischen den Regalen, zwischen Gebetslampen, Räucherware und Parfums, die "Komm mit mir" heißen, oder "Geld-Magnet". Da ist Wasser aus dem Jordan und solches, das "Atlantic City" heißt und beim Würfeln hilft. Natürlich Liebesspray. Und dann die Familienpackung "Geh weg, Böses!", die gerade um 20 Prozent heruntergesetzt ist, also ein absolutes Schnäppchen im ewigen Kampf gegen die Mächte der Finsternis! Ob das hilft? - "Ich weiß nicht", sagt eine der Kundinnen scheu. "Haben Sie es schon mal probiert?"

Das reicht. Die Reporter fliegen raus, hinter ihnen wutschnaubend Madame Rosalia, und draußen, am Kassettenstand, wo "Prince Abdullah" aus den Boxen dröhnt, lacht der Ghanaer mit den Schmucknarben im Gesicht und sagt: "Ich hab euch gewarnt." Stimmt, hat er. An der Straßenecke findet eine der beeindruckendsten Aufführungen von DVD-Hehlern statt, die dieser Tage zu sehen ist, eine begeisternde Ensembleleistung rund um diese Decke mit den DVD-Hüllen auf dem Gehsteig. Blicke, Griffe, gemurmelte Preise, ein Ballett aus Kundenschleppern, Geldempfängern, CD-Boten, Meldegängern - plötzlich ein kleiner Pfiff, und alle sind in der Menge verschwunden, und dann biegen auch schon die Bobbys um die Ecke. Im Übrigen, João: Alle Kleinganoven waren weiß, und sprachen nicht Nigerianisch, sondern Cockney.

Man lässt sich noch eine Weile treiben in Brixton und landet, ganz plötzlich, an der nächsten Demarkationslinie, der zu Lateinamerika. Die Fleischbraterei "Coma, y punto" liegt wie eine Grenzstation neben einem schwarzafrikanischen Club. An die Wand ist eine Hacienda gepinselt, und drunter sitzt der Koch Albeiro, der in einem englischen Pub arbeitet, aber heute seinen freien Tag hat und gern erklärt, wie Fleisch richtig zubereitet werden muss. Wer wohin gehört, entscheidet letztlich immer der Bauch.

Der Bauch allerdings kann zum Problem werden. In Jia Feng Ans Praxis in Chinatown steht Su vor der Schubladenwand mit den Pillen und Kräutern, und statt einer Begrüßung feuert sie ihre Blitzdiagnose ab: "Sie sind zu dick." "Ich komme eigentlich wegen meiner Schulter." "Sie sind trotzdem zu dick."

Der alte Professor An erscheint und holt den Klienten aus der Feuerzone ins Behandlungszimmer, noch bevor Su ihre Wundermittel an den Mann bringen kann. Während er erzählt, setzt er geschickt seine Akupunkturnadeln und verbindet einige mit einem Kabel, durch das schwache Stromstöße gejagt werden, um den Muskel zu aktivieren. Zu ihm war Chinatown immer besser als China. An ist aus politischen Gründen nach London gekommen. Er hatte neben der traditionellen auch westliche Medizin studiert und war dafür in der Kulturrevolution geschlagen und in Arbeitslager gesteckt worden. Seine Eltern waren umgekommen. "Politik ist ein Monster", sagt er.

Mittlerweile ist er britischer Staatsbürger, wohnt in einem Suburb. "Chinatown ist zu teuer geworden." Aber er geht gern essen in einem der Dim-Sum-Restaurants zwischen den beiden Himmelstoren, die dieses Viertel in Soho eingrenzen. Und seine Praxis läuft gut. Mittlerweile sind es überwiegend Briten, die zu ihm kommen. "Für schnelle Eingriffe ist die westliche Medizin sicher geeigneter, aber für jene, die Zeit haben, ist unsere besser." An wird noch eine ganze Weile praktizieren. schließlich ist er erst 72, "kein Alter für einen chinesischen Doktor".

600 chinesische Arztpraxen gibt es in London, doch es gibt nur wenige, die innerhalb von 30 Minuten dein Leben umkrempeln, wie diese, in der Su das Zepter führt. Sie hat schon ihr "Vorher-Nachher"-Buch gezückt, in dem die Behandlungserfolge dokumentiert sind. Sie blättert durch Baby-Fotos (Fruchtbarkeit!), ruft schließlich "hier" und tippt auf ein dickes chinesisches Mädchen mit Pickeln. "Und so sah ich nach drei Monaten aus." Sie zeigt auf ein Studiofoto, das einem Schlagerstar gehören konnte. "Und?", fragt sie, und es klingt nach Stahl.

Na gut. Das Schultergelenk prickelt angenehm und ist schmerzfrei. - Befriedigt grummelnd schiebt Su Pillenschachteln über den Tresen. "Acht vor jeder Mahlzeit!" Dann zählt sie auf, was man nicht mehr essen sollte. Alles. Dann folgt ein Paket mit Tee, auf dem ein Drache abgebildet ist. Er sieht ihr sehr ähnlich - wann man das Foto gemacht hat? Su winkt unwirsch ab. Keine Zeit für Mätzchen hier, denn schon betritt der nächste Kunde den Laden und Su ruft: "Die Leber, es ist die Leber!"

Die Lösung des Nahost-Problems

Dieses Spalier von Männern an runden Tischen, diese Galerie von golden bepinselten Restaurantfenstern, diese Batterie von Wasserpfeifen auf dem Trottoir - das könnte Istanbul sein oder Beirut, wenn sich nicht immer wieder die roten Doppeldeckerbusse durchs Bild schieben würden. Die Edgware Road ist Londons reicher vorderer Orient.

In Beirut saß man in den achtziger Jahren weniger sicher. Deshalb ist Rubi mit seinem älteren Bruder damals hierher gekommen. Er zeigt die beiden Schussnarben im Oberarm. Jetzt hat er sein eigenes Café und fühlt sich sicher. Sicherer als drüben, auf alle Fälle. Nicht, dass es nicht auch hier Ärger geben würde. Rubi denkt zum Beispiel überhaupt nicht daran, seine Frau im Laden aushelfen zu lassen. Nicht, dass er etwas dagegen hätte, wenn seine Frau arbeitet, irgendwo. Prinzipiell gesehen. "Aber hier,mit den ganzen Mädchen, das würde nichts als Ärger geben", sagt Rubi.

Da ist die blonde Serviererin Anna aus Polen, und Lidia, die sich um die Wasserpfeifen kümmert, kommt aus Litauen. Rubi schwärmt für die Osterweiterung der EU. Was die islamischen Brüder angeht, hält er sich bedeckt. Das Theater um die Fundamentalisten, um die britische Gefolgschaft al-Qaidas, hat seinem Geschäft nicht geschadet. "Unsere Kundschaft ist gebildet, das sind keine Rassisten."

"Unsere Kundschaft ist gebildet, das sind keine Rassisten." Ärger gibt es oben in Finsbury Park, wo Scheich Abu Hamza mit den Eisenhaken seine Jünger zum Dschihad gegen die Ungläubigen - auch gegen Briten - aufpeitschte. Die Nationale Front schickte Skinheads zu Protesten, die ganze Gegend war in Aufruhr. Mittlerweile sitzt er in Haft. Hier in der Edgware Road haben solche Leute keinen Platz. Rubis Kundschaft sind Geschäftsleute wie Yussif aus Kuwait, der ebenso wenig wie Rubi nach dem Koran lebt, aber all die respektiert, die es tun. Friedlich.

"Natürlich muss das Palästina-Problem gelöst werden." Aber wie? - Nun, die Männer, die hier in der Edgware Road an den Wasserpfeifen sitzen, reden über kaum etwas anderes als über Politik, die britische und die arabische, sie reden und ereifern sich, und Rubi winkt Anna herbei, lässt Weinblätter, Lamm und Lahmi-Mishwi-Spieße auffahren. Zwei Stunden später ist das Nahost-Problem gelöst und Sus Diätpläne sind über den Haufen geschmissen. Höchste Zeit für den Tee.

Wo ließe er sich besser einnehmen, als bei einem jener Stämme in Londons buntem Gemisch, der sich um den Nachmittagstee herumorganisiert wie um ein heiliges Ritual. Dieser Stamm grenzt sich noch deutlicher ab als die Chinesen in Soho, und seine Regeln sind weit unverständlicher als die in Rosalias Voodoo-Laden. Das Schöne: Er erlaubt noch imponierendere Bäuche als die der Bengalen im "Sweet & Spicy". Es ist der Stamm der Kricket-Spieler im dörflichen London, im grünen Surrey zum Beispiel.

Sie treffen sich sonntags, sie kleiden sich weiß, etwa im "Ham & Petersham Cricket Club" von 1815. Man sollte gar nicht erst den Versuch machen, Kricket zu begreifen. Es genügt wohl zu sagen, dass manche Spiele drei Tage dauern. Wichtig ist die Einhaltung der Teepause. Nach einer ersten Spielhälfte begibt man sich in den Pub gegenüber, und macht sich über Muffins und Sahne her. Drei Dinge sind wichtig beim Kricket, weiß Matt, der Lehrer: gutes Wetter. Gute Typen. Gutes Pub. "Kricket ist so wahnsinnig englisch", sagt der 18-jährige James. Er hat es in einer Privatschule gelernt. Es ist immer noch der Sport der Oberschicht, der Countryclubs, der Tories, überglänzt von einem spätkolonialen Abendlicht.

Eigentlich heißt James Sunit. Er hat indische, irische und südafrikanische Vorfahren. Seine Familie ist das frühere Empire. Dieser weite, generationentiefe Horizont - vielleicht ist das das Geheimnis dieses schönen Nachmittags, gleichzeitig das der großartig-internationalen Metropole London.

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Autor:
Matthias Matussek