Mit Stil 5000 Pfund für eine Nacht

In welchem Film das gewesen sein könnte, fällt mir jetzt natürlich nicht ein, aber genau so hat man sich in Science-Fiction-Streifen aus den 1970er Jahren immer die Zukunft vorgestellt: Die Räume sind vom Licht durchflutet, die Wände fast transparent, alles ist ganz weiß und glitzert oder ganz schwarz und glänzt. Die Kamera fliegt durch den animierten Raum, vorbei an geschwungenen Formen, überhaupt scheint alles schwerelos in der Luft zu schweben und auf ebenso beschwingte, unbeschwerte Menschen zu warten, auf dem Weg zum nächsten Drink und der nächsten Party zum Beat von harmlosen Synthie-Pop. Zur Krönung fliegt eine Discokugel durchs Bild. Das Video zur Eröffnung des neuen W-Hotels in London ist das Realität gewordene Klischee einer Zukunftsvision. Nur fragt man sich, ob man das 2011 wirklich noch so haben will.

Die W-Gruppe kenne ich eigentlich nur wegen ihrer hochgehypten Hotelbars in New York und Los Angeles, gewohnt habe ich dort selbstverständlich noch nie, und auch in London schaffte ich es nur bis in den Block dahinter. In das fast ebenso neue St.Johns-Hotel in der Leicester Street, das zum sehr empfehlenswerten Restaurant mit der "Nose to Tail-Eating"-Küche am Smithfield Market gehört. (Ich habe selten so gut gegessen, man darf nur nie fragen, was da eigentlich auf dem Teller liegt.) Das Hotel des St. John ist nicht ganz so überragend, die "Post Supper Rooms" sind weiße, getäfelte Schuhkartons, wenn auch für Londoner Verhältnisse sehr große Kartons, und sie kosten "nur" 240 Pfund die Nacht (ohne Frühstück), während ein Doppelzimmer im benachbarten "W" erst bei knapp 350 Pfund losgeht. Das "E WOW"-Penthouse mit 150 Quadratmetern, frei drehbarem Sofa unter einer Spiegelkuppel und Jacuzzi plus Vierer-Mannschaftsdusche ist für 5000 Pfund die Nacht zu haben. Das zumindest hat man sich in den 1970er Jahren noch nicht erträumt.

Eigentlich hatte ich versucht, wieder im Mayfair Hotel zu übernachten. Allerdings liegt der normale Zimmerpreis außerhalb des Fashion-Week-Specials bei rund 500 Euro. Ich versuchte es mit dem Shoreditch-House, das zu den Privatclubs des Soho House gehört. In Berlin kosteten die Zimmer dort zu Anfang nicht mal 100 Euro, in London fangen die "tiny rooms" für Nicht-Mitglieder ebenfalls bei erstaunlichen 75 Pfund an und sind genau deshalb fast immer ausgebucht, ebenso wie das Number Sixteen. Danach telefonierte ich das Brown's und das völlig überschätzte St Martins Lane ab, das Gore ließ ich vorsichtshalber gleich weg, um beim 240-Pfund-St.-John's-Deal erleichtert zuzuschlagen - ein für Londoner Verhältnisse ganz vernünftiger Preis wie alle wissen, die schon einmal versucht haben, dort ein halbwegs anständiges Zimmer zu buchen. Mitarbeiterinnen der Verlagsbuchhaltung gehören ganz offensichtlich nicht dazu. Als die Reiseabrechnung zurückkam, war als Kommentar in roter Schrift vermerkt: "Zwei Nächte? Fehler?"

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie eine Kollegin eines anderen Verlags mir vor drei Jahren erklärte, dass das Limit für Hotelzimmer von 100 Euro natürlich auch für Paris und London gelte, was ich als gut gemeinten Witz verbuchte - bis ich die Reservierung eines Einzelzimmers im 19. Arrondissement in den Händen hielt. Dafür hasse ich Hotelsuchmaschinen, irgendwo spucken sie immer noch ein Zimmer für 55 Euro aus. Deshalb buche ich mittlerweile freiwillig selbst. Aber für London habe ich immer noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden. Das Argyle Hotel am King's Cross - nein, daran will ich gar nicht mehr denken. Das Best Western am Kensington Gardens Square? Absolut annehmbar, muss aber nicht sein.

Also versuche ich es jetzt mit modernem Crowdsourcing: Wer kann mir ein schönes, gut gelegenes (Mayfair, Chelsea, Notting Hill, Shoreditch - whatever) Hotel in London empfehlen, das nicht "myhotel" heißt und unter 150 Pfund die Nacht kostet? Ich behalte einen eventuellen Geheimtipp dann auch wirklich für mich, damit nur Sie und ich dort weiterhin übernachten. Und vielleicht noch die nette Buchhalterin, die mir dann bei der nächsten Abrechnung sicherlich ein zufriedenes "geht doch" an den Übernachtungspreis schreibt.

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Autor:
Silke Wichert