Thüringen Weimar und die Kunst des Lebens

Die Schauspielerin und Literatin Karen Köhler hat ihr Herz in Weimar an der Ilm verloren. Weil sie hier Menschen gefunden hat, die heute - 200 Jahre nach Goethe und Schiller - leben, was diese Stadt ausmacht: Kunst und Kultur.

Weimar

Meine Rotte wohnt in Weimar, zur Rauschzeit tollen wir durch die Gassen und Straßen. Wir jaulen den Mond an, tauschen Worte und schenken uns Ideen. Wir zählen am Römerhaus die Sternschnuppen und erfinden die AfD neu, Alternative für Design. Wir sind eine kreative Meute, eine Ideenversammlung, ein Labor, ein Gericht, ein Destillat, und unserem Baumhaus fehlt das M. Wir sind Schmuddelkinder auf Kaperfahrt, wir haben dreckige Hände und schmutzige Fantasien inmitten der hochsanierten Gingko-Goethe-Zuckergussstadt.

Das erste Mal Weimar

Mein Herzstück in Weimar ist die Ackerwand 23. Sie ist mein Zentrum, mein Sonnensystem, mein Puls, meine Zuflucht, mein Weimar-Basis- Camp, meine zweites Zuhause, dort steht mein West-Östlicher- Diwan. Halt. Stopp. Ich spule zurück. Winter 2012. Mein erstes Mal Weimar war auch mein erstes Mal Thüringen. Ich kam aus Hamburg, der Regionalexpress kämpfte sich von Göttingen aus durch glitzernde Waldlandschaft. Thüringen, dachte ich. Schön, dachte ich. Natur, dachte ich, und dass ich offen sein will.

Weimar
Keine andere Stadt habe ich seither so häufig besucht, ich kenne Weimar jetzt in allen Jahreszeiten. Ich habe Baumkathedralen im Herbst bestaunt. Bin bei Frost auf meinen Joggingschuhen durch den Ilm-Park geschliddert. Bin durch den Weihnachtsmarkt geirrt und habe mich, ich gebe es ungern zu, verlaufen. Bin die zehn Kilometer nach Buchenwald durch kniehohen Schnee gewatet, in der Gedenkstätte sind mir bei eisigem Wind die Gedanken und die Seele gefroren. Daran muss ich oft denken, wenn ich in Weimar bin: dass da oben auf dem Ettersberg der Horror stattgefunden hat. Ich habe den Kirschbaum vor der Ackerwand 23 blühen und Früchte entwickeln sehen. Und mehrere Jahre versucht, an die reifen Kirschen zu gelangen – vergeblich.

Meine Weimar-Familie

Ich bin Autorin und kam die ersten Male beruflich hierher: Gemeinsam mit der Schauspielerin Sandra Hüller performte ich in der ACC Galerie. Wir waren wild. Wir waren scheu. Das Publikum war jung, klug und aufgeschlossen. Es war ein sehr schöner Abend für uns. Vor vier Jahren bekam ich dann von Hasko Weber, dem Intendanten des Deutschen Nationaltheaters in Weimar, den Auftrag, drei Jugendstücke für drei aufeinanderfolgende Spielzeiten zu schreiben. Um vor Ort zu recherchieren, mietete ich ein Zimmer in der Ackerwand 23. Was für ein Glück: Ich bin da in ein fantastisches Haus geraten.

Brotklappe in Weimar
Dort wohnen Franziska Grau, Kostümbildnerin und Bäckerin in der "Brotklappe", ihre Tochter Lil und Jörg Lassak, Filmproduzent. Das Haus beheimatete die Modedesignerin Anne Gorke, und mittlerweile ist im Erdgeschoss das Büro von Copa Ipa. Markus Postrach und Christian Rothe gestalten da alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Bücher. Flyer. Plakate. Schriften. Sweatshirts von Anne Gorke. Filmregisseur Michael Venus wohnt mit seiner Freundin Ute Herman, einer Modedesignerin, auch im Haus. Sie sind meine Weimar-Familie, und sie alle haben an der Bauhaus-Universität studiert.

Zur Ruhe kommen im Ilm-Park

Ich spule wieder vor. Ostlicht steht auf der dritten Klingel von unten an der Ackerwand 23. Derzeit schreibe ich gemeinsam mit Michael Venus ein Drehbuch, das die Filmproduktionsfirma Ostlicht produziert. Seit drei Wochen haben wir bei ihm zu Hause eine Art Arbeitshöhle eingerichtet, wo wir in einem Tunnel verschwinden und nur wieder rauskommen, wenn wir müssen.

Wir quälen uns nach dem Aufstehen in die Joggingschuhe und laufen los. Das Haus liegt direkt am Ilm-Park. Ja, da steht das Römerhaus, ja, gegenüber auf der anderen Ilm-Seite steht auch Goethes Gartenhaus, und ja, nachts betrinken sich hier Jugendliche auf Klassenfahrt, die sich tagsüber gelangweilt haben. Aber schön ist der Park allemal, eine wirkliche Oase. Die Ilm schlängelt sich natürlich, es gibt verwunschene Stellen, wo man seine Gedanken frei lassen, Forellen zählen oder an heißen Sommertagen die Füße so lange in die kleine Quelle halten kann, die Ochsenauge heißt, bis man wieder klar im Kopf ist.

Wir nehmen die kleine Runde und laufen zurück. Ich dusche mit offenem Fenster, von der Musikhochschule wabern Klaviermelodien herüber. Es hört sich schön an. Immer, immer, immer üben da drüben emsigst die fleißigen Musikstudenten aus der ganzen Welt.

Wir stürzen uns wieder in die Arbeit und hören erst damit auf, als mittags unsere Mägen maulen. Dann pilgern wir zum Syrer "Damas". Da gibt’s die besten Falafel- und Halloumi- Brote der Welt. Ich schwör.

Vorzüge einer Kleinstadt

Auf unserem Weg zurück treffen wir Adrian der kommt gerade vom Siebdrucken in der Werkstatt Max.R in der Gerber, wie das besetzte Haus in der Gerberstraße heißt. Ob ich ihn da später mal besuchen kann? Klar, komm vorbei. Das ist auch so eine Sache: In Weimar trifft man immer überall irgendwen. Man will eigentlich nur kurz Klopapier kaufen und schon, hallo-hallo, ist man in eine Grundsatzdiskussion vertieft, die man letzte Woche mal angefangen hatte. Das muss man mögen. Oder sich zum Klopapierkaufen ’nen Bart ankleben. Das ist halt auch Kleinstadt.

Weimar
Wir verabreden uns für den Abend in der "Brotklappe". Heute ist Montag, und das bedeutet: Pizza Night. Die Brotklappe ist nichts für Gluten- Allergiker oder Low-Carb- Menschen, tut mir leid. Da gibt es nämlich viel Gluten, viele Kohlenhydrate, sehr viel Liebe und die leckerste Zitronen-Baiser- Himbeer-Tarte des Universums. Really. Ich bin verliebt in diese Tarte.

Genau genommen liegt die Brotklappe an einem Unort: Durch die Trierer Straße brummt der Ringverkehr, dort haben sich Annika und Sebastian Lück ein kleines Familienglück aufgebaut: Schlichtes Design, beste Brote, und montags abends gibt es eben immer Pizza.

Kunst und Kultur

Die Künstlerin Ulrike Theusner setzt sich an unseren Tisch, sie ist eine Zurückgekehrte. Lange Zeit hat sie in New York gelebt und als Model gearbeitet, in Nizza und Weimar hat sie Kunst studiert, in Leipzig und Berlin ihre Ateliers gehabt und sich bereits einen Namen gemacht. Jetzt hat sie hier in dem schönen Galeriehaus in der Karl-Haußknecht- Straße ein günstiges Atelier bekommen und ist nach Weimar zurückgekehrt. Hier käme sie viel besser zur Ruhe und fände die Konzentration für die Arbeit. Und das glaubt man ihr sofort, wenn man ihr Oberlicht-Atelier kennt.

Es dauert vielleicht etwas, bis man in Weimar nicht nur die Sehenswürdigkeiten der Klassik, die Gedenkstätte und Touristenströme sieht, bis man hinter die Kulisse blicken kann. Aber was ich da entdeckt habe, ist ein Puls, sind junge, aufgeschlossene, kreative Menschen, die sich gegenseitig einen Grund geben, auch nach abgeschlossenem Studium in der Stadt zu bleiben, und denen es gelingt, das zu schaffen, wofür Weimar steht: Kultur.

Die ungekürzte Textfassung von Karen Köhler sowie ihre persönlichen Lieblingsorte in Weimar finden Sie im MERIAN Thüringen.

In diesem Video zeigen wir Ihnen die Wartburg: