Köln Schöne, freie Südstadt

Der Prinz kommt. Oder wie der Kölner pausenlos, mitunter auch sinnfrei ausstößt: De Prinz kütt. So wirkt es, annähernd fürstlich, wenn Antonio Pizzulli durch sein Viertel streift. "Toni" schallt es von links, "Tonino" von rechts. Und der Mann Anfang 50 drückt und umarmt und lächelt. Köln gilt manchem ja als nördlichste Stadt Italiens. Aber es sind nicht nur Italiener, die ihn grüßen, sondern auch Deutsche, Türken oder Argentinier. Und genau dafür mag er die Südstadt. "Die Menschen machen Köln schön", sagt Pizzulli, "und deshalb fühlt man sich in der Südstadt schnell heimisch."

Dieses mediterrane Flair wird vor allem durch die unzähligen kleinen und noch kleineren Cafés, Bistros und Restaurants erzeugt. Und wieder durch die Menschen darin: Es gibt hier ein großes Miteinander - eine Ballung an Geschichten, an Schicksalen auf engstem Raum. Manche denken immer noch an Wolfgang Niedecken von BAP, wenn es um die Südstadt geht. Weil dessen Vater hier einst einen Lebensmittelladen betrieben hat. Aber das ist eine vergangene Welt. Damals war die Südstadt noch das Zentrum der Samstagnachttrinker und der nahe Rhein eine mentale Grenze. Damals war das Rheinufer mitsamt Hafenbecken irgendwie nur nett. Man konnte dort spazieren gehen, skaten oder Schiffe gucken. Heutzutage wirkt die Südstadt wie eine pittoreske Altstadtvariante, durch den neu gestalteten Rheinauhafen hat die Moderne Einzug gehalten. Und Menschen aus anderen Stadtvierteln angespült.

Pikanterweise hat es in diesem Umfeld, nur wenige Hundert Meter entfernt, die größte Hausbesetzung in der Geschichte Kölns gegeben. Als um 1980 herum, nicht weit vom heute beliebten Schokoladenmuseum entfernt, ein Fabrikgebäude abgerissen werden sollte, besetzten zeitweilig bis zu 600 Menschen das Gelände. Und manifestierten einen Mythos, der das Viertel bis heute prägt.

"Vorsicht",ruft eine Fußgängerin am Chlodwigplatz, dem heimlichen Herz der Südstadt, der Busse, Bahnen und Menschen durcheinanderwirbelt. Sie warnt alle Passanten davor, ihren Welpen zu streicheln. "Vorsicht, der Hund küsst!" Tatsächlich schnellt die Zunge aus dem Maul und leckt jedem, der sich nähert, über das Gesicht. Daraufhin bildet sich innerhalb von wenigen Augenblicken eine Menschentraube und macht einen Verzäll, jenes kölsche Ritual des Miteinander-durcheinander-Quatschens.

Jeder Besucher sollte sich zu Herzen nehmen: In der Südstadt muss man sich treiben lassen; hören, schmecken, riechen. Vom Chlodwigplatz kann man in alle Richtungen durch die sternförmig anliegenden Straßen schlendern. Ohne Ziel, es kann nie falsch sein. Entweder die Severinstraße hindurch, mit ihren vielen kleinen Geschäften, Boutiquen und Cafés, oder die andere Seite hinunter, Richtung Bonner Straße. Dann kann es passieren, dass man einen Rentner auf dem Fahrrad erlebt, der an den verschiedenen Haltestellen vorbeifährt und den Menschen zuwinkt. "Der Bus kommt gleich", ruft er und radelt weiter.

Im Volksgarten wird getrommelt, gesungen, gegrillt

Am stärksten ist das Südstadt-Gefühl im Volksgarten, einem der ältesten Kölner Parks. Fast das ganze Jahr über wird hier, wenn die Sonne scheint, getrommelt, gesungen, gegrillt. Bis in den frühen Morgen. "Das ist so schön, dass man gar nicht mehr nach Italien fahren muss", sagt Pizzulli. Der Sozialarbeiter kam Anfang der 1980er Jahre aus Apulien nach Köln, in der Südstadt hat er ganze Generationen von Jugendlichen aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammengeführt und für diese Art des Lebens begeistert.

"Nur in der Südstadt kann man mit Essen ein Fest feiern", sagt David Boucherie, der es so aus seiner Heimat Frankreich kennt. Hierher wollte er kommen, in dieses Gewusel, um in der Elsaßstraße seine "Epicerie" zu eröffnen. "Dort, wo es überall Originale gibt!" Erstaunlicherweise war dieses menschelnde Gebilde ursprünglich nichts anderes als die kalte Idee eines gewissen Hermann Josef Stübben, eines sogenannten "Systemdenkers". Der nahm sich Paris zum Vorbild, darunter machen es die Kölner halt nicht.

Im 19. Jahrhundert wurden in vielen Städten die historischen Festungsanlagen abgerissen, mit Ringstraßen bebaut und zu einer Kette festlicher Räume angeordnet. Spannend sind die kleinen, weniger bekannten Plätze, die meist dort zu finden sind, wo sich Straßen schneiden - zum Beispiel das "Eierplätzchen" an der Mainzer Straße. Jeder kennt es unter diesem Namen, auch wenn der nicht offiziell ist. Die Restaurants und Cafés dort nutzen die Bürgersteige, bis der erste Schnee fällt.

"Auf diesen Stühlen werden Ideen Realität", sagt Boucherie. Bis vor fünf Jahren arbeitete er als Fotograf, wollte sich aber verändern und sprach immer wieder von seinem Traum, einem Bistro. Bis in einem italienischen Café ein Mann aufstand, Franzose auch er, und sagte, ihm gefalle diese Begeisterung, er leihe ihm das Geld. "Die Südstadt ist das Viertel der Freiheit", das steht für Boucherie fest." Und die Lust am Leben springt dir jeden Tag neu in die Augen.

INFO

Epicerie Boucherie: Quiches, Käse, Wein - hier ist alles vom Feinsten. Elsaßstr. 3

Die fette Kuh: Der Name ist ein Synonym für großartige Burger - für die man anstehen muss. Bonner Straße 43

Römerpark Caféhaus: Schön gelegen am "Eierpätzchen", gutes Frühstück. Teutoburger Straße 42

Früh em Veedel: Die Kneipe der Brauerei Früh ist eine Institution - für Alt und Jung, Kölner und Imis. Gutes Kölsch. Chlodwigplatz 28

Autor

Guido Eckert

Ausgabe

Köln 09/2012