München Die Isar, ein Fluss fällt aus dem Rahmen

Die Isar hat wieder ihr eigenes Bett und der Münchner dank der Renaturierung seine Auen und Kiesbänke zurück. Mancher würde nun am liebsten den Verkehr am Ufer stoppen.
Baden in der Isar.

Ein Blick aus seinem Schlafzimmerfenster kann Wolfgang Flatz in den Urwald versetzen. Und in Enthusiasmus: "Grün, grün, alles ist grün. Das könnte Südamerika sein, der Dschungel. Dann schaust du hinunter - und siehst den Fluss!" Auch der ist grünlich heute, trübe Schneeschmelzfarbe. Weit biegen sich die Bäume übers Wasser. "Wenn sie nicht so belaubt sind, sehe ich das Maximilianeum. Es leuchtet nachts wie der Hradschin. Und da hinten, das war mein Privatstrand, bevor er durch die Isarinselfeste bekannt wurde."

Der Aktionskünstler Flatz, ein drahtiger Mann von 60 Jahren, der Energie und Ideen versprüht, hat in New York, London, Mexiko und Berlin gelebt, von der Praterinsel sagt er: "Einen schöneren Ort gibt es nicht." Seit mehr als 20 Jahren hat er hier in der ehemaligen Garage einer Likörfabrik Atelier und Wohnung, erst als Haupt-, jetzt als Sommersitz. Es ist schon vorgekommen, dass er sie wochenlang nicht verlassen hat, zumindest nicht Richtung Innenstadt. Nur die Spaziergänge mit seinem Mops, den er "Herr Professor" nennt, führten ihn dann über den Kabelsteg aufs Festland und weiter die Isar entlang, die ihm mittlerweile vertraut ist "wie ein alter Freund". Im Sommer geht er morgens gern schwimmen. "Die Isar ist einer der saubersten Flüsse der Welt!"

Das Projekt "Renaturierung" befreite die Isar aus ihrem Betonkorsett

Matthias Junge würde ihr Wasser sogar trinken - jedenfalls von Mai bis September, wenn die Kläranlagen UV-Strahlen einsetzen, um Bakterien abzutöten und die Isar badetauglich zu machen. Das kostet Stadt und Land eine Menge Geld, aber der Fluss sei in München eben "eine sehr emotionale Angelegenheit", sagt Junge. Er ist auf Süßgewässer spezialisierter Biologe und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit des Wasserwirtschaftsamts München. Nun steht er in beinlangen Gummistiefeln im Fluss und tritt einmal kräftig in den Grund, damit Kleinstlebewesen sich von den Kieseln lösen, die er dann mit seinem Kescher auffängt. Ein Stück flussaufwärts sieht man die Großhesseloher Brücke. Dort begann im Jahr 2000 das Projekt "Renaturierung", das die Isar aus ihrem Betonkorsett befreite. Seitdem kann der Fluss hier im Süden, wie Junge es ausdrückt, "fast wieder tun, was er will, und sich sein Bett selbst gestalten". Junge überprüft, wie die Isar sich dabei ökologisch entwickelt. Er kippt den Inhalt seines Keschers in eine Plastikwanne, unter den wimmelnden Tierchen entdeckt er Larven einer Steinfliege. Er ist zufrieden: "Die sind sehr anspruchsvoll."

Die Isar in München
Natalie Kriwy
Die Isar ist ein Lebensraum, der sich durch München zieht.
Wenn das Leben ein Fluss ist, dann ist ein Kanal ein Gefängnis. Ein Kanal ist Monotonie, das Wasser rauscht gleich schnell und tief über gleichförmigen Grund. Seit die Isar in der Stadt teilweise wieder Fluss sein darf, kehrt die Artenvielfalt zurück, auch an den Ufern: Die Blüten auf den neuen, breiten Deichen ziehen eine bunte Schmetterlingsschar an, auch neue Käferarten sind aufgetaucht. Nur die Fischpopulation, letztes Glied in einer komplexen Kette, hat sich noch nicht so entwickelt wie erhofft. Immerhin: In der Kleinen Isar, die am Deutschen Museum abzweigt und seit der Renaturierung viermal so viel Wasser führt, schwimmen jetzt junge Äschen, Huchen und Nasen. "Erstaunlich, die wertvollsten Arten haben wir mitten in der Stadt", so Junge.

Das weltweite Interesse an der neuen Isar ist groß. Wie man Hochwasserschutz, Respekt vor der Natur und die Freizeitansprüche von Großstädtern unter einen Hut gebracht hat, gilt als beispielhaft. Es war eine ständige Gratwanderung: Wie viel Platz dem Wasser lassen, wie viel Wiese den Menschen? Anders als im südlicheren Abschnitt darf der Fluss ab den Flaucher-Isarauen bei der Brudermühlbrücke nicht tun, was er will. Ab hier ist das, was natürlich aussieht, penibel durchdacht und gestaltet. Da wurde etwa die Strömung auf die unzugängliche Flussseite umgeleitet, damit auch Kinder sicher planschen können. Um Bäume zu retten, das Flussbett aber zu verbreitern, hat man ein Stück Ufer als "Weideninsel" stehen lassen. Die wiederum wurde bewusst durch tiefes, schnelles Wasser vor zu viel Menschenandrang geschützt. "Hier in der Stadt", so Junge, "ist die Situation artifiziell, wird immer artifiziell bleiben."

Die Isar bei Nacht.
Natalie Kriwy
Auch bei Nacht ein schönes Plätzchen: das Ufer der Isar.
Und kann sich doch wie Wildnis anfühlen - ein Stück weiter steht ein Fliegenfischer im Wasser. Der Kiosk an der Reichenbachbrücke trägt zum Isarglück bei und profitiert davon. In der gastronomisch fast wüstenhaften Flusslandschaft ist das gelbe Häuschen, Baujahr 1904, eine der wenigen Oasen. 115 Biersorten aus aller Welt hat Harald Guzahn im Sortiment. Und gut 2000 weitere Produkte wie Grillgut, Gebäck und Eiscreme. Dass alles Platz findet, scheint ein Wunder. Guzahn betrieb den Kiosk bereits, als der Uferabschnitt darunter noch als Münchens Hundetoilette galt und unter der Reichenbachbrücke Obdachlose wohnten. "Die Renaturierung hat uns schon einen Schub gegeben", sagt er. Guzahn hat nun 44 Kühl- und Gefrierschränke und 16 Angestellte, verkauft wird 23 Stunden lang. An diesem strahlenden Vormittag sieht man auf den Kiesbänken schon Bikinis, in den Auen werden Babys und Hunde ausgeführt. Den Chef trifft man sonst meist nur in aller Herrgottsfrüh an - wenn die Straßen noch still liegen, junge Menschen, die nachts am Fluss saßen, älteren Herrschaften aus der Nachbarschaft begegnen und die ersten Sonnenstrahlen herauskommen.

Rhythmische Schläge durchbrechen die Sonntagsstille

Auch die Flößer fangen früh an. Um sieben Uhr durchbrechen rhythmische Schläge die Sonntagsstille an der Schlederleiten in Wolfratshausen, wo die beliebten Passagierfloßfahrten starten. An der Uferböschung der Loisach lagern lange, dicke Fichtenstämme, auf dem Wasser liegt ein halbfertiges Floß, eine Handvoll Männer steht drauf: "Der Nächste!" ruft einer, schon rollt ein neuer Stamm herunter, landet platschend im Wasser, wird neben den anderen festgemacht. "Die Flöße werden jeden Tag neu zusammengebaut - das lernt man als Erstes", sagt Flößer Jason Charles. "Dann darf man vorn als Beifahrer mit drauf, dann hinten, dann vorn alleine. Aber da muss man dann jeden Stein in der Isar kennen."

Kiesbank an der Isar.
Christina Körte
Dank Renaturierung sind Auen und Kiesbänke zurück.
Von der Loisach geht es bei den Floßtouren bald auf die Isar und auf der bis nach München, mit 60 Passagieren plus Blaskapelle, über sieben Rutschen. "Da fällt manchmal einer ins Wasser, den ziehen wir dann mit dem Rettungsring raus, des is a Gaudi." Zwei Jahre dauerte Jasons Lehrzeit, und etwa genauso lang dauerte es, bis er Bayerisch konnte. "Jetzt passt des." Er lacht, und die Zähne blitzen in seinem Karibikgesicht. Er kommt aus Tobago. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet er für die Flößerei der Familie Seitner, die ihn im Urlaub kennenlernte. Als er zu Hause einmal ein Floßfahrt-Video zeigte, erklärten sie ihn dort für verrückt. Doch für ihn ist es "einfach die schönste Arbeit, die's gibt, vor allem im Mai, wenn es auf den Wiesen blüht".

Nach der Renaturierung sind die Isarauen auch im Stadtzentrum eine blühende Landschaft. Doch ab dem Deutschen Museum ist Schluss damit. Dort fließt der Fluss zwischen historischen Kaimauern, teilweise fast unbemerkt. Schade ist auch, dass einen vierspuriges Verkehrsbrausen begleitet. Ende des 19. Jahrhunderts war das anders. Da flanierten die Münchner auf einem Boulevard die Isar entlang, es gab Gastwirtschaften und Cafés am Fluss und an der heutigen Museumsinsel sogar einmal eine Riesenrutsche, auf der man mit Booten ins Wasser hinunterrauschte. Auf der Praterinsel kehrte man im beliebten Lokal "Isarlust" ein oder vergnügte sich im Tanzpavillon, und weil sich am Fluss die Gesellschaft traf, bekamen Größen wie König Ludwig II. hier ihre Denkmäler. Als Jahrzehnte später auch eine Bismarckstatue aufgestellt wurde, hatte der Autoverkehr die Flaneure allerdings schon verdrängt.

Benjamin David will die alten Zeiten zurück. Der Geograf ist einer der Köpfe der "Urbanauten", die als Debattierklub anfingen und zu Projektgestaltern öffentlicher Räume wurden. Nun haben sie vor allem ein Projekt: die Isarlust wieder zu wecken, auch in der Innenstadt. "Die Renaturierung war toll", meint David. "Aber wie geht's jetzt weiter? Was machen wir mit dem Fluss ab der Museumsinsel?" Seine Antwort lautet: "dem Verkehr den Schneid abkaufen". Es gab zum Beispiel einen temporären Fußgängerboulevard am Fluss: Im Rahmen des Kunstprojekts "Notre Dame sur l'Isar", das rund um die Kirche St. Maximilian mit ihren zwei markanten Türmen stattfand, waren an zwei Wochenenden Autos von der Uferstraße verbannt, die Münchner durften flanieren und verweilen.

Auch den "Kulturstrand", wo es Live-Musik und Lesungen, Cocktails und Kinderprogramm und einen 112 Meter langen roten Sitzschlauch gibt, stellen die Urbanauten seit Jahren auf die Beine. Diesmal auf dem Balkon der Corneliusbrücke. Um König Ludwigs Bronzekopf, ein Überbleibsel des einstigen Drei-Meter-Denkmals, wippen dort Menschen mit Flaschen in der Hand zur Soulmusik der Deutsch-Perserin Kaye Ree, fläzen in Liegestühlen, graben die Füße in den Sand und lassen den Blick über den Fluss schweifen. Es dämmert, im Wasser spiegeln sich Autoscheinwerfer, die Silhouette von St. Maximilian leuchtet. In der Luft liegt Sommerduft - und Isarlust.

Autor

Barbara Baumgartner

Ausgabe

München 09/2013