Köln Der gute Geist von Deutz

Die kölsche Seele hat ein Zuhause: die Gaststätte "Lommerzheim". Wie Schätze bewahren die Gäste ihre Geschichten und die Legende von Lommi, dem langjährigen Wirt. Mit ihm und seinen Riesen-Koteletts kam der kleine Schankraum zu Weltruhm.
Bier im Lommerzheim

Um das Panorama der Kölner Altstadt zu bewundern, fahren viele Einheimische und Touristen auf die rechte Seite des Rheins, nach Deutz. Doch der rechtsrheinische Stadtteil Kölns bietet weit mehr als nur gute Aussichten auf die andere Seite des Ufers – ob Restaurant, Brauhaus oder Kultkneipe.

Wissenswertes über den Stadtteil Deutz in Köln

  • Rivalität zwischen Köln und Deutz? Ja, bereits um 38 v. Chr. (zur Zeit der ersten Ansiedlung) bildete der Rhein eine Art Grenze in den Köpfen der Menschen. Köln-Deutz wurde als kultureller Anlaufpunkt oft angegriffen und zerstört. Doch Deutz wehrte sich und ließ sich nicht unterkriegen. Im Jahr 1888 wurde Deutz ins Stadtgebiet von Köln eingliedert
  • Rheinpark: 40.000 Quadratmeter große Grünanlage in Deutz, bekannt sind Attraktionen wie der Tanzbrunnen oder die Rheinseilbahn
  • Lanxess-Arena: In der LANXESS-Arena können sich bis zu 20.000 Besucher an Konzerten, Sportveranstaltungen und anderen großen Attraktionen erfreuen
  • Kultkneipe Lommerzheim: Folgend finden Sie eine Reportage über die besondere Gaststätte Lommerzheim in der Siegesstraße 18 in Deutz. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 11-14:30 + 16:30-24 Uhr, Sonntag 10:30-14:30 + 16:30-24 Uhr, Feiertag: 11:00-14:30 + 16:30-24 Uhr, Dienstag Ruhetag

Der gute Geist von Deutz

Kölschfarbenes Licht dringt aus dem Würfel, der sich grau und kriegsversehrt zwischen Deutzer Wohnhäuser duckt. Als die Tür zum Schankraum aufschwingt, springt laute Vielstimmigkeit an. Außer dem Kölsch und dem Licht ist so gut wie alles braun. Die Wände sind von so dicker Patina bewachsen, dass keiner mehr wissen kann, wo die ursprüngliche Tapetenfarbe aufhört. Die Zeitreise geht los - man muss nur eintreten und am Kölsch nippen, das arg- und fraglos zu einem kommt.

Hinter der Tür beginnt der Tresen, und dort gedeiht sie: die Legende von Hans Lommerzheim, dem Wirt. "Der sprach nie, der beobachtete alles", erzählen die, die sich noch an ihn erinnern. "Er hatte alles im Kopf, jede Bestellung." "Wer laut rief, den hat er übersehen." "Beim Lommi waren se alle gleich." Kölner beleben ihre Stadt in kleinen, überschaubaren Einheiten, die lassen sich gut mit Anekdoten füllen, und dieser Schankraum ist bis in jede Ritze voll davon. Auf diesen vielleicht 50 Quadratmetern hat Lommi einen Status wie Willy Millowitsch, Tünnes und Schäl zusammen, hier ist er die kölsche Seele.

An diesem Sonntagabend steht Manfred Krug am Tresen, "nö, ich seh dem nur ähnlich", aber egal, sind ja alle gleich. Sie kommen von der Messe, dem Hotel "Hyatt" oder der Lanxess-Arena nebenan, sie kommen aus der Eifel, und das Kölsch macht sie noch gleicher, das nächste ist schon da. Der Köbes malt einen zweiten Strich auf den Bierdeckel, auf dem Bierdeckel daneben ist kaum noch Platz für Striche, der junge Mann dazu hat einen roten Kopf und lacht in einem fort. Manfred Krug lacht mit und nippt an seiner "Stange", dem Kölschglas.

 

Lommis Bilder im Lommerzheim in Köln
Darshana Borges

Nicht nur seine Seele, auch Lommis Bilder füllen die Gaststätte

Neben dem Tresen sind zwei schlichte Holztische zusammengerückt, die Jungs, die dort sitzen, verfolgen mit glasigen Augen, was am Kopfende passiert. Eine Japanerin, schmal und kerzengerade, nimmt ein Kotelett in Angriff, dick wie ein 500-Seiten-Roman, mit Zwiebeln belegt und von Pommes begleitet. Sie kaut, lächelt, nippt am Kölsch. Einer der Jungs beugt sich zu ihr, sein Kölsch kippt in ihren Schoß. Sie wischt, lächelt, kaut weiter, erzählt: "Morgen habe ich ein Vorsingen an der Musikhochschule." Davor habe sie sich stärken wollen, und Tripadvisor, der Online-Reiseberater, habe ihr empfohlen, hierher zu kommen. Lommis Kult wird auch im Internet verbreitet. Das Kotelett sei sehr gut.

Gut, ja gut ist es wohl auch, dieses Stück Fleisch, mit dem man sich für die ganze Woche stärken kann. Aber vor allem ist es Teil der Legende, schon Lommi, so erzählen sie, habe es so serviert. "Der hat den Laden ja von seinen Eltern übernommen." 1959 war das. "Der kam vom Päffgen." Hans Lommerzheim war Köbes gewesen auf der anderen Seite des Rheins. "Und der Lommi war der Einzige, dem der Päffgen sein Bier gegeben hat." Frisch gezapftes Päffgen, auch "kölscher Champagner" genannt, gab es damals nur in Päffgen-Gaststätten und hier. Und manche sind nach ein paar Gläsern allabendlich wieder davon überzeugt: Hier schmecke es noch besser als im Stammhaus drüben in der Friesenstraße.

Die Gaststätte Lommerzheim ist sein eigenes lebendiges Museum

Nachdem er 45 Jahre lang jedes der hölzernen 30-Liter-Fässer und jeden Kölsch-Kranz - bei ihm immer doppelreihig mit Gläsern gefüllt - durch den Schankraum getragen hatte, während seine Frau Annemie am Tresen stand, machte Lommerzheim 2004 dicht. Wenige Monate später starb er. Es wird erzählt, gleich zwei Museen hätten damals Interesse am legendären Inventar angemeldet: das Kölnische Stadtmuseum und das LVR-Freilichtmuseum Kommern. Aber was ist dieser Schankraum ohne seine Seele? Wer will sich den Tresen ansehen ohne die Geschichten zu hören - etwa, dass Lommi das Wechselgeld in eine Schublade warf. Es war die Brauerei Päffgen, die das meiste an Ort und Stelle bewahrte. 2008 floss der "Champagner" wieder, die Stammgäste kamen zurück, nun ist das "Lommerzheim" sein eigenes lebendiges Museum. Man kann jetzt auch im fast schon edlen Gewölbekeller sitzen oder im Biergarten. Dort gibt es einen Lommi-Brunnen, die Legende beim Zapfen, in Bronze.

 

Kölsch im Lommerzheim in Köln.
Darshana Borges

Der Rekord: 83 Striche - macht 83 Kölsch.

Wie eh und je geht um elf Uhr die Tür auf, von halb drei bis halb fünf wieder zu. Dienstags ist geschlossen, donnerstags gibt es Hämchen, als Eisbein bekannt. Keine Musik, keine Reservierung. Um zehn kommt der Teller mit Frikadellen. "Bitte kein Foto, ich bin heute privat hier", sagt der Mann, an dem der Teller gerade vorbeiwandert. "Also ich bin Keyborder, bei den Brings." Brings ist eine der bekanntesten kölschen Bands. Lachen, Schulterklopfen: "Bei denen bist du kein Promi, Kai, die kennen dich nicht, die sind aus Hamburg."

Und so landet mit dem fünften Kölsch Kai Engel am Tisch, der Promi, der heute keiner sein will, und erzählt: "Ich saß schon mit sechs Jahren hier, auf Cola-Kisten und Telefonbüchern. Die Hose da in der Ecke, die hängt da schon lange, die ist von Peppi Heiß. Wie, den kennt ihr auch nicht? Legendärer Torwart der Kölner Haie." Ja, die Hose muss mal leuchtend blau gewesen sein. Aber die Cola-Kisten-Hocker sind nicht mehr da, die Telefonbuch-Sitzkissen auch nicht. Was bewahrt wurde, stört die Bequemlichkeit nicht - und beißt nicht in der Nase. Das war zu Lommis Zeiten anders. "Oje, die Toiletten!" Er habe mal ein Date hier gehabt, witzelt Frank Glitscher, früher Stammgast, heute Wirt. "Nachdem sie auf dem Klo war, habe ich die Frau nie wieder gesehen." Heute ist alles sauber. Die Patina schleift sich ab, die Legende aber wächst.

Bei Kai Engel klingt das so: "Die Mitte von Köln ist nicht, wo der Dom ist, sondern wo das 'Lommerzheim' ist." "Kennt ihr das mit dem Kennedy?", kommt von der Seite, "Clinton", von der anderen. Wer diese Geschichte nach dem fünften Kölsch hier nicht kennt, muss die Kölsch auf dem Klo getrunken haben: dass Bill Clinton in eine authentische Kölschkneipe wollte, als er 1999 zum Weltwirtschaftsgipfel in Köln war. Man rief im "Lommerzheim" an, die Kneipe müsse aus Sicherheitsgründen für andere Gäste gesperrt werden. "Nä, dat jeiht nit", soll der Wirt gesagt haben. Den Präsidenten bekam die "Malzmühle" am Heumarkt, den My- thos bekam Lommi.

"Ich glaub, der Lommi wusste gar nicht, wer Clinton ist", sagt ein älterer Herr, der Montagfrüh um elf am Tisch neben dem Tresen sitzt. Er heißt Joseph Bensberg und war Lommerzheims bester Freund. Die, die Lommi am besten kannten, sitzen wie zu jedem Wochenbeginn hier bei Halvem Hahn. Das Päffgen strömt schon wieder, die Geschichten dazu. Edeltraud erzählt, dass Lommi sie immer verstanden habe. "Ich hab' nie einen Psychiater gebraucht." Joseph Bensberg erzählt, wie er auf einem Berg in Bayern stand und sagte: "Jetzt hätt' ich gern ein Päffgen vom Lommi." "Da kam ein Wildfremder vorbei und sagte: Ich auch!"

Autor

Tinka Dippel