London Boxen in Englands Hauptstadt

Na also, der Junge ist scharf. Gottverdammich, ist der scharf! Hey Al, sag doch mal selbst: Ist der Junge nicht fuckin' sharp?"

Eugene Maloney ist wieder mal richtig aufgedreht. Soeben hat der untersetzte Manager zugesehen, wie Chas "The Bomb" Symonds in seinem Gym über zehn Runden drei Sparringspartner verarbeitete. Eine Sinfonie aus Gekeuche und aufprallendem

Leder, ba-bamm, batta-bamm. Einer der Sparringspartner hat nachher etwas Blut in den Eimer gespuckt. Und das ist nur gut so: Nun haben Trainer Al Smith und Manager Maloney die Gewissheit, dass der Bomber bereit ist. Am nächsten Freitag soll "The Bomb" im Hauptkampf in Bethnal Green um den Titel eines Southern Area Champions im Weltergewicht boxen.

"Du wirst ihn zersägen, Chas", sagt Maloney und strahlt. "Nicht wahr,Al? Wenn er nur diese Haken bringt, wird er ihn früher oder später zersägen!"

Es ist längst Mittag geworden in Deptford - einem jener unwirtlichen Stadtteile südlich der Themse, wo hauptsächlich jene leben, die keine Alternative haben, wie Maloney später sagen wird.Wo am Abend die Drogen wie Ingwerkekse unter den Jugendlichen verteilt werden und sich die Alten ängstlich hinter trüben Gardinen verziehen. Hier an der Wotton Road aber, unweit der U-Bahn-Station New Cross, lebt die Hoffnung im tradierten Stil weiter. Unten der Pub, "Lord Clyde", in dem ein paar verlorene Gestalten den Pferden eines live übertragenen Rennens hinterhersehen, und oben das Box-Gym - Maloneys Fight Factory. Unten Trinker, oben Asketen, was sie eint, sind die Träume vom Sieg - so war das in London schon, als man das Bier noch mit Pferden über die Dörfer kutschierte.

Der kleine Drei-Seile-Ring in dem Gym hat zwar längst nicht die Ausmaße, die für offizielle Wettkämpfe vorgeschrieben sind. Doch darauf kommt es laut Maloney auch gar nicht an. Seine Jungs sollen hier nicht das Weglaufen, sondern das Standhalten üben. So wie er selbst nicht zurückweichen durfte, als er mit seinem Bruder Frank im benachbarten Peckham aufwuchs - ein unerschrockener Junior, der später ein passabler Amateur und danach mittelprächtiger Profi wurde. Maloneys Motto: "Was nützt die eleganteste Technik, wenn einer nicht kämpfen kann?"

"Du musst es hier haben und hier", sagt Maloney und setzt beide Hände ein. Die eine schlägt donnernd auf den Brustkasten, die andere fasst in den Schritt der frisch gebügelten Hose. Big heart, big balls. "Wenn du das nicht hast, solltest du nicht boxen. Denn es ist ein gefährlicher und sehr, sehr harter Sport."

Und der ist in London alles andere als ausgestorben. Oben in den Zentren der Metropole fällt kaum mal ein Plakat ins Auge, denn eine ordinäre Boxveranstaltung könnte zwischen all den Westend-Theatern, Restaurants und Multiplex-Kinos nur schlecht bestehen. Jenseits dieser Welt aber, an den Rändern der Stadt, blüht das Geschäft des Preisboxens wie eh und je. Eine Sumpfblüte der Peripherie, aber auch Kultur jener Kaste, die das Kämpfen noch heute als oberste Maxime des Überlebens versteht.

"Es ist nicht mehr so wie vor 40, 50 Jahren", sagt Daniel Herbert, einer der erfahrensten Boxjournalisten in der Stadt, "aber Kämpfe gibt es hier immer noch genug." Allein im vergangenen Jahr wurden in der Southern Area zwischen Greater London und Brighton 53 Professional Boxing Shows abgehalten - mehr als in ganz Deutschland.

Es sind weniger die seltenen Abende in der gigantischen London Arena an der Canary Wharf oder die im pompösen Alexandra Palace im Norden, die den Bestand des Bloody Business garantieren. Es sind die vielen, an sich wenig bedeutenden Box-Abende in den kleinen Hallen von Elephant & Castle,Whitechapel, Acton, Bermondsey und Bethnal Green, die meist unter der Woche und ohne die Präsenz von TV-Kameras über die Bühne gehen. Dort sitzen die wahren Sachverständigen als ebenso loyale wie anspruchsvolle Fans, dort werden die jungen Talente auf halbwegs ehrliche Weise gefördert.

"Wenn du nur von den Tickets lebst, musst du den Leuten enge Kämpfe bieten", erklärt Eugene Maloney. Also keine Scheingefechte mit handverlesenen Nieten, sogenannten bodys. Das ist am Ende des Tages auch für seine Talente besser: "Du kannst Micky Maus und Donald Duck verhauen haben. Aber was hilft es dir, wenn du eines Tages um einen Titel kämpfst - und plötzlich steht einer vor dir, der für einen Schlag drei zurückgibt?"

"Value for money" zu bieten ist daher Maloneys ganzer Ehrgeiz - und inzwischen auch sein Markenzeichen. "Fast immer exzellente, ambitionierte Kämpfe", lobte kürzlich die wöchentlich erscheinende Boxing News seine Freitags-Shows in der alten York Hall in Bethnal Green. Das hat für Kundenbindung gesorgt: Acht Tage vor Chas Symonds' Titelkampf ist die Arena bereits ausverkauft. Auch die Fans zwischen Southend und Eastend sind schon fuckin' sharp.

Das nächste große Duell, der nächste ungeschlagene Champion - davon träumen Londons Männer, seit die moderne Form des Preisboxens hier erfunden wurde. Es waren durchweg ehrwürdige Gentlemen, die bei den ersten Champions und Lehrmeistern der "Noble Science of Defense" im 18. Jahrhundert in die Schule gingen. Bei James Figg, dem "Father of Boxing", der an der Oxford Road eine Schaubude unterhielt; und Jack Broughton - Hauptdarsteller und Besitzer eines

Amphitheaters an der Tottenham Court Road, der 1743 die ersten Boxregeln der Moderne einführte. Später kamen die neugierigen Massen, die windigen Zocker und die neutralen Offiziellen dazu, die sich allmählich zur bizarren Mikrowelt des Boxsports summierten.

Früher waren die Kämpfe härter

London war das Zentrum des Geschehens, weil hier eine einzigartige Infrastruktur aus Trainern und Aktiven, Förderern, Funktionären und Reportern entstand. Außerdem bot die Soziologie dieses Konglomerats aus hundertundsowieso Stadtteilen ideale Bedingungen für lokale Rivalitäten: der Mann aus West Ham gegen den Mann aus Hammersmith und so weiter. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es Tradition, alle Kämpfe um den Gürtel eines britischen Champions, den Lonsdale Belt", unter der Aufsicht des National Sporting Club in dessen Räumlichkeiten am Covent Garden abzuhalten. Wer Anerkennung als Boxer suchte, musste sich früher oder später in die Hauptstadt bewegen. So blieb es auch in moderneren Zeiten.

Gewiefte Promoter lockten Zigtausende zu den Titelkämpfen von Londons Besten ins White City Stadium, ins Manorland, in die Harringay Arena und die Wembley Arena. Man fieberte mit, als Bruce Woodcock, Jack London,Terry Downes, Henry Cooper, Frank Bruno und andere local heroes um internationale Titel fochten - und häufig scheiterten. "Shit", sagt Charlie Magri über die Zapfhähne im "Victoria" hinweg, "waren das harte Kämpfe! Viel, viel härter als heute!"

Magri, die Fliege mit dem Hammer: Von 1977 bis 1986 hielt der kleine tunesische Zuwanderer aus dem Eastend seine Gefolgschaft mit spektakulären Ringduellen in Atem. 1983 war "the fly" gar für sechs Monate Weltmeister. Fast noch wichtiger aber ist für seine Freunde, dass er in dieser Gegend geblieben ist.Wer in seinem Pub an der Grove Road in Mile End zu randalieren beginnt, muss noch immer mit Charlies rechtem Haken rechnen. Ansonsten hat der 48-Jährige mit dem Boxen nicht mehr viel am Hut. "Not many class", sagt er abschätzig.

Klasse oder nicht - Tatsache ist, dass Londons Fight Fans nach dem Rücktritt des langjährigen Schwergewichts-Champions Lennox Lewis, einem Londoner aus dem Commonwealth, zurzeit vergeblich auf einen WM-Anwärter von der Themse warten. Die wenigen internationalen Titelträger kommen gegenwärtig aus Cardiff, Manchester und Glasgow. Doch was die Fabriken der Hoffnung betrifft, hat nach wie vor keine andere Stadt in Europa so viele zu bieten. Mehr als 50 Amateur-Boxvereine bilden den Nachwuchs aus, etwa 150 lizensierte Aktive trainieren in einem Dutzend Profi-Gyms, um bei Veranstaltungen aller Art in den Ring zu steigen. Big hall boxing, small hall boxing - und das dinner boxing als exklusiver Clubabend für betuchte Herren, die vorher ausgiebig zu speisen geruhen.

Das neu entflammte Interesse bourgeoiser Kreise an dem rauen Sport mag auf manche Vorbehalte in der Boxszene stoßen - doch gewiefte Zeitgenossen wie Isola Akay wissen es durchaus zu nutzen. Dreimal die Woche gibt der aus Ghana stammende Trainer sein All Stars Gym im nordwestlichen Stadtteil Kensal Town gegen einträchtige Gebühr für Büromenschen frei. Die werden nicht mehr Weltmeister, lacht Akay, aber für ihre Fitness sei dieses Training so umfassend wie kein anderes: "Es ist alles, von Kopf bis Fuß!" Außerdem finanzieren die Büromenschen mit ihren Beiträgen und Spenden den regulären Trainingsbetrieb für Akays Junioren und Profis mit. Ähnlich hält man es auch im renommierten Peacock Gym in Canning Town, wo drei Boxringe mit einem Fitnessbereich kombiniert sind - Krafttraining in Duftnähe schwitzender Profiboxer.

Das ist nicht die reine Lehre des Boxsports, wie sie Traditionalisten und Nostalgiker erwarten. Die werden bei Eugene Maloney wohl besser bedient. So wie an jenem großen Freitagabend, als die York Hall fast zu platzen droht vor elektrisierten Fans.

Mehr als 1200 Box-Enthusiasten sind in das ehemalige Schwimmbad aus der Zeit König Edwards gekommen, darunter eine ganze Busladung aus dem Lord Clyde Pub. Nun hängen sie brüllend über den Galeriegängen und werfen Flüche, Anfeuerungen und Bierbecher durch die Luft, als Chas "The Bomb" Symonds gegen den Southern Area Champion Brett James antritt. Zehnmal drei Minuten, aber so lange dauert es nicht: In der vierten Runde muss der Ringarzt den arg ramponierten James vorzeitig aus dem Kampf nehmen. Er hat ihn zersägt mit diesen Haken.

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Autor:
Bertram Job