Urlaub an der Nordsee Wattenmeer vor Sylt

Fernab der Hauptstraße steht ein Bauwagen in der Marsch. Er ist klein, rot und sieht aus, als hätte man ihn einfach zurückgelassen,  hier hinter dem Deich von Keitum, wo mehr Schafe grasen als Häuser stehen. Nur das Nötigste passt in das Innere des Bauwagens. Fünf Schritte sind es von der Tür bis zu dem quietschenden Bett. Rechts stehen zwei rostige Spinde, links befinden sich die Spüle, einfaches Geschirr und ein altes Radio. Auf dem Boden stapeln  sich Dutzende Bücher, Krimis, Thriller, was immer die Zeit vertreibt. An der Wand hängt ein Schaubild bunter Blüten und makelloser Tiere. Der rote Bauwagen ist das Zuhause von Danica Jansen. Aber wie so oft ist die Vogelwartin nicht hier, sondern draußen. Gerade steht sie auf der Deichkrone, blickt durch ihr Spektiv hinaus auf das Watt und beginnt zu zählen.
Zu Tausenden haben sie sich wieder vor ihrer Tür versammelt. Brachvögel, die mit ihren gebogenen Schnäbeln im Schlick pulen. Brandgänse, deren gellende Rufe über das Wasser hallen. Rostbraune Knutts, die auf ihrem Weg von der arktischen Tundra bis zur Westküste Afrikas 8000 Kilometer  zurücklegen. Jeden Herbst rasten bis zu 12 Millionen Zugvögel im Wattenmeer. Es braucht ein halbes Leben, alle Arten zu erkennen. "Am Anfang unterscheidet man sie durch Farbe, Größe und Schnabel. Später auch durch Rufe und Flugverhalten", erklärt Jansen und klickt unaufhörlich mit dem Daumen auf das Zählgerät in ihrer Hand. "Jetzt ist natürlich am meisten los. Da ist es am spannendsten zu schauen, aber auch am schwierigsten." Sie bricht ab, als plötzlich ein Schwarm aufsteigt. Wie eine Schraube, die sich in den Himmel dreht. 

Seit 1985 als Nationalpark geschützt, seit 2009 von der UNESCO als Weltnaturerbe gelistet. Das Wattenmeer. Es erstreckt sich von Dänemark entlang der Ostküste Sylts bis in die Niederlande – und ist eine Anomalie, eine riesige Arena der Gezeiten, geschaffen von einer glücklichen Verkettung von Umständen. Die Gravitation von Sonne und Mond zusammen mit den stetigen Sedimentablagerungen der Flüsse und dem Gefälle der Küste sorgen dafür, dass der Unterschied zwischen Ebbe und Flut hier gewaltiger ist als an anderen Küsten. Das Meer zieht sich kilometerweit zurück, bis mehr als die Hälfte des Wattenmeers trocken liegt. Dann rast es in den Prielen zurück und wäscht alle Spuren fort, ordnet den Sand neu. Es ist eine Landschaft, die immer gerade erst war oder gerade neu wird. Und es ist eine Landschaft, die den Blick schärft. Die dazu zwingt, genau hinzusehen, um all die Schattierungen des Lebens zu entdecken, mit dem es überquillt.

"O mein Gott", flüstert Danica Jansen, als sie ihr Spektiv auf eine Sandbank richtet. Während der Flut haben sich dort so viele Vögel gesammelt, dass man vor lauter Gefieder keinen Grund mehr erkennt. Als es zu dunkel wird, sie zu zählen, läuft Danica Jansen den Deich hinab zum Bauwagen. Sie stellt das Spektiv in den Spind, zieht Jacke und Mütze aus und krault die Ohren ihres Mischlingshundes Ceddy, mit dem sie sich den Wagen teilt. Jansen ist 31 Jahre alt, ihr Haar so kurz geschoren, dass man meinen könnte, sie würde morgen in den Krieg ziehen. "Ich wollte schon immer eine Frisur wie Sinéad O’Connor haben. Aber ich habe mich erst getraut, als ich wusste, dass ich hierher ziehe." Wie es sie in den Bauwagen verschlagen hat, erzählt Jansen, während sie auf einer kleinen Kochplatte ein einfaches Abendessen aus Pilzen und Knödeln zubereitet: Es begann 2013, als eine Freundin die gelernte Hotelfachfrau aus Münster zum Fastenwandern nach Sylt einlud. Schon bei einem der ersten Spaziergänge an einem bitterkalten Februartag wurde ihr klar: "Hier muss ich wohnen! Ich habe mich einfach Hals über Kopf in die Insel verliebt."

Vogelwartin auf Sylt bedeutet ein einfaches Leben zu führen

 

Vogelwartin auf Sylt
Bei der Arbeit: die Vogelwartin mit ihrem Arbeitsgerät, einem Spektiv
Also durchforstete sie Stellenanzeigen und stieß schließlich auf die Schutzstation Wattenmeer, die einen Vogelwart für Keitum brauchte. Suche Naturliebhaber zur Dokumentation der Vogelmigration, zur allgemeinen Gebietspflege und für Wattwanderungen. Befristet für ein Jahr. Biete kleines Gehalt und Unterkunft nahe am Arbeitsplatz. Jansen bewarb sich, bekam den Posten und packte schnell die Koffer. Ihre Freunde hielten sie für verrückt. "Die haben Wetten abgeschlossen, wie lange ich durchhalte", grinst sie. "Aber ich habe es nie bereut." Nicht in den ersten Tagen im April, als die Temperatur im Bauwagen nachts so tief fiel, dass sie ihren eigenen Atem sehen konnte. Und erst recht nicht im Sommer, als sie immer draußen war, ständig Besucher durchs Watt führte oder einfach ihre Bücher las, während Stare und Schwäne über sie hinwegrauschten. "Die machen so einen Krach beim Fliegen. Aber nicht, weil sie schnattern, sondern weil ihre Flügel surren!"

Die Vögel kommen wegen des Schlamms. Oder genauer, wegen all dessen, was sich im Schlamm versteckt. Weil die Sonne bei Ebbe ungefiltert auf den Meeresboden brennt, wird die Erde zu einem gigantischen Brutofen. Mikroskopisch kleine Algen sprießen so zahlreich aus dem Sand, dass sie eine ganze Armada von Würmern, Krebsen und Muscheln ernähren, die wiederum Fische und Vögel anlocken. Bis zu 100 000 Lebewesen wimmeln in einem Quadratmeter Schlick. Dabei schaffen es nur besonders hartnäckige Spezies in diesen extremen Lebensraum. Halb See, halb Land, im Sommer sengend heiß, im Winter manchmal unter Eis begraben.

"Das Wattenmeer ist nicht so artenreich wie ein tropischer Regenwald", erklärt Christian Buschbaum, Biologe in der Wattenmeerstation des Alfred-Wegener-Instituts in List. "Es wird von weniger Arten besetzt, die aber sehr gut angepasst, sehr opportunistisch und sehr zahlreich sind." Wie ein Schiffsbug liegt die Station am Zipfel der nördlichsten Ortschaft Deutschlands. 1924 wurde hier ein biologisches Labor gegründet, um Maßnahmen gegen das Aussterben der Ostrea edulis, der Europäischen Auster, zu erkunden – die war so begehrt, dass sogar Zarin Katharina II. sie einst in St.Petersburg geschlürft haben soll. Die Auster war nicht zu retten, aber heute erforscht man mit modernster Technologie noch immer die Veränderungen des Wattenmeers. In den Kellern befinden sich mit Schleusentüren abgeriegelte Labore. Dahinter kräuseln sich Algen in Plastikcontainern,  kleine Fische schwirren vorbei.

Buschbaum, ein hagerer Mann von 46 Jahren, ist nicht nur ein exzellenter Biologe, sondern auch ein erfahrener Taucher. Wenn er nicht in List ist, forscht er unter dem Eis der Arktis. "Dort muss man sich nur gut vor der Kälte schützen. Im Watt ist das Tauchen schwieriger. Es ist trüber, flacher, und die Strömung ist stärker. Schon ein paar Mal musste ich mich mit beiden Händen in den Meeresboden krallen und habe trotzdem eine Furche gezogen", sagt er und lacht. Sein Fachgebiet sind eingeschleppte Arten. Sie heften sich an Schiffsrümpfe und überqueren die Ozeane, bis sie schließlich im Watt ankommen. Seepocken aus Australien, Schwertmuscheln aus Amerika, Japanischer Beerentang, eine Alge, die bis zu vier Meter groß wird und unter Wasser ganze Wälder bildet. Lange war es für viele Exoten in der Nordsee zu kalt, ihre Bestände blieben klein. Aber die Erwärmung der Meere führe dazu, erklärt Buschbaum, dass sie sich immer zahlreicher im Watt ansiedeln. "Die Geschwindigkeit, mit der sich das Wattenmeer verändert, ist derzeit so hoch wie nie zuvor. Und das ist durch den Menschen verursacht."

Miesmuschelzüchter im Visier der Naturschützer auf Sylt

 

Wattwanderung auf Sylt
Walter Schmitz
Wattwanderung auf Sylt
Die Erwärmung ist nicht die einzige Bedrohung für das Watt. Die Fischer, allen voran die Miesmuschelzüchter, die sich die Jungmuscheln aus dem Wattenmeer holen, zerstörten diesen einzigartigen Lebensraum, warnen Naturschützer. In den letzten 20 Jahren sei der natürliche Bestand der Muschel um 90 Prozent zurückgegangen. "Unwahrheiten!", wettert Kapitän Adriaan Leuschel, wenn er das hört. "Die wollen uns verdrängen. Die haben die Vision, dass im Wattenmeer nichts mehr fährt und nichts mehr fischt. Das sind Extremisten." Leuschel steht auf der Brücke seiner "Tryntje" und hält das Steuer ruhig, während die Wellen gegen den Bug peitschen. Der Konflikt zwischen Fischern und Naturschützern schwelt schon lange. Als das Land Schleswig-Holstein 1973 einen ersten Gesetzesentwurf zur Errichtung des Nationalparks einreicht, muss es ihn nach Protesten der Bevölkerung zurückziehen. Als der Park in den Neunzigern stärker geschützt werden soll, fahren die Kapitäne ihre Kutter bis vor den Landtag an der Kieler Förde. 160 Mahnfeuer werden entlang der Westküste entzündet, der damalige Umweltminister mit Eiern beworfen. An den Straßen stehen Schilder mit der Aufschrift: "Ökodiktatur – nein danke!" Das Gesetz wird trotzdem verabschiedet. Heute entlädt sich die Wut wieder gegen den Umweltminister Schleswig-Holsteins, derzeit Robert Habeck. Der wolle den Muschelfischern nur noch eine winzige Fläche zugestehen, sagt Leuschel, wo sie eine hierzulande wenig erprobte, aber deutlich schonendere Zuchttechnik ausprobieren sollen.

Noch holen die Fischer die Jungmuscheln aus natürlichen Miesmuschelbänken, jetzt sollen sie ausschließlich eine neue Methode verwenden, bei der die Muschellarven sich von selbst in riesigen Netzen ansiedeln. Seit ein paar Jahren experimentieren die Fischer schon mit der Technik, aber ihre Erfahrung damit ist gering, das Risiko einer sofortigen Umstellung groß. "Das ist, als würde man ins Kasino gehen und beim Roulette sein ganzes Geld auf Rot setzen", vergleicht es Adriaan  Leuschel. An Deck der "Tryntje" pflücken zwei Matrosen in leuchtenden Regencapes Seesterne von Tauen. Immer wieder lässt Leuschel dicke Seile über die Muschelbank sieben Meter unter dem Bug streifen, um diese von den Parasiten zu befreien. Während der Regen gegen die Fenster prasselt,  referiert er über Fangtechniken, zitiert Studien, belegt und widerlegt. Es geht nicht nur um seine Existenz. Es geht um die Frage, welche Rolle der Mensch in der Natur noch spielen darf. Seit 30 Jahren ist er Muschelfischer, so wie sein Vater vor ihm. Aber Leuschel kann nicht in die Zukunft sehen, weiß nicht, ob er und die anderen Kapitäne auch noch in 10 Jahren ins Watt fahren. "Das wird sich zeigen. Wenn es so ist, dass wir Schaden anrichten, dann werden wir dafür bezahlen. Aber wenn nicht, dann darf man uns nichts unterjubeln."

Am nächsten Morgen zieht Danica Jansen wieder Jacke und Mütze an, krault Ceddy hinter den Ohren und verriegelt den Bauwagen. In ein paar Wochen muss sie ihn verlassen, ihr Jahr als Vogelwartin ist fast vorbei. Jansen wird auf Sylt bleiben, nach Westerland ziehen, einen neuen Job anfangen. Wohl oder übel im Büro. Aber heute will sie noch einmal ins Watt. Es ist Ebbe, und das Wasser hat sich drei Kilometer zurückgezogen. Normalerweise geht Jansen nicht weit hinaus, denn das kann sehr gefährlich sein. Sie erzählt von unvorsichtigen Wanderern, die durch die Flut vom Ufer  abgeschnitten wurden oder die der Nebel uüberraschte. Erst vor ein paar Jahren sei eine Frau vorm Büsumer Strand bis zu den Knien im Schlick versunken und musste von der Feuerwehr hinausgezogen werden. Heute macht Jansen eine Ausnahme und marschiert mit schmatzenden Gummistiefeln Richtung Brandung.

Luftaufnahmen des Watts zeigen mäandernde Priele und zarte Sandverwehungen. Sie sehen aus wie ein impressionistisches Gemälde. Wenn man darüber läuft, ist es anders. Die Ebene wirkt nicht so glatt, überall liegen Spuren. Die Muschelschalen, die Haufen des Wattwurms, das Tropfen im Wasser einer davonhuschenden Garnele. Ein Pelikanfuß baumelt um Jansens Hals. Das Watt habe sie zur Sammlerin gemacht, erzählt sie und lächelt. Ständig bückt sie sich, hebt Schalen und Federn auf. Und dann sagt sie auf einmal, so als würde es sie gerade zum ersten Mal treffen: "Hier schwimmen normalerweise Fische. Wir gehen gerade über den Meeresboden." Wir gehen noch ein bisschen  weiter. Die Sonne blitzt heraus, und es ist, als würden wir über ein glänzendes Stück Alufolie laufen. Bis auf 500 Meter trauen wir uns an den Brandungssaum heran. Wir wollen nicht stören. Dort waten die Vögel, die gestern auf der Sandinsel ausharrten, durch die Wellen auf der Suche nach angespülten Schnecken und Würmern. Immer wieder heben Schwärme ab, bäumen sich in den Böen auf, landen an anderer Stelle. "Es ist großartig, wenn es windstill ist", schwärmt Jansen. "Dann hört man hier nur die Vögel." Aber für heute reicht es, sie einfach zu sehen. Tausende schwarze  Schimmer im silbernen Licht.

Tipps für Wanderungen im Watt vor Sylt:

Wattwanderungen: Muscheln sammeln, Wattwürmer ausbuddeln und dabei spielend ein einzigartiges Ökosystem kennenlernen: Eine Wattwanderung gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Sylt-Urlaubs. Die besten Führungen werden von der Schutzstation Wattenmeer angeboten, dauern
etwa zwei Stunden und beginnen in fast jedem Ort der Insel. Doch die Erfahrungen unterscheiden sich: In Morsum und Keitum stapft man mit den Gummistiefeln – wer mag, natürlich auch barfuß – in das matschige Schlickwatt hinaus, in Hörnum und Kampen wandert man über das weitaus feinere Sandwatt. Egal für welchen Ort man sich entscheidet: Im Sommer ist eine Voranmeldung hilfreich. Tickets gibt es bei fast allen Touristeninformationen auf der Insel.
www.schutzstation-wattenmeer.de

Ornithologische Wanderungen: Vogelkundler haben kein gutes Image. Stundenlang im Gras hocken, durch das Fernglas starren, keinen Mucks machen. Was sich sterbenslangweilig anhört, ist auf Sylt eines der intensivsten Naturerlebnisse. Jeden Frühling und Herbst legen Tausende Zugvögel auf der Insel einen Zwischenstopp ein. Gerade dann lohnt sich eine ornithologische Führung. In Keitum zeigt der Vogelwart Besuchern beliebte Rastplätze wie die Sandinseln und den Nössekoog. Karten können an der Touristeninformation "Alte Post" in der Westerländer Stephansstraße gekauft werden. In Kampen beobachtet man den Vogelzug zusammen mit Malte Elbrächter, der fachkundig Fragen zur Lebensweise der Tiere beantwortet. Tipp: Am besten wetterfeste Kleidung anziehen und ein eigenes Fernglas mitbringen.
www.kampen.de

Museen über das Wattenmeer auf Sylt

Erlebniszentrum Naturgewalten: Anfassen, ausprobieren, mitmachen: Spielerisch wird im Erlebniszentrum Naturgewalten an vielen Stationen erklärt, wie spannend die Nordsee – vor allem aber das Wattenmeer – sein kann. Besonders für Kinder extrem spannend. Für Erwachsene bietet das Erlebniszentrum während der Saison jeden Freitag um 10 Uhr eine Führung durch das Alfred-Wegener-Institut an, bei der man den Fachleuten für das Wattenmeer bei der Arbeit über die Schulter schauen kann.
Adresse: List, Hafenstr.37, Tel. 04651 836190; www.naturgewalten-sylt.de

Arche Wattenmeer: Heulen Heuler wirklich? Solchen Kinderfragen kann man in der Arche Wattenmeer in Hörnum auf den Grund gehen. Die 2013 eröffnete Ausstellung der Schutzstation Wattenmeer ist kleiner als die des Erlebniszentrums, aber gleichwohl sehr informativ. Für sie wurde die ehemalige katholische Kirche St. Josef komplett umgebaut.
Adresse: Hörnum, Rantumer Str. 27, Tel. 04651 8862229; www.arche-wattenmeer.de

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Autor:
Kalle Harberg