Deutschland Ozeaneum in Stralsund

Im Ozeaneum in Stralsund tauchen Besucher in die Unterwasserwelt von Ostsee, Nordsee und Atlantik ein. Ein Rundgang durch die Aquarien.

Die Füße, Unterschenkel, dann die Hüfte, jetzt ist Henning May im Wasser und sinkt zu Boden. Ein Dorsch wechselt die Schwimmrichtung und weicht dem Taucher im Helgolandbecken aus. Vor den Glasscheiben sammeln sich Besucher, sie sehen Katzenhaie, Köhler und Pollacks im gläsernen  Tunnel über sich hinwegschwimmen, jetzt warten sie auf die Fütterung der Fische.

Das Ozeaneum ist eine Erfolgsgeschichte: 2008 auf der Stralsunder Hafenhalbinsel eröffnet, wurde es bereits 2010 "Europas Museum des Jahres". In den ersten sechs Jahren schauten sich rund vier Millionen Besucher die Ausstellungen und die 45 Aquarien an; an Sommertagen reicht die Schlange vom Eingang des spektakulären Neubaus bis zur Kaikante. Dabei zeigen die Aquarien hier nicht die bunten Korallen tropischer Meere, sondern die Unterwasserwelt direkt vor der Haustür.

Gerade dieser Blick in die Tiefen von Ost- und Nordsee ist einzigartig – für die Besucher wie für die Mitarbeiter des Ozeaneums. 65 Tierpfleger, Aquatechniker, Taucher, Wissenschaftler, Techniker und Mitarbeiter in Service, Verwaltung und Marketing kümmern sich um 100 Fisch- und 60 weitere Tierarten. Selbst der künstliche Tangwald im Tunnelbecken, den May beim Tauchen kurz mit den Füßen berührt, wird regelmäßig mit einer Schuhbürste geputzt, damit sich keine Grünalgen auf dem Plastik absetzen.

Jedes einzelne Becken ist ein ausgeklügeltes, abgeschlossenes System, Sauerstoffzufuhr, Temperatur, Salzgehalt, Licht, alles ist präzise auf die Bedürfnisse der verschiedenen Spezies abgestimmt. Gleiches gilt für die Fütterung der Tiere: Ihre bevorzugte Beute wird ebenso beachtet wie ihre Jagdgewohnheiten. Darum steigt Henning May zur Mittagszeit in seinen Taucheranzug und lässt sich auf den Boden des Helgolandbeckens sinken. Hier versteckt sich der Seeteufel und lauert auf Beute, ein Mal pro Woche wird er mit der Hand gefüttert. May spielt ihm vor, der Tintenfisch in seiner Hand sei ein lebendes Tier. Dabei darf er die anderen Tiere nicht aufschrecken, die Glasscheiben nicht zerkratzen und keinen Sand aufwirbeln. Er taucht deshalb mit minimalen Bewegungen, die Beine angewinkelt wie ein Frosch.

Der Rundgang durchs Ozeaneum ist wie Tauchen durch Ost- und Nordsee

In den Korridoren ist das Licht gedämpft, die erleuchteten Aquarien ziehen alle Blicke auf sich. Das Haus spielt mit Illusionen, vermittelt Besuchern den Eindruck, sie würden gleich vor der Tür im Stralsunder Hafenbecken auf eine Reise unter Wasser gehen: durch den Bodden, entlang der Kreideküste bis zu den schwedischen Schären, durch das Kattegat hinein in die Nordsee, vorbei an Helgoland und der schottischen Küstenhöhle in den offenen Atlantik. Der Rundgang durchs Ozeaneum ist die perfekte Inszenierung eines Tauchgangs durch  Ost- und Nordsee. Dabei übersehen die meisten Gäste die unauffällige Tür am Ende der Treppen nach dem Tunnelaquarium, nur wenige Meter vom offiziellen Rundgang entfernt. Hinter dieser Tür schlägt das Herz des Ozeaneums.

Geschäftsführer des Ozeaneums: Dr. Harald Benke
Lukas Spörl
Geschäftsführer des Ozeaneums: Dr. Harald Benke
Wasserpumpen dröhnen, es riecht nach Salz, von oben strahlt Neonlicht. Decke, Boden und Wände bestehen aus unverputztem Sichtbeton. Henning May taucht aus dem Tunnelbecken auf und steigt über eine Aluminiumleiter auf ein Stahlgitter, 60  Kilo Ausrüstung auf dem Rücken. Den Tintenfisch hat er wieder mitgebracht. "Der Seeteufel hat keinen Hunger", sagt er und macht sich auf den Weg in den Keller, um sich umzuziehen. In der gekachelten Futterküche nimmt ihm eine Tierpflegerin das Weichtier ab. Sie bereitet gerade Futter zu. "Wo sind die Handschuhe?", ruft eine andere Tierpflegerin und stellt einen Eimer mit Miesmuscheln und einen mit Seelachsfilet auf einen Wagen. Über eine Tonne Futter wird hier im Monat bereitgestellt. Ob der Seeteufel krank oder seine Appetitlosigkeit normal ist, wissen die Tierpfleger nicht. Zwar zeigt das Ozeaneum bis auf wenige Ausnahmen nur Tiere aus dem Nordatlantik sowie der Nord- und Ostsee, die in unseren Augen nicht exotisch sind, sondern sogar regelmäßig auf unseren Tellern landen.

Doch gerade deshalb weiß man wenig über diese Kaltwasserfische, denn in Aquarien werden sie nur selten gehalten. Seeteufel etwa lassen sich lebend kaum fangen, in menschlicher Obhut sind sie eine absolute Rarität. "Sie sind extrem empfindlich, wenn man sie berührt, entzündet sich ihre Haut", sagt Henning May. "Um das zu vermeiden, haben wir unsere Exemplare in Norwegen mit  Plastiktüten eingefangen." May und seine Kollegen holen die Tiere selbst aus den Meeren ins Ozeaneum, mehrmals im Jahr leitet er entsprechende Exkursionen. 2013 tauchte er in Südnorwegen auf 85 Meter Tiefe, um Kaltwasserkorallen zu sammeln. Einer seiner spektakulärsten Tauchgänge sei das gewesen. "Das ist das Beste an meiner Arbeit", sagt er, "früher habe ich ähnliche Reisen im Urlaub gemacht."

Nichtöffentlich: Zwei Stockwerke voll mit Technik, Kühlanlagen, Messgeräten

Seeteufel-Fütterung
Lukas Spörl
Seeteufel-Fütterung
Unter den Ostsee- und Nordseeaquarien des Ozeaneums ist der größte Teil des nichtöffentlichen Bereichs versteckt: zwei Stockwerke voll mit Technik, Kühlanlagen, Salzsäcken und Messgeräten. Große Eiweiß-Abschäumer filtern Abfallstoffe aus dem Wasser. Biologische Filter sind mit kleinen schwarzen Kunststoffkörpern bestückt, auf denen Bakterien leben, die giftiges Ammonium in ungiftiges Nitrat umwandeln. Gleich neben den Geräten liegt der Quarantänebereich: 80 Becken mit Tieren, die wachsen müssen, krank sind oder sich an die Gefangenschaft gewöhnen, bevor sie in die Ausstellung dürfen. Der Tierpfleger Alexander von den Driesch leitet die Abteilung. "Es geht darum, die Natur möglichst genau nachzubilden", sagt er. Das Futter der Tiere, die Temperatur, Qualität und Salzgehalt des Wassers sollen genau den Lebensverhältnissen im Meer entsprechen. Wie das Becken aussieht, spielt hier fern des Publikums keine Rolle. In einfachen Behältern drehen Heringe, Makrelen und Hornhechte in diesem Trakt ihre Kreise, ein Meeraal versteckt sich in einem Plastikrohr. "Die Fische merken nicht, ob das ein Plastikrohr oder ein Stein ist", sagt von den Driesch.

Bei den Aquarien der Ausstellung legt das Team des Ozeaneums dagegen großen Wert auf eine möglichst realistische Gestaltung der Unterwasserwelt. "Was heutzutage alles ins Wasser geworfen wird!", ruft eine Besucherin beim Anblick eines Fahrrads, das im Becken "Stralsunder Hafen" versunken ist. Eine Hafenmole ist aus Backsteinen eines ehemaligen Stralsunder Speichers gemauert. Im größten Aquarium, dem Schwarmfischbecken, das den offenen Atlantik nachbilden soll, liegt ein echtes Walskelett auf dem Grund. Durch die riesige Glasfront beobachten die Besucher einen Makrelenschwarm und den passenden Räuber: Sandtigerhai Niki.

Die Glasfront des Schwarmfischbeckens nennen die Mitarbeiter mit Ehrfurcht "Krypta"; 2,6 Millionen Liter Wasser stauen sich hinter 30 Zentimeter dicken Scheiben aus Acryl. Die müssen regelmäßig geputzt werden. Von innen. Doch Berührungsängste kennen May und seine Kollegen nicht; Sandtigerhaie jagen mittelgroße Fisch wie Seehechte, Heringe oder eben Makrelen und allenfalls mal einen Rochen oder großen Tintenfisch.

Ehrfurcht vor den "Riesen der Meere"

Um den Lebensraum der rund 7000 Tiere im Ozeaneum möglichst naturgetreu zu imitieren, verbraucht das Haus im Jahr etwa doppelt so viel Strom wie die nahe Stadt Sassnitz auf Rügen mit ihren knapp 10 000 Einwohnern. Vor allem die Kühlung des Wassers, das zwischen 6 und maximal 20 Grad warm ist, frisst Unmengen an Strom. Der wird über einen Ökostrom-Anbieter bezogen, darauf bestand der wichtigste Partner des Meeresmuseums: die Umweltschutz-Organisation Greenpeace. "Man kann nur schützen, was man kennt und liebt", sagt Harald Benke, Geschäftsführer des Ozeaneums und Walforscher. Auf seine Krawatte sind Wale gedruckt, an der Wand seines Büros springt auf einem Gemälde ein Buckelwal aus dem Wasser, und selbst seinen Tee trinkt er aus einem Becher mit Walbildern. Die Kooperation mit Greenpeace hat er persönlich vorangetrieben, um das Finale Grande des Rundwegs durchs Ozeaneum zu realisieren: die Ausstellung "Riesen der Meere".

Auf Augenhöhe: Quallen im Ozeaneum
Lukas Spörl
Auf Augenhöhe: Quallen im Ozeaneum
"Ich will bei den Besuchern Ehrfurcht für das größte Tier der Welt wecken", sagt Benke. In Originalgröße aus Stahl, Styropor, Polyesterharz und Lack gefertigt, hängen sie an Stahltrossen von der Decke. Liegestühle stehen darunter. Wer sich hier niederlässt, sieht über sich Giganten: Blauwal, Pottwal, Orca und einen Buckelwal mit Kalb. Begleitet von Walgesängen, Meeresrauschen und bläulich flackerndem Licht ertönt alle halbe Stunde eine Stimme aus dem Off, die über die Tiere und ihre Eigenarten erzählt. Mit mehr als einer Million Euro beteiligte sich Greenpeace an der Ausstellung – und stellte dafür Bedingungen: Ökostrom, keine Klimaanlage und auch keine PVC-Schläuche im ganzen Museum. Bis hin zum Recycling-Papier in den Büros der Mitarbeiter.

Das Ozeaneum ist eine GmbH, kooperiert aber mit der Stiftung Deutsches Meeresmuseum. Das Meeresmuseum selbst liegt ein paar Straßen weiter in der Stralsunder Altstadt. Hier sind auch die bunt schillernden Fische der Tropen zu sehen. Und hier wird geforscht, was manchmal direkt den Ausstellungen im Ozeaneum zugute kommt. Als etwa Mitarbeiterin Nicole Kube in Schottland rund um die Orkney-Inseln tauchte, gab sie bei ihrer Rückkehr bei den Kulissenbauern gleich ein neues Aquarium in Auftrag. Seitdem schwimmen Langusten und ein Heringskönig im Becken "Schottische Küstenhöhle". "Wir versuchen jedes Jahr, etwas Neues anzubieten und optimieren die Ausstellungen ständig", sagt Jens Oulwiger, zuständig für das Marketing. Da das Museum ohne öffentliche Fördermittel auskommen müsse, brauche es mindestens 550 000 Besucher im Jahr, um die Kosten für den Betrieb zu decken. "Das macht schon nervös. An schlechten Wintertagen verkneife ich mir den Blick auf die Besucherkurve", gesteht Oulwiger.

Jeden Tag morgens um vier läuft die Maschinerie des Ozeaneums an: Die Putzkolonne wienert das Museum blank, Scheiben werden poliert, Korridore gesaugt, Staub gewischt. Wie ein Bühnenbild im Theater werden die Unterwasserwelten bis ins kleinste Detail arrangiert, die Vorstellung hier am Hafen von Stralsund dauert im Sommer über zehn Stunden, von 9.30 bis 20 Uhr. Hinter den Kulissen geht die Arbeit danach weiter, auch wenn der letzte Gast schon lange das Haus verlassen hat. Die Unterwasserwelt an Land ist ein Meisterwerk, eine Hommage an das Leben im Meer. Und man schuützt nur, was man kennt und liebt.

INFOS zum Ozeaneum in Stralsund:

Das Stralsunder Ozeaneum widmet sich dem Leben in Atlantik, Nord- und Ostsee und zeigt 7000 Tiere vom Aal bis zum Zander in naturgetreu gestalteten Aquarien.
Adresse: Hafenstr. 11, Tel. 03831 2650610; www.ozeaneum.de
Öffnungszeiten: Januar bis Mai 9.30-19, Juni bis Sept. 9.30-20, Oktober bis Dezember 9.30-18 Uhr;
16 € (Erw.), ermäßigt 7 € (Kinder ab 4 J.).

Mehr Reisetipps entlang der Ostseeküste von Rügen, Usedom und Fischland-Darß-Zingst finden Sie im MERIAN Ostsee.

 

 

 

 

Autor

Anke Lübbert

Ausgabe

Ostsee 08/2014