Deutschland Kasseler Bergpark ist Unesco-Welterbe

Der Fürst ist der Größte. Von Gottes Gnaden beherrscht er die Menschen und die Natur. Wenn der Fürst es will, läuft sogar das Wasser bergauf. Und tatsächlich: Das Wasser unterquert, von der Teufelsbrücke kommend, einen Weg, auf der anderen Seite beginnt das Aquädukt. "Und hier läuft das Wasser bergauf", sagt Siegfried Hoß und geht schnell weiter, bevor seine Gäste Fragen stellen können. "Das ist natürlich eine Illusion", gibt Hoß zu, eine Inszenierung. Wie alle Stationen des Bergparks Wilhelmshöhe. Siegfried Hoß hat hier seit 2007 die Stelle eines Gartenhistorikers inne. Er könnte zu jedem Winkel eine Geschichte erzählen, aber er kommt kaum dazu: Das Wasser ist zu schnell. Auch die Gäste folgen rasch, denn das große Kasseler Wassertheater ist in voller Fahrt.

Jedes Jahr im Mai beginnt die Vorführung wie schon seit 300 Jahren: Über allem wacht hoch oben der Herkules auf seinem Oktogon. Wasser stürzt vor ihm hinab in das Becken, in dem ein Riese unter Felsbrocken begraben liegt. Nur sein Kopf ist noch zu sehen, er speit seinem Bezwinger Herkules eine Fontäne entgegen. Und weiter: Das Wasser füllt die Kaskaden, über 210 Meter Länge und neun Meter Breite entfaltet sich ein heiteres Spiel sich füllender Becken, stürzender Schwalle und ineinanderlaufender Ströme. Langsam, zum Mitwandern gedacht und in perfekter Symmetrie, plätschert und sprudelt es bis zum Neptunteich.

Für die gesamte Strecke braucht das Wasser mehr als eine Stunde

Hier beginnt dann eine Reise über mehr als zwei Kilometer, in denen monumentales Nasstheater aufgeführt wird: von barocken Kaskaden über den Steinhöfer Wasserfall, die Teufelsbrücke, das Aquädukt mit den Peneuskaskaden zum Teich mit der über 50 Meter hohen Fontäne - für die gesamte Strecke braucht das Wasser mehr als eine Stunde. "Nirgendwo sonst hat ein Bauherr gewagt - geschweige denn ist es ihm gelungen - einen am steilen Hang gelegenen Park mit einer ähnlich aufwendigen Wasserarchitektur auszustatten", hieß es im Antrag an die Unesco zur Ernennung als Weltkulturerbe. Die Formulierung sagt es: Gärten mit Wasserspielen gibt es viele, aber die Kombination verschiedener Stile und die damalige Forschung, um die Spiele technisch zu verwirklichen - die sind einmalig.

Herkules Denkmal im Bergpark in Kassel
Tim Langlotz
Über allem thront die 8,25 Meter hohe, in Kupferblech getriebene Nachbildung des antiken Herkules Farnese, der ersten Kolossalfigur der Neuzeit nördlich der Alpen.
Ein Bauherr? Es waren einige. Landgraf Karl hatte die Wasserspiele Ende des 17. Jahrhunderts begonnen, sein Urenkel Wilhelm IX., der spätere Kurfürst Wilhelm I., die barocke Anlage um einen von englischen Gärten inspirierten Landschaftspark erweitert, vollendet wurden die Wasserspiele erst Anfang des 19. Jahrhunderts unter Kurfürst Wilhelm II. Karl war ein gebildeter und aufgeschlossener Mann, der Hessen zur Blüte geführt hatte. Er gab vielen Hugenotten eine neue Heimat und verpasste Hessen damit einen gewaltigen Innovationsschub. Und er hatte das Geschäft begründet, das noch lange die hessischen Kassen füllte: den Subsidienhandel, den Verleih von Soldaten an fremde Mächte. Hessen spielte mit in der Liga der europäischen Herrscher. Ein solcher Mann musste sich zur Schau stellen. Alle taten das, in Sachsen, in Frankreich, in Italien schon seit der Renaissance: Gärten, Prunkanlagen, gewaltige Parks, in denen die Natur vom Herrscher gebändigt wird, dressiert wie ein Löwe in der Arena. Die Kraft des Herrschers kam vor allem in der Fontäne zum Ausdruck: Je höher sie schoss, desto stärker der Machtanspruch. Allen voran und Trendsetter seiner Zeit: Frankreichs Ludwig XIV. und seine Versailler Gärten. Der Feind Karls und Verfolger der Hugenotten. Ludwigs Fontäne war damals die höchste: 27 Meter.

Aber Karl hatte dem Sonnenkönig etwas voraus: einen Berg. Karl war Anfang des Jahres 1700 durch Italien gereist und hatte sich Anregungen geholt. Hatte im römischen Palazzo Farnese den Herkules gesehen, eine 3,17 Meter hohe antike Skulptur. Sie wurde Vorbild des Kasseler Herkules, der natürlich mehr als doppelt so hoch sein musste. Karl sah Wasserspiele in jeder Form und Größe, als Spiel, als Monument, als Prunk. Und Fontänen. Bilder, die er mit nach Kassel nahm. Und noch etwas nahm er mit: Giovanni Francesco Guerniero. Karl engagierte 1701 den Baumeister und Stuckateur aus Rom als Erbauer der Wasserspiele.

Bergpark in Kassel.
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Bäume und Sträucher aus fernen Kontinenten und kleine Wasserfälle machen einen Spaziergang durch den Bergpark zu einem besonderen Erlebnis.
Die Voraussetzungen waren perfekt: Auf der Höhe sprudelten Quellen, hier ließen sich auch Reservoirs anlegen, und im Habichtswald gab es nahe Steinbrüche. Guernieros Pläne sind erhalten: Sie sehen eine komplette Umgestaltung des Berges vor, symmetrisch angelegte Alleen und Wasserspiele, die über viele Stationen und Kaskaden 1000 Meter bis zum Schloss Weißenstein reichen sollten. Eine Lebensaufgabe. Bis 1717 verwirklichte Guerniero den ersten Abschnitt seiner Pläne: die Kaskaden, darüber das Oktogon mit der steilen Pyramide, von der die 8,25 Meter hohe Herkulesstatue des Augsburger Goldschmieds Johann Jakob Anthoni hinabschaut. Noch hatte die Sache aber einen Haken: Die meiste Zeit lag die ganze Pracht trocken. Die Vorratsbecken, im Frühjahr aufgefüllt, waren begrenzt, ihr Wasserstand sank bei jeder Vorführung.

Rekordhöhe der Großen Fontäne

Im Übrigen hätte dieser Vorrat bei Weitem nicht gereicht, um das geplante Ensemble in Gänze zu bespielen. Das Wasser sammelte sich unten im Schlossteich, dem Lac, um schließlich in die Fulda zu rinnen. Könnte man es nicht wieder hinaufbekommen? Ein ununterbrochener Kreislauf, der das Wasser aus dem Fontänensee wieder ins Reservoir pumpen konnte - das hatte noch kein barocker Fürst zustande gebracht. Da traf es sich gut, dass Karl eine wirkungsvolle Pumpe zur Entwässerung hessischer Bergwerke suchte. Ein solches Gerät könnte vielleicht auch das Wasser nach oben schaffen und eventuell sogar der geplanten Großen Fontäne Nachdruck verleihen, damit sie endlich Rekordhöhe erreichte: höher jedenfalls als die von Versailles.

Der Bergpark Wilhelmshöhe
Tim Langlotz
Der Bergpark Wilhelmshöhe ist als größter Bergpark Europas die Hauptsehenswürdigkeit von Kassel.
Es gab nur einen, der das womöglich bewerkstelligen konnte: Denis Papin. Der Hugenotte hatte in London gelehrt und den Dampfdruck-Kochtopf erfunden, dessen erste Vorführung bei der Royal Society angeblich mit einer Explosion endete. Nachdem Ludwig XIV. das Edikt von Nantes widerrufen hatte und in Frankreich die Jagd auf die Protestanten begann, konnte er nicht in seine Heimat zurück. Papin folgte vielen seiner Glaubensgenossen nach Hessen und wurde Professor für Mathematik in Marburg. Und das hieß - im Auftrag des Landgrafen - weniger Zahlenakrobatik, sondern angewandte Wissenschaft. Papin tummelte sich also auch auf dem Gebiet der Hydraulik. Fließgeschwindigkeiten, Aggregatzustände, Druckverteilungen, Wirbel und Staus. Sehr schwierige Themen, für deren Berechnung auch heute Hochleistungscomputer eingesetzt werden. Aber Papin war ein Mann der Tat. Er versuchte sich nicht nur am Bau eines U-Bootes (in der Lahn!), sondern experimentierte schon 1690 mit einer Dampfmaschine, 80 Jahre vor James Watt: Dies war die erste Maschine überhaupt, bei der, physikalisch ausgedrückt, Wärme in Kraft verwandelt wurde.

Karl ließ Papin forschen, bauen, experimentieren. Der verbesserte seine Maschine und versuchte sich an Druckleitungen, die große Mengen Wasser transportieren konnten. Das ging oft schief, und schließlich kehrte Papin nach London zurück. Und dennoch: Die Arbeiten Papins waren die Grundlage, auf der Thomas Newcomen die Dampfmaschine baute, die James Watt später perfektionierte. Die Technik, die Papin entwickelte, diente der Verherrlichung des Landgrafen, aber sie wurde wenig später zu der Maschine, die das Zeitalter der Industrie einläutete.

Wasserkünste im Bergpark in Kassel.
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Wasserkünste im Berpark in Kassel: Die Saison beginnt im Mai und geht bis einschließlich 3. Oktober des Jahres.
Die zwölf Jahre, die Papin am Kasseler Hof verbrachte, waren ein enger Zeitkorridor, in dem geistige Strömungen sich trafen und eine Zeitenwende vorbereiteten. Dies war auch das Motiv der Kasseler, sich als Welterbe zu bewerben: Nicht der schöne Park ist das Argument, sondern "Herkules und Wasserspiele" und deren technischer Hintergrund.

Die Kaskaden werden um den romantischen Wasserpark ergänzt

Während in England die Papin'sche Technik die frühe Industrialisierung antrieb, hatte sich Resteuropa englischen Stil zu eigen gemacht. Künstliche barocke Prachtparks waren out, "natürliche" englische Landschaftsparks waren die neue Mode. Vielerorts wurden Parks und Gärten umgebaut oder mehr oder weniger glücklich ergänzt. In Kassel aber machte Wilhelm IX. aus der Mode eine Tugend. Er ergänzte die Kaskaden um den romantischen Wasserpark. Und so macht das Wasser auf der Strecke vom Herkules zur Fontäne eine Zeitreise aus dem Barock in den Klassizismus. Der Park wurde zu einer großen Inszenierung.

Siegfried Hoß erklärt den neuen Ansatz. Die Ruine des Aquädukts: die Darstellung einer Katastrophe, eines Erdbebens. Der Steinhöfer Wasserfall soll ein von Wasser überschwemmter Steinbruch sein. Naturkatastrophen, Erdbeben, Überschwemmungen und was sie anrichten, als Gegensatz zur beherrschten Natur der Kaskaden. Fehlt eigentlich nur noch ein Vulkanausbruch.

"Der war auch geplant", sagt Hoß. Dies ist eine der Richtungen, in die er forscht: Er will herausfinden, was hier einst war, was verworfen wurde, was geplant war und wie es umgesetzt wurde. Das ist nicht leicht, obwohl der gesamte Prozess von der ersten Idee bis zur jeweiligen Ausführung bestens dokumentiert ist. Das kann durchaus noch zu Überraschungen führen. Und Hoß erzählt, wie es mit einem ausgeklügelten System von Zwischenspeichern und Sperrwerken gelang, am Ende das Wasser durch bloßes Gefälle und ohne Pumpe derart in Schwung zu bringen, dass die Fontäne damals und auch heute mehr als 50 Meter erreicht, doppelt so viel wie die in Versailles. Dann geht er weiter. Wenn Papins Maschinerie funktioniert hätte, würde das Wasser ständig laufen - und Siegfried Hoß könnte in aller Ruhe seine Geschichten erzählen.

Autor

Roland Benn