Nürnberg Wachgeküsste fränkische Region

Der Mythos, der den 1. FC Nürnberg umweht, speist sich aus vielen großen und kleinen Geschichten, aus erschreckenden Peinlichkeiten und ungewöhnlichen Skandalen, aus unerklärlichen Fehlschlägen und unerreichten Erfolgen.Kein anderer Fußballverein in Deutschland hat es geschafft, in mehr als hundert Spielen hintereinander unbesiegt zu bleiben - nur der 1. FCN!

Kein Fußballverein ist je als amtierender Meister abgestiegen - ausgenommen Nürnberg. Dazu kamen Schuldenrekorde in den neunziger Jahren, der Sturz in die Drittklassigkeit und dann, nach 39 Jahren, endlich wieder ein Titel, der überraschende Pokalsieg im Mai 2007. Die bewegte Vergangenheit hat dem Bundesligaverein in Fachkreisen ein Alleinstellungsmerkmal verschafft.

Denn jeder Fan, der hierzulande vom "Club" spricht, meint den 1. Fußball-Club Nürnberg, den 1. FCN, und nicht einen anderen der vielen Vereine, die ein "C" oder ein "K" in ihrem Namenskürzel führen.

Die 18 jungen Männer, meist ehemalige Gymnasiasten, die den Verein am 4. Mai 1900 aus der Taufe hoben, hatten indes noch nicht einmal vom richtigen Fußball eine Ahnung. Sie rannten einem eiförmigen Ball hinterher und wussten auch nicht, dass ihr neugegründeter Verein gar nicht der erste, sondern schon der dritte FC Nürnberg war. Die beiden Vorgänger hatten sich bereits nach kurzer Zeit aus Mangel an Mitgliedern wieder aufgelöst. Dem dritten FCN blieb dieses Schicksal erspart, obwohl Fußball damals als "Fußlümmelei" verpönt und mancherorts gar verboten war.

Alle - Kaufleute, Angestellte, Handwerker und Arbeiter - durften zur "Club-Familie" gehören. Der 1. FCN sollte ein fränkischer Verein sein, passend zur Gefühlswelt des Franken, die zwischen den Polen "Das passt schon" (fränkisch: bassd scho) und "Das wird schon wieder" (des werd scho widder) pendelt. Der eine steht für absolute Zufriedenheit, der andere ist Synonym für unerschütterliche Zuversicht, für die Hoffnung, dass sich die Dinge irgendwann wieder zum Besseren wenden. Als 1914 ausgerechnet die "Spielvereinigung" aus der kleinen Nachbarstadt Fürth, von den Nürnbergern gern abschätzig oder mitleidig bewitzelt, vor dem "Club" die deutsche Meisterschaft gewann, da "wurde es auch wieder": Schon sechs Jahre später holte der 1. FCN mit einem Sieg über die Fürther seinen ersten Titel und rückte die Maßstäbe wieder zurecht.

Die goldenen Jahre des Clubs waren die Zwanziger

Die goldenen Jahre des Vereins waren die Zwanziger. Fünfmal holte sich der "Club" in jenem Jahrzehnt den Meistertitel. Es gab keine bessere Fußballmannschaft. Mehrfach bestand die deutsche Nationalelf ausschließlich aus Nürnberger und Fürther Spielern. Elf Freunde waren sie jedoch nicht. Auch nicht am 21. April 1924 in Amsterdam, als die Deutschen zum ersten Mal gegen die Holländer gewannen. Getrennt waren fünf Nürnberger und sechs Fürther angereist, und als der Fürther Auer das entscheidende 1:0 schoss, wendeten sich alle Nürnberger demonstrativ ab. Nach dem Spiel fuhr man separat wieder nach Hause. Nicht mehr mit Fürth, sondern mit Schalke 04 dominierte der "Club" den deutschen Fußball der dreißiger Jahre.

1936 wurde er Meister und holte 1935 und 1939 den Pokal. Gewann 1948 den ersten Titel nach dem Zweiten Weltkrieg, 1962 zum dritten Mal den Pokal und 1961 und 1968 die Meistertitel acht und neun. Solche Erfolge zeugen Helden, und nach Helden werden Straßen und Plätze benannt. Drei "Club"-Spieler gibt es, denen in Nürnberg diese Ehre zuteil wurde: Hans Kalb, Heiner Stuhlfauth und Max Morlock. Stuhlfauth, der Mann mit dem grauen Wams und der Schiebermütze, stand in den zwanziger Jahren im Tor und kassierte in den fünf gewonnenen Endspielen keinen einzigen Gegentreffer. "Ein guter Torwart wirft sich nicht", lautete seine Devise, deshalb perfektionierte er die Fußabwehr. Außerhalb des Spielfeldes war er bekannt als Wirt und Pächter der "Sebaldusklause".

Der andere, Hans Kalb, war Mittelläufer. Ein Hüne, Zahnarzt von Beruf. Er liebte das Bier und den Wein, schleppte zu viele Pfunde mit sich herum und dirigierte lautstark das Nürnberger Spiel.Wegen Schiedsrichter-Beleidigung flog er bei den Olympischen Spielen 1928 gegen Uruguay vom Platz und musste von einer Arrestzelle im Stadion aus zusehen. Es war der erste Feldverweis in der deutschen Länderspielgeschichte und das Ende von Kalbs Länderspielkarriere. Kalbs Bierkrug und Stuhlfauths Mütze sind heute im Museum Industriekultur zu bewundern. Daneben das Trikot mit der Nummer 13, das Max Morlock, der Dritte im Bund der "Club"-Helden, bei der Weltmeisterschaft 1954 getragen hatte.

Morlock war in jeder Beziehung einzigartig: Schon als 16-Jähriger streifte er sich 1941 das weinrote FCN-Leibchen über, erst nach 900 Spielen zog er es im Mai 1964 wieder aus. In den Hungerwintern nach dem Zweiten Weltkrieg kutschierte er die Mannschaft mit einem Eineinhalbtonner zu den sogenannten Fressspielen ins Umland. Dort erspielten sich die Kicker Schweinefleisch, Säcke voller Äpfel oder Körbe mit Kirschen. Morlock wurde zweimal Deutscher Meister. Mit seinem Anschlusstreffer per Fußspitze zum 1:2 im WM-Endspiel 1954 gegen Ungarn schuf er das Fundament für das "Wunder von Bern".

Statt dann nach Italien zu gehen, wo man den Weltmeister gern verpflichtet hätte, verdiente Morlock seine Brötchen mit Schreibwaren und Toto-Lotto-Scheinen, eine für Nürnberger Fußballer nicht ungewöhnliche Beschäftigung. Wie ein Netz durchzogen Toto-Lotto-Filialen verdienter Meisterspieler die Stadt. Auch Horst Leupold, Meister 1968, besaß eine Toto-Lotto-Annahmestelle. Das Bild, das ihn im Juni 1969 weinend und gestützt von Mitspielern und Betreuern vom Feld wankend zeigt, ging um die Welt: Gerade war der "Club" als amtierender Meister abgestiegen. Mit "Zuckerbrot und Peitsche" hatte der Wiener Trainerzampano Max Merkel die Mannschaft zum Titel geführt. Danach wollte er aus der "Bauernkapelle", so nannte er die Meistermannschaft, ein "Sinfonieorchester" machen, holte 13 neue Spieler - und die Mannschaft stieg ab.

Ein Abschied für lange Zeit aus der Ersten Liga

Es war ein Abschied für lange Zeit aus der Ersten Liga. Bis heute wirkt diese Schmach bei den FCN-Anhängern als Euphoriebremse. Die Jahrzehnte danach waren die große Zeit, in der die Devise "Das wird schon wieder" mächtig strapaziert werden musste. Denn gerade als das richtig große Geldverdienen im Fußball begann, verpasste der "Club" den Anschluss und dümpelte in der Zweitklassigkeit. Altmeister nannte man ihn, erst respektvoll, dann aber immer despektierlicher. Der "Club" entwickelte sich zum Fahrstuhl-Team, er stieg auf und oft wieder ab, wurde zur Skandaltruppe. Zunächst reagierte die Justiz Anfang der neunziger Jahre auf schwarze Kassen und verurteilte den Schatzmeister zu einer langen Haftstrafe. Dann ermittelte der DFB wegen allzu üppiger Präsente für Schiedsrichter und frisierter Lizenzierungsunterlagen. 1994 hatte der ehemalige Rekordmeister schließlich Rekordschulden in Höhe von 15 Millionen Euro angesammelt und kickte in der dritten Liga gegen Weismain, Egelsbach und Quelle Fürth. Aber auch da wurde es wieder. Beim Derby gegen Fürth war das Stadion mit 45.048 Zuschauern ausverkauft. Noch nie hatten in Deutschland so viele Zuschauer die Begegnung zweier Regionalliga-Vereine sehen wollen.

1994 übernahm der Teppich-Großhändler Michael A. Roth erneut das Zepter. Der Verein war zu diesem Zeitpunkt bankrott. Ohne Roth, das sagen Kenner, gäbe es den "Club" heute nicht mehr. Roth bat beim DFB um Milde, fuhr einen strikten Sparkurs, und führte den Verein mit Zähigkeit besseren Zeiten entgegen. Kein einfaches Unterfangen im harten Fußball-Geschäft. Lange Jahre hatte man beim 1. FC Nürnberg gelitten unter dem fast erdrückenden Gewicht der ruhmreichen Vergangenheit. Schmerzlich hatte man erfahren müssen, dass Tradition eben keine Tore schießt. Heute spielt man wieder des öfteren vor ausverkauftem Haus in einem Stadion, das nach einem Ratenkredit mit dem für Franken nur schwer auszusprechenden Namen ("Isigreddid") benannt wurde. Einen solchen hat der "Club" nicht mehr nötig - er ist, was nur wenige Bundesligisten von sich behaupten können, schuldenfrei.

Rund zehn Jahre hatte die ökonomische Genesung des Vereins gedauert. Doch Erfolg im Fußball ist nur bedingt planbar. Er hängt auch von Glücksfällen ab, ein solcher war die Verpflichtung von Hans Meyer als Trainer. Der Thüringer kam im November 2005, als dem "Club" wieder einmal der Abstieg drohte. "Mir war langweilig, ich brauchte Geld, und meine Frau hat mich nicht mehr in den Garten gelassen, weil ich die Rosen nicht vom Blumenkohl unterscheiden kann", begründete Meyer die Beendigung seines Ruhestandes. Meyer ist der älteste Trainer in der Liga und einer der wenigen, die einst in der DDR Fortüne hatten und im vereinten Deutschland auch. "Eigentlich nur Angela Merkel und ich", sagt Meyer und grinst. Der originelle Rhetoriker, der nichts mehr hasst als dumme Reporterfragen, fühlt sich in der "Stadt mit dem wunderbaren Flair sehr, sehr wohl" und bei der vor Ort ansässigen Deutschen Akademie für Fußball-Kultur gut aufgehoben. Meyer trainiert die Deutsche Nationalmannschaft der Schriftsteller, tritt bei Lesungen im Staatstheater auf, diskutiert über Rassismus in den Stadien und zitiert im Internet-Chat "Wandrers Nachtlied" von Goethe auswendig und fast fehlerfrei: "In allen Gipfeln/ Ist Ruh'?" Seine Ruhe ist spätestens mit den jüngsten Erfolgen dahin. Es ist in der Stadt und im großen Einzugsgebiet von Hof bis Weißenburg und von Würzburg bis Weiden wieder schick, ein "Club"-Trikot zu tragen. Die Autos fahren rotschwarze Fähnchen spazieren, und Meyer ist Kult.

Schon das Erreichen des Finales hatte im Frankenland alle Dämme brechen lassen. 50.000 machten sich mit und ohne Eintrittskarte auf dem Weg zum Endspiel nach Berlin. Auf dem Transparent, das die Fans in der Ostkurve des Olympiastadions entrollten, stand: "Auch in 39 Jahren ohne Titel waren wir stets stolz und treu, aber wenn wir schon mal hier sind, nehmen wir den Pokal halt mit." Selbstbewusst und unaufgeregt, fränkisch eben. Der Pokalsieg war ein Akt der Befreiung für die Region. Endlich als "Cluberer" nicht mehr mitleidig belächelt werden wie all die Jahre zuvor - das ist ein neues Lebensgefühl. "Man hat das Gefühl, das Frankenland ist aus dem Schlaf erwacht", staunte Trainer Meyer. 200.000 glückliche Menschen empfingen in Nürnberg die im Pokalfinale siegreiche Mannschaft. Doch auch in der Stunde des größten Vereinserfolges der Neuzeit bleibt die Vergangenheit präsent. Der Triumph, das passt schon. Aber wenn anderswo schon nach drei Erfolgen hintereinander von der Meisterschaft geträumt wird, bleiben die Club-Fans jetzt auf dem Teppich und sammeln lieber für eine lebensgroße Bronzestatue ihres Idols Max Morlock.

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Autor:
Bernd Siegler