Köln Kalk - Kult jenseits des Rheins

Der riesige Klotz wirkt wie ein Irrtum aus Glas und Beton, aus seiner Mitte ragt wie ein Zeigefinger aus vergangenen Tagen der Wasserturm einer ehemaligen Fabrik. Es ist eines der vier großen Einkaufszentren Kölns, das da mitten in Kalk steht, einem Viertel, das lange als sozialer Brennpunkt galt. Vor dem Eingang der "Köln Arcaden" steht Tom Gerhardt, der Film- und Fernseh-Komiker, eine Schulklasse läuft vorbei, einer der Jungen bleibt stehen und ruft: "Hey, Köln-Kalk-Verbot!" Und schon ist Tom Gerhardt umringt von großem Geschrei. "Köln-Kalk-Verbot" ist eine Wort-Kreation aus "Voll normaaal", einem Film, mit dem er den Kult um Kalk an die Kinokassen gebracht hat.

Kalk, die ehemalige Industriestadt, auf der "schäl Sick", tief im Rechtsrheinischen gelegen, galt seit den achtziger Jahren als trist und unsicher. Einst hatten dort Großbetriebe wie die Chemische Fabrik Kalk für Arbeit gesorgt. "Das war ein richtiges Malocher-Viertel", sagt Tom Gerhardt. 2011 hat der Bezirksbürgermeister ihn zum "Ehrenbürger von Kalk" ernannt. Er stammt zwar von der anderen Rheinseite, seine Filmfiguren aber leben hier. Denn, so sagt er: "Die harten Jungs kommen aus Kalk, das war immer so. Hier ist die Sprache bis heute rau, aber herzlich."

Er spaziert los, die Kalker Hauptstraße entlang, die schnurgerade zur backsteinernen Kapelle und zur schönen alten Sünner-Brauerei führt. Die Sonne kommt heraus, und sogleich erinnert die Straße an einen Freiluftbasar. Vieles ist bunt und kostet einen Euro. Dazwischen ein paar Kleinode, eine alte Kaffeerösterei, dann der Traditionsbäcker Schlechtrimen - und ein Laden für russisches Allerlei. Tom Gerhardt biegt in die Nebenstraßen ab - jede eine andere Wohn-Idee: alter Industrie-Backstein, leuchtender Strahle-Verputz, Gründerzeit-Schnörkel, blockweise Lieblosigkeit. Man kommt hier an wild zugewucherten Hinterhöfen vorbei, an Guerilla-Gärten, an der einstigen Kantine des Motorenherstellers Klöckner-Humboldt-Deutz, die seit 2010 besetzt, bemalt und zum Autonomen Zentrum erklärt ist. Schöner und grüner als früher sei es in Kalk, sagt Tom Gerhardt. "Und das Viertel macht erste Schritte, hip zu werden."

Wenn Kalk und hip in einem Satz genannt werden, dann meist auch die Trimbornstraße. Sie führt von den "Köln Arcaden" zur S-Bahn und ist gerahmt von ein paar der schönsten Altbauten, die Kalk geblieben sind. Dort teilen sich Grafikdesigner und Webentwickler das "Büro für Brauchbarkeit", Atelier und Ausstellungsraum zugleich. Nebenan ist eine Modedesignerin eingezogen. Die übliche Hipness hat gerade mal eine Zehenspitze in diesen Stadtteil gesetzt. Ein paar Häuser weiter hat Ende 2007 Katharina Kohout mit einer Freundin die Bar "Vorstadtprinzessin" eröffnet. "Hier in dem Türkenviertel wollt ihr 'ne Kneipe aufmachen?", habe ein Getränkehändler damals gefragt, erzählt sie. Nirgendwo sonst, davon ist sie überzeugt - gerade weil sie hier noch die Hoffnung hat, dass die Hip-Werdung nicht den bekannten Weg nimmt. "Kalk kommt schon", sagt sie. "Aber auf seine Art und Weise."

50 Meter weiter, jenseits der Bahnunterführung, beginnt die Taunusstraße. Dort gibt es Gemüseläden und ein deutsch-marokkanisches Wohnzimmer, das Café "Casablanca". Unter seiner Markise sitzt ein älterer Herr, der einen grauen Pferdeschwanz trägt und einen schönen Titel, verliehen von einem lokalen Fernsehsender: "Veedels-Engel".

Hans-Gerd Kaumanns heißt er, früher war er Architekt und Stadtplaner, heute ist er Rentner und engagiert sich für ein lebenswertes Kalk. Jeden Morgen sitzt er hier und winkt jedem, der vorbeikommt. Winkt der jungen Frau, die ihr Baby spazieren trägt. "Es gibt hier sehr viele Kinder, Kalk wird immer jünger", sagt er und winkt den marokkanischen Jungs. "Kalk ist wie ein Dorf in der Stadt, ein liebenswertes, buntes Dorf." Vielleicht sei es drüben, um den fünf S-Bahn-Minuten entfernten Dom, hübscher, sagt er. "Aber hier gibt es noch die Mischung, die für eine Stadt wesentlich ist." Auch der Veedels-Engel hofft, dass Kalk die nicht verliert, er lächelt und sagt: "Was uns schützt, ist der schlechte Ruf."

INFO

Casablanca: Ein kleiner Wohlfühl-Ort, die marokkanischen Snacks, der Tee und die Shakes - alles schmeckt großartig. Und was in Kalk so los ist, erfährt man nebenbei. Taunusstraße 1

Vorstadtprinzessin: Man fällt aus der S-Bahn - und hinein in diese nette, entspannte Bar. Dort werden regelmäßig Ausstellungen gezeigt, Konzerte und Partys organisiert. Trimbornstraße 27

Bäckerei Schlechtrimen: In dem Laden bei der U-Bahn-Station "Kalk Kapelle" wird in dritter Generation gebacken. Die Brote sind preisgekrönt, die Kuchen ein Traum, das Café mit Garten ist reinstes Retro. Kalker Hauptstraße 210

Blauer König: Café/Restaurant an einem freundlichen Platz. Es gibt gute Flammkuchen und Nudelgerichte. Markt 24

Trash Chic: Nette Kneipe für einen Imbiss oder späten Drink. Wiersbergstraße 31

Sünner-Brauerei: Traditionsbrauerei in historischem Gebäude mit schönem Biergarten. Kalker Hauptstraße 260

Autor

Tinka Dippel

Ausgabe

Köln 09/2012