Köln Hinter den Kulissen des Wahrzeichens Dom

Sie senden die frohe Botschaft in alle Welt, per Ultrakurzwelle in die Region, per Kabel nach Nordrhein-Westfalen, per Satellit durch ganz Europa und per Internet um die Erde. Und die virtuelle Gemeinde, die den Mitarbeitern des Domradios lauscht und die Gottesdienste in Kölns Kathedrale online verfolgt, ist groß: Argentinische Nonnen sind ebenso darunter wie Nachbarn aus der Eifel oder japanische Touristen, die ihrer Europareise nachhängen. Auf Facebook bietet die Kathedrale sogar ein virtuelles Fürbittenbuch dazu an.

Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen sieht das Domradio in einer langen Tradition: "Seit 2000 Jahren ist die Kirche mit ihrer Frohen Botschaft auf Sendung." Eingebettet in "himmlische Hits" bereitet der vom Erzbistum getragene Sender das Geschehen in der Region und das in der Welt aus christlicher Sicht auf. Bei der täglichen Redaktionskonferenz geht das Team das Pensum durch: "Wir brauchen ein Stück über Gewalt in der Pflege und eines über Obama und die Homo-Ehe… Das Tagesevangelium war etwas lahm, der Spaziergang durch die vatikanischen Gärten dafür sehr erfrischend… Wann fliegt der Kardinal ins Heilige Land?"

Aus dem Newsroom und den Studios blicken sie auf die Stirnseite ihres Namenspatrons: der Dom, die Pracht am Rhein, die Startrampe ins Himmelreich, ein Monument für Millionen. Sein Jahresetat von rund sieben Millionen Euro entspricht dem eines mittelständischen Betriebes. 160 Menschen sind dort angestellt, die meisten in der Bauhütte, viele in der Verwaltung, den Klerus nicht mitgerechnet. Mit 20000 Besuchern pro Tag ist er zudem Deutschlands gefragteste Sehenswürdigkeit. Und vergegenwärtigt man sich, dass diese ewige Baustelle seit dem Mittelalter in Betrieb ist, kann man ihn als das erfolgreichste ABMProjekt aller Zeiten ansehen. 

Der Weg zur Schatzkammer: Gang durch die Geschichte

Die Schatzkammer birgt die Essenz der Kathedrale. Wer hinabsteigt, kann ihre Geschichte schon an den Wänden ablesen. Die Stufen führen von den neuzeitlichen Einbauten durch die mittelalterlichen Kellergewölbe zu den Säulen der Vorgängerkirche. Und an fränkischen Gräbern vorbei bis hinab zur römischen Stadtmauer, auf der die Nordseite des Doms ruht. 

Obwohl tief unter der Erde gelegen, erfüllt die Schatzkammer ein überirdischer Glanz. "Gold ist das Sinnbild der Heiligkeit", raunt Cordula Baumsteiger. Jedes Stück hier ist durch ihre Hände gegangen. Manche hat sie nur gereinigt, andere restauriert: Altarkreuze, Strahlenmonstranzen, Bischofsringe, sogar das Buch mit sieben Siegeln. Von allen Handwerkern der Dombauhütte hat die Goldschmiedin das diffizilste Metier. Viele Teile sind dünner als ein Millimeter. "Das verlangt eine ausgefeilte Technik und ein entspanntes Arbeiten, rhythmisch aus den Gelenken heraus", sagt sie. So erlebt sie ihre Arbeit denn auch als Meditation, als einen Zustand gesteigerter Versammlung, "wie bei den Asiaten das Om". 

Wo genau sich ihre Werkstatt befindet, bleibt ein Geheimnis; zu oft schon wurden Schätze des Doms gestohlen – wobei dessen wichtigste Reliquien, die Gebeine der Heiligen Drei Könige, ihrerseits Raubgut sind. Friedrich Barbarossa erbeutete sie in Mailand, von wo sie 1164 nach Köln überführt wurden. Sie ruhen im acht Zentner schweren Dreikönigenschrein, einer der bedeutendsten Goldschmiedearbeiten aller Zeiten – einer Kathedrale en miniature, so wie der Dom seinerseits eine Art gigantischen Dreikönigenschrein darstellt.

Cordula Baumsteiger verbinden auch familiäre Bande mit ihrem Arbeitsplatz. Ihre Großmutter wohnte in der Pfarre, und aus deren Erzählungen ist ihr die Einweihung durch Kaiser Wilhelm I. gegenwärtig. Ausgerechnet die erzprotestantischen Hohenzollern hatten die Vollendung der Bauruine zur Chefsache gemacht, als Symbol für die Einigung Deutschlands. Die Eröffnung fand Anno Domini 1880 unter Glockengeläut und Kanonendonner statt, ein Preußenadler von der Spannweite eines Segelfliegers krönte das Baugerüst. Ein Missbrauch der Kirche zu herrschaftlichen Propagandazwecken, mit Tradition – schon Otto IV. ließ sich dreist auf dem Dreikönigenschrein verewigen, als vierter König im Bunde.

Bildhauer Oster: Hämmern als kontemplative Tätigkeit

Obwohl sein Werkzeug von anderem Kaliber ist, erlebt auch Bildhauer Michael Oster das Hämmern als kontemplative Tätigkeit. "Zugleich kann man sich wunderbar abreagieren", sagt er. Seine Werkstatt wirkt wie das Wartezimmer eines Arztes, in dem Freaks, Fabelwesen und Figuren geduldig ihrer Untersuchung harren. Mal raspelt der geschmeidige Hüne an den Klauen mittelalterlicher Wasserspeier, mal muss er das Attribut für einen neugotischen Apostel ersetzen. Derzeit behandelt er einen Patriarchen mit Lungenschuss und amputierten Händen: Noch immer sind nicht alle Kriegsschäden behoben, einigen notdürftig verarzteten Invaliden wird erst jetzt probate Behandlung zuteil. Doch angesichts der damals zu neunzig Prozent zerstörten Altstadt grenzt es an ein Wunder, dass der Dom überhaupt noch steht. 

Oster war lange Jahre Assistent der Kölner Objektkünstlerin Rosemarie Trockel. "Ich wollte dann mehr Steinmetzarbeit machen. Die Bildhauer früherer Zeiten hatten ein anderes Qualitätsbewusstsein, das man im heutigen Kunstbetrieb kaum mehr findet", meint er. Auch wenn die Bauhütte moderne Mittel wie Ultraschalldiagnose und Mini-Presslufthämmer einsetzt, ihre Handwerke gehörten unter Denkmalschutz.

"Wenn wir Gruppen durch den Hof führen, etwa beim berufsbildenden Girls’ Day, können die oft nicht glauben, dass so viel Handarbeit anfällt. Dass wir all die Ornamente und Figuren nicht etwa fräsen oder gießen, sondern im Schweiße unseres Angesichts hauen." An einem Baldachin, wie sie die großen Pfeilerfiguren zieren, arbeitet ein Steinmetz zwei Jahre. "In dieser Qualität kann das draußen niemand bezahlen", sagt Oster. Draußen – dieses Wort fällt hier häufiger. Die Bauhütte stellt ein Refugium dar, eine Oase der Meisterschaft. Anderswo gilt Makellosigkeit als Ideal; hier ist sie die Norm. 

Stolz schwingt mit bei den Angestellten

Fast alle, die hier arbeiten, vom Glaser bis zum Propst, von der Archäologin bis zur Archivarin, erfüllt ein eigentümlicher Stolz, ein Hauch von Auserwähltheit, verbunden mit dem Bewusstsein, ein Glied in einer langen, starken Kette von Domdienern zu sein. Diese Energie scheint sich bei jedem Kontakt zu erneuern. "Die Inspiration durch den Bau ist unerschöpflich", findet Organist Winfried Bönig. "Orgelspielen stellt ja einen fortwährenden Dialog mit dem Raum dar: Er antwortet durch die Akustik." Mal durchweht ein silbriges Rieseln die Gewölbe, mal tobt ein wilder Tanz mit lodernden Akkorden, mal erstrahlt ein Hymnus in blendendem Dur. Und manchmal lässt Bönig es auch richtig rocken. Dank seiner langen, schlaksigen Gestalt erreicht er mühelos noch die entferntesten Pedale und Register. Sie tragen Namen wie Waldflöte, Nachthorn, Tuba magna oder Vox humana. Vermutlich sind auch Posaunen von Jericho dabei, denn wie anders könnte er zwischendurch musikalische Stoßgebete losschicken, dass man glaubt, der ganze Dom würde erzittern. 

Wenn sich beim Pontifikalamt eine schier endlose Menge durch die Allee der Pfeiler schiebt, vorneweg Messdiener mit Prozessionskreuz und Weihrauchfässchen, gefolgt von einer Hundertschaft aus Chorknaben und Ministranten, zum Abschluss Bischof, Priester und Zeremoniare, muss der Organist die gesamte Kirche im Blick haben. Deshalb verfolgt er das Geschehen auf mehreren Monitoren. Sie wurden ihm von Rolf Ackermann installiert, der seit zwanzig Jahren Kameras, Lautsprecher, Beleuchtung und Alarmanlagen im Dom betreut.

Als Elektriker hat er mit zwei chronischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Zum einen mit dem Denkmalschutz: "Ich kann im Dom nicht bohren – nach drei Löchern käme die Kündigung." Und so tüftelt er ständig herum. Zum anderen mit der großen Zahl der Leuchtmittel von der Krypta bis zum Dachstuhl. "2000 Stunden Lebensdauer hört sich gut an. Aber wenn die Lampen 14 Stunden am Tag brennen, sind sie doch bald hinüber." Die Beleuchtung des Doms geschieht kaum anders als die eines Theaters. Ackermann hat 25 "Lichtszenen" programmiert, bei denen der Küster per Knopfdruck Regie führt. Da gibt es eine fürs Pontifikalamt ("volles Programm"), eine für Trauergottesdienste und eine für Orgelkonzerte, mit denen sich Winfried Bönig über die Jahre ein treues Publikum erspielt hat. Eine Schulfahrt hatte ihn einst das erste Mal nach Köln geführt. "Da wusste ich schon, dass ich Organist an einer schönen alten Kirche werden wollte. Aber dass es nun die hier geworden ist ..." 

Inbegriff der Kathedrale: der Hohe Dom zu Köln

Der Hohe Dom zu Köln stellt den Inbegriff der Kathedrale dar. Ein steinernes Gotteslob, ein immerwährendes Halleluja. Wer mit Blick auf die Zwillingstürme lebt oder arbeitet, heißt es, der hat es in Köln geschafft. Da jedoch kaum jemand direkt am Dom wohnt, fusionierte die Pfarrei vor ein paar Jahren mit den umliegenden Gemeinden. Das Domforum, im gleichen Gebäude wie das Domradio beheimatet, soll die Kirche ins städtische Geschehen hinein verlängern. Es dient als Anlauf- und Auskunftsstelle, bietet Lesungen und Konzerte, einen Besinnungsraum und ein Stehcafé. Hier beginnen auch die rund 8000 Führungen, die jährlich durch den Dom ziehen.

Teamleiterin Karin Titz sieht das Foyer "als den einzigen bedingungslosen Raum weit und breit". In einer halboffenen Kabine bietet sie Seelsorge für die Laufkundschaft an. Die einen suchen Gott, andere nur mal einen Sitzplatz. Rentner finden sich zum Plausch zusammen, Schnorrer spinnen ihre Lügen, Angehörige suchen Trost nach einem Sterbefall. Neulich brachte die Tochter eines britischen Bomberpiloten einen Brief ihres Vaters, der die Kriegszerstörungen zutiefst bedauerte. Wieder andere wollen einfach ihre Ruhe, wie der vermeintliche Penner, der sich als Zivilfahnder entpuppte. Denn das Foyer bietet einen Logenplatz, um das Treiben auf der Domplatte zu verfolgen, dieser Bühne für Exhibitionisten aller Art, für Zehntausende von Besuchern, aber auch für Kleinkriminelle, Obdachlose und Drogenabhängige.

Um ein Mindestmaß an Anstand aufrechtzuerhalten, gehen hier 18 Mitarbeiter des Ordnungsamtes Streife. Für gewöhnlich zu zweit, an Großkampftagen wie dem 11. November auch zu sechst. Inga Jakubassa und Sebastian Baals haben gerade einen zudringlichen Rosenverkäufer aufgegriffen. Er hatte sich ins südliche Seitenschiff geflüchtet, wo sie ihn dann mithilfe eines Domschweizers gestellt haben, jener karmesinrot gewandeten Wächter, die im Kircheninneren für Ordnung sorgen. Doch auch draußen sind in einer 16 Meter breiten Sperrzone, einem spirituellen Strafraum, keinerlei ruhestörende Aktivitäten gestattet. Jenseits davon gelten strenge Regeln. Musiker müssen alle halbe Stunde lang pausieren und den Standort wechseln. Wer Handzettel verteilt, Müll liegen lässt oder auch nur einen Zigarettenstummel, erhält ein Bußgeld aufgebrummt. Wer ins Gebüsch pinkelt, kommt mit 35 Euro davon, fürs Pinkeln gegen den Dom wird dagegen der Höchstsatz veranschlagt: 123,50 Euro. "Im Großen und Ganzen benehmen sich die Leute", meint Jakubassa. "Doch immer wieder müssen wir ihnen klarmachen: Es ist eine Kirche!"

Und was für eine! Kaum ein anderer Bau hat über Jahrhunderte so viel Engagement mobilisiert. Michael Hoffmann sieht sich denn auch als Präsident "der langlebigsten und erfolgreichsten Bürgerinitiative Deutschlands", des Zentral-Dombau-Vereins zu Köln. "Seit 1842 wurden 60 Prozent der Mittel zur Vollendung vom Verein aufgebracht – umgerechnet eine Milliarde Euro." Hinzu kamen 375 Millionen für die Befreiung des Doms. Während der mittelalterliche Torso im Koma lag, rückten ihm Häuser und Hütten zu Leibe wie die Liliputaner dem schlafenden Riesen Gulliver. Dieser Wildwuchs wurde zwar um die Jahrhundertwende bereinigt, durch die Ignoranz des Nachkriegsaufbaus dann jedoch wieder verschlimmbessert.

Ein Großteil des Etas für die Instandhaltung stammt aus Privatspenden

Bis heute bestreitet der Verein gut die Hälfte des jährlichen Etats für die Instandhaltung, mehr als Bistum, Stadt und Land zusammen. Als ehemaliger Bankdirektor ist es Hoffmann gewohnt, mit sanftem Nachdruck zu überzeugen. "Wenn Sie dem Dom geben, können Sie nichts falsch machen." Und so fließen stetig Spenden, Beiträge und Legate. "Erst neulich war der Dom Alleinerbe für eine Dreiviertelmillion und ein Haus kam noch dazu."

Den Reisenden mag die Kathedrale als eine Gottesmaschine mit Gleisanschluss erscheinen; für die Kölner bedeutet er schlicht Heimat. Zugleich elitär und demokratisch, steht er für eine kollektive Höchstleistung über ganze Zeitalter hinweg. Und natürlich für Kölns Einzigartigkeit. 

Der Dom in Zahlen: 

300 Jahre Baustopp mussten die Kölner ertragen, bis die Stadt wieder genug Geld für den Weiterbau hatte. Mit 7914 Quadratmetern Grundfläche ist der Dom die größte Kirche Deutschlands, mit 157Metern war er vier Jahre lang (1880 bis 1884) das höchste Gebäude der Welt. Schätzungsweise 120 000 Tonnen bringt er überirdisch auf die Waage, das Fundament etwa noch einmal so viel. 25 000 Tonnen wiegt allein jeder der zwei Türme. 533 Stufen muss erklimmen, wer ganz nach oben möchte. Mit 3,22 Metern Durchmesser und 24 Tonnen Gewicht gilt der "Dicke Pitter", wie die St.Petersglocke genannt wird, als größte frei schwingende Glocke der Welt.

800 Kilogramm wiegt der Klöppel, den sie 2011 plötzlich verlor – was in der 20 Kilometer entfernten Erdbebenstation Bensberg verzeichnet wurde. 200 Kilo leichter ist der neue Klöppel. Eigentlich wäre die Kirche sandfarben, aber Wetter und Abgase setzen sich auf den gut 50 verschiedenen Stein sorten ab. Einmal pro Woche geht ein Steinmetz den Dom ab und sucht nach Witterungsschäden. 80 Prozent der 12000 Quadratmeter Dachfläche wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. 10 000 Quadratmeter beträgt die gesamte Fläche der Dom-Fenster. Mehr als 750 Jahre alt ist das "Ältere Bibelfenster" in der Dreikönigenkapelle, das älteste am Dom. 72 Farbtöne verwendete der Kölner Künstler Gerhard Richter für sein Südquerhausfenster – und verteilte sie in 11263 Quadraten auf 106 Quadratmeter.

Fast 20000 Menschen besuchen täglich die Kathedrale und den Dreikönigenschrein – bei einer Untersuchung im 19. Jh. sollen allerdings Reste von bis zu sieben Menschen im Schrein gelegen haben. Mehr als 1000 Ein- und Ausfahrten im benachbarten Hauptbahnhof beeinflussen täglich die Standfestigkeit der Kathedrale. 5 Schwingungsmesser zeichnen ihre Bewegung auf. Zu guter Letzt: Mit fast einer Million Legosteinen hat ein Dom-Fan die Kathedrale nachgebaut. Ein Jahr lang arbeitete er daran, sein Dom ist 3 Meter hoch.

Autor

Stefan Schomann

Ausgabe

Köln 09/2012