Nürnberg Der Nürnberger Christkindlesmarkt

Viele Menschen vieler Nationen spazieren durch den glitzernden Nürnberger Neuschnee, der sich unter der Masse an Schuhen viel zu schnell in rutschigen Schneematsch verwandelt. Sie strömen vom Bahnhof zum Christkindlesmarkt - oder bereits zurück, um noch einen der Sonderzüge oder -busse zu erwischen, die im Wissen an den vorweihnachtlichen Ansturm eingesetzt werden. Eine japanische Reisegruppe eilt gen ZOB. Es geht weiter. Sie haben Deutschland in drei Tagen gebucht: Nürnberg, Rothenburg ob der Tauber, Frankfurt, München. Immerhin, Christmas-Shopping in fränkischer Altstadt-Kulisse hat gefallen.


Vor der Kirche St. Klara spielt ein Weihnachtsmann auf dem Akkordeon "Oh Tannebaum". Bis zum Markt an der Frauenkirche haben sich noch drei weitere Männer in rotem Mantel, Rauschebart und Zipfelmütze positioniert, die Weihnachtsmelodien aus ihren Quetschkommoden drücken. Vereinzelte Buden mit Bergen von Elisen-Lebkuchen und gebrannten Mandeln weisen den Weg. Man riecht den Christkindlesmarkt bevor man ihn sieht. Ein schwerer Glühweinduft duelliert sich mit dem Geruch von rauchig gegrillten Nürnberger Rostbratwürsten.

Das "Städtlein aus Holz und Tuch" besteht aus etwa 180 Buden, die mit rot-weißem Stoff überzogen sind. Der Nürnberger Christkindlesmarkt setzt auf Tradition und daher wird man Tannengirlanden aus Plastik genauso wenig antreffen wie Dauerbeschallung mit Weihnachtsmusik aus der Konserve oder Fahrgeschäfte. Stattdessen erstrahlt in einer Bude ein neues Sonnensystem aus Herrnhuter Sternen und ein paar Stände weiter drängen sich einem glänzende Früchtebrote auf, die vor Feigen, Datteln, Mandeln, Haselnüssen, Rosinen und Aprikosen nur so strotzen. Auf Deutschlands berühmtestem Weihnachtsmarkt haben natürlich auch Rauschgoldengel, Krippen und Christbaumschmuck ihren festen Platz. Es gibt aber auch eine große Auswahl an Dingen, die sich durchaus eignen würden, für eine Weile schön verpackt unter dem Weihnachtsbaum zu liegen.

In der ersten Adventswoche sind die Gedanken der meisten Besucher aber noch nicht bei der Geschenkefrage angelangt. Viele wollen sich einfach nur gemütlich auf Weihnachten einstimmen - und lassen sich dabei auch von Polizisten in tannengrünen Uniformen nicht stören, die unauffällig in den Gassen patrouillieren. Auf dem Nürnberger Hauptbahnhof sind ihre blau gekleideten Kollegen deutlich präsenter: mit Maschinengewehren und schusssicheren Westen demonstrieren sie ihre Aufmerksamkeit. Man nimmt die Terrordrohungen ernst - und hofft das Beste.

"Die Bratwurschtbrötchen schmeggn einfach todal legga"

Die Besucher scheinen von den Drohungen nichts zu wissen. Die Einheimischen treffen sich wie jedes Jahr bei Glühwein. Man schwätzt, lacht und holt sich Nachschub, damit die Füße nicht kalt werden - oder man es zumindest nicht so merkt. "Ich komm haupsäch wegam Essn. Die Bratwurschtbrötchen schmeggn einfach todal legga" sagt die 18-jährige Jennifer aus Nürnberg.

Wer auf der Suche nach einem echt nürnbergschen Souvenir ist - das nicht mangels Alternativen vorher in irgendeinem Magen landet - kann ein niedlich dreinschauendes "Zwetschgenmännle" aus getrockneten Früchten mitbringen, die Robert Raschka traditionell auf seinem Stand verkauft. Es verkörpert zwar nicht gerade die geballte deutsche Kunstfertigkeit, hat dafür aber umso mehr Charme und vor allem eine Geschichte, die wie ein Märchen klingt. Nach einer Überlieferung lebte vor rund 200 Jahren in der Altstadt von Nürnberg ein armer alter Schmied, der noch ein paar Obstbäume besaß. Als der Mann einmal krank geworden ist, pflegten die Kinder aus der Nachbarschaft ihn wieder gesund. Aus Dankbarkeit hat der Schmied die Zwetschgen von seinen Bäumen getrocknet, auf Draht gezogen und Männchen für die Kinder daraus gemacht. Eines Tages fragte ihn ein Nachbar "Warum verkaufst du die nicht auf dem Markt?"

Tradition hat auch der gemeinsame Weihnachtsmarktbesuch für eine Nürnberger Familie. Jedes Jahr geht Trudel gemeinsam mit ihren Söhnen auf den Weihnachtsmarkt. "Meine zwei Buben, die inzwischen 37 und 41 Jahre alt sind, bekommen seit ihrer Kindheit zu Weihnachten ihren Engel von einer Firma aus dem Ort Seiffen im Erzgebirge. "Sie haben ein Liste, welche Engel sie schon haben - in blond, in braun, mit Geige oder Posaune und so weiter - und suchen sich dann selber einen aus", sagt die 72-Jährige. Die Engel gibt es schon seit 87 Jahren. Früher kosteten sie zwei Mark fünfzig. Heute zahlt man zwischen 20 und 40 Euro. "Mittlerweile habe ich Enkelkinder und zwei Schwiegertöchter, da wird die Rechnung langsam größer", lacht die Großmutter. "Und wenn alles eingekauft ist, gehen wir noch zum Bratwurschtessen ins Bratwurschthäusle. Das ist der traditionelle Christkindlesmarktbesuch unserer Familie."

Auch Amerikaner jetten schnell einmal über den großen Teich, um am "Bratwurschtessen" und der deutschen Vorweihnachtszeit teilzuhaben. Die Arbeitskollegen Wolf, Daniel, Mary Joe, Nat und Alex aus New York haben sich schon Nürnberger Rostbratwurst und Glühwein gekauft und wollen sich später noch ein paar Andenken besorgen, vorausgesetzt, die Zeit reicht. "Wir sind nur für einen Tag in Deutschland. Morgen früh geht es wieder zurück nach New York", sagt Daniel und wirkt dabei erstaunlich gelassen. Echten Weihnachtsfans kann der dazugehörige Stress eben nichts anhaben - auch wenn sie nur für einen Tag nach Nürnberg kommen.

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Autor:
Katharina Müller-Güldemeister