Freiburg Die Steinflüsterer des Freiburger Münsters

Wenn man drei Monate mit einem 500 Kilogramm schweren Stein verbringt, ihn bis zu neun Stunden täglich mit dem Meißel bearbeitet und wochenlang seinen feinen, roten Staub an den Fingern spürt, dann ist es wohl unausweichlich, dass man Gefühle für diesen Stein entwickelt – vielleicht sogar Zärtlichkeit. "Der Gute!", sagt Florian Prußait und streicht mit der Hand über ein Stück Maßwerk, ein gotisches Ornament aus lauter Kurven und Kreisen, das gut siebzig Meter hoch im Himmel über Freiburg hängt. "Der ist von mir."

Prußait, 27, steht auf einem Baugerüst im Turm des Münsters. Durch die durchbrochenen Wände weht ein milder Frühlingswind, von weit unten hört man das Saxophon eines Straßenmusikers. Manchmal, erzählt er, kann man hier oben sogar den Duft der Würstchenbuden vom Markt riechen. Dann steigt er höher hinauf, über Metalltreppen und Leitern. Er zeigt auf eine tiefe Scharte in der Wand und schimpft über Kollegen, die hier vor fünfzig oder mehr Jahren eine rissige Stelle komplett herausgeschlagen haben: "Wie kann man nur so grob zu dem Stein sein!" Dabei sei es noch Originalmaterial aus dem Mittelalter. "Man kann das fühlen. Originalstein ist grobkörniger als der von heute."

Weiter den Turm hinauf. An den Wänden sind Buchstaben und Zahlen zu lesen: 1591 hat ein Johannes seinen Namen in den Stein geritzt, ein Herr Wölfflin war 1626 hier. Steinmetze? Frühe Touristen? Abenteuerlustige Kleriker? Man weiß es nicht. So hoch hinauf gelangen kann man nur alle paar Jahrzehnte, wenn die alten Mauern wieder einmal ausgebessert und Gerüste aufgebaut werden.

Die acht Streben, die das spitze Dach tragen, laufen nun immer enger zusammen. Der Turm ist bald schmaler als ein Wohnzimmer, nur noch zweieinhalb Meter breit, Prußait misst es mit dem Zollstock nach. Noch zwei Leitern, dann steht er auf der letzten Plattform des Gerüsts, ein paar Meter nur unter der Turmspitze, und schaut hinauf: Hinter einem steinernen Geflecht aus Kreisen und Ranken leuchtet tiefblau der Himmel. Prußait liebt diesen Blick, diesen Turm, diese ganze großartige Kirche – so sehr, dass er wütend wird, wenn er Schmierereien am Münster sieht. "Da denke ich, dem hat einer was getan."

Seit neun Jahren arbeitet er als Steinmetz für die Münsterbauhütte – eine Werkstatt, die sich seit 700 Jahren, seit dem Spätmittelalter, ununterbrochen darum kümmert, dass diese Kirche nicht verfällt. Denn irgendwo bröselt’s immer: Ziertürmchen schwanken, Maßwerk fällt von Pfeilern ab, Brüstungen verwittern. Oft sind es nicht die mittelalterlichen Bauteile, die ausgetauscht werden müssen, sondern die aus dem 19. oder 20. Jahrhundert. Prußait etwa meißelt gerade an einer Fiale, die ein Stück aus den 1960er Jahren ersetzen soll. "Was 500 Jahre gehalten hat, fällt dann meist auch nicht mehr runter", erklärt einer seiner Kollegen. "Schwachstellen treten in der Regel in den ersten hundert Jahren auf."

Mit Fäustel und Eisen am Werk

Die Werkstatt der Münsterbauhütte liegt gut 200 Meter von der Kathedrale entfernt am Rand der Altstadt. 15 Steinmetze arbeiten hier, meist noch mit den gleichen Werkzeugen wie ihre Vorgänger in der Gotik; Meißel und Spitzeisen schmiedet einer von ihnen alle paar Monate selbst an einem Steinkohlefeuer. Chefin der Hütte ist seit 2005 Yvonne Faller, die erste Frau im Amt des Münsterbaumeisters.

Sie sitzt in ihrem Büro im ersten Stock, 52 Jahre alt, blond, sorgfältiges Make-up, unten im Hof steht ihr schwarzer Audi TT. Sie wirkt nicht unbedingt wie jemand, der sich schon als Kind zu alten Kirchen hingezogen fühlte. Doch schon mit 12 oder 13, erzählt sie, spazierte sie nach der Schule mindestens einmal im Monat zum Münster. "Ich erinnere mich noch genau, die Gerüche auf dem Markt – der Bonbonverkäufer, der Kräuterstand –, und wie ich dann schnell die Treppen zum Turm hinaufgelaufen bin, meist so, dass ich zum Fünf-Uhr-Geläut oben war." Und dann stand sie in der achteckigen Turmhalle, hörte das schwere Schwingen der Glocken und schaute minutenlang in den Himmel voller Stein. "Ich habe mich da oben immer sehr wohl gefühlt."

Später hat sie in Stuttgart erst Kunstgeschichte, dann Architektur studiert. An den Wochenenden war sie oft wie der zu Hause und arbeitete im Verkaufsstand der Familienbäckerei auf dem Münstermarkt, direkt vor der Renaissance-Vorhalle. "Jeden zweiten Samstag war ich da, so habe ich mir mein Studium finanziert."

Man kann mit ihr lange über Fragen wie "Was ist Schönheit?" diskutieren. Wobei Faller – obwohl sie viele Jahre hauptberuflich als Architektin gearbeitet hat – recht entschieden der Meinung ist, dass man an den Bauten der Moderne nur selten Schönes finden kann. "In unserer Kultur gibt es eine Verarmung an Vielfalt. Sehen Sie sich allein die Fenster an: keine Rahmungen und Verzierungen, nur noch Löcher in der Wand. Die Formen werden immer reduzierter. Ein gotisches Maßwerkfenster dagegen ist so komplex, dass man es sich stundenlang ansehen kann." Und weil das so ist, sieht sie, wenn sie von ihrem Schreibtisch aufschaut, direkt auf ein Foto, das gotische Details am Münster im Sonnenlicht zeigt.

In ihrem Arbeitsalltag ist sie häufiger in Besprechungen als auf dem Baugerüst. Faller und ihre Steinmetze sind nur für das steinerne Äußere der Kirche zuständig, um den Innenraum, die Fenster und die Glocken kümmert sich das Erzbischöfliche Bauamt. Und damit der eine weiß, wo der andere gerade sägt und hämmert, trifft sich regelmäßig die Münsterbaukommission. Ihr wichtigster Termin ist einmal im Monat der Jour fixe mit dem Landesdenkmalamt, zu dem jedes Mal extra ein Steinexperte aus Stuttgart anreist. Egal, ob sie einen einzelnen Strebepfeiler sanieren will oder den ganzen Turm – Faller braucht die Zustimmung der Behörde.

Täglich wird die Gotik neu erschaffen

Wenn sie die Restaurierungen vorbereitet hilft ihr die große Fotosammlung der Bauhütte: In Metallschränken im Keller lagern mehr als 100.000 Bilder, viele davon aus der Zeit um 1900, oft Fotoplatten aus Glas. Auf den überraschend scharfen Aufnahmen lässt sich gut erkennen, wie die Giebel, Kreuzblumen und Heiligenfiguren des Münsters aussahen, bevor saurer Regen und Luftverschmutzung vieles zerstörte. Die Steinmetze nutzen die Bilder häufig als Vorlage, wenn sie Kopien für verwitterte Bauteile meißeln.

Yvonne Faller denkt oft nach über die Menschen, die ihr diese Dauerbaustelle hinterlassen haben. Wer waren die mittelalterlichen Baumeister? Was hat sie angetrieben? Wie kamen sie auf die Idee, den ersten durchbrochenen Turmhelm Europas zu bauen – einen Kirchturm, der nicht wie üblich komplett mit Holz oder Stein abgedichtet, sondern über und über mit offenen Ornamenten verziert war. "Umbaute Luft", nennt Faller das.

Freiburger Münster innen
Walter Schmitz
Typisch gotische Architektur im Inneren des Münsters
"Wir wissen ja nicht mal, wie sie hießen", sagt sie. "Heute wird bei jedem kleinsten Projekt ein Grundstein gelegt, da steht nicht nur der Name des Architekten, sondern auch, wer etwa die Elektro- oder Sanitärinstallationen ausgeführt hat. Aber über die frühen Baumeister des Münsters, da haben wir nichts." Sicher ist nur, dass sie mit größter Gewissenhaftigkeit gearbeitet haben müssen: Selbst die Rückseiten der Ziertürme hoch oben am Turm, die kaum ein Mensch je zu sehen bekommt, sind exakt gemeißelt. "Wenn man sieht, mit welcher Präzision die das gemacht haben, und zu welcher Zeit, da kann man schon demütig werden." Es müssen Menschen gewesen sein, meint Faller, die sich ganz in den Dienst einer Sache gestellt haben: Jeder Baumeister, Steinmetz oder Zimmerer, der um 1200 bei den ersten Arbeiten zum Bau des Münsters dabei gewesen sei, habe doch genau gewusst, dass er dessen Vollendung nicht erleben wird. "Ich frage mich oft: Warum haben die das gemacht? Wieso baut man ein Gebäude, das man fertig nie sehen wird?"

Unten im Hof der Werkstatt steht zur selben Zeit Uwe Zäh und schaut auf einen gut drei Meter hohen Pfeileraufsatz, der aussieht wie der kariöse Zahn eines Riesen: die Kanten ausgewaschen, die Verzierungen abgesplittert, viele Stellen dunkel verfärbt oder moosig durch eingedrungenes Regenwasser. "Der ist noch harmlos", sagt Zäh, ein wetterfester Typ von 42 Jahren mit zwei Ohrringen links. "Da gibt’s noch Dinger, die viel übler aussehen."

Der Graus des Steinmetz: Neogotik

Vor ein paar Tagen erst haben seine Kollegen dieses Teil ausgebaut; der Austausch der Pfeileraufsätze am Chor ist neben der Turmsanierung zurzeit das zweite große Projekt der Bauhütte. Entstanden sind diese Pfeiler im 19. Jahrhundert, im Stil der Neogotik – einer Epoche, die bei den Steinmetzen besonders unbeliebt ist, weil sie viel Arbeit macht. Schlechtes Material habe man damals genommen, erklärt Zäh, der diese Zeit gut kennt, weil er vor seiner Tätigkeit bei der Bauhütte jahrelang Gründerzeithäuser in der Wiehre saniert hat. Außerdem sei der Stil völlig überladen: Die Proportionen stimmten nicht mehr, die Pfeiler seien zu lang. "Diese Bauweise ist oft nicht steingerecht", sagt er, und es klingt, als sei der Stein ein empfindsames Kind, das man nicht überfordern darf.

Skulpturen im Freiburger Münster
Walter Schmitz
Kosmetik für Skulpturen: Uwe Zäh hat sein eigenes Rezept
Er führt in ein Seitengebäude und zeigt auf ein Regal, in dem mehr als zwanzig Plastikdosen stehen, gefüllt mit verschiedenen Arten von Sand – von weiß bis dunkelgrau, von fein bis grobkörnig. Zäh mixt daraus eine Steinersatzmasse, mit der er und seine Kollegen schadhafte Stellen am Münster ausbessern, farblich und von der Konsistenz her genau auf den Originalstein abgestimmt. Die Rezepte hat er im Laufe der Jahre selbst entwickelt, ohne Auftrag, einfach so, weil es ihm nötig schien – und sich damit, wie Yvonne Faller sagt, "großen Verdienst" erworben.

Drinnen, in der Werkstatt, arbeiten gerade sechs oder sieben seiner Kollegen. Das helle, hastige Pochen der Meißel mischt sich mit den schweren Hammerschlägen; dazu rauscht unaufhörlich die Abluftanlage, die den roten Staub des Sandsteins absaugt.

Meißel statt Latte Macchiato

"Wenn die Lüftung um fünf abgestellt wird, ist das wie ein Aufwachen aus einer anderen Welt", sagt Mariella Nesselhauf, 21. Die Auszubildende arbeitet dann manchmal noch weiter – "ich brauche ein gutes Gefühl am Ende des Tages". Mit ihrem Nasenpiercing und den kleinen Kopfhörern, über die sie Electro-Musik hört, könnte sie auch in einem Kreuzberger Café sitzen – stattdessen meißelt sie das Formenarsenal der Gotik nach, so in die Arbeit versunken, dass sie Menschen und Landschaften auf dem Stein sieht.

Ein paar Meter von ihr entfernt schlägt ein älterer Kollege eine Kreuzblume aus einem Quader, ein anderer meißelt blattförmige Ornamente; weiter hinten in der Werkstatt stehen Teile einer alten Brüstung, auch für sie werden die Münsterbauleute bald Ersatzstücke hauen, genau wie für den Pfeiler auf dem Hof.

Und wenn man das alles nebeneinander sieht, das Alte und das Neue, dann kommt es einem vor, als sei dieses Münster nicht totes Gestein. Sondern ein uraltes, behäbiges Tier, das sich schuppt und häutet. Das rissige Giebel, moosige Pfeiler und verwitterte Türmchen abwirft, nur damit bald wieder neue Giebel wachsen, Pfeiler sprießen, Kreuzblumen blühen und Maßwerk sich rankt. Ein riesiger, verästelter Organismus, der sich erneuert, von Jahr zu Jahr. Zumindest so lange es Menschen gibt, die seine steinerne Haut pflegen und manchmal streicheln.

Autor

Oliver Fischer

Ausgabe

Freiburg 07/2013