Hamburg Kreativität und Kultur in Wilhelmsburg

Stephan Reifenrath schiebt einen wackeligen Drahtzaun beiseite. Gemeinsam schlüpfen wir durch den schmalen Spalt und stehen vor einer Treppe, deren verrostete Stufen nur noch zu erahnen sind. "Pass auf wo du hintrittst!", ruft er von oben herunter, während er langsam die klapprige Seiteneingangstür zum Saal des alten Kinos öffnet. Im Inneren des Gebäudes klaffen riesige Löcher in der Decke. Der Putz an den Wänden ist losgelöst, der Boden ist staubig. Die morschen Holzdielen sind bereits größtenteils herausgerissen, die roten Kinositze vorübergehend abmontiert. Trotz des deutlich sichtbaren Verfalls, herrscht im Saal eine packende Atmosphäre. Der Geruch von frischem Popcorn lässt sich fast schon erahnen. "Ich kann mir genau vorstellen, wie schön es ist, wenn hier Leben herrscht", sagt Reifenrath und fügt schmunzelnd hinzu: "Viel muss ja nicht mehr gemacht werden."

26 Jahre lang stand das Rialto-Kino in Wilhelmsburg leer, jetzt wird es für einen Sommer wieder aufgebaut. Der selbstbezeichnete Träumer und Optimist Stephan Reifenrath hat das 1913 erbaute Lichtspielhaus gekauft und will es von Anfang Mai bis Oktober zu neuem Leben erwecken. Leider nur vorrübergehend, denn für eine Komplettsanierung fehlen die finanziellen Mittel. Mit vielen freiwilligen Helfern und Spendengebern wird nur das Nötigste in Stand gesetzt. "Der Verfall soll ruhig sichtbar bleiben", sagt der 45-Jährige. "Hochglanz würde eh nicht hierherpassen."

Ab dem 3. Mai wird es im Rialto-Kino 180 Tage lang Programm geben. Neben ungewöhnlichen Filmen werden auch Blockbuster gezeigt. Ergänzend werden Theatervorführungen, Lesungen und Konzerte stattfinden. "Ich möchte den Wilhelmsburgern Kultur bieten, die von ihnen und für sie gemacht ist. Dazu gehören auch Filme in unterschiedlichen Sprachen - schließlich leben auf der Elbinsel über 80 Nationen", sagt Reifenrath, der vor fünf Jahren aus Eppendorf nach Wilhelmsburg gezogen ist. "Wenn das Programm auch Leute von der nördlichen Elbseite anlockt, freue ich mich." Der Zeitpunkt für ein solches Projekt hätte kaum besser sein können. Nicht nur, weil das Rialto-Kino 2013 seinen 100. Geburtstag feiert, sondern weil die Stadt im Jahr der in Wilhelmsburg ansässigen Internationalen Bauausstellung (IBA) und Internationalen Gartenschau (igs) mehr als 2,5 Millionen Besucher erwartet und bei dieser Gelegenheit das eher mäßige Image von Hamburgs verrufenen Stadtteil aufpolieren möchte.

Bitte nicht nach Wilhelmsburg. Oder doch?

Hamburg-Wilhelmsburg wird im öffentlichen Bewusstsein noch immer als sozialer Brennpunkt und Problemgebiet angesehen. Mehr als ein Viertel der Einwohner bezieht Hartz IV, jeder zehnte Erwerbsfähige ist arbeitslos. 56,8 Prozent der Wilhelmsburger haben einen Migrationshintergrund, bei den unter 18-Jährigen sind es sogar mehr als 75 Prozent. Da bisher kaum jemand freiwillig nach Wilhelmsburg ziehen wollte, preisen Stadtentwickler seit ein paar Jahren mit dem sogenannten "Sprung über die Elbe"-Projekt das Leben in Wilhelmsburg an. Neben der IBA und der igs gibt es viele andere Maßnahmen, die die Lebensqualität auf der Elbinsel in Zukunft steigern soll. Mit der Inbetriebnahme des Rialto-Kinos leistet auch Stephan Reifenrath einen Beitrag dazu.

Dass Wilhelmsburg nicht erst seit gestern ein überaus lebenswerter Stadtteil ist, wissen nur wenige Hamburger. Noch gibt es unbebaute Naturflächen, bezahlbare Wohnungen und vor allem Freiräume, die insbesondere die ansässigen Kunst- und Kulturschaffenden an Wilhelmsburg schätzen. Wie Kerstin Schaefer und Marco Antonio Reyes Loredo, die seit 2007 hier leben.

Kerstin Schaefer
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Kerstin Schaefer
Die studierte Kulturanthropologin hat ihre Magisterarbeit über den quer durch den Stadtteil fahrenden Metrobus 13 geschrieben und anschließend unter dem Titel "Die Wilde 13" als Buch veröffentlicht. Gemeinsam mit ihrem Freund Marco und dem Kernteam der Konspirativen KüchenKonzerte - eine auf ZDF Kultur ausgestrahlte Fernsehshow, die in der Küche des Paares gedreht wird und Kunst, Musik und die Liebe zum Kochen vereint - bastelt sie nun an einem neuen Projekt, ihrem Dokumentarfilm. Wie in der Buchvorlage spielt auf der Leinwand die "Wilde 13" die Hauptrolle. Als sozialer Raum und Lebensader des Stadtteils Hamburg-Wilhelmsburg werden Fahrgäste begleitet und ihre Geschichten erzählt. Dabei wird die Seele eines Stadtteils deutlich, dessen Dynamik nicht auf Hamburg-Wilhelmsburg beschränkt ist, sondern exemplarisch für den Wandel vieler Problemviertel in deutschen Großstädten steht.

Erst das Schanzenviertel, jetzt Wilhelmsburg?

Ganz so einfach ist das nicht. Für Marco Antonio Reyes Loredo ist der vielfach verwendete Begriff Gentrifizierung im Fall Wilhelmsburg zu kurz gegriffen. Zum einen, weil der flächengrößte Stadtteil Hamburgs viel mehr als das angesagte Reiherstiegviertel ist, zum anderen weil der Prozess von der Stadt initiiert wird. "Wilhelmsburg ist eine Insel der verpassten Möglichkeiten. Ohne die IBA wäre vieles sicher bis heute nicht geschehen. Dass für die igs aber Bäume gefällt werden und mir auf meiner Lieblingslaufstrecke in Zukunft ein Zaun im Weg steht, das finde ich doof", so der Moderator und Ideengeber der Konspirativen KüchenKonzerte. "Dennoch sind die Entwicklungen in Wilhelmsburg generell spannend. Wo das hinführt, weiß niemand so genau."

Der Autor Finn-Ole Heinrich lebt seit fünf Jahren im Reiherstiegviertel und findet es heute bunter und schöner denn je. "Es gab durchaus Gründe, weshalb hier bis vor ein paar Jahren niemand wohnen wollte", so Heinrich. "Die Stimmung war manchmal komisch. Mittlerweile sind ein paar Künstler und junge Eltern hergezogen. Außerdem gibt es gemütliche Cafés - das wertet den Stadtteil auf." Dass Wilhelmsburg gänzlich der Gentrifizierung zum Opfer fällt, glaubt er nicht. "Solange es keine S- oder U-Bahn-Anbindung ins Reiherstiegviertel gibt, wird aus Wilhelmsburg keine zweite Schanze werden." Das Hamburger Szeneviertel war früher geprägt von Multikulturalität und Künstlern. Ende der neunziger Jahre setzte sich ein Prozess in Gang, der als Gentrifizierung bezeichnet wird. Alteingesessene und sozial schwache Menschen wurden größtenteils vertrieben, alternative Kultur gibt es kaum noch. Viele befürchten nun, dass in Wilhelmsburg ähnliches geschieht.

Noch lässt es sich in Wilhelmsburg aber gut wohnen und kreativ arbeiten, auch für Heinrich. Mit seinem Kinderbuch "Frerk, du Zwerg!" hat der 30-Jährige kürzlich den deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen, sein Roman "Räuberhände" ist an Hamburger Schulen Abiturthema. Derzeit schreibt er an seinem neuen Projekt, ein Dreiteiler um die 12-jährige Protagonistin Paulina, die alle Maulina nennen. Der erste Teil wird diesen Herbst erscheinen.

Da der Autor vom Buchverkauf allein nicht leben kann, ist er pro Jahr für etwa 100 Lesungen mit unterschiedlichen Programmen auf Lesetour, zum Beispiel mit dem Musiker Spaceman Spiff oder dem Unsortierten Orchester Oldenburg. Ob er in diesem Jahr im Rialto-Kino auftritt, ist noch ungewiss. Lust hätte er jedenfalls. Fest steht aber, dass "Die Wilde 13" im Rialto Premiere feiern wird. Mit Popcorn.

Autor

Anika Haberecht