England London - unbegreiflich liebenswert

Als ich ein Kind war und in einem eintönigen Vorort etwa eine Stunde von der Stadt entfernt aufwuchs, bedeutete London für mich nur eines - die Oxford Street. Ich liebte die Oxford Street genauso, wie die New Yorker den Broadway lieben, besonders während des Ansturms vor Weihnachten. Laut, verstopft, unglaublich glamourös - sie war alles, was eine Stadt jemals sein sollte oder konnte. Ich fand sie zauberhaft.

Jetzt, 35 Jahre später, fällt mir kein Fleck in dieser Stadt ein, den ich weniger leiden kann. Wie für die meisten Londoner ist die Oxford Street für mich ein Ort, den ich umgehe, wenn es sich irgend einrichten lässt. Die Champs-Elysées haben einen gewissen Glanz, der Times Square hat sein kitschig-protziges Auftreten, aber die Oxford Street ist nur ein langer, verschmutzter, überfüllter Tunnel voller unauffälliger Kettenläden und geisterhafter Coffee Shops. Sie ist, während ich dies schreibe, auch eine Baustelle, an den westlichen und östlichen Enden wird viel abgerissen, und kaum jemand wird dies bedauern. Mehr als jede andere Stadt, die ich kenne, befindet sich London in einem ständigen Kreislauf aus Abriss und Wiederaufbau, als würden wir noch immer damit kämpfen, diesen Ort richtig hinzubekommen.

Ich glaube, so kann man zusammenfassen, was die meisten Londoner von ihrer Heimat halten. Wir lieben sie leidenschaftlich, aber nicht wegen ihres Äußeren. Das öffentliche, populäre Gesicht dieser Stadt bringt uns eher in Verlegenheit: Leicester Square ist überfüllt und schmuddelig, Piccadilly Circus ist noch immer die berühmteste Straßenkreuzung der Welt. Wenn ich an den Menschenschlangen vor Madame Tussaud's Wachsfigurenkabinett vorbeigehe, möchte ich am liebsten schreien: "Warum seid ihr hier, wenn ihr bloß zehn Minuten weg seid vom Rosengarten im Regent's Park, wenn in der Sonne doch Hampstead Heath auf euch wartet? Wenn ihr euch die Rembrandts in Kenwood House oder den Ucello in der National Gallery anschauen könntet oder auf der Golborne Road portugiesische Kuchen essen könntet?" Das wahre London, das beste London ist immer gleich um die Ecke.

Und dennoch können wir uns nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Ich bin jetzt seit zwanzig Jahren hier. Als ich ankam, fand ich die Stadt völlig überwältigend. New York - wo ich ein Jahr studiert hatte - hatte seine ganz eigenen Schrecken, aber wenigstens war es möglich, sich zurechtzufinden. London war so ausgedehnt, so unpraktisch, der Stadtplan eine verrückte Krakelei. Selbst die Themse schien nicht in der Lage zu sein, geradeaus zu fließen.

Damals versuchte ich Arbeit als Schauspieler zu finden, das heißt, dass ich meistens arbeitslos war. In den ersten paar Monaten floh ich häufig aus meinem trostlosen gemieteten Zimmer an der Clapham Junction und fuhr auf dem Oberdeck der Busse herum. Dabei starrte ich auf einen Stadtplan und versuchte, ein Gefühl für den Aufbau der Stadt zu bekommen. Manhattan hat trotz all des Lärms und der Hektik wenigstens eine gewisse Logik, Paris hat klar festgelegte Stadtgrenzen, aber London ist improvisiert, ein Straßenwirrwarr, das sich in alle Richtungen ausgebreitet hat. Eine Stadt, die Dörfer und Vororte aufsaugt, bevor sie ungefähr zwanzig Meilen vom Zentrum entfernt allmählich in eine struppige Landschaft übergeht. Wie konnte ich jemals hoffen, den Weg von Putney nach Shoreditch zu finden? Von Blackfriars nach Hoxton? Von Earls Court nach Tooting? Die Namen der unzähligen Stadtteile waren eine irre Herausforderung (das sind sie noch immer - aber ich liebe es, in einer Stadt mit einer Kreuzung namens "Angel" zu leben), die ganze Stadt war unbegreiflich.

Zwanzig Jahre später meine ich London besser zu kennen als die meisten und dennoch ertappe ich mich dabei, wie ich in einen Straßenmarkt stolpere, von dem ich noch nie gehört habe, wie ich an einem Park vorbeikomme, von dem ich nicht wusste, dass er existiert, und eine georgianische Häuserreihe versteckt hinter einer Sozialwohnungssiedlung entdecke. Selbst wenn ich hier noch weitere dreißig Jahre leben sollte, wird das so weitergehen. Londons Ausmaße sind zugleich Schwäche und Stärke. Ständig dehnt sich die Metropole aus, ständig verändert sie sich, und in genau diesen neu entdeckten Winkeln, meine ich, liegt die wahre Freude dieser Stadt.

Schwermütig und voller Industrie

Ich liebe etwa die schwermütigen Kanäle, die London zusammenhalten. Sie strömen durch die Industriebrache hinter Kings Cross Station, durch den Studenten- und Touristen-Basar von Camden Town, vorbei an der Georgianischen Eleganz von Primrose Hill und Regent's Park, bevor sie unterhalb von orientalischen "Juice-Bars" und Kebabverkäufern in der Edgware Road im Untergrund verschwinden. Der Regent's Kanal erscheint erneut in Little Venice, einer todschicken Hochburg vornehmer Stadthäuser und Kanalboote, bevor er unter dem gewaltigen Westway abtaucht in Richtung des touristenfreien, nördlichen Teils von Portobello. Auf solchen Wanderungen wird Londons andere große Stärke schnell ersichtlich: seine vielen Völker und Kulturen. Der Weg gen Westen entlang des Treidelpfads führt den Wanderer durch unverkennbar karibische, ägyptische, marokkanische und zypriotische Gemeinden, an die Lieblings orte von Gruftis und Punks, Clubgängern und Rastafaris, Drogendealern und Botschaftern.

Richtung Osten wird der Kanal noch faszinierender. Man kann ihn nicht gerade schön nennen - einige der östlichen Teile sind rau und bedrohlich - aber einen Tag lang dem Kanal zu folgen, mit Abstechern nach Norden und Süden zum Broadway Market und der Shoreditch High Street, das wird Besuchern mehr über die Stadt beibringen als die vielen Stunden in den Massen, die vor Harrod's herumstehen oder die lebenden Statuen in Covent Garden. Mir ist klar, dass ich das Ganze hier nicht besonders gut verkaufe ("Wandern Sie am Kanal, er ist schwermütig und voller Industrie!"). Allerdings wird man sich erst in Gegenden wie Hoxton, Hackney, Shoreditch und Bathnal Green eines weiteren Phänomens Londons bewusst: das jüngste Wiederaufleben des Ostens.

Als ich zum ersten Mal nach London kam, war diese Gegend abends und am Wochenende menschenleer. Aber wie im Falle der New Yorker Lower East Side oder Kreuzberg wurde ein armer, vernachlässigter Teil der Stadt für schick erklärt, und die Studenten und Grafikdesigner und Hipster schienen über Nacht einzuziehen. Nun hat sich das Wiederaufleben ausgebreitet nach Süden bis Spitalfields, nach Osten bis Bethnal Green, nach Norden bis in das einst eintönige und ungeliebte Dalston. Nicht alle begrüßen diesen Wandel - viel von der markanten Atmosphäre ging verloren, viele Einwohner wurden durch die steigenden Mieten vertrieben, und es herrscht eine unbehagliche Spannung zwischen gut betuchten Mittelständlern und Alteingesessenen. Spitalfields und Brick Lane Market hatten einmal eine schäbig-schrullige Atmosphäre mit Märkten für Menschen, die im Viertel lebten. Nun sind sie sauberer, glatter, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Gegend so aufdringlich und kommerzialisiert wird wie Camden Town.

Jedoch lässt sich die Lebendigkeit dieses Ortes am Abend oder Sonntagnachmittag schwer bestreiten. Es gibt pfiffige, unabhängige Läden in der Shoreditch High Street, Redchurch Street und Chesire Street, und den Columbia-Road-Blumenmarkt, der - einst ein Geheimtipp - mittlerweile jeden Sonntagmorgen bis zum Bersten gefüllt ist. Noch immer stehen hier die Überreste des alten East End - die düsteren, wenig einladenden Pubs, die Bagelbäcker und die italienischen Cafés mit ihren Resopaltischen - und es wird spannend zu verfolgen sein, ob die Gegend ihre unverwechselbare Atmosphäre bewahren kann, wenn sich aalglatte Hotels und Gastropubs und Cocktailbars niederlassen. Die Straßenschlachten vom August 2011 haben gezeigt, welch ungeheure negative Energie in den unbewältigten sozialen Gegensätzen liegt. Shoreditch blieb für mehrere Tage komplett geschlossen.

Manche sagen, London sei eine teure Stadt. Nun ja, da steckt ein Funken Wahrheit drin. Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, am Flughafen ein Taxi zu nehmen, besorgen Sie sich lieber eine oyster travel card für alle öffentlichen Verkehrsmittel, es sei denn, Geld bedeutet Ihnen wirklich nichts. Bezahlbare Hotels im Zentrum sind Mangelware, und die besten Restaurants sind entweder bestürzend kostspielig oder komplett ausgebucht. Zum Glück steigt die Zahl guter, kleiner und preiswerter Stadtteilrestaurants.

Erstaunlicherweise sind die wunderbaren Museen derzeit noch immer umsonst. Seit seiner Eröffnung ist das Tate Modern ein beliebtes Ziel - ein bemerkenswertes Stück Architektur, das zusätzlich noch in der Nähe von Borough Market, Globe Theatre und einen kurzen, aber spektakulären Spaziergang von der St Pauls Cathedral entfernt liegt. Ich würde außerdem einige der weniger bekannten Museen und Galerien weiter außerhalb empfehlen: Dulwich, Whitechapel, die zwei White-Cube-Galerien und das Original, die elegante neoklassizistische Tate Gallery in Pimlico.

Spazierend durch die Stadt

Auch gratis ist das vielleicht größte Vergnügen des Londoner Lebens - das Zu-Fuß-Gehen. Ich bin davon besessen. Ich gehe jede Strecke, die kürzer ist als, sagen wir, vier Haltestellen mit der tube. Es ist vielleicht ein wenig exzentrisch, aber manchmal verbringe ich einen ganzen Tag damit, der U-Bahn Circle Line zu folgen - ein grandioser, 18 Meilen langer Marsch, ein Rundgang durch Zentrallondon. Die Franzosen haben ein Wort dafür - flaneur. Jemand, der durch die Stadt spaziert, um sie zu erfahren. Ich gebe ja zu: Durch Paris zu laufen, ist viel eher eine Augenweide, als durch London zu gehen, wo donnernde Straßen und namenlose Geschäfte die Viertel verbinden. Aber wer die Hauptstraßen verlässt, hat die besten Chancen, die kleinen Schlupflöcher des älteren, individuelleren London zu entdecken - Clerkenwell, Lamb's Conduit Street oder die unbekannteren Ecken von Soho oder Westlondon. Diese Stadtteile besitzen zwar keine richtigen Sehenswürdigkeiten, dafür haben sie ihre eigene Würze, den Geschmack einer lebendigen und arbeitenden Gemeinschaft.

Keine große Stadt kann für immer gleich bleiben - es ist der dauernde Zustand der Veränderung, der die Stadt überhaupt erst groß macht. Aber die größte Bedrohung Londons - und auch für New York, Paris, Berlin - ist eine schleichende, sich zusammenballende Verschandelung. Londons Pubs und die greasy spoons, die traditionellen Arbeitercafes verlieren den Kampf gegen die überall gleichen Kettenrestaurants und Supermärkte. Da geht es ihnen wie den Brasserien in Paris oder den Bagelbäckern in New York.

Sentimental in die Vergangenheit zu schauen, ist allerdings ein schlimmer Fehler. Jeder, der einmal einen Abend in einem trostlosen, grell beleuchteten Pub verbrachte oder in einem greasy spoon mit englischem Frühstück und Übelkeit kämpfte, wird verstehen, wieso viele dieser Orte schließen mussten. Selbstverständlich werden große internationale Ketten einen Platz in der Oxford Street oder der Via del Corso finden. Das ist unvermeidlich, dort gehören sie hin. Aber diese Verhältnisse scheinen sich über London auszubreiten, sodass es mittlerweile kaum noch Unterschiede gibt zwischen Clapham Junction und Wood Green, Angel und Shepherd's Bush.

Sollte ich eines Tages Bürgermeister von London werden - und die Chancen dafür sind gering -, meine erste Amtshandlung wäre es, einige der allgegenwärtigen Caféketten und Mobilfunkgeschäfte zu schließen, die die belebtesten Straßen der Stadt vereinheitlichen. Nicht alle, nur die Hälfte der Filialen von "Vodaphone" und "Pret a Manger" und "Starbucks" und "Tesco Express". Dann würde ich die Mieten für unabhängige Geschäfte und neue, kleine Unternehmen senken - auf Null. Ich weiß, das ist sehr idealistisch und nicht sehr wirtschaftlich gedacht, aber es scheint der einzige Weg zu sein, um zu verhindern, dass London und Paris und Berlin und New York sich nicht mehr voneinander unterscheiden lassen.

Zum Glück liegt das allerdings noch in der Zukunft. London bleibt eine bemerkenswerte, einzigartige Erfahrung, und es scheint im Moment eine seiner sporadischen Wiedergeburten zu durchleben. Die Theater, die Galerien und Restaurants wirken zurzeit alle lebhaft und optimistisch. Es ist ein guter Zeitpunkt, um London zu besuchen, und dann sind ja da auch noch die Olympischen Spiele, obwohl ich mir denken könnte, dass eingefleischte Londoner diese mit typischem Zynismus beobachten werden, sobald 2012 anläuft. Wenn Sie kommen, besuchen Sie auf jeden Fall Buckingham Palace, Piccadilly Circus, Trafalgar Square, St Paul's Cathedral - sie alle sind auf ihre Weise wundervoll.

Aber das London, das ich liebe, ist woanders. Es ist der Raum voller Gipsabdrücke im Victoria and Albert Museum. Der Kaffee in der Berwick Street. Der "London Review Bookshop" - mein liebster Buchladen der ganzen Welt - im Schatten des British Museum. Es ist Ridley Road Market und Highbury Fields, unter freiem Himmel in den Teichen von Hampstead zu schwimmen und im Regent's Park an einem Sonntagmorgen einige Runden auf dem Rad zu drehen. Es ist der Old Red Lion Pub in Soho, Falafel bei Gaby's und dann ein Film in einem Curzon Cinema, das Lammkotelett des Lahore Kebab House in Whitechapel, durch alte Platten zu stöbern bei Selectadisk, die koreanischen Restaurants in der St Giles High Street, der Blick von beiden Seiten der Hungerford Bridge, die Mittagsstände auf dem Exmouth Market. Eines Tages in ferner Zukunft werde ich vielleicht darüber nachdenken, London zu verlassen, aber es wird nicht aus Langeweile sein.

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Autor:
David Nicholls