Sachsen Sehenswürdigkeiten in Leipzig

Ich war immer im Zwiespalt, was diese, meine Stadt betraf. Ich war keiner, der in die Hymnen einstimmte, "Leipzig kommt!", "Bach-Stadt", "Buch-Stadt", "Heldenstadt", der Traum von Olympia, der Wahn, wir seien die große Welt. Erst vor ein paar Jahren habe ich erfahren, genauer gesagt gelesen, und zwar in Erich Loests Roman "Völkerschlachtdenkmal", dass Leipzig tatsächlich, vor dem Zweiten Weltkrieg auf dem Weg zur Millionenstadt war - die viertgrößte Stadt in Deutschland nach Berlin, Hamburg, München. Bestimmt hatte ich das schon vorher gewusst und anderswo gelesen, in der Schule vielleicht, aber aus irgendeinem Grund wieder vergessen.

"Mein Leipzig lob ich mir!…" und so weiter, ja der alte Goethe. "Lange hat er's hier nicht ausgehalten", sagte mir kürzlich der in Leipzig geborene und lebende Dichter Andreas Reimann, der einen wunderbaren Band mit Leipzig-Gedichten "Bewohnbare Stadt" genannt hat. "So wie Schiller auch, und selbst Bach wär' am liebsten weg", und er erinnerte mich wieder daran, dass diese Zeilen aus dem "Faust" ja keine Hymne auf diese Stadt, sondern ein Spott waren, denn ein Betrunkener mit Namen Frosch lallt sie. Sicher würde der alte Goethe lachen, wenn er wüsste, dass die Tourismusbranche seit Jahrzehnten mit diesen Zeilen wirbt, "es ist ein Klein-Paris und bildet seine Leute…"

Vielleicht haben mein Zweifeln, meine Hassliebe, mein "Reiben am Stein", wie ich es nenne, ihren Ursprung in dem Viertel, in dem ich seit über dreißig Jahren wohne, manchmal denke ich: "ausharre". Am Rand der Stadt, Leipziger Südosten, Reudnitz und Anger-Crottendorf heißen die Viertel hier. Stötteritz ist nicht weit, und dann beginnen schon die Dörfer. Ich kenne Leute, mit denen bin ich aufgewachsen im Osten und Südosten, die wissen nicht viel über die anderen Himmelsrichtungen, in die sich Leipzig erstreckt, sind kaum rausgekommen aus diesem Teil der Stadt. "Wem's wohl ist, gehe nach Gohlis", im Norden, wo neben dem Zoo das barocke Gohliser Schlösschen liegt, ein wirkliches Kleinod, das auch ich erst in den letzten Jahren als Idyll entdeckte, das grüne weite Rosental und das Schillerhaus nicht weit.

Wenn ich als Jugendlicher in den Neunzigern nach Leipzig-Leutzsch zum Fußball fuhr, sagten wir "wir fahren in den Westen", und wenn mich ein alter Freund aus Lindenau/Leutzsch besuchte, fuhr er "in den Osten". Abenteuerliche Reisen waren das, vorbei an verfallenden Industriekomplexen, grauen Arbeitersiedlungen, die heute helle Gründerzeithäuser sind, entlang stinkender Kanäle und dem alten Leipziger Hafen, dessen Speicher jetzt noch seltsam fremd und marode an diesem Hafenbecken stehen und sich im Wasser spiegeln, denn der Durchbruch zu den großen Kanälen Mitteldeutschlands fand nie statt.

Keine Schiffe in der Leipziger Tieflandbucht. Große Städte, schöne Städte, denke ich manchmal, brauchen einen Fluss und/oder Berge oder liegen am Meer. Und wir haben nichts davon. Die Pleiße oder die Elster-Arme sind eher große Bäche. Wir liegen wie in einer Schüssel, die Ränder sind ein ganzes Stück weit weg, das Lausitzer Bergland, der Harz, die Thüringer Berge, das Erzgebirge hinter Chemnitz, Zwickau, um Schneeberg und Aue, und an manchen Abenden fährt ein seltsam schwüler Fön von den Rändern durch die Straßen und die Nächte werden milder als die Tage.

Einmal an einem sehr warmen Sonntag, gar nicht lange her, lag ein Geruch nach See und Seetang über meinem Viertel, als ich durch den Lene-Voigt-Park spazierte, eine ehemalige Bahntrasse, die Fabriken, die es nicht mehr gibt, mit dem Güternetzverband, benannt nach der sächsischen Mundartdichterin, und ich dachte, das käme von der Verdunstung der großen Seen im Süden, gefluteter Tagebaue am Rand der Stadt. Kleine sächsische Meere, denken sicher die Kinder, denn auch mir schien früher das Elsterflutbecken Donau-gleich, aber dieser Geruch, ich konnte die Algen und das Wasser fast auf der Zunge spüren, war nur eine Illusion, ich hatte eine Fischölkapsel in meiner Hemdtasche mitgewaschen und trug dieses Aroma mit mir durch die Straßen und Plätze in Leipzig-Ost.

Warum ich hier noch wohne?

Die Häuser in meiner Straße sind immer noch verfallen und grau wie vor über zwanzig Jahren, oder sie beginnen wieder zu verfallen, ein großer Leerstand herrscht hier, manchmal denke ich, wenn man diesen Teil der Stadt ausgemeinden würde, die Arbeitslosenzahlen von Leipzig wären einstellig. Brachflächen auch immer wieder, wo einst Häuser und Fabriken standen. Warum ich hier noch wohne, werde ich oft gefragt, aber ich weiß es so genau nicht, zwischen Wiederaufbau und Zerfall, vernagelte Fenster und die Namen alter Läden und Kneipen an den alten Fassaden wie Poesie. "Strumpfmoden", "Süßwaren", "Paradise Village", "Konsum", "Immerglück", "Silberfund".

Ich bin kein Nostalgiker, meine Erinnerungen, die hier mit mir wohnen, sind eher persönlich und versöhnlich, bei allem Zorn, den man braucht, um an einem Ort zu sein und dort zu schaffen. Und je länger ich über meinen Zwiespalt, über meine Hassliebe, über mein "Reiben am Stein" spreche und schreibe, umso mehr spüre ich eine Dankbarkeit, dass ich hier eine Heimat habe, so pathetisch das auch klingt, Heeme, wie wir Sachsen sagen, klingt gut und ohne Pathos. Der Stein macht mich weich. Ich laufe und fahre jetzt seit Jahren durch die Stadt, suche die Magie, die es ja geben muss, suche das Besondere und finde es an vielen Orten, in allen Himmelsrichtungen der Tieflandbucht, ein Wort, das ich immer mehr liebe.

Und dann doch Paris, mitten im Zentrum, in einer der alten Passagen, in denen es auch im Sommer kühl ist, die "Connewitzer Verlagsbuchhandlung", die ist wie "Shakespeare & Company", wo in den Pariser zwanziger Jahren Hemingway und Joyce ihre Bücher kauften und wo "Ulysses" erstmals gedruckt wurde, ein Ort und Treffpunkt der Literatur, Einkehr und Ruhe inmitten der Glashäuser und der großen Ketten, als würde die Zeit nicht rennen. Manchmal vibriert dort der Boden und die Bücher in den Regalen, und wer nicht weiß, dass der City-Tunnel, ein Schildbürgerstreich unseres Größenwahns, in der Tiefe mit Riesenbohrern durch den Untergrund gebrochen wird, wird meinen, dass die Literatur doch noch ihre Kräfte hin und wieder in die Wirklichkeit überträgt.

Kürzlich saß ich, nicht weit von dort, am Marktplatz auf dem Freisitz des Bistros "Rizzi", blickte über den Platz und in die Gassen und schämte mich fast, als ich dachte, dass es hier doch manchmal irgendwie "südlich" ist. Dann bin ich wieder ganz froh, wenn ich, wie "Zwischen den Untergängen", so der Titel eines anderen Gedichtbandes von Andreas Reimann, durch die Brachen meines Viertels flaniere. Eine Stadt braucht, denke ich manchmal, das Hässliche genauso wie das Schöne, und wer weiß schon genau, was was ist, wenn beides eine Würde hat, und dort, wo alle rufen "Ach wie schön!", sollen sich Touristen satt sehen.

Geschichte und Geschichten sind meist Spuren, und Spuren sind oft Verwitterung, etwas hat sich eingegraben im Stein. Ich will kein Stadtführer sein und keine Hymnen singen, obwohl es so viele Orte gibt an diesem Ort, Leipzig, Provinz Sachsen, die ich nicht missen will, aber die ihre eigenen Legenden, wenn auch nicht singen, so doch raunen, die Kellerbar "Bricks" in der Nikolaistraße, der Alfred-Kunze-Sportpark in Leutzsch, wo die einst glorreiche Mannschaft von Chemie Leipzig spielte und unter anderem Namen heute noch spielt, die Theaterbar "Skala" in der Gottschedstraße… aber was mir jede Reise wert wäre, wo immer ich auch bin, was ein Weggehen fast unmöglich macht, und eine Wiederkehr um so schöner…verdammt noch mal, wo ist nur mein Zorn auf diese zerrissene Stadt!

Scheibenholz Leipzig beispielweise, unsere Galopprennbahn, am Rande des Clara-Zetkin-Parks gelegen, nicht weit vom Zentrum, in der Mitte aller magnetischer Richtungen. Vor nicht langer Zeit ist ein Freund gestorben, Ex-Jockey, der dort seine größten Triumphe feierte, und der mir viel erzählt hat über diesen magischen Ort, dessen Hochzeiten nun schon seit Jahren vorbei sind, aber noch nicht endgültig! Und dort, an den wenigen Renntagen des Jahres, ist diese Magie zu finden, alte und neue Zeiten, die Tribüne steht seit über hundert Jahren, und ich wünsche mir, dass sich dort ganz Leipzig trifft, in guten wie in schlechten… denn wenn die Pferde mit diesem dumpfen Grollen der Hufe über die Bahn donnern, durch den Kanalbogen und den Stadtbogen, dem Ziel entgegen, und die Türme der Stadt hinter den Bäumen… bewohnbarer Stein.

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Autor:
Clemens Meyer