Karneval in Köln Franz Raveaux

Franz Raveaux

Warum ein bissiger Karnevalist zum Tode verurteilt wurde 
FRANZ RAVEAUX: 1810–1851


Am Rosenmontag des Jahres 1845 erlebte Köln eine Sensation, die es weder davor noch danach gegeben hat: Zwei konkurrierende Karnevalszuge zogen durch die Stadt. Den einen hatte die traditionsbewusste Große Carnevalsgesellschaft ausgerüstet, den anderen die erst seit einem Jahr existierende Allgemeine Carnevalsgesellschaft. Die Allgemeine hatte sich gegründet, weil sie die Große zu angepasst fand. Ihr führender Mann war Franz Raveaux: Zigarrenhandler, Demokrat und Karnevalist. Doch der Reihe nach.

Der "Fastelovend" hatte im Mittelalter den Charakter eines zügellosen Volksfestes. Für wenige Tage im Jahr schuf er eine verkehrte Welt, kehrte das Untere nach oben. Der Narr wurde König, der König erniedrigt. Der Obrigkeit war der Mummenschanz verdächtig, sie verbot ihn immer wieder. Ohne Erfolg. Auf brave durchreisende Bürgersleute wirkte das raue Volksfest eher abschreckend. 1800 notierte der Münchner Hofrat Albert Klebe: "Alle Wirtshäuser ertönten von Musik und Gläserklang und dem Brüllen und Jauchzen des besoffenen Pöbels. Man sah hier nichts als Fuhrleute in schmutzigen Kitteln, mit verzerrten Larven und lang herunterhängenden Haaren von Werg oder Flachs, Bauern in plumper, schmutziger Tracht, schmierige Kaminfeger und altväterlich gekleidete Weiber. In diesem von Tabak, Punsch und Ausdünstungen duftenden Tumult trieb sich der Pöbel mit Entzücken herum."

Kölner Karneval
Köln Tourismus GmbH
Kölner Karneval, wie man ihn heute kennt
So konnte es nicht weitergehen, dachten sich einige grundsolide Vertreter der Oberschicht, setzten sich im Winter 1822/23 zusammen und berieten, wie das rohe Vergnügen in geordnete Bahnen zu lenken wäre. Ihr Vorbild war der kultivierte venezianische Karneval. In Köln dagegen, so klagte der Kaufmann Matthias Joseph de Noël in einer Bestandsaufnahme, zogen die Ungebildeten "in sinnloser, oft ekelhafter Vermummung auf den Straßen umher", ihr "wüstes Benehmen" vergraule die Gebildeten. Das undisziplinierte Treiben konnte sogar ein Eingreifen der preußischen Behörden provozieren. Seit das Rheinland 1815 auf dem Wiener Kongress dem Königreich Preußen  zugeschlagen worden war, stand das eigensinnige Köln unter besonderer Beobachtung.

Um den Karneval zu zahmen, ersannen de Nöel, der vermögende Unternehmer Heinrich von Wittgenstein und einige Gesinnungsfreunde einen romantischen Maskenzug. Wahrscheinlich wurden sie dabei durch Triumphzuge von Fürsten und Feldherrn inspiriert, vor allem aber durch die jährliche Fronleichnamsprozession der katholischen Kirche. Zur Organisation des Zuges bildeten die Initiatoren im Januar 1823 ein "festordnendes Comité für die Carnevalslustbarkeiten".

Kölner Karneval
Köln Tourismus GmbH
Am Rosenmontag ziehen Wagen durch die Stadt
Obwohl bis Rosenmontag nur noch zwei Wochen Zeit waren, gelang ihnen mit dem ersten Zug ein großer Erfolg. Im nächsten Jahr waren an den Karnevalstagen schon "alle Zimmer in sämtlichen Gasthäusern der Stadt" ausgebucht. Ein weiterer Hohepunkt neben dem Zug war der Maskenball im Gürzenich, dem mittelalterlichen Tanzhaus der Stadt. Seit nunmehr alles so gesittet zuging, stand auch einer Teilnahme hoher Beamter und Militärs nichts mehr im Wege. Generalmajor Carl Heinrich Maximilian Freiherr von Czettritz-Neuhaus gilt sogar als Erfinder der Narrenkappe. Die  Polizeibehörden wussten allerdings durchzusetzen, dass die Figur des "König Karneval" durch die Bezeichnung ≫Held Karneval≪ ersetzt wurde. Schließlich gab es nur einen König in Preußen. Und der trug eine Krone, keine Kappe.

DIE HOCHBURG DER LIBERALEN

Preußen und Kölner wurden auch in den Folgejahren nicht warm miteinander. Die früh industrialisierte Stadt, in der immer noch das freiere französische Recht galt, entwickelte sich zur Hochburg der Liberalen und Demokraten. Einer von ihnen war der Chefredakteur der "Rheinischen Zeitung", ein Mann, dem nach Beobachtung eines Kölner Geschäftsmanns ≫dickes schwarzes Haar aus Wangen, Armen, Nase und Ohren quoll" – Karl Marx. Viel bekannter aber war damals ein anderer Name: Franz Raveaux. Sein Bildnis ging von Hand zu Hand, fand sich auf Tassen und Pfeifenköpfen. Es war das Gesicht eines hageren, schwarzhaarigen Mannes mit "großen, braunen, melancholischen Augen", wie ein Freund sie beschrieb. Franz Raveaux ist nie einem Konflikt aus dem Weg gegangen.

Karnevalsumzug
Köln Tourismus GmbH
Beliebtes Motiv: Umzug mit Dom
Sein Vater, ein französischer Soldat, hatte ihm früh die Ideale der Revolution eingepflanzt. Mit 14 Jahren flog er nach einem Krawall vom Gymnasium, mit 19 Jahren nach einem Duell aus der Armee. Er ging nach Brüssel, beteiligte sich am Aufstand der Belgier gegen die Niederlande, dann nach Spanien, wo er gegen die Royalisten kämpfte. Zurück in Köln, lies ihn die preußische Polizei nicht mehr aus den Augen. Seine "Neigung zu stetem Widerspruch" hatte sich mittlerweile  herumgesprochen. Als besonders temperamentvoller Kölner feierte Raveaux gerne Karneval. Das elitäre Festkomitee, das "niedere Volksschichten" von den Sitzungen ausschloss und sich in vorauseilendem Gehorsam auf kreuzbrave Scherze beschrankte, war so gar nicht nach seinem Geschmack. Schnell tat er sich mit Gleichgesinnten zusammen und organisierte einen Alternativkarneval, bei dem jeder willkommen war. Das Motto: "Wo sich alle Menschen gleich/Da nur ist das Narrenreich." Raveaux und seinen Freunden schwebte ein zeitkritischer, volksnaher Karneval vor. Statt "unschuldiger Zeitverspottungen" sollte Hanswurst die "Verkehrtheiten der Zeit, querstehende Erscheinungen des öffentlichen Lebens, insbesondere aus dem Gebiet der Politik, und namentlich der vaterländischen Politik" aufgreifen.

Während eines Besuchs in Köln bescheinigte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. der Raveauxschen Fraktion "höchst widerwärtige demokratische Ansichten". Er empfahl eine schnelle Wiedervereinigung mit dem staatskonformen Festkomitee. Stattdessen machte Raveaux im Januar 1844 seinen eigenen Verein auf, die Allgemeine Carnevalsgesellschaft. Dank der niedrigen Beiträge erfreute sie sich regen Zulaufs und gewann schnell mehr als 1000 Mitglieder – die Große kam auf kaum mehr als die Hälfte. Die Saalmiete für den Gürzenich konnte die Allgemeine zwar nicht aufbringen, doch hielt sie ihren Maskenball einfach in einem Lokal in der Ehrenstrase ab. Um ihre demokratische Gesinnung zum Ausdruck zu bringen, lies die Allgemeine ihre Vorstandsmitglieder rotieren. Getreu dem Motto: "Freiheit und Gleichheit im Narrenthum". Das lies sich alles so gut an, dass dieses Mal an Aschermittwoch noch lange nicht alles vorbei sein sollte.

Ende Juni organisierte Raveaux ein Treffen rheinischer Karnevalsgesellschaften auf der Rheininsel Nonnenwerth bei Bonn. "Was soll ein Karnevalsfest im Sommer?", fragte nicht nur der "Coblenzer Anzeiger" voller Argwohn. Trotz scharfer Zensur fand Raveaux immer noch einen Weg, dem  Polizeistaat ein Schnippchen zu schlagen. So legte er seinen Zigarrenkisten bissige Kommentare zum Tagesgeschehen bei. Zum Beispiel: Warum wird die Börse auch Kinderstube genannt? Weil dort die Kleinen von den Großen ausgezogen werden! Ein Plakat für den alternativen Rosenmontagszug von 1845 machte sich über "Zensurwurst" und "Berliner Kotzwurste" lustig.

TODESURTEIL GEGEN RAVEAUX

Karneval in Köln
Köln Tourismus GmbH
Groß und Klein kommen verkleidet zum Feiern
Von Jahr zu Jahr wurde der Karneval politischer. Der 21 Jahre alte Apothekergehilfe Hugo Baehrens schrieb in sein Tagebuch: "Es vergeht nicht eine Versammlung, wo nicht Regierungs-Maßregeln einer strengen scharfen Kritik unterworfen werden." 1848 gab der Kölner Karneval sogar den Startschuss zur Märzrevolution. Nachdem der französische König Louis-Philippe am 24. Februar zur Flucht gezwungen worden war, griff der Geist des Umsturzes an Karneval auf das Rheinland über. Vor Beginn des Rosenmontagszugs stieg auf dem Neumarkt ein mit Gas gefüllter Ballon in Gestalt des Hanswurst in den Himmel – weithin sichtbar leuchtend in den republikanischen Farben Schwarz-Rot-Gold. Keine zwei Wochen später stand Raveaux als Delegationsmitglied in Berlin vor König Friedrich Wilhelm IV. und verlangte demokratische Zugeständnisse. Am selben Tag gingen die Berliner auf die Barrikaden, schnell legte nun auch der König die schwarzrot-goldene Binde um, versprach Pressefreiheit und ein Parlament für ganz Deutschland. Die Revolutionäre glaubten, damit den Sieg schon errungen zu haben. Fahnen, Fackeln, Freuden Schüsse – der König konnte aufatmen.

Im Mai zog Raveaux als erster demokratischer Abgeordneter Kölns in die Frankfurter Nationalversammlung ein. Dort fiel er schnell mit seinem Redetalent auf; die wenigsten durften gewusst haben, dass es in der Karnevalsbutt geschult worden war. In den nächsten Monaten erarbeitete das Parlament in der Paulskirche zwar eine schone Verfassung, versäumte es aber, sich die Macht auch wirklich zu sichern, vor allem die Kontrolle über das Militär. So konnten die deutschen Fürsten bei nächster Gelegenheit zurückschlagen und das Parlament wieder auflösen. "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten", war die Losung des Königs. Raveaux musste fliehen – er tat es als einer der letzten. Über die Schweiz und Frankreich schleppte er sich 1851 nach Brüssel, schon schwerkrank. In Köln wegen Rebellion und Hochverrats zum Tode verurteilt, starb er im Herbst mit nur 41 Jahren im Exil und geriet schnell in Vergessenheit. In Paris stimmte Heinrich Heine den Abgesang auf die gescheiterte Revolution an: "Gelegt hat sich der starke Wind/Und wieder stille wird’s daheime/Germania, das große Kind,/Erfreut sich wieder seiner Weihnachtsbäume."

Die Narren fanden schnell zur alten Artigkeit zurück. Bis auf den heutigen Tag ist der offizielle Kölner Karneval, der seinem sorgsam geregelten Narrentreiben sogar ein eigenes Museum gewidmet hat, auf ein ungetrübtes Verhältnis zu den Mächtigen bedacht. Im Rosenmontagszug fahren jedes Jahr der Ministerpräsident oder die -Präsidentin, der Ford-Chef und Großen aus Politik und Wirtschaft mit. Nebenbei darf zwar auch ein bisschen Spott getrieben werden, aber alles bleibt harmlos, man will niemandem weh tun. Die Zeit, als Franz Raveaux den Kölner Karneval aufmischte, ist nur noch eine ferne Erinnerung.

MERIAN porträts Köln
MERIAN porträts
MERIAN porträts Köln
Eine Stadt in Biographien. Auf den Spuren berühmter Persönlichkeiten.
Der Text stammt aus der reisebelletristischen Reihe MERIANporträts "Eine Stadt in Biographien". In der Reihe werden die schönsten Metropolen anhand ihrer berühmten Bewohner vorgestellt. Der Leser wandelt auf deren Spuren durch Geschichte und Gegenwart, von Stadtgründern bis hin zu Zeitgenossen. Mit konkreten Hinweisen und Adressen lassen sich die Orte einfach auffinden. Die Ausstattung mit dem farbenfrohen Leineneinband, der Titelprägung und dem Lesebändchen ist besonders hochwertig. MERIAN porträts richtet sich an alle, die nicht nur gerne reisen, sondern auch schöne Bücher lieben.

Dieser Band umfasst Porträts von: Agrippina die Jüngere, Albertus Magnus, Meister Gerhard, Peter Paul Rubens, Katharina Henot, Johann Maria Farina, Sulpiz Boisserée, Franz Raveaux, Ludwig Stollwerck, Konrad Adenauer, Edith Stein, Wilhelm Joest, Heinrich Böll, Willy Millowitsch, Gerhard Richter, Alfred Biolek, Alice Schwarzer, Günter Wallraff, Wolfgang Niedecken und Charlotte Roche.

Schlagworte:
Autor:
Christoph Driessen