Fast Lane Idyll mit Anschlussproblem

Seit 20 Jahren liebäugele ich mit der Idee, mal ein Wochenende an der Küste Cornwalls zu verbringen. Als ich 1990 zum ersten Mal nach London kam und meine Zelte in Notting Hill aufschlug, malte ich mir oft aus, wie es wäre, an einem Freitagnachmittag einfach rüber zum Bahnhof Paddington zu spazieren, in einen Zug nach Penzance zu springen und mich ins halbtropische Klima im Südwesten Englands versetzen zu lassen. Da meine Zeit damals allerdings noch straffer verplant war als heute und auch die Urlaubstage sehr überschaubar blieben, war Cornwall aufgrund der langen Anreise und fehlenden Garantie für gutes Wetter sowie einer akzeptablen Unterkunft jedoch lange keine reelle Option.

Mit der Eröffnung des Tresanton Hotels in St. Mawes durch Olga Polizzi im 1998 war das Problem "Unterkunft" gelöst. Mehrfach stand ich dann auch schon fast auf dem Bahnsteig von Paddington, bereit für ein paar Tage voller Sonne, frischer Krebse und eisiger Bäder im tosenden Atlantik - aber Pantelleria, St. Tropez, Beirut und Istanbul gelang es doch immer wieder, sich an die Spitze der möglichen Urlaubsziele zu schieben.

Letztes Wochenende erhielt Cornwall nun jedoch seine große Chance. Ursprünglich wollten wir am Freitagnachmittag nach Stockholm fliegen, um unser Sommerhaus zu eröffnen. Die miserable Wettervorhersage für das Stockholmer Archipel und der strahlende Himmel über dem Vereinten Königreich sorgten für ein spontanes Umdenken.

Während ich im Sevva in Hongkong mit Freunden und Kollegen zu Abend aß, durchsuchte ich den BlackBerry nach Hoteloptionen auf dem englischen Land. Zwei Stunden später, auf dem Cathay-Pacific-Flug zurück nach London, hatte ich mich für Cornwall entschieden und auch schon das Tresanton gebucht. Allerdings hatte ich keine Ahnung, wie man dort am besten hinkam. Kaum war ich gelandet, begann also eine ziemlich komplizierte Diskussion über die Logistik mit der reizenden (und sehr geduldigen) Lady am Empfang des Hotels. Ich gestand vorsichtshalber gleich mal, dass ich es in England noch nie weiter westlich als bis zum Haus eines Freundes in den Cotswolds geschafft hatte und überhaupt nicht auf dem Laufenden war, was Bahn-, Luft- oder Straßenverbindungen in den Westen des Landes anging.

"Wie lautet denn die schnellste zur Verfügung stehende Zugverbindung?", fragte ich. "Sie müssen mit etwas über vier Stunden von Paddington aus rechnen, dazu kommt eine 25-minütige Taxi-Fahrt, wenn Sie in St. Austell angekommen sind", sagte die nette Dame. "Und wenn ich fliegen würde?" - "Das würde bedeuten, dass Sie den Flug von Gatwick mit Air Southwest nach Newquay nehmen würden und dann, je nach Verkehrsaufkommen am Samstag, noch etwa eine Stunde oder so einplanen müssten." Verzweiflung machte mich in mir breit. "Gäbe es vielleicht einen Privatflughafen, der näher liegt?" - "Ja, aber der ist immer noch 30 Minuten entfernt und ich glaube, er ist nur für Maschinen geeignet, die auf Gras landen können. Aber Sie könnten einen Hubschrauber in Erwägung ziehen." - "Ich denke, dich nehm' dann doch die Bahn", sagte ich.

Von "Erster Klasse" keine Spur

Vom angekündigten sonnigen Wochenendwetter war noch nicht viel zu merken, als wir uns am Samstagmorgen auf den Weg zum Bahnhof machten. London war insgesamt windig und feucht - und Paddington ganz besonders. Wenn je ein Bahnhof von den Denkmalschutzlisten gestrichen werden und komplett eingestampft werden sollte, dann ist das Paddington. Die rußgeschwärzten Bögen aus dem 19. Jahrhundert geben sicherlich ein wunderbares Zeugnis für Englands ruhmreiche Tage als industrielle Supermacht ab, heutzutage sind sie aber eher ein alarmierender Beweis dafür, dass es seitdem offenbar keinen großen Fortschritt gegeben hat.

Es mag naiv klingen, aber irgendwie hatte ich mir ausgemalt, dass die Reise runter nach St. Austell in den Waggons der 1970er First Great Western etwas Romantisches und Gemütliches haben würde: breite, bequeme Sitze, ein halbleerer Waggon und ein eleganter Speisewagen. Die entsetzlichen lila Bezüge zusammen mit den welligen Streifen an der Seite hätten jedoch schon ein klarer Hinweis darauf sein sollen, dass genau das Gegenteil der Fall sein würde.

Wir nahmen unsere Sitze in einem ziemlich vollgestopften Erste-Klasse-Wagen ein und bevor wir den Bahnhof überhaupt verlassen hatten, schien es schon höchst unwahrscheinlich, dass irgendetwas an dieser Fahrt runter nach Cornwall die Klassifizierung "Erste Klasse" oder "Great Western" verdienen würde. Als wir Reading erreicht hatten, war der Zugbegleiter nicht in der Lage, die Türen zu öffnen, da er seine Schlüssel verlegt hatte. Nach Appellen an die Passagiere, bei der Suche mitzuhelfen, tauchten sie in der Nähe der Gepäckablage am anderen Ende des Zuges wieder auf.

Kurz danach gab das Belüftungssystem seinen Geist auf und der Waggon verwandelte sich in ein rollendes Dampfbad. Glücklicherweise ließen sich die Fenster der Notausgänge öffnen und wir waren in der Lage, eine kleine Brise zu generieren - außerdem war Mats war so klug gewesen, noch in Paddington den kleinen skandinavischen Lebensmittelhändler aufzusuchen und uns mit einer Auswahl an belegten Broten und einer Flasche Wein einzudecken.

Nach einer Reise von vier Stunden und 16 Minuten erreichten wir schließlich St. Austell. Ein Chauffeur begrüßte uns freundlich und brachte uns zum Hotel. Auf dem Weg dorthin kamen wir an hübschen Bauernhöfen vorbei, hörten Geschichten über den Zusammenbruch der Industrieanlagen und sahen viele Werbetafeln der EU, die Entwicklungsprojekte in der Gegend anpriesen. Da Cornwall eine der ärmsten Ecken der alten EU ist (und vielleicht die schönste), verstehe wer will, warum der Lösung des Transportproblems nicht eine höhere Priorität eingeräumt wird. Nach zwei zauberhaften Tagen in Frau Polizzis Hotel war klar, dass Cornwall nur eine einzige Trumpfkarte besitzt, um aufzublühen: den Tourismus. Ein Konsortium, zusammengesetzt aus Deutscher Bahn, SBB und JR East (neben dem deutschen Unternehmen schweizerische und ostjapanische Eisenbahnen) könnten vielleicht alle auf den Zug aufspringen und diese unterversorgte Gegend Englands wieder an den Rest der Welt anschließen.

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Tyler Brûlé