England East-London entdecken

Draußen liegt London im Nieselregen, doch im Doppeldeckerbus ist davon nichts zu sehen. Alle Fensterscheiben sind beschlagen. Auf den Bänken sitzen Menschen mit schwankenden Köpfen, die gleichmütig hinnehmen, dass sie sich im Schneckentempo durch die Stadt bewegen. Eine Fahrt nach Stoke Newington erfordert Geduld. Eine Reise in den Stadtteil im Osten Londons lohnt dennoch, denn wer erleben möchte, wo London jung und in Bewegung ist, der muss dahin fahren, wo sich junge Musiker, Künstler und Designer die Mieten noch leisten können.

Mit einem Ruck hält der Bus an der Stoke Newington High Street. Eine belebte Straße, mit Halal-Fleischhändlern, karibischen Bestattungsunternehmen und Pubs. Mittendrin das vertraute Gesicht einer Freundin. Vor dem Café Lemon Monkey wartet Susi King. Die Deutsch-Australierin lebt seit mehreren Jahren in Stoke Newington und kennt sich bestens in der Gegend aus. Als erstes schlägt sie einen Spaziergang entlang der Stoke Newington Church Street vor. "Typisch für die Gegend ist, dass es hier fast nur eigenständige Shops gibt", erzählt Susi. Wie etwa den Secondhand-Laden Strut, wo Amy Winehouse zu Lebzeiten regelmäßig einkaufte. "Sie hat sich bei uns mal ein Leopardendress aus den Sixties gekauft", erzählt Shopbesitzerin Beth Thorne, die an prominente Kundschaft gewöhnt ist.

Inspiration bietet der Laden genug: Die Sonnenbrillen in der Vitrine sehen aus, als stammten sie aus dem Fundus von David Bowie, und an den Wänden hängen Mäntel à la "Mad Men" aus den 50er Jahren. Besonders teuer sind die Unikate hier trotzdem nicht. Viele KLeider kosten nicht mehr als 50 Pfund, und eine Handtasche aus der vergangenen Saison von Miu Miu ist für 280 statt 1200 Pfund zu haben. Noch vor zehn Jahren hätten sich Designerhandtaschen in der Gegend schlecht verkauft. "Damals wäre ich hier nicht mal aus dem Taxi gestiegen", verrät Beth. "Doch seit immer mehr junge Kreative aus angesagten Stadtteilen wie Hoxton oder Shoreditch hierher gezogen sind, hat sich vieles geändert." Heute fühle sie sich sehr sicher, obwohl es an der nahe gelegenen "Murder Mile", der Lower Clapton Road, immer noch öfter zu Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Drogengangs käme.

In der Stoke Newington Church Street aber grüße man sich auf der Straße, und in den umgebenden Wohngebieten bauten die Leute Gemüse in ihren Vorgärten an. "Es ist wie ein Dorf", meint sie. Allerdings kein gewöhnliches, denn in welchem Dorf befinden sich schon indische Restaurants, karibische Nagelstudios und Violinengeschäfte in der gleichen Straße?

"Es gibt hier sogar einen Friedhof, auf dem sich schwule Männer treffen", ergänzt Susi, als wir das Geschäft verlassen und Richtung Abney Park Cemetery mit seinen schiefen alten Grabsteinen laufen. "Die Gräber stammen teilweise noch aus dem 17. Jahrhundert und sind unter dem vielen Moos und Gestrüpp kaum noch zu erkennen. Zwischen Bäumen und Hecken gibt es viel Platz für ungestörte Treffen."

Als wir im Secondhand-Shop Dirty Blonde mit dem Verkäufer Dusty Fary aus New Mexiko plaudern, bewahrheitet sich, was Susi erzählt hat. Der attraktive junge Mann schwärmt von dem Friedhof gleichermaßen wie von den Schwulenclubs in der Gegend: "Im Sommer mache ich im hohen Gras auf dem Friedhof Picknick oder schaue mir die wunderschöne verlassene Kirche an, in der die Band Crystal Castles ein Musikvideo gedreht hat. Abends gehe ich in den ‚Dalston Superstore’, die beste Gaybar der Stadt."

Zum Essen empfiehlt er seinen Lieblings-Inder Rasa, von dem es an der Stoke Newington Church Street zwei Filialen gibt. Eine vegetarische und eine, die auch Fleischgerichte anbietet - beide leicht an ihrer pinkfarbenen Fassade zu erkennen. In letzterer setzten wir uns an einen Tisch am Fenster und probieren uns durch die Küche Südindiens. Wir dippen Bananenchips in Zitronenchutney und essen in Yoghurt gekochte Mangos und grüne Bananen für nur fünf Pfund pro Person. Am Ende sind wir uns einig, das all die lobenden Restaurantkritiken, mit denen die Eingangstür tapeziert ist, Recht haben.

Im Liveclub "The Drop" gibt es kein Durchkommen mehr

Später treffen wir uns mit Susis Freund Richard im Three Crowns-Pub. Mit einem Pint in der Hand fläzen wir uns auf eines der großen Ledersofas unter eine kugelförmige Lampe aus den Siebzigern. Um uns herum unterhalten sich junge Leute in den unterschiedlichsten Sprachen miteinander. "Was für New York Williamsburg ist, ist diese Gegend für London", meint Richard. "Wer neu in die Stadt kommt, fängt hier an, sich eine Existenz aufzubauen." Mittlerweile hat sich eine Schlange vor dem Pub gebildet, in dessen Keller sich der Liveclub "The Drop" befindet.

Heute tritt dort eine angesagte Londoner Band auf: Es gibt kein Durchkommen mehr. Wir entscheiden uns deshalb, zu Fuß ins zehn Minuten entfernte Dalston zu laufen. "Dorthin, wo es die meisten hippen Schnurrbartträger in London gibt", sagt Richard, als wir die Kingsland High Street entlang gehen. Eine Straße, auf der König Henry der Achte im 16. Jahrhundert auf seinem Pferd vom Stadzentrum zu seinen Jagdgründen in Stoke Newington ritt. Heute erinnert nichts mehr an die Vergangenheit. In Özlem’s Kebab House wird gerade eine Hochzeit gefeiert, in einem jamaikanischen Friseursalon lassen sich Männer noch um Mitternacht die Haare schneiden.

Ein paar Schritte weiter im Dalston Superstore tanzt regenbogenfarbenes Licht über den Tresen und die Männer haben nur Augen füreinander. Für Gemeinschaftsgefühl sorgt die Unisex-Toilette, auf der sich Männer und Frauen gemeinsam vor dem Spiegel drehen und wenden. "Egal, ob straight oder gay, bei uns ist jeder willkommen", ruft die Barkeeperin gegen die laute Elektromusik an. 

Als die Bar um zwei Uhr morgens schließt, springen wir in ein Taxi. Am Fenster ziehen die Fassaden unterschiedlichster Geschäfte vorbei: Carribean Nail Salon, Shanghai Take Away, Turkish Minimarket. Es ist, als würde der Abspann eines Films laufen, in dem die ganze Welt mitspielt.

INFOS

NACHTLEBEN
Three Crowns: Gastropub, in dem man gut essen und trinken kann. Liveclub "The Drop" im Untergeschoss. 175 Stoke Newington High St.

Ryans Bar: Pub mit kleiner Konzertbühne, in dem thailändisches Essen serviert wird. 181 Stoke Newington Church St.

Dalston Superstore: Gaybar, 117 Kingsland Road

Coach & Horses: Angesagtes Pub mit überwiegend jungem Publikum. 178 Stoke Newington High St

Vogue Fabrics: Von zwei Dragqueens betriebener Club in einem Townshouse im viktorianischen Stil. Wer rein will, muss auf eine Klingel drücken. 66 Stoke Newington Road.

The Moustache Bar: Kleine Bar im Souterrain eines Friseurgeschäfts. Die Lampen bestehen aus Hüten, die Bilder an den Wänden sind mit Schnurrbärten verziert. Gute DJs und günstige Cocktails. 58 Stoke Newington Road.

The Alibi Club, in dem Elektro-DJs auflegen, Filmabende stattfinden und modesüchtige Londoner die Nächte durchfeiern. 91 Kingsland High St.

SHOPS
Lucky 7: Plattengeschäft, dessen Wände von oben bis unten mit Schallplatten tapeziert sind. Im Keller befindet sich ein Secondhandladen. 127 Stoke Newington Church St.

Dirty Blonde: Vintage Mode, Schuhe und Accessoires. 129a Stoke Newington Church St.

Strut: Secondhandshop mit Raritäten aus den unterschiedlichsten Jahrzehnten. 182 Stoke Newington Church St.

Casino: Secondhandmode und junge Labels aus London, 136 Stoke Newington Church St.

RESTAURANT
Rasa: Lokal mit Spezialitäten aus dem südindischen Kerala. 55 Stoke Newington Church St.

Mangal 2: Türkisches Restaurant, in dem die berühmten Fotografen Gilbert und George jeden Tag Mittag essen. 4 Stoke Newington Rd.

HOTELTIPPS
Four Seasons Canary Wharf: Das Stadtzentrum ist leicht mit der U-Bahn zu erreichen, und ins Londoner East End gelangt man mit der Dock- lands Light Railway - nur zwei der Vorzüge dieses eleganten Hotels. Die Zimmer haben fast alle Themse-Blick - genauso wie der große überdachte Pool. 46 Westferry Circus, DZ ab 186 Euro.

The Rose & Crown: Boutique-Hotel mit sechs Zimmern in einem Pub in Stoke Newington, 199 Stoke Newington Church St, DZ ab 140 Euro.

Shoreditch House: Hotel mit kleinen, aber hellen, modernen Zimmern. Ebor Street, DZ ab 100 Euro.

LONDON-INFOS
www.visitlondon.com/de

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Autor:
Aileen Tiedemann