Hamburg Die Hafencity als neue Heimat

In der Hafencity Hamburg hat man Kreuzfahrtschiffe vor der Haustür, Touristen genießen Kaffee auf den Marco-Polo-Terrassen und flanieren an der Elbphilharmonie vorbei. Wie lebt es sich eigentlich in einem der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas? Ein Porträt.

Birgit Kuhl hat Glück, sie lebt mit gleich zwei großen Lieben zusammen. Mit Rüdiger, ihrem Mann, seit 53 Jahren. Und mit der Hamburger Hafencity. Seit 2008 wohnt die Rentnerin in der Straße Am Kaiserkai. In den Ordnern im Wohnzimmerschrank finden sich außer Familienfotos auch Zeitungsartikel – etwa ein Text des Autors Bastian Sick, der erzählt, wie gern er in der Hafencity arbeitet. Darunter steht mit Kugelschreiber: "Es gibt noch mehr Leute, die so happy sind." Andere Artikel gefielen ihr nicht, sagt Birgit Kuhl, die seien voller Vorurteile. Darin stünde, dass hier keine Tiere lebten – dabei hoppeln Kaninchen über die Wiesen, und Amseln baden in der alten Pfanne auf Birgit Kuhls Terrasse.

An Wohnen war in der Hafencity zuerst nicht zu denken

"Es heißt auch, dass in der Hafencity nur Millionäre wohnen. Das ist Quatsch." An Wohnen war bei der sumpfigen Insel Grasbrook ursprünglich gar nicht zu denken. Einst diente sie als Weideland. Im 17. Jahrhundert siedelten sich erste Betriebe an, Mitte des 19. Jahrhunderts war die Gegend zum innerstädtischen Hafen- und Industriestandort geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich der Warenumschlag in die moderneren Hafenanlagen am Südufer der Elbe, sodass die  Bürgerschaft 1997 beschloss, auf dem Grasbrook einen neuen Stadtteil zu bauen. Und nicht irgendeinen. Das Projekt entwickelte sich zu einem europaweit beispiellosen Mammutvorhaben: Die Fläche der Innenstadt soll um gut ein Drittel erweitert werden, etliche Bauten stammen von bekannten Architektenbüros wie Behnisch, Henning Larsen und Erick van Egeraat.

Der erste  Spatenstich wurde 2001 gefeiert, drei Jahre später zog der erste Bewohner ein. 2025, wenn alles fertig sein soll, rechnet man mit 12 000 Anwohnern, 45 000 Arbeitsplätzen. Und 80 000 Besuchern. Täglich. Ein bisschen wirkt es, als entstünde ein 157 Hektar großes Disneyland unter maritimem Motto. Ein hanseatischer Freizeitpark, in dem ein Laden Keksausstecher mit den Umrissen der Elbphilharmonie verkauft und die Restaurants "Bootshaus" und "Meerwein" genannt werden. Im bisher einzigen Supermarkt sieht der Obststand aus wie ein Frachtschiff, heißt "Nele II" und hat einen Rettungsring. Als bemühe sich die Hafencity wie ein ehrgeiziger neuer Schüler, allen zu beweisen, dass sie wirklich zu Hamburg gehört.

Touristen sind vermehrt interessiert

Und die Menschen schauen ihr gern dabei zu: Zwar kommen noch keine 80 000 Touristen. Aber genug, dass manche Bewohner die Hafencity schon wieder verlassen haben. Wie eine Nachbarin von Birgit Kuhl: "Die Frau lag auf dem Balkon, da sind Jünglinge an der Mauer hochgeklettert und sagten 'hi'. Die Frau sagte 'huch'. Und ist wieder ausgezogen." Man muss sich überlegen, wo man hier ohnen will. Und wo man sich am Wochenende, wenn die Touristen kommen, aufhält: "Wenn wir da bei Sonne ans Wasser hinuntergehen, prallen wir zurück, so viele Menschen sind dort."

Marco Polo-Tower in der HafenCity in Hamburg

Wenn das Wetter nicht gut ist, hat man die Hafencity allerdings für sich. Man spaziert zwischen futuristischen Bauten aus Beton, Stahl und Glas über breite Straßen und leere Plätze – ein surrealer Charme. Und an sonnigen Tagen unter der Woche gibt es viele Stufen, auf denen man sein Feierabendbier mit Blick aufs Wasser trinken kann. Unerwartet Schönes entdeckt man dann. Wie die Tanks im Hafen gegenüber, die auch von der Terrasse der Kuhls aus zu sehen sind: "Wenn die Sonne untergeht, leuchten sie orangefarben oder golden. Solche Dinge gibt es nur hier."

Auch Thomas Magold schwärmt für sein Viertel. Der frühere BMW-Manager wohnt schräg gegenüber mit seiner Frau Sabine, die erst nicht in die Hafencity ziehen wollte. "Hier standen heruntergekommene Hallen", sagt Magold. "Aber ich konnte mir vorstellen, wie das wird, ich hörte das Tuten der Schiffe." Das Geräusch macht ihn glücklich, er schließt die Fenster nur ungern. Und seine Frau freut sich, dass sie beim Duschen auf die Elbe schaut.

Mahatma-Gandhi-Brücke an der Elbphilharmonie

Hafencity Hamburg

Das Leben am Wasser hat aber auch seine Tücken. Da ist etwa die Mahatma-Gandhi-Brücke an der Elbphilharmonie – eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Hafencity und Innenstadt. Als sie Mitte der Neunziger gebaut wurde, rechnete man nicht mit den heute erwarteten Besuchermassen und legte sie zu schmal an. Jetzt wird eine breitere gebaut – und die Verbindung ist deshalb ein Jahr lang gesperrt. Fußgänger und Autos müssen fast eineinhalb Kilometer Umweg in Kauf nehmen.

In der Hafencity wird experimentiert, gebaut und angepasst. Thomas Magold sieht das aber nicht  unbedingt negativ. Er ist im Vorstand von "Netzwerk Hafencity", einem Verein, der die Entwicklung des Stadtteils unterstützt: "Das Schöne hier ist, dass man Einfluss nehmen kann. Hier herrscht ein gewisser Pioniergeist, wenn uns was nicht gefällt, unternehmen wir etwas." Dazu macht die ständige Veränderung einen Teil der Attraktivität aus – man sieht nicht Blumen im Garten wachsen, sondern Häuser an der Straßenecke. Man kann beobachten, wie sich der Ort mit Leben füllt. Und wie das Quartier nach und nach gefühlt zu Hamburg gehört.

Gerade hat Magold das erste Graffito entdeckt. "Der Sprayer hat einfach 'Uwe' geschrieben, nicht sehr originell." "Uwe" findet man schon länger  überall in der Stadt, nun auch hier. Und auf einer Platte nahe den Magellanterrassen steht mit Edding: "Es wird". Aber es dauert. Es gibt Lokale und Souvenirläden, aber kaum Geschäfte für den alltäglichen Bedarf. "Schon der zweite Blumenladen musste schließen", sagt Magold. Der erste sei schön gewesen, "die Inhaberin war nett, hatte aber wenig Kunden. Uns. Und den anderen Kunden hat sie geheiratet." Es leben eben noch nicht 12 000, sondern erst knapp 2000 Leute hier. Und auch wenn nicht alle Millionäre sind, die meisten haben Geld. Die Mieten gehören zu den höchsten der Stadt. Außerdem gibt es gewisse Regeln, mit denen man sich arrangieren muss. Birgit Kuhl sagt, laut Hausordnung dürften auf dem Balkon keine Wäscheständer stehen. "Für die Leute, die auf Schiffen vorbeifahren, sieht das nicht schön aus." Sie selber stören die übervollen öffentlichen Mülleimer. "Für die ganzen To-go-Kaffeebecher reichen die nicht." Aber so ist das, niemand ist perfekt, auch nicht eine große Liebe.

Autor

Alexandra Schulz

Ausgabe

Hamburg 07/2014