Köln Leben und Genuss in Ehrenfeld

Am Lenauplatz in Neuehrenfeld betreibt Christopher Otto das "Wicleff", eine beliebte Restaurant-Kneipe. Vor einigen Jahren ist er von der Südstadt nach Ehrenfeld gezogen, was für viele ein schwerer Schlag war - schließlich hatte jeder Kölner einst verinnerlicht: "Alles Elend dieser Welt kommt aus Nippes, Kalk und Ehrenfeld." "Inzwischen ist der Lenauplatz zum Publikumsmagnet geworden", erzählt Otto. Im Sommer stehen dort Kinderwagen in mehreren Reihen, und am Karnevalsdienstag startet hier der Veedelszug. Seinem Weg folge ich zu jeder Jahreszeit.

Ich gehe vom Lenauplatz südwärts durch die Landmannstraße, die kurz vorm Franziskus-Krankenhaus endet. In dessen Notaufnahme wurde einst mein von Glasscherben lädierter Mittelfinger gerettet. Aber nicht jeder ist gut auf das St. Franziskus zu sprechen. Thomas Lelgemann, seit 16 Jahren als orthopädischer Schuster hier, ist ein Imi, was Kölsch für Zugezogener ist. "Typisch kölscher Klüngel", sagt er. "Das Krankenhaus schickt alle Patienten zu einem kölschen Schuster, der in der vierten Generation in Ehrenfeld arbeitet." Was Lelgemann schätzt, ist der bunte Mix des Viertels. "50 Prozent meiner Kunden sind Ausländer." Maßgefertigte Schuhe verkauft er auch, einer seiner Stammkunden sei Milliardär und wohne in der benachbarten Eichendorffstraße. Dort gibt es für mich die schönsten Gründerzeitvillen in ganz Köln.

Ich befinde mich nun auf Höhe des alten Subelrather Hofs, der mit einem "b" mehr zum Namensgeber der heutigen Subbelrather Straße wurde. Wenn man eine frühe Karte der westlichen Gebiete vor den Toren Kölns anschaut, sieht man auf der heutigen Ehrenfelder Gemarkung dieses Hofgut, dessen Umgebung Ziegelfeld genannt wurde, weil man dort Ziegel brannte. 1845 wurde aus Ziegelfeld Ehrenfeld, ausgedacht hatte sich das ein Kreis von Karnevalisten. Die Gründung Ehrenfelds war also sozusagen eine Schnapsidee - aber eine mit sozialem Hintergrund. Vor den Toren Kölns sollte Baugrund für arme Bürger entstehen.

Zeeman Textiel Supers: Schnäppchen zu "Piraten-Preisen"

Für viele Neuehrenfelder beginnt hinter der Subbelrather Straße ein neues Universum. Die Venloer Straße, Ehrenfelds große Einkaufsstraße, hat die höchste Hausnummer in ganz Deutschland: 1503. Die aber liegt schon jenseits der Kölner Stadtgrenze. Das Qualitätskaufhaus "Zeeman Textiel Supers" hat die Hausnummer 472, dort findet man Schnäppchen zu "Piraten-Preisen".

Ich laufe auf der Venloer Straße Richtung Innenstadt. Auf beiden Straßenseiten Döner-Restaurants, rechter Hand die "Braustelle", Kölns kleinste Brauerei, linker Hand ein "Kik", rechter Hand das Cinenova, ein geschätztes Premierenkino, linker Hand zwei Peepshow-Etablissements, rechter Hand das alte Verwaltungsgebäude der Helios AG. Die Helios Werke "für elektrisches Licht und Telegraphenbau" waren einst ein Global Player, wirtschafteten um 1900 auf Augenhöhe mit Siemens und AEG, gingen aber 1905 in Konkurs. Ihre schönste Hinterlassenschaft ist der Leuchtturm - stolzes Symbol für die vielen anderen Leuchttürme, die die Helios AG am Meer elektrifiziert hat.

Bevor Ehrenfeld 1888 nach Köln eingemeindet wurde, trugen diverse Straßen der kleinen Boom-Stadt die Namen der Industrie-Barone oder ihrer Angehörigen. Noch heute erzählen die Klarastraße, die Philippstraße und die Christianstraße davon. Die meisten Straßen aber wurden umbenannt, aus der Heribertusstraße wurde zu Ehren des Dichters Karl Theodor Körner die Körnerstraße.

Cafés mit vielsagenden Namen: Sehnsucht, Geschmackssachen, Libelle

In der Mitte dieses inzwischen legendären Seitenarms der Venloer Straße findet man das "Café Sehnsucht", sozusagen die Mutter des Körnerstraßen-Booms. Hier sitzen junge, gut gekleidete Menschen auf dem Kuschelsofa am gusseisernen Ofen, essen leicht überteuerte Speisen und trinken dazu einen Kaffee von Van Dyck. Der wird praktischerweise ein paar Häuser weiter geröstet und kann dort auch verkostet werden. Ein wenig Ehrenfelder Klatsch: Van Dyck ist die Kaffeerösterei eines Ex-Stefan-Raab-Fernsehproduzenten, dessen Frau, die Ex-Viva-Zwei-Moderatorin und Feuchtgebiete-Expertin Charlotte Roche, sich dem Vernehmen nach das Logo der Kaffeerösterei auf den Oberarm tätowieren ließ.

Weitere Läden hier heißen "Geschmackssachen", "Libelle", "Kitsch Deluxe", "Utensil". Noch in den 1990ern gab es in der Straße viele türkische Teestuben, manche nannten sich Kulturvereine, die meisten sind von Accessoire-Geschäften verdrängt worden, es kam zu einem wahren Körnerstraßen-Tourismus. Zum Erfolg beigetragen hat die bauliche Besonderheit, dass es hier viele Ladenlokale gibt, die Körnerstraße ist geprägt von den ehrenfeldtypischen, schmalen Dreifensterhäusern.

Weiter geht der Weg des Karnevalzuges entlang der Venloer Straße. Rechter Hand vorbei am ehemaligen Fabrikgelände von 4711, gegenüber das altehrwürdige "Haus Scholzen". 1907 gegründet, ist es eine der ältesten Gastwirtschaften Ehrenfelds. Vater Scholzen war Drogist mit der Lizenz zur Alkoholproduktion und kreierte 1948 den "Ehrenfelder Tropfen", einen großartigen Kräuterschnaps, der heute noch von Sohn Scholzen nach dem alten - natürlich streng geheimen - Familienrezept hergestellt wird. In den insgesamt 15 Jahren, die ich in Ehrenfeld lebte, habe ich den Ehrenfelder unzählige Male verschenkt. Schaut her, wollte ich damit sagen, ich wohne in diesem Stadtteil, ich bin stolz darauf, mein Nickname im Internet lautete auch "Ehrenfelder". Das Publikum im "Haus Scholzen" hat sich in den letzten Jahren stark verjüngt, der Umbruch in der Bevölkerung des Viertels ist vollzogen: Die Tische sind abends in zwei Schichten ausgebucht, um halb sechs kommen die alten Ehrenfelder, ab halb neun die jungen Familien und die Tätowierten.

Einige hundert Meter weiter esse ich am Stehimbiss "Crêpes Oase" ein Köfte-Brot. Zwischen Tankstelle und Fernsehturm ragen zwei neue Türme in den Himmel, sie gehören zur neuen Kölner Großmoschee, die auch überregional ein großes Thema ist. Erst gab es Proteste gegen den Bau, die vor allem von der rechtspopulistischen Wählervereinigung Pro Köln und dem Schriftsteller Ralph Giordano forciert wurden. Als der Bau dann beschlossene Sache und längst begonnen war, verkrachten sich Bauherr und Architekt. Gebetsräume gab es an gleicher Stelle schon seit 1984 in einem nicht mehr genutzten Verwaltungsgebäude. Die Muslime wollten das Provisorium beenden und bauten die modernste Moschee Deutschlands. Sie sind gekommen, um zu bleiben. Ob das für die Ehrenfelder Hipster auch gilt, ist noch nicht ausgemacht. Eins wird sich hier aber wahrscheinlich nie ändern: Der Ehrenfelder Dienstagszug endet an der immer gleichen Stelle. Dort, wo jetzt die neue, schicke Moschee steht. Dreimol Ihrefeld Alaaf!

Manuel Andrack, gebürtiger Kölner, lebt heute in Saarbrücken. Den Dienstagszug in Ehrenfeld ist er viele Jahre mitgelaufen.

 

Cafés und Restaurants im Stadtteil Ehrenfeld

Wicleff: Nette Veedelskneipe mit internationaler Küche. Lenaustr. 1

Braustelle: Kölns kleinste Brauerei. Zu deftigen Speisen gibt es Kölsch, Weizenbier - und seltsamerweise Altbier. Christianstr. 2

Café Sehnsucht: Restaurant, Café, Kneipe, Bistro und Wohnzimmer. Sensationelles Frühstück. Körnerstr. 67

Van Dyck: Im einstigen Friseurladen befindet sich eine Kaffeerösterei und Espresso-Bar. Der Kaffee ist großartig. Körnerstr. 43

Haus Scholzen: Traditionsgaststätte voller Kinder und Hunde. Venloer Str. 236

Café Franck/Shibuya Lounge: Aus Kaffee wird Cocktail - ein Platz für Verwandlungen. Eichendorffstraße 30

Autor

Manuel Andrack

Ausgabe

Köln 09/2012