Cornwall Kreativer Küstenort St. Ives

Erst waren da nur das Meer, das St. Ives umarmte, und der Fisch, der es nährte. Zinn- und Kupferabbau in der Umgebung ließen das Städtchen im 19. Jahrhundert hangaufwärts wachsen. Die Great Western Railway brachte 1877 eine Verbindung zum Rest der Welt - und mit ihr rückten die Künstler mit Skizzenblöcken und Staffeleien an, um den nachhaltigsten Naturschatz von St. Ives einzufangen: das Licht. Seitdem pflegt der kleine Fischerort eine Romanze mit einer Künstlerkolonie, die so bekannte Namen wie Helene Schjerfbeck, Naum Gabo und Barbara Hepworth umfasst. Eine wechselvolle Liebesgeschichte, die immer wieder von Streit und Brüchen befeuert wurde - und wohl deshalb weiterlebt.

Sie lebt in den auf Leinwand gebannten Ansichten von St. Ives, seinen Dächern aus hochwertigem Schiefer, die in der Sonne glitzern, sich im Regen verdunkeln und im Dämmerlicht rot, gelb und vom Flechtenbewuchs zartgrün leuchten. Sie lebt in den Ölbildern der Marinemaler, die Ende des 19. Jahrhunderts in großer Zahl hierher kamen, Hafenszenen von St. Ives, stürmisches Meer und Fischerboote festhielten. Sie lebt in den Porträts der skandinavischen Künstlerin Helene Schjerfbeck ebenso wie in Virginia Woolfs Roman "Zum Leuchtturm", für den sie sich vom Godrevy Lighthouse inspirieren ließ. Diesen Leuchtturm hatte Woolf von Talland House in St. Ives immer im Blick, hier verbrachte die berühmte Schriftstellerin als Kind viele Sommerferientage. Die Lovestory zwischen Kunst und Küstenstädtchen setzt sich bis heute fort, sie lebt in der trubeligen Gegenwart des Ortes mit Hafenpromenade und Surferstränden.

In der Fore Street, der Ladenmeile, stauen sich die Schlendernden zwischen Pubs, Klamotten- und Souvenirläden, Galerien und Cafés. Bibbernd und tropfend bahnen sich die Surfer zwischen ihnen ihren Weg, watscheln barfuß über das Kopfsteinpflaster, ihre Bodyboards unterm Arm. Bei schönem Wetter sitzen die Menschen auf den Geländern und Bänken, schützen ihre Schachteln voller Fish'n'Chips, ihre Eistüten, ihre Salatboxen vor den Möwen, die sich bei jeder Gelegenheit unvermittelt darauf stürzen. Sie lehnen sich an die verschlossenen Holzhütten am Ufer, in denen früher die Fischer am Ofen saßen und sich wärmten. Sie trinken ein Bier im Hafen-Pub "Sloop Inn". Sie wandern zur Spitze der Halbinsel mitten im Ort, wo die kleine St-Nicholas-Kapelle steht. Sie recken ihre Gesichter der Sonne entgegen. Sie sind nicht alle wegen der Kunst hier. Aber sie alle tun, was diesen Ort mit Kunst angefüllt hat: Sie schauen. Stundenlang.

Die Malerin Naomi Frears muss nur ans Fenster gehen, an jene Front aus Glas, die ihr so viel St.-Ives-Licht ins Atelier wirft, dass es jede Ecke des riesigen Raumes ausfüllt. Dann sieht sie die Surfer, sie lauern im Wasser und reiten auf den rollenden Atlantik-Wellen, deren Rauschen gemeinsam mit dem Klackern der Beachballschläger und den Rufen vom Strand bis in ihr Atelier dringt. In ihren Malpausen steht Naomi hier und beobachtet: wie erst die Surfer frühmorgens kommen und dann die Familien. Wie im Watt Sandburgen wachsen und dann von der Flut eingerissen werden. Wie die See geht und kommt, wie sie unter einer Wolke ganz plötzlich zu einer zähflüssigen, schwarzen Masse anschwillt und Minuten später in der Sonne zu einer karibikblauen Riesenwanne wird. Naomi sagt: "Manchmal sieht es auch aus wie Zitronengelee." Das Fernrohr steht immer bereit auf ihrem Fensterbrett, für den Fall, dass zwischen den Köpfen der Surfer eine Flosse auftaucht, sich ein glänzender Rücken erhebt, ein Delfin springt.

Naomi kam vor 20 Jahren. Sie hatte mit ihrem Mann auf dem Motorrad die Welt bereist, sie hatte in London Kunst studiert und seit den Ferien in ihren Kindertagen St. Ives im Herzen. "Dieser Ort ist magisch", sagt sie. Sie habe nach ihrem Studium gar nicht unbedingt Malerin werden wollen, aber "nachdem ich hier angekommen war, wuchs ich in die Kunst". Sie sagt das, als gäbe es kaum einen anderen Weg, wenn man erst mal hier lebt. Andere St.-Ives-Künstler sagen, eine Künstlerseele lande automatisch irgendwann hier. Naomi ist eine der erfolgreichsten, eine der wenigen, die schon in dem Gebäude ausgestellt hat, das St. Ives vor 16 Jahren die Kunst-Krone aufsetzte: die Tate Gallery.

Ein Schwimmbad oder noch eine Kunstgalerie, das war Ende der neunziger Jahre die Frage, als die Bebauung auf dem Grund eines alten Gaswerks anstand. Der Name Tate, die Aussicht auf Anbindung an Londons bekanntesten Tempel für moderne Kunst, war entscheidend. Ein Schwimmbad bekam St. Ives dennoch.

Die Tate Gallery brachte dem Ort neben einem renommierten Platz für moderne Kunst nicht nur edle Restaurants und vegetarische Take-aways, sondern statt der erwarteten 75.000 mehr als 200.000 Besucher pro Jahr. In dem Rundbau sieht man durch eine gewaltige konkave Glasfront, wie sich draußen ein Wolkenband in wenigen Minuten zur Front aufbaut, sich über den schwarzen Neopren-Männchen am Strand ergießt und dann in ebenso wenigen Minuten wieder verschwindet.

Ein Raum in der Tate Gallery ist immer den heimischen Modernisten gewidmet. Sie sind es, die St. Ives von einer außergewöhnlichen Kulisse für Freiluft-Maler zu einem Ort der Ideen und Kontroversen machten. Sie haben Bewegung in seine Geschichte gebracht. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs verließ das Künstlerpaar Barbara Hepworth und Ben Nicholson London und zog in die Nähe von St. Ives. Ihm folgte Naum Gabo, einer der bekanntesten russischen Konstruktivisten. Großartige Keramiker wie Bernard Leach und der Japaner Shoji Hamada hatten sich bereits im Ort niedergelassen. Sie alle traten in die St. Ives Society of Artists ein, den lokalen Künstlerverein. Und waren dort anfangs nicht von allen gern gesehen: Nicholson, der in seinen Bildern Landschaften auf geometrische Formen reduzierte. Hepworth mit ihren abstrakten, bauchigen Skulpturen aus Bronze und Marmor. Gabo, der immer die neuesten Materialien zu Gebilden verarbeitete, die in den Augen seiner Kritiker nichts darstellten. Leach und Hamada mit ihrer fernen japanischen Philosophie. Es kam zum großen Zerwürfnis in der Kunstszene von St. Ives, die modernen Künstler spalteten sich ab und gründeten die Penwith Society, benannt nach der Halbinsel, auf der St. Ives liegt. Ihr Modernismus zog eine zweite Generation abstrakter Künstler an, bald zeigten die namhaftesten Häuser in London, New York und Paris die Modernisten aus Cornwall, vor dem Hauptgebäude der Vereinten Nationen in New York steht "Single Form", eine Skulptur von Hepworth aus den sechziger Jahren.

Hepworths Skulpturen stehen auch in der Bibliothek von St. Ives, vor der Guildhall, am Aussichtspunkt Malakoff. Ihr Garten voller tropischer Pflanzen und Skulpturen wird gehütet wie ein Heiligtum. Das Atelier wurde so belassen, wie sie es verließ, bevor sie mit einer Zigarette 1975 versehentlich ihre Wohnung in Brand setzte und darin starb. Die Teller und Krüge von Bernard Leach sind in der Leach Pottery ausgestellt, wo heute Tür an Tür mit einem kleinen Museum renommierte Keramiker an Stücken arbeiten, die ebenso Gebrauchsgegenstand wie Kunst sind.

Die Kunst ist hier Teil des Lebens

Von Alltag und Kunst in St. Ives kann niemand besser erzählen als Bob Devereux, selbst Künstler und Leiter der Salthouse Gallery, außerdem Organisator des September Festival, einer Woche voller Lesungen, Ausstellungen und Partys. Bob kam vor 44 Jahren. Seitdem hat er in St. Ives viele Leben gelebt. Er malte, er war frustriert und kellnerte, er vermietete Sonnenstühle, er zog mit Musikgruppen über die Bühnen von Cornwall. Er malte wieder, und er schrieb, Gedichte über das Leben und das Meer und die Menschen von St. Ives. "Willst du eines hören?" Er schließt die Augen und legt los. "Sie hatte eine sinnliche / Affäre mit Raum und Form, / sie arbeitete daran, / die Landschaft mit der Figur / zu verschmelzen ...", der Text handelt von Hepworth.

Bob reißt die Augen wieder auf, seine Stimme donnert, Nachbarn bleiben im Türrahmen der Galerie stehen und hören zu, wiegen sich im Klang der Stimme des Erzählers. Wenig später betritt ein kunstbeflissenes Ehepaar die Galerie und bleibt vor Bobs abstraktem Tryptichon stehen - das gar nicht mehr so abstrakt wirkt, als Bob jede Linie und jede Fläche erklärt.

Wieder geht die Tür auf, aber mit Schwung, und herein kommt ein Mann, ebenso stattlich wie Bob, ebenso zottelig sein Haar. Sie klopfen sich die Schultern, lachen, reden über Ausstellungen, Lesungen und Partys im Ort. Anthony Frost ist der Sohn von Terry Frost, einem der großen St.-Ives-Modernisten, auch er ist Künstler, stellt seine abstrakten Farbenfeste gerade immer irgendwo in der Umgebung aus. Jedes Café, jeder Laden, jeder Pub, jedes Bed and Breakfast ist in irgendeiner Ecke auch ein bisschen Galerie. Das ist es, was St. Ives zu einer so besonderen Künstlerkolonie macht: Im Pub mischt sich das Publikum, mit Farbe bekleckste Hosen werden hier genauso zur Schau getragen wie gestählte Surfer-Oberarme. Am einen Tisch palavern die Maler aus der Aktklasse: "Was ist eigentlich aus dem kleinen Fischladen geworden?"- "Na, eine Galerie." Am Tresen fachsimpeln die Surfer über Wind, Wetter und Wellen. Dazwischen hat sich gerade eine bierselige Runde aus Urlaubern zusammengefunden, ein Pärchen in den Flitterwochen, die anderen wie jedes Jahr eine Woche hier zum Ausspannen. St Ives hat allen etwas zu bieten: hohe Wellen,Wind, das Licht, Wanderwege und gemütliche Hotels. Der Ort kann kaum wachsen, an drei Seiten stößt er ans Meer. Wenn alle, die ihn lieben, auf einmal herkommen, wird es deshalb manchmal eng. Dennoch gibt es hier viele Orte, an denen sich die Stadt, der Strand, die Aussicht in aller Ruhe genießen lassen. Es sind die Lieblingsplätze gestorbener Freunde von St Ives, ihre Nachkommen haben dort Bänke aufstellen.

Die Kunst hier ein Teil des Lebens. Hobbymaler und namhafte Künstler verkaufen Tür an Tür, der eine seine Landschaftsaquarelle, der andere abstrakte Fotokunst. Jeder sucht sich seine Nische, es gibt eine reine Frauen-Galerie, eine Galerie für Glaskunst, eine speziell für Drucke. Kunst ist so für jeden erschwinglich, es gibt die kleine Skizze für ein paar Euro und die hochpreisigen Gemälde und Skulpturen, für die Kunstkenner und Händler extra hierher reisen.

Dennoch gibt es hier viele Orte, an denen sich die Stadt, der Strand, die Aussicht in aller Ruhe genießen lassen. Es sind die Lieblingsplätze verstorbener Freunde von St. Ives, ihre Nachkommen haben dort Bänke aufstellen lassen. "Du hast hier in deinen Traum gelebt und so viele zum Lachen gebracht. Genieße den besten Blick der Welt", liest man auf den Plaketten. "Einer sehr besonderen Person ihren sehr besonderen Ort", "St. Ives war ihr zweites Zuhause, ein Ort, den sie aufrichtig liebten." Überall stehen diese Bänke: entlang des Uferweges, neben und unterhalb der Kapelle, am Hafen, an den Stränden, an den Aussichtspunkten. Und oft sind sie besetzt. Von Menschen, die einfach nur stundenlang schauen.

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Autor:
Tinka Dippel