Köln Der Rhein: heute und damals

Loreley lächelt nicht. Loreley trägt zwei verschiedene Handschuhe. Von der Straße her hallt Loreley lächelt nicht. Loreley trägt zwei verschiedene Handschuhe. Von der Straße her hallt tierartiges Röcheln. Die auf beiden Straßenseiten liegenden Penner keuchen mit rasselndem Grunzen, aus tiefster Bronchialseele. Ansonsten gibt es in dieser Straßenzeile keine Geräusche. "Eine Ansichtskarte mit Dom", sage ich und bekomme keine Antwort. Loreleys Laden an der Annostraße ist nur eine Zeile vom Rheinauhafen, vom Rhein entfernt, aber hierhin verirren sich keine Touristen. Nur das Hochwasser, im Frühjahr.

Loreley ist etwa zwölf Jahre alt, natürlich blond, natürlich langhaarig, und steht allein hinter der verschmierten Verkaufstheke eines typischen Seitenstraßenkiosks. Sie schiebt langsam eine Haarfrisurenzeitschrift zur Seite. Sie trägt zwei Handschuhe. Links einen dicken Bauarbeiterhandschuh, damit nimmt sie Bierflaschen entgegen und stellt sie in die Kästen hinter sich. Und rechts einen dünnen weißen Stoffhandschuh, damit nimmt sie das Geld entgegen und gibt Wechselgeld zurück. Jeder Schein wird zudem unter einer UV-Lampe geprüft. Sie ist ein zierliches Mädchen und sieht mich hart an. In diesem Gesicht gibt es nirgendwo eine Lachfalte. "Am Rhein soll es doch so viele Geschichten geben …"

Loreley antwortet nicht. Dabei beginnt schon eine Straße weiter das Reich der Mythen. Vergiss Elbe, Donau oder Ruhr - kein anderer Fluss wurde in Deutschland zu einem annähernd so populären Symbol. In keiner anderen deutschen Landschaft ist allerdings auch die Verbindung von kitschigen Landschaftsdarstellungen, ranziger Reiseliteratur und Sagentexten so ausgeprägt wie hier. An den Kiosken entlang der Rheintrasse erschlagen sie den Suchenden mit kleinen Sagenbändchen, randvoll von überzuckerten Geschichten. Anscheinend lässt sich nirgendwo sonst mit Mythen - notfalls auch ins Japanische übersetzt - so viel Geld verdienen wie am Rhein. Schon 1908 verzeichnete eine Bibliografie 135 Titel. Dabei selbstredend immer die gleichen Stoffe. Loreley hingegen schweigt. Als ich mich auf der Straße, in Blickweite des Rheins, noch einmal nach ihr umdrehe, tritt sie gerade aus dem Laden und streitet mit ihrer Mutter, indem sie in die Türsprechanlage brüllt. Sie wühlt in ihrer Handtasche und beschimpft ihre Mutter, die aus der Anlage zurückscheppert. Und Loreley steht zwei Meter davon entfernt, sucht nun etwas auf dem Bürgersteig und brüllt wieder zur Tür. Gefolgt von einer scheppernden Antwort.

Versteckt in den Rheinbiegungen gibt es plötzlich Strandabschnitte. Von Wald versteckt. Und damit Ruhe. Einsamkeit. Dämonen … Nur wenige Kilometer von der Kölner Altstadt entfernt, in Rodenkirchen in der Nähe eines Campingplatzes, wartet weißer Sand, wie sonst nur an Karibikstränden. Verborgene Miniaturbuchten von nur wenigen Metern Durchmesser schmiegen sich an das Rheinwasser heran. Jede einzelne dieser Waldschneisen ist schon morgens besetzt und wird zäh verteidigt. Bummelnde Spaziergänger werden nicht geduldet. Spätestens hier gibt es keine Touristen mehr. Offene Waldflächen bilden elfenhafte Nebelkelche, wenn die Sonne durch die Baumkronen bricht und an ihren Lichtspitzen feuchte Zweige erhitzt.

"Es ist ungerecht", sagt eine ältere Frau aus Köln-Deutz. Sie beherrscht die Technik, aus beinahe jeder Plastikflasche durch Drücken einen Laut herauszuquetschen, der nach Katzengejammer klingt. Sie lebt auf dem Campingplatz und geht zu den Buchten, um zu reden. Viele Menschen hier gehen zum Rhein und reden. Mit jedem.

Auf dem Campingplatz wurde ihr für lächerliche 5000 Mark ein neuer Mercedes angeboten, aber der Fahrer hat sich darin umgebracht und ist hinter dem Steuer verwest. Der Todesgeruch ist aus dem Wagen nicht mehr wegzukriegen. Also klagt die Frau nun dem Rhein ihr Schicksal. Neben ihr sitzen überall Menschen am Ufer und blicken ins Wasser.

Das geht schon seit Jahrhunderten so und ist seitdem auch Inhalt verklärender Malerei. Aber weil es nun mal der Rhein ist und am Rhein alles falsch, sind auch die Gemälde gelogen. Obwohl die ersten Dampfschiffe hier bereits 1816 verkehrten und die in den Felsen gesprengten Eisenbahntrassen und ihre Tunnel die Ufer radikal veränderten, gaukelten idyllische Kunstwerke trotzig eine Urstromfantasie vor. Ganz ohne industrielle Verwertung. Gerne wurde auch der Dom im Rheinwasser gespiegelt, bis heute, obwohl er etwa hundert Meter vom Strom entfernt wacht.

Aber der Rhein ist nun mal nicht irgendein Binnengewässer für Wochenendausflügler. Spätestens seit der Romantik galt er als Wiege einstiger deutscher Größe im Mittelalter. Und bald formierte sich eine breite Bewegung, die sich für die Vollendung des Kölner Doms einsetzte und ihn zum eigentlichen deutschen Nationaldenkmal stilisierte. Die ursprünglich französische Gotik als Symbol der deutschen Einheit - gegen Frankreich. Das ist heute merkwürdig weit entfernt. So fremd.

Am Ufer plantschen Kinder in den Wellen und versuchen dabei die Erwachsenen zu imitieren. Die Kinder schlenkern ihre Köpfe ruckartig nach rechts und links, so dass Lippen und Wangen schlackern. Das Geräusch erinnert sie an fette Oberschenkel. Und sie haben Spaß. Frieden. Die französische Rheinideologie stilisierte den Fluss zur Grenze zwischen dem römisch geprägten "zivilisierten" Europa unter französischer Führung und der von Preußen-Deutschland repräsentierten Barbarei. Nur die rheinländischen Deutschen gehörten nach dieser Auffassung zum fortgeschrittenen Europa. Französische Politiker verfolgten zeitweise die Idee, einen autonomen, aber von Paris aus gelenkten rheinischen Staat zu erschaffen. Was leider nie durchzusetzen war.

Und die heutige Nationalhymne Frankreichs, die Marseillaise, hieß ursprünglich "Chant de guerre de l'armée du Rhin" und war für die im Elsass stehenden französischen Revolutionstruppen gedichtet und komponiert worden. Denn der Rhein war die Grenze. Die Volksgrenze, die Denkgrenze. Im Gegenzug stieg bei den Deutschen der ehemalige Flussgott Rhein im publizistischen Vorkriegskampf vom Vater zum Wächter auf.

Am Rhein verschwisterten sich Weinseligkeit und patriotisches Bekenntnis: Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, ob sie auch wie die Raben sich heiser nach ihm schrei'n. Heute hat es sich glücklicherweise ausgeschrien, und es herrscht eine heisere Ruhe. Man kann dafür endlich wieder im Rhein schwimmen. Schließt man die Augen, hört man aus dem nahen Waldstück Tiere rufen. Oder ein Kind. Alles mit viel Echo. Plötzlich aber, wie in einem Horrorfilm, schallt gleichzeitig das schrille Lachen von ungefähr 20 Frauen in unsere Waldschneise. Es ist laut und gruselig, aber es ist nicht einzuschätzen, wo diese Frauen lagern. Der abrupte Hall kommt auch nicht wieder. Nur ein einziges, schrilles Mal. Und sofort danach wird es dunkel.

"Es wird regnen", sagt der alte Mann in Königswinter zu sich selbst. "Der Rauch der Schornsteine wird auf den Boden gedrückt." Jeder Spaziergänger passiert den Alten auf dem Weg zum Drachenfels. Auf dem Weg zum stärksten Kraftfeld - zum größten Mythenkocher. Und der alte Mann steht mit seinem Weltempfänger zwischen den Touristen.

Die meiste Zeit über rauscht es geheimnisvoll aus dem vergammelten Kasten, und dazwischen sendet er monotone, unverständliche Nachrichten. Durch die Gassen, am Mann vorbei, quälen sich alte Japaner, alte Amerikaner, alte Deutsche - dabei haben junge Engländer den Rhein als Ausflugsziel erfunden.

Es waren trendbewusste Anfangszwanziger, Schriftsteller, auf der Suche nach Abenteuer und Grusel. Horrorgeschichten haben sich die Menschen immer gerne erzählt, aber Ann Ratcliffe, Lord Byron und vor allem Mary Shelley fanden am Rhein die ideale dreidimensionale Landschaft für Monster wie Frankenstein. Für Mythen und Ritterspiele. Es war die Lost Generation des 18. Jahrhunderts, auf der ekstatischen Suche nach Lebensgenuss und Lebensglück. Begeisterungsfähig. Und schwer zugängliche Landstriche am Rhein, fürchterliche Schluchten, kaum passierbare Wege luden zum Phantasieren ein. Vor allem: verfallene Burgen.

Ein idealer Ort für die gothic novel, den Schauerroman. Wilde Felsen, zerklüftete Schluchten, gefährliche Hohlwege, überhängende Wälder, verlassene Ruinen und eine Aussicht bis an den Horizont. Bis sich die erlebte Realität mit den "Rhynstrom"-Phantasien vermischte und man nur noch sah, was man sehen wollte ... Frankenstein. Der Mann mit dem Weltempfänger glotzt unbeweglich in meine Richtung. Minutenlang. Unbeweglich. Er hat ein Bein nach hinten auf die Eingangsstufe einer Kneipe gestellt, im Halbspagat. So soll klar sein, wo er hingehört. Er beobachtet mich. Denn ich bin zu jung. Und damit auffällig. Heutzutage sind am Rhein keine Künstler mehr unterwegs. Dabei ist dies die Gegend, in der eine Jungfrau, die den Drachen zum Fraß vorgeworfen werden sollte, durch das Kreuz auf ihrer Brust gerettet wurde.

Rührselige Schauerromantik

Es ist die Gegend, in der Jung-Siegfried den Lindwurm tötete. Und nicht zu vergessen: die Gegend, in der man sieben Riesen rief, das Gebirge zu durchstechen, damit es nicht länger den Rhein staue. Als die sieben Riesen ihre sieben Spaten abklopften, entstanden die sieben Berge. Dahinter tauchten eines Tages die sieben Zwerge auf - und boten Schneewittchen auf der Flucht vor der bösen Stiefmutter Asyl. Es ist die Gegend, in der Kinder heute noch mit Kreide "BRD" an die Dorfmauern schreiben. Und mitten in der kleinstädtischen Einsamkeit steht ein alter Mann und schaut unbeweglich auf seine Schuhe. Nach unten, wie ein Diener. Schweigend, still, allein.

Ein junger Hund jagt Tauben. Er spurtet zu den Viechern auf einer Mauer hin, so dass sie hochflattern und er in den aufgescheuchten Haufen hineinhechtet und danach spurlos verschwindet. Denn hinter der Mauer liegt ein Abhang. Deshalb die Mauer. Und unten lauern die Dämonen ...

"Mein Geld ist in der Hosentasche feucht geworden", sagt ein Tourist mit bayerischem Akzent nach der Anstrengung des Aufstiegs. "Richtig nass", wiederholt er. Er hat die Scheine locker in der Hose getragen. "Vorsicht", sagt seine Begleiterin, "ich hab' gehört, dass Dollars hier zerfallen." Am Stromkilometer 554 ist schließlich alles möglich. Angeblich. Hier hat die Loreley das Sagen. Die Lügen-Lore. Denn die Lore ist nicht irgendeine Blondine: Sie ist die erotische Variante zur Germania, sie ist der Inbegriff teutschweiblicher Geilheit. Eine weltbekannte Ikone! Dabei hat der Dichter Clemens Brentano in seinem Roman "Godwi" gleich zwei davon geschaffen, nämlich Lore Lay aus Bacharach, die sich aus verschmähter Liebe vom Lurleifelsen in den Rhein stürzt, und die Märchenkönigin Lureley, die den Nibelungenhort mit sieben Töchtern hütet. Die Lureley wurde vergessen, aber nicht die männerbetörende Lore Lay, die tückische Lore. Einem gewissen Herrn Aloys Wilhelm Schreiber haben wir das zu verdanken, der die Ballade von Brentano 1818 einfach zur Rheinsage umdichtet und in das "Handbuch für Rheinreisende" schummelt.

Die Gebrüder Grimm kannten den Ursprungstext und haben deshalb diese und weitere Rheinsagen aussortiert. Andere sind voll drauf abgefahren. Rund 50 Mal wurde Heines Gedichtfassung vertont. Ansonsten bescherte die Loreley der Welt hunderte, tausende Weinlieder, Kantaten, Walzer, Ouvertüren und Opern. Darunter Vertonungen von Schumann, Liszt, und Johann Strauß Vater. Sogar was von George Gershwin! Allerdings alles vergessen.

Aber das ist ein Tabu an diesem Mythenpunkt. Wer so etwas hier am Loreleyfelsen verkündigt, wird gesteinigt. Die Mythenindustrie will schließlich leben. Es weht Würstchenduft. Und es liegt Beton. Und Schweigen. Der Rhein umfließt hier einen der herausragenden Eckpunkte der netten, aber schwer zu befahrenden Gebirgsstrecke. Der Fluss wird schneller, es gibt Strudel, Sandbänke und scharfkantige Riffe. Besonders bei Niedrigwasser bedeutete das in früheren Zeiten eine große navigatorische Herausforderung - und für viele Schiffe die letzte Fahrt. Die harten Sandsteinschichten zerbröseln nicht.Wenn, dann brechen sie gleich in ganzen Blöcken ab. Dadurch entstehen die scharfen und harten Bruchkanten.

Im Mittelalter hatte man hier deshalb wenigstens noch Zwerge und Gnome vermutet. Einer der heutigen Touristen öffnet sein Portemonnaie, um eine Bratwurst zu bezahlen, und dabei fallen ihm alle Münzen in eine Schlammpfütze. Wie Goldgräber sieben er und seine Frau nun in dem undurchsichtigen Grund.

Im 13. Jahrhundert vermutete man hier den Schatz der Nibelungen.' Kein Wunder, denn nichts hier ist real. Oder andersrum: Alles wird möglich. Natürlich ist auch das sagenhafte "Schloss im See" im Laacher See bei Andernach nichts anderes als die verballhornende Prosafassung eines Gedichts von Friedrich Schlegel. 1807 ließ der Dichter seine Verse drucken, stellte aber erst 1823, in einer Gesamtausgabe, die nachträgliche Ortsangabe Andernach hinein. Den See hat er selber nie gesehen.

Ein begeisterter Brief seiner Frau inspirierte ihn. Ein Gedicht, das ursprünglich nichts mit Rheinland und Volkspoesie zu tun hat, ist nachträglich zur Sage gewachsen. Für die man viele Bratwürstchen verkaufen kann. Oder die bei Rolandseck lokalisierte Mär von Roland und Hildegund. Sie ist in Wirklichkeit nicht sehr alt: eine literarische Schöpfung in Anlehnung an Schillers Ballade "Ritter Toggenburg" von 1797. Oder die Heinzelmännchen von Köln - die im Biedermeier durch ein 1836 erstmals erschienenes Gedicht von August Kopisch populär wurden.

Verkauft sich alles hervorragend. Erwirtschaftet viele Bratwürstchen ... Wahrscheinlich haben die Franzosen Recht gehabt mit ihrer Vorstellung, dass nur die Rheinländer brauchbare Menschen seien. Denn diese sind halt die besten Lügner. In ihren Schummeleien haben sie einen ganz eigenen Ton gefunden, den es so kein zweites Mal bei Sagen gibt. Stets gerne an eine erfundene Ritterzeit angeknüpft, dabei möglichst sentimental in der Haltung und in der Ausgestaltung eines Liebesmotivs.

Und nicht zu vergessen: eine gewisse rührselige Schauerromantik. Und diese Rührseligkeit ist tatsächlich ansteckend. Man muss nur kurze Zeit am Rhein spazieren. Auf dem Biertisch steht eine Rose in einem vergessenen Bierglas. Es sind zarte Blüten an dem Blümchen, und plötzlich sehe ich, dass sie vor mir leise mitzittern, im Herzschlagrhythmus. Die kleinen Blüten. Am Rhein. Als würden sie von Elfen bewegt ...

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