Thüringen Die Kronen der Schöpfung

Der Buchen-Urwald im Nationalpark Hainich

Der Hainich gehört zu den letzten Überbleibseln der Urwälder, die einst weite Teile Mitteleuropas bedeckten. Acht Jahre nach der Wende wurde er zum Nationalpark erklärt und steht sein 2011 auf der Liste des UNESCO-Weltnaturerbes, mit aderen alten Buchenwäldern in Deutschland und den Urwäldern der Karpaten. Ein weites Netz von Wander- und Radwanderwegen durchzieht das Schutzgebiet, der spektakulärste ist der Baumkronenpfad in 44 Metern Höhe. Orte wie die sagenumwobene Betteleiche, das Wildkatzendorf und das malerische Brunstal machen den Buchenwald bei Eisenach zu einem magischen Reiseziel.

Wie sähe die Welt ohne uns aus? Wenn es keine Menschen gäbe, sondern nur die Natur, in die keiner eingreift? »So«, sagt Gerd Frixel und beschreibt mit den Händen einen Kreis um sich herum. Rotbuchen, so weit das Auge reicht, in der Luft ein pilziger, erdiger Duft. Wäre da nicht der markierte Weg, auf dem das Wandergrüppchen steht, man könnte meinen, man wäre in einem anderen Zeitalter gelandet. Vielleicht im 18. Jahrhundert, als die Gebrüder Grimm als Märchensammler über die Dörfer zogen, oder noch früher, zur Römerzeit. »Der Hainich ist ein Musterbeispiel für den ursprünglichen deutschen Wald«, erklärt der Ranger mit dem markanten Bärtchen. Ursprünglich hat Frixel Forstwirt gelernt, heute zeigt er Gruppen die Schönheiten des Nationalparks. Nicht nur auf Wanderwegen, sondern gelegentlich auch mal bei Touren durchs Unterholz zu speziellen Themen wie Pilze, Kräuter oder Frühblüher.

Den Buchen-Urwald im Nationalpark Hainich entdecken

Den Buchen-Urwald im Nationalpark Hainich entdecken

Dass es ihn überhaupt noch gibt, diesen deutschen Urwald, ist beinahe ein Zufall – und ein Glücksfall. Jahrzehntelang bewirtschaftete keiner das weitläufige Waldgebiet, da es als Truppenübungsplatz genutzt wurde, zuletzt zu DDR-Zeiten. So konnte sich die Natur hier ungestört ausbreiten. Eine Chance, die man nur zu ergreifen brauchte: Einige Jahre nach der Wende wurde der Hainich zum Nationalpark erklärt, seither kann man hier dem Wald beim Verwildern zuschauen. Freiflächen überwuchern, und die Alt- und Totholzbereiche eröffnen neue Räume für eine ungeheure Vielfalt der Lebensformen. »Wir haben allein 2000 Käferarten, davon ein Viertel, das ausschließlich in abgestorbenem Holz seine ökologische Nische findet«, sagt Rüdiger Biehl, stellvertretender Nationalparkleiter.

Der Buchen-Urwald im Nationalpark Hainich

Der Baumkronenpfad führt mitten durch die Buchen hindurch

Dazu beinahe genau so viele verschiedene Pilzarten, sieben Spechtarten, darunter der seltene Schwarz- und Mittelspecht, und ein wachsender Bestand an Wildkatzen. Die meisten Wald-Fans kommen aber weniger wegen der scheuen Tiere, als vielmehr wegen der Farbenpracht der Blätter und Blüten. Zweimal jährlich treibt es der Hainich bunt: Im Herbst, wenn die 30 verschiedenen Baumarten ihre Blätter von burgunderrot bis zartgelb leuchten lassen, und im Frühjahr, wenn ganze Teppiche von Leberblümchen, Märzenbechern und Bärlauch den Waldboden schmücken. Gibt’s zwar auch woanders, »aber nicht in dieser Größenordnung«, sagt Gerd Frixel stolz.

Aktivitäten im Nationalpark Hainich

Im Hainich gibt es viel zu entdecken

Hainich-Neulingen empfehlen die Ranger gern den Saugraben-Weg: Zehn Kilometer hügelab und hügelan durch eine vielfältige Landschaft mit Urwaldbereichen und offenen Flächen. Und dann sind da noch die besonderen Wege, die für jeden Besucher eine andere Wald-Erfahrung bereithalten: für Familien mit Kindern Abenteuerpfade, an denen versteckte Tonbänder mit Tiergeräuschen und heimischen Sagen zum Weiterlaufen motivieren; der barrierefreie Erlebnispfad Brunstal, ausgelegt für Rollstuhlfahrer und mit Infotafeln in Brailleschrift. Schließlich das Highlight, in jeder Hinsicht: der Baumkronenpfad, der sich in zwei Schleifen durch die Baumkronen schlängelt und vom 44 Meter hohen Aussichtsturm überragt wird. Auf dem Weg dorthin lohnt ein Abstecher ins Nationalparkzentrum mit der spannenden Ausstellung »Entdecke die Geheimnisse des Hainich«, Kartenmaterial und Infos zum Mitnehmen.

Wandertipp

Urwald-Trekking

Jeden Mittwoch und Samstag um 13 Uhr laden Gerd Frixel und seine Ranger-Kollegen zu einer kostenfreien Vier-Kilometer-Tour durch den Nationalpark ein. Treffpunkt ist am Landschaftsrelief vor dem Nationalparkzentrum, ein öffentlicher Bus fährt bis zur Thiemsburg, der Busparkplatz ist etwa 300 Meter vom Start entfernt. Mehr Infos unter: www.nationalpark-hainich.de