England Auf dem Pferd durchs Dartmoor

Tief im Süden Englands verbirgt sich ein Landstrich mit bizarren Felsen und schaurigen Legenden: Dartmoor. Autor Bjørn Erik Sass hat sich aber ganz mutig per Pferd der magischen Atmosphäre gestellt.
Ponys im Dartmoor

Auf einem schmalen Landzipfel im äußersten Südwesten Englands, genau in der Mitte der Grafschaft Devon, liegt die Region Dartmoor. Man gelangt dahin, wenn man von London aus fast schnurgerade nach Westen fährt. Wenn man sich hinter der Stadt Exeter nach Südwesten wendet, und wenn die Straßen immer enger werden und die Kurven so oft und rasch aufeinander folgen, dass man jede Orientierung verliert, dann ist man in Dartmoor.

Zu Pferd und zu Fuß durch die Region Dartmoor

Lange bevor ich den ersten Menschen treffe, habe ich schon viele Steinmauern gesehen. Eine unendliche Kette von Mauern aus Feldsteinen. Sie teilen Felder, sie zäunen Häuser und Höfe ein, sie stehen neben der Straße. Könnten bedrohlich wirken, so hohe Wände aus dunkelgrauem Stein. Aber weil auf ihnen und durch sie hindurch Bäume wachsen, wirken diese Mauern wie ein organischer Teil der Landschaft. Manchmal wuchern die Bäume rechts und links der Straße zusammen und bilden einen dichten Baldachin, der die Sicht in den Himmel versperrt. Oder öffnet er erst den Blick für etwas, was man sonst nicht sähe?

Wahre Schönheit offenbart sich nicht im Vorübereilen. Also reise ich langsam durch Dartmoor: zu Pferd und zu Fuß – über die Felder und Wiesen und hinauf auf die Hügel. Dartmoor ist voll von diesen Hügeln. Einst war der Nationalpark eine Hochebene, die aus einem einzigen 625 Quadratkilometer großen Stück Granit bestand. Saures Wasser und vier Eiszeiten haben an ihm genagt, bis nur die Hügel stehen blieben. Im zentralen Moor sind sie unbewaldet, entlang der Flüsse bilden die Bäume schüchtern zusammenstehende Grüppchen. Oben auf den Hügeln trotzen nur Torf, Wollgras und Ginster dem Wind, der hier an den Hosenbeinen zerrt.

Wenige Menschen, viel Ruhe und Steinmauern

IN DARTMOOR GIBT ES WENIGE MENSCHEN, VIEL RUHE UND NOCH MEHR STEINMAUERN

Dartmoor, Devon, England

Dartmoor, Devon, England

Mit Ashley, Caroline und Miss Piggy gehe ich mich umsehen. Ashley und Caroline sind echte Pferdemädchen. Sie sprechen fröhlich auf ihre Tiere ein, als seien es begriffsstutzige kleine Geschwister. Und sie tragen Perlenohrringe. Das finde ich sehr passend. Ich habe ja auch lange darüber nachgedacht, wie ich mich für unseren Ausritt schick mache. Der Stall gehört zu meinem Hotel und mein Hotel ist ein Schloss. Was trägt man da wann zu welchem Anlass? „No brown after six.“ kenne ich noch, aber das nützt mir jetzt gar nichts. Will ich das Anmutige der Landschaft auch in meiner Reitkleiderwahl wiedergeben? Oder betone ich die innere wie äußere Wildheit? Verzichte schließlich auf den kuscheligen Tweed. Den feinen Landadligen nimmt mir hier eh keiner ab. Meine neuen Gamaschen sind eng und quetschen die Waden zusammen. Davon wird mein Gang noch steifer. Steht mir. Fühle mich wie ein Mann, der gleich seine Ausrüstung mit wenigen, abgemessenen Handgriffen verstaut, auf sein Pferd steigt, den Zurückbleibenden kurz zunickt und für einige Zeit in die Tiefen des Hochmoors entschwindet. Und dann das: Mein Pferd ist an ein kleines Podest mit vier Stufen festgebunden. „Darf ich vorstellen: Miss Piggy!“, sagt Ashley. Weiß gar nicht, was mich mehr deprimiert: die Aufsteighilfe oder auf einem Tier mit so einem Namen zu sitzen. Auf keinen Fall werde ich mein Pferd so ansprechen. Immerhin benutzen auch die Pferdemädchen das Podest.

Dartmoor kann eine durch und durch liebliche Sache sein. Von Wiesen duften Apfelblüten, die Sonne scheint, Brombeerhecken säumen Hohlwege, durch die wir gen Westen auf den ersten größeren Hügel zureiten. Ein älterer Herr kommt uns entgegen, tippt mit seinem krummen Wurzelholz-Spazierstock grüßend an seine Mütze. Ashley und Caroline plappern über Dressurübungen und kichern viel. Wenig später, ein paar Meter höher, gibt es keine Wege mehr, sind die meisten Farben verschwunden. Wir reiten dort, wo Steinbrocken und dichter Farn die Pferde durchlassen. Vor uns liegen heidebraune Hügel, darüber ein tiefer Himmel in allen Schattierungen von Gussstahl. Die Wolken wachsen mit dem Land zusammen. Die Hügel sind nicht höher als 600 Meter. Unsere deutschen Mittelgebirge sind alle höher. Aber können die auch an den düstersten Unwettertagen so wuchtig wirken wie ein Dartmoor-Hügel an einem normalen Frühlingsnachmittag?

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Autor

Vital